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Pädagogische Praxis
29.04.2016  Karsten Herrmann

Schlüsselsituationen in der Krippe

Was sind die Schlüsselsituationen im Krippenalltag und wie können sie im Konzept verankert werden? Diese Frage beleuchtete eine im Rahmen der Landesweiten Qualifizierungsinitiative des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) durchgeführte Fachtagung. Leitfaden und Impulsgeber für die Tagung bildete dabei ein neues Themenheft des nifbe nebst einer Anlage mit Reflexionsfragen für die Teamarbeit.
Zur Begrüßung umriss Transfermanagerin Gerlinde Schmidt-Hood noch einmal den Anspruch des nifbe, den wechselseitigen Transfer zwischen Forschung und Praxis zielgerichtet zu verbessern. Dafür würde das nifbe nachhaltige Netzwerke aus Kommunen, Fachberatung, Weiterbildung aufbauen und die Fragen und Anliegen aus der Praxis auch in die Forschung zurückspiegeln. Die Konzeptarbeit hob sie als zentralen Faktor für die Qualitätsentwicklung heraus – zur Orientierung und Selbstvergewisserung des Teams und als Aushängeschild nach außen. Damit das Krippen-Konzept auch tatsächlich lebe, müsse es fest mit der Alltagspraxis und seinen pädagogischen Schlüsselmomenten verkoppelt sein.

In ihrem Hauptvortrag unterstrich Gabriele Haug-Schnabel den „Handlungsbedarf bei der Konzeptionsentwicklung und ihrer Verbindung mit den pädagogischen Schlüsselmomenten von der Eingewöhnung über die Beobachtung und Stressregulation bis zur Mahlzeitengestaltung in der Krippe.“
 

Eingewöhnung

Die Eingewöhnung stellte die Verhaltensbiologin als einen „aktiven Akt und einen Entwicklungsschritt des Kindes dar“. In der Krippe komme es darauf an, dem Kind einen positiven Umgang mit der veränderten Situation und der Erweiterung der Sozialgruppe zu ermöglichen. Dafür brauche das Kleinkind „Schutz, Zuwendung und Beziehungsangebote“. Entscheidende Beziehungsweichen würden im Umgang mit dem bedürftigen oder gestressten Kind gestellt. Anlässlich der zunehmende Debatte um Bindung in der Krippe, stellte sie klar: „Eine gute Beziehung reicht völlig in der Krippe.“

Gabriele Haug-Schnabel hob bei der Frage der Eingewöhnung „die großen individuellen und auch kulturell bedingten Unterschiede zwischen den Kindern“ hervor. Für manche Kinder könnte so auch eine „Eingewöhnung in Bewegung“ oder im Außengelände sinnvoll sein. „Schauen Sie ganz genau auf das einzelne Kind“ forderte sie die ErzieherInnen, Kita-Leitungen und FachberaterInnen auf und warnte vor einer schematischen Umsetzung von Eingewöhnungsmodellen.
 

Professionelle Haltung und professionelle Assistenz

Als professionell umriss Gabriele Haug-Schnabel eine Haltung, die dem Kind (Selbst-)Bildung zutraut. Professionelle Assistenz bedeute in diesem Sinne, „dem Kind die Möglichkeit zu geben, es alleine zu schaffen, mit Hingabe und Anstrengung“. Ein Abnehmen oder Übernehmen sei für das Kind ein Wegnehmen und dies sei „ein Knackpunkt in der deutschen Elementarpädagogik“. Die professionell assistierende Erzieherin müsse merken, wann sie gebraucht würde und wann nicht, wann Unterstützung und wann Zurückhaltung angesagt sei. Diese setze ein tatsächliches Interesse daran voraus, was ein Kind tut, beabsichtigt oder plant sowie eine „systematische Beobachtung und Reflexion von Entwicklungsschritten, Bedürfnissen, Fähigkeiten und Interessen“. Eindringlich wies sie bei diesem Thema noch einmal darauf hin, dass die Vielfalt bei Kindern „in jeder Hinsicht so groß ist, dass Normvorstellungen irreführend und für das pädagogische Handeln wenig hilfreich sind.“
 

Stressregulation

Die kleinen Übergänge im Krippenalltag, die sogenannten Mikro-Transitionen (s.a. hier: Mikrotransitionen: Vom Freispiel bis zum Mittagsschlaf) stellte Gabriele Haug-Schnabel als „prädestiniert für Stressmomente“ dar. Klassische Beispiel seien der Übergang vom Freispiel zum Morgenkreis, vom Essen zum Schlafen und Aufwachen. Beim Thema Mittagsschlaf warnte sie davor, diesen zu spät zuzulassen oder die Kinder wieder zu früh zu wecken. „Ein zu kurzer Mittagsschlag kann erhebliche Dysregulationen zur Folge haben“ sagte sie. Daher sei es beispielsweise sinnvoll, schon um 11:15 Uhr das Mittagessen anzusetzen, damit die Kinder dann stressfrei gegen 12:15 ihren Mittagsschlag beginnen könnten. Dieser solle mindestens 1 ½ Stunden bis 13:45 dauern, so dass die Kinder dann ab 14 Uhr für den Übergang in das Familienleben bereit seien und auch abends nicht zu spät einschlafen würden.

Eine sensible Alltagssituation sei auch die Mahlzeitengestaltung, bei der es in den Krippen immer wieder leicht zu Übergriffen seitens der ErzieherInnen kommen könne. Das Aufessen oder Probieren müssen sei „eine Kindeswohlgefährdung mit langer Tradition“. Das Kind dürfe selbst entscheiden, was und wie viel es esse und wichtig sei „ein gemeinsames Essen von Kindern und ErzieherInnen in positiver Atmosphäre“. Hier böten sich auch wertvolle Gelegenheiten für längere Gespräche.

Gabriele Haug-Schnabel räumte auf der Tagung auch mit der Annahme auf, dass altersübergreifendes Lernen ein Selbstläufer sei. Dies müsse sorgfältig strukturell-pädagogisch geplant und begleitet und konzeptionell verankert sein. Besonders schwierig sei die Altersmischung von Zwei bis Sechs, da die Jüngsten hier oftmals durch das Raster fielen und die Interaktionsqualität mit ihnen gering sei. Dies zeige auch eine aktuelle Studie. (s.a. hier: Studie zu Prozessqualität und Altersmischung).

Im Anschluss an den Vortrag von Gabriele Haug-Schnabel konnten die Tagungs-TeilnehmerInnen in sechs Workshops erfahren und gemeinsam diskutieren, wie einzelne Schlüsselmomente in der Krippe in das Einrichtungskonzept eingearbeitet werden können. Dazu diente das nifbe-Themenheft 28 „Schlüsselsituationen in der Krippe konzeptionell verankern“ und die Anlage mit Reflexionsfragen als Leitfaden und Impulsgeber.

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