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Inklusion/Diversity
27.07.2016  Samira Hamid

Kinder mit Migrationshintergrund - Szenen aus der Kita

Die Autorin schildert Verunsicherungen - eigene und andere - durch Kinder mit anderen Gewohnheiten und Sprachkenntnissen.

Unterschiedliche Erziehungsvorstellungen


Eine Studentin der Frühen Kindheit, die an meiner damaligen Praktikumsstelle aushalf und russisch-deutsche Wurzeln hat, schilderte mir ihre persönliche Sicht einer Problematik, die mir neu war: „Russische Eltern und deutsche Erzieherinnen: Da kollidieren zwei Welten. Die Eltern sind streng und achten auf gewisse Verhaltensformen ihrer Kinder, während viele Erzieherinnen, die den kulturellen Background nicht kennen oder mögen, damit gar nicht zurechtkommen.“ Sie gab auch zu, dass der Umgang nicht einfach sei, aber bei gegenseitiger Rücksichtnahme zu schaffen. Leider verloren wir uns danach aus den Augen, und ich konnte nicht mehr aus dem Erfahrungsreichtum schöpfen, der zweifelsohne bisher nicht zu meinem zählte.

Alle über einen Kamm       

                    
Mittagszeit. Die Küchenhilfe soll das Essen an die Kinder verteilen, die um sie herum versammelt stehen. Die Leiterin der Einrichtung erklärt der Küchenhilfe die Aufteilung in schweinefleischhaltiges und schweinefleischloses Essen für die muslimischen Kinder und ruft hintereinander die Namen der Kinder auf. Als die Küchenhilfe  etwas unsicher nickt, deutet die Leiterin ungeduldig auf die betreffenden Köpfe: „Alle dunklen Kinder!“ Sie zuckt mit den Achseln, als wäre damit alles gesagt und verlässt das Bistro. Einige „dunkle“ Kinder drehen sich um und schauen ihr nach.

Sprachbarrieren


In der Einrichtung, in der ich arbeite, sind circa 90 Kita-Kinder und 30 Krippenkinder. Darunter ist ein (!) muslimisches, zwei chinesische, fünf russlanddeutsche und ein italienisches Kind. Zwei Geschwisterpaare haben Eltern mit unterschiedlichen Nationalitäten: das erste eine deutsche Mutter und einen armenischen Vater, das zweite eine russische Mutter und einen albanischen Vater. Das muslimische Kind, eine vierjährige Algerierin, war erst entzückt, dass ich ein wenig arabisch mit ihr sprechen konnte. Trotzdem bemängelte sie, dass ich nicht alles verstehe.  Ich glaube, als sie nach anfänglicher Freude merkte, dass ich kaum mehr sprach als ihre kleine Schwester, wollte sie nicht mehr mit mir Arabisch sprechen. Das Verständnis hat hier Vorrang vor dem Gefühl, etwas besser zu können als andere. Sie verbringt lange Urlaube in Algerien und wie meine Kolleginnen bemängeln, danach kann man „sprachlich wieder von Null anfangen".  Wenn ich sie wiedersehe, bevor ich die Kita verlasse, bin ich jedenfalls gespannt, wie sich unsere jeweiligen Sprachniveaus zueinander überbrücken lassen oder ob dies gar nicht nötig sein wird.

Die arabische Küche


Meine Tochter (1,11 Jahre) freut sich jeden Morgen auf die Krippe. Damit ihre Freude beim Frühstück nicht getrübt wird, bin ich natürlich aufgefordert, ihr ein möglichst gesundes und leckeres einzupacken. Dazu gehört für mich auch ein Anteil an Gemüse in Form von Gürkchen, Salatblättern, Radieschen und so weiter dazu. Und den packe ich ihr seit nunmehr fast einem Jahr ungeachtet der Tatsache ein, dass er mich oftmals ungeschmälert wieder beim abendlichen Ausräumen anlacht. Deshalb brach der Seufzer regelrecht aus mir heraus, als eine Kollegin, die meine Tochter betreut, mich darauf ansprach. „Ich würde schon verzweifeln, wenn sie das Obst auch nicht anrühren würde, aber da greift sie zum Glück ordentlich zu“, versuche ich mich selbst aufzubauen. Ich sehe, dass meine  Kollegin immer noch verdrossen dreinsieht. „Wie ist das eigentlich bei euch“, beginnt sie langsam,“ in eurer Kultur. Ich mein, wie hält man das bei euch mit Gemüse. Kochst du zuhause auch mal mit Gemüse?“

 Der Beginn der Radikalisierung?


Der Sohn (4,5 Jahre) meiner Schwester ist ein Bewegungsliebhaber und kleiner Charmeur. Er macht gern Späße mit seinen Erzieherinnen, fährt sie gern im Hof im Anhänger umher. Doch er hat auch eine nachdenkliche Seite. Da er von seinen Eltern vom Paradies gehört hat, einem Ort, an den man nach dem Tod kommen kann, wenn man ein guter Mensch war, und von Gott, der ihn und die Welt erschaffen hat, spricht er darüber auch mit seiner Erzieherin: „Kannst du mich so hoch anschucken, bis zum Himmel, bis zu Gott?“, „Glaubst du, ich komme ins Paradies?“, „Komme ich ins Paradies, wenn ich dir wehtu?“ Doch die lässt sein Interesse nicht einfach als ein solches Eingang in sein Portfolio finden, sie bestellt die Mutter zu sich, um sich zu vergewissern, dass hier keine Radikalisierung stattfindet. Meine Schwester ruft mich an dem Tag an und weint. Ich tröste sie mit den Worten: „Du weißt ja, wie er's gemeint hat.“

Zwischen den Stühlen


Die Dissonanzen zwischen Erziehern und Kindern und zwischen Erziehern und Eltern dürfen nicht überhört werden, auch wenn man nicht immer weiß, wie sie aufzulösen sind. Wir, die Menschen mit Migrationshintergrund, sitzen zwischen allen Stühlen und daher hören wir sie.  Es ist ein Segen und manchmal ein Übel, dieser Platz zwischen den eigentlichen Plätzen. Aber wir sind es, die den Kindern  aus anderen Kulturen helfen können, das Selbstbewusstsein zu entwickeln, das nötig ist, um eine eigene  Meinung zu vertreten und die der anderen auszuhalten.
 
 
 
 

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