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Kita
06.04.2016  Britta Arnold

Kolumne: Das blaue Tüchelchen

Die Kindergartenleiterin Britta Arnold schreibt Kolumnen zu Eindrücken, Erlebnissen und kleinen Wundern aus der wunderbaren Welt des Kindergartens.

Das „Tüchelchen“

„Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide“, sagte schon unser alt-ehrfürchtiger Herr Schiller.
Mir kommt diese Gedichtzeile in einem ganz anderen Zusammenhang in den Sinn. Ich arbeite in einer Kindertagesstätte, in der selbstverständlich für jedes Kind ein Garderobenplatz zur Verfügung steht. Sicher denken die meisten Menschen bei dem Wort Garderobe an die Aufbewahrung von Jacken, daneben vielleicht auch noch von Schuhen. Der Garderobenplatz eines Kindergartenkindes ist jedoch eine wahre Fundgrube für Dinge jeglicher Art. Hier findet sich all das, was ein Kind den Tag über benötigt oder benötigen könnte. (Ausgenommen sind Hausschuhe. Sie befinden sich niemals an Garderobenplätzen, und niemals an den Füßen des dazugehörigen Kindes!) Vor allem aber befinden sich hier all die Dinge, von denen die Eltern der Kinder glauben sie seien unverzichtbar. (Die Dinge, nicht die Eltern!)
Dem Wunsch von Erzieherinnen nach „Wechselsachen“ kommen Eltern gerne nach. Damit ist ein vollständiges Bekleidungsset gemeint - dringend benötigt, falls ein Kind beim Hände- oder Pinselwaschen seine kontinuierliche Lernfreude durch verschließen der Ablaufgarnitur des Waschbeckens und 10 minütigem Öffnen des Wasserhahns zeigt. Der Griff in den „Wechselsachenbeutel“ fördert bei dringendem Bedarf jedoch häufig 4 Pullover, 3 Hosen, 2 Mützen, 0 Unterhosen, 0 Socken und 0 Unterhemden zu Tage- oder umgekehrt. Na ja, das nur am Rande.
Garderobenplätze sind aber auch Aufbewahrungsorte für „Sicherheitszubehör“! Hierzu gehören - bis 20° Celsius Außentemperatur - Mützen, Schals, Handschuhe, Ersatzmützen, Ersatzschals und Ersatzhandschuhe. Ab einer Temperatur von 20° Celsius - mit steigender Tendenz - findet man verschiedene Sorten an Sonnencreme und 1-3 Kappen oder andere Arten von Kopfbedeckung.
Ich gebe zu, Erzieherinnen fordern das Sicherheitszubehör häufig an, jedoch bevorzugt beschriftet und in deutlich geringerer Vielfalt!
Zu jedem guten Sicherheitszubehör gehört eine ausführliche Einweisung, in welchem Falle es auf welche Art und Weise zu verwenden ist. Diese Einweisung bekommen Erzieherinnen tagtäglich für unterschiedlichstes Zubehör und unterschiedlichste Verwendung. Denken sie an ca. 20 unterschiedliche Gebrauchsanweisungen für 20 unterschiedliche Dinge, dann bekommen sie eine annähernde Vorstellung von dem, was ich meine.
Jetzt kommen wir endlich zum „Tüchelchen“! Sie haben es sicher geahnt.
Ist ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, schon einmal aufgefallen, dass Bekleidung für männliche Wesen im Kindergartenalter immer die Farbe Dunkelblau hat, und die für den weiblichen Teil immer die Farbe pink? Mein Verhängnis war das Dunkelblau!
Die Mutter eines mir anvertrauten männlichen Kindergartenkindes hatte ein Faible für dunkelblaue Nickitücher. (Diese kleinen, dreieckigen Samtdinger, die an den Ecken ein Klettverschluss zusammen hält.) Nein, nicht an ihrem eigenen Hals zu finden, sondern am Hals ihres Sohnes. Immer! Und wehe nicht!
Ein Aufenthalt ihres Sohnes im Freien ohne dieses Nickituch empfand sie wohlgleich als Attentat auf die Gesundheit und das Leben ihres Kindes. Ich bekam allmorgendlich die Ermahnung daran zu denken, was mir erstaunlicherweise fast immer gelang, obwohl besagtes Kind eine große Kreativität entwickelte, dies zu verhindern. (Kennen sie einen Sechsjährigen der freiwillig Baby- Nickitücher trägt?)
So weit, so gut. An einem kalten, sonnigen Wintermorgen rüsteten wir uns für eine Fahrt mit dem Linienbus, um mit unserer Kindergartengruppe die Bücherei zu besuchen.
(Schließen sie jetzt die Augen und denken sie an 13 dunkelblaue Jacken, 13 dunkelblaue Thermohosen, 13 dunkelblaue Schals, 26 dunkelblaue Handschuhe, 13 dunkelblaue Mützen - und dann noch einmal das alles, mal 12, in Pink.)
„Hast du die erste Hilfetasche? Hast du die Fahrkarten? Wo ist Jason? Mia muss noch zur Toilette! Julian hat keine Mütze mit! Hast du Erics Stiefel gesehen?“ Erzieherinnengespräche eben!
Irgendwann waren dann alle Kinder augenscheinlich mit dem vorgesehenen Sicherheitszubehör ausgestattet. Vor allem besagter Sechsjähriger trug auch bei letzter Kontrolle das „Tüchelchen“! Puh! Geschafft! Auf zur Bushaltestelle!
Dort angekommen glitt mein erfahrener Kontrollblick an all den dunkelblauen und pink verhüllten Kindern entlang, hin bis zu meinem „Tüchelchenträger“: Alles dunkelblau, von der Mütze bis zu den dunkelblauen PANTOFFELN! Dann kam der Bus…
Liebe Leserin, lieber Leser! Sie möchten wissen was seine Mutter sagte, als wir von unserem Ausflug beseelt aus dem Bus stiegen?
Nur so viel: das Tüchelchen hat sie nicht mehr interessiert.
Ach ja, meine Sehnsucht wäre gestillt durch Farbenvielfalt in Kinderbekleidung und automatischer Namensbeschriftung beim Kauf!
 

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