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Raum
30.06.2016  Robert Spessert

Klettern, Matschen, Entdecken Außengelände für Klein-und Kleinstkinder

Entsteht ein Spiel- und Lebensraum im Freien, so muss auf vieles geachtet werden: das pädagogische Konzept, die Entwicklung der Kinder, die Ziele der Erzieherinnen. Hier wird die Entwicklung eines Gartengeländes für Kleinkinder beschrieben, das Inspiration und Impulse für die Gestaltung des eigenen Außengeländes geben soll.

Die pädagogische Arbeit findet vor allem am Anfang statt: Pädagogische Fachkräfte planen das Außengelände ihrer Einrichtung. Das Ziel: eine Spiellandschaft, in der Kinder Elementares lernen können und das Personal nach der Gestaltung der Räume keine Regeln mehr setzen muss. Im Idealfall müssen die Mitarbeiterinnen „nur noch“ da sein. Der nach pädagogischen Grundsätzen und dem Konzept der Einrichtung gestaltete Raum setzt dann die Regeln oder besser: er ermöglicht viel Freiheit.
 

Wunschliste für das Außengelände

Vor der ersten gemeinsamen Begehung des Kita Geländes wird eine Wunschliste erstellt: Wasser soll ein wichtiges Element sein. Wasser kühlt, spritzt, rauscht, gurgelt, trägt und lässt Materialien untergehen. Wasser ist die wichtigste Komponente für Matsch. Außerdem soll eine Baustelle mit regendichter Werkstatt mit Werkbank und Verkaufstheke und viel Material eingerichtet werden: Bretter, Holzklötze, richtige Schaufeln aus Metall, Mulden und Becken zum Sortieren, Mischen und Mengen. Außerdem wichtig ist: klettern, kraxeln, balancieren, vielleicht ein Berg oder ein Baum… oder am besten beides! Und Rückzugsräume, die brauchen alle, einzelne Kinder und kleine Gruppen und vor allem die ganz Kleinen. Sie sollen auch krabbeln können, auch nach dem Regen nicht immer ganz so nass werden wie auf der Wiese und auch nicht von einem „Sausefix“ mit Fahrzeug umgestoßen werden.
 

Umsetzung vor Ort

Mit diesen Wünschen machen wir uns auf den Weg ins Gelände. Wir suchen Orte, wo dieses und anderes möglich werden könnte. Was passiert jetzt schon wo und was könnte mit welchen Veränderungen noch passieren? Und wie könnte alles zu einer Spiellandschaft zusammenwachsen?


Genau, eine Spiellandschaft, keine Spielplatzmöblierung soll entstehen, ein Naturspielraum in dem Kinder sich frei bewegen können, in dem sie Neues, Spannendes lernen können, in dem sie sich ausprobieren können, in dem große und kleine Kinder sich gut ausruhen können, der aber trotzdem nicht langweilig wird. Und dann muss er ja auch nach der Norm für Spielgeräte (DIN EN 1176) und den Vorschriften der Unfallkasse entsprechen.


Nach der Begehung mit pädagogischem Personal, dem Elternbeirat und dem Trägervertretern entwerfen wir eine erste Skizze auf dem großen Blatt. Jetzt ist schon eine Spiellandschaft zu erkennen, die allen Lust macht weiter zu arbeiten.


Planungsfragen

Von nun an bis zu Fertigstellung werden sich beim gemeinsamen Tun noch viele spannende Fragen stellen:
 

  • In welchem Maße gelingt es ein Außengelände für kleine Forscher zu gestalten, damit sie selbst bestimmen was und wann sie forschen? Die Gehirnforschung lehrt uns immer wieder: wo Kinder in Selbstaneignung lernen, also selbst bestimmen was und wann sie lernen, lernen sie am besten.
  • Was ist zu tun, damit es für die Kinder spannend bleibt? Wie muss der Garten gestaltet werden, dass das pädagogische Personal das eigenständige Tun der Kinder aushalten kann oder auszuhalten lernt? Wie können Pädagogen im Freien so selbstsicher agieren, um das selbstbestimmte Tun der Kinder zulassen zu können? Was spornt die Erzieherinnen an, selbst auf den wiederentdeckten Kletterbaum (jetzt mit Fallschutz aus Holzhackschnitzeln darunter) zu klettern oder auf den neu gespannten Seilen zu balancieren, um zu wissen was hier wichtig ist und was es zu lernen gibt. Kinder können Fähigkeiten, Grenzen und Gefahren nur angemessen einschätzen lernen, wenn sie auch Gelegenheit haben diese zu erfahren. Risikobewältigung beginnt mit dem Kennenlernen des Risikos!
  • Und dann die „Buddelhosen“: sind diese künstlich erzeugten Kleidungsstücke wirklich notwendig oder gibt es andere Lösungen? Muss denn wirklich ein „sauberes“ Kind mit nach Hause genommen werden, dem man seine Lust am Buddeln oder Kraxeln nicht ansieht? Gibt es nicht doch eine Möglichkeit für Wechselhosen wenigstens für die Größen? Müssen immer alle Spielbereiche bei jedem Wetter zu bespielen sein?
 

Außengelände für Kleinkinder

 
  • Sollen nicht alle Kinder von 0 – 6 Jahren immer zusammen spielen können? Schließlich wurde doch viele Jahre für ein gruppenübergreifendes Angebot gekämpft!
  • Gibt es besondere Rückzugsräume für die Kleineren? Eine Stunde lang können alle Kinder gut zusammen spielen, doch dann sind die Kleinen müde und kommen nicht mehr mit. Für sie kann dann das Bobby Car zur Unfallquelle werden.
  • Oder soll es sogar ganz eigene Spielräume für Kleinstkinder geben, so wie es die Pikler Pädagogik (2015) vorschlägt: Kleinstkinder in einer Institution brauchen in ihrem Alter vor allem Sicherheit um sich optimal zu entwickeln? Das soziale Lernen und die „Abenteuer“ sind zweitrangig?
Auf jeden Fall sollten die Spielraumelemente, der Spiel- und Lebensraum für Kleinstkinder, nicht einfach nur die kleine Version der großen Dinge sein.
 

Kleinstkinder brauchen:

  • Gefäße zum Sortieren, z. B. halbierte Baumstämme mit eingearbeiteten Mulden und Becken;
  • Baumstämme zum Sitzen sowie zum darüber und drunter Krabbeln, zum Balancieren;
  • möglichst eigene „beruhigte“ Fahr- und Laufbereiche;
  • Rückzugsorte, z.B. zwischen Heckenpflanzen;
  • kleine überschaubare Sandbereiche;
  • regendichte kleine Häuser;
  • spezielle extrem flache Wasserspielmöglichkeit unter Aufsicht
  • und noch mehr als größere Kinder abwechslungsreich gestaltete sonnige und schattige Bereiche.

 


Wer gestaltet den Garten?

Geht es an die praktischen (Bau-)Arbeiten sollte gut überlegt werden, was ist von wem (noch) zu leisten. Was macht richtig Spaß, wo setzt eine Überforderung ein? Wie gut soll es werden? Welche Vorschriften gibt es? Vor allem im letzten Punkt sind die Präventionsabteilungen der Unfallkassen gute kostenlose Gesprächspartner. Fast immer wird es sinnvoll sein, sich eine Garten- und Landschaftsplanerin, einen Gartenplaner oder einen im Bereich Kita-Außengelände erfahrenen Garten- und Landschaftsbaubetrieb an die Seite zu holen. Auch wenn es Geld kostet. Gerade die Werbung von Heimwerker-Märkten verführen dazu, alles selbst zu machen. Um aber ein optimales Ergebnis für das Spiel der Kinder zu erzielen, sollten an manchen Stellen doch Profis (Erzieherinnen) und Profis (Gartenplaner) gemeinsam Hand in Hand arbeiten.




Robert Spessert, Dipl. Sozialarbeiter + Ökopädagoge. Geschäftsführer der Natur- und Abenteuerschule (NUAS) GmbhH + Co. KG.
 

Kontakt

www.nuas.de
 

Literatur

Gilles-Bacciu, Astrid/ Heuer Reinhild et.al.: Pikler: Ein Theorie- und Praxisbuch für die Familienbildung. Beltz Juventa 2015

Quelle

klein & groß - Das Kita-Magazin, 07-08/16, Seite 13 - 15
 




 

 

 

 

 



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