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Pädagogische Ansätze
10.05.2016  Franz Hauzenberger im Interview mit Tina Sprung

Gibt es die perfekte Klassenfahrt?

Raus aus dem Klassenzimmer, rein in den Bus und los: Für viele Schüler ist die Klassenfahrt etwas Besonderes. Wie sieht eine ideale Klassenfahrt aus? Experte Franz Hauzenberger erklärt im didactaInterview, auf was Lehrkräfte achten müssen und wann Ausflüge pädagogisch sinnvoll sind.
didacta: Wie sieht für Sie die ideale Klassenfahrt aus?

Franz Hauzenberger: Eine gelungene Klassenfahrt zeichnet sich durch eine geglückte Auswahl des Fahrtenziels, qualifizierte und motivierte Lehrkräfte, perfekte Organisation des Ausflugs und Mitsprache- und Mitgestaltungsrecht der Teilnehmer aus. Auch die finanzielle Belastung für Schüler und Eltern sollte zumutbar sein. Wichtig sind eine hohe Motivation und Vorfreude, Zufriedenheit und Bestätigung bei den Teilnehmern und Eltern. Wenn der angestrebte Lernzuwachs im Sinne ganzheitlichen Lernens nach dem Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi erreicht wird, dann ist die Klassenfahrt erfolgreich.

Welchen pädagogischen Nutzen haben  Klassenfahrten?

Klassenfahrten leisten einen wertvollen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Menschen. Sie fördern die Ich-, Sach- und Sozialkompetenz sowie das Umweltbewusstsein. Eine Klassenfahrt oder auch ein Schulausflug bieten eine Vielzahl von Ansatzpunkten, wie diese Kompetenzen in ihrem Entstehungs- und Entwicklungsprozess gefördert und gefestigt werden können. Anders als im Klassenzimmer unter eingefahrenen Lehr- und Lernritualen lernen sich Schüler und Lehrer besser kennen. Es können Neigungen, Interessen, individuelle Qualitäten und Fähigkeiten von Schülern an Bedeutung gewinnen, die im gewohnten Schulalltag keine Rolle spielen. Der Erlebniswert einer Klassenfahrt und eines Schulausfluges sowie dessen Auswirkung auf die Klassengemeinschaft sind positiv. Gerade der Charakter der Großfamilie bei einer Klassenfahrt stellt hohe Anforderungen an das sogenannte Wir-Gefühl. Aufgrund veränderter Familienstrukturen und Lebensgewohnheiten kommt deshalb der Sozialkompetenz große Bedeutung zu.

Es gibt Ausflüge in den Partyort Lloret de Mar, eine Stadt in Katalonien im Nordosten Spaniens. Dort steht für Schüler oftmals Spaß und Feiern im Vordergrund. Wie lässt sich solch ein Ausflugsziel rechtfertigen?

Bei Klassenfahrten, die überwiegend touristischen Charakter besitzen, stelle ich den pädagogischen Nutzen in Frage. Solche Ausflüge lassen sich kaum pädagogisch rechtfertigen, zumal jeder Schule oder  Bildungseinrichtung konkrete Bildungsziele zugeschrieben sind, denen auch schulische Aktivitäten wie Klassenfahrten untergeordnet werden müssen. Es geht um klare Bildungsintentionen und nicht um touristische Attraktionen.

Welche Vorteile sehen Sie im außerschulischen Lernen im Vergleich zum gewöhnlichen Unterricht im Klassenzimmer?

Außerschulisches Lernen ermöglicht offenes und soziales Lernen. Die Schüler haben Gelegenheit, erste Erfahrungen, auch durch lebensnahe Lernsituationen, zu sammeln und zu verarbeiten. Außerschulisches Lernen initiiert Bildungsprozesse durch multisensorisches Lernen. Die „originale Begegnung“ spricht alle Sinne an. Das Erkannte kann auch gleich von den Schülern ausprobiert werden – sie lernen problemorientiert. Außerschulisches Lernen als entwicklungsgemäßes Lernen erleichtert Schülern den Weg vom konkret-anschaulichen zum abstrakten Denken.

Welches Ausfl ugsziel eignet sich für welche Klassenstufe?

Bei der Auswahl des Klassenfahrtzieles müssen Lehrer das Alter, den Entwicklungsstand und die Interessenlage der teilnehmenden Schüler beachten. Bei der Auswahl der Unterkunft sollten Lehrer beachten, dass die Schüler ihre Freizeit sportlich und musisch gestalten können und multikulturelles und historisches Lernen angeboten wird. Bei Schülern der Oberstufe sind Ausflüge in Städte geeignet, da sich Kultur, Bildung und Interessen der Schüler sehr gut verbinden lassen. Bei Schülern der 5. bis 7. Klasse  bieten sich beispielsweise Sport- und Wanderwochen an. Bei Grundschülern sollte sich die Klassenfahrt möglicherweise auf den ländlichen Bereich konzentrieren und die Unterkunft von Grundschülern nicht zu weit vom Wohnort entfernt liegen.

Wie bereiten Lehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler im Unterricht am besten auf den Ausflug vor?

Bei der Auswahl des Zieles und der Programmgestaltung sind sowohl die Interessen der Schüler als auch der Lehrplan der jeweiligen Klasse angemessen zu berücksichtigen. Bereits frühzeitig sollten Lehrer und Schüler im Unterricht die Details der Klassenfahrt wie Unterkunft und Programm diskutieren und eine Organisationsstruktur erarbeiten, die auch jeweils mit den Schülereltern abgestimmt wird. Von großem Vorteil ist es, wenn Schüler und Lehrer bereits im Unterricht bestimmte Arbeits- und Verhaltensweisen in Bezug auf die Klassenfahrt einüben und besprechen. Dazu gehören beispielsweise Tischmanieren und Esskultur, wie etwa gleichzeitig mit dem Essen zu beginnen. Letztlich sollen sie erkennen, dass die geplante Klassenfahrt zu einem unvergesslichen Erlebnis ihrer Schullaufbahn werden soll.

Auf Klassenfahrten schlagen Schülerinnen und Schüler gern mal über die Stränge. Was dürfen sich Jugendliche erlauben?

Bei der Vorbereitung einer Klassenfahrt ist es notwendig, dass Lehrer einen verbindlichen Verhaltenskodex aufstellen. Es müssen klare Regeln, zum Beispiel im Zusammenhang mit Alkohol, Nikotin und Handygebrauch, aufgestellt und entsprechende Konsequenzen bei Verstößen abgesprochen werden. Daneben dürfen Schüler und Lehrer allgemeingültige rechtliche Vorgaben wie das Jugendschutzgesetz oder schulrechtliche und  pädagogische Maßgaben ebenso wenig vernachlässigen oder außer Kraft setzen.

Lehrer und Schüler verbringen viel Zeit miteinander. Wieviel Abstand ist sinnvoll?

Das Zusammenleben von Schülern und Lehrern auf  engstem Raum rund um die Uhr ist für alle Betroffenen eine neue Erfahrung. Grundsätzlich gelten aber auch hier dieselben Bedingungen wie in der Schule. Lehrkräfte sorgen für einen geordneten Tagesablauf und sind Ansprechpartner, Vertrauensperson, Streitschlichter oder Spielpartner. Wichtig ist, dass unter den veränderten Lebens- und Lernbedingungen eine gesunde natürliche Distanz im Lehrer-Schüler-Verhältnis gewahrt bleibt.

Prof. h.c. Dr. Franz Hauzenberger, ehemaliger Dozent für Grundschulpädagogik und -didaktik, ist Experte für den Bereich Klassenfahrten, Schulwandern und  außerschulische Lernorte. Über 30 Jahre lang bildete er Lehrer an der Universität Passau aus und war 26 Jahre lang Leiter von Wanderführerlehrgängen für Lehramtsstudierende.

Aus: didacta – das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 2/2016, S.4-6, www.didacta-magazin.de

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