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Sprachliche Bildg./Mehrsprachigkeit
04.08.2016  Karsten Herrmann

Sprache fördern durch “sustained share thinking” (Review)

Die Interaktion zwischen pädagogischen Fachkräften und den Kindern in der KiTa gilt als ein zentrales Qualitätsmerkmal in der institutionellen Betreuung. Als qualitativ besonders hochwertige Interaktion gilt dabei das „sustained share thinking“ (SST). Es beschreibt einen gemeinsamen prozesshaften Dialog auf Augenhöhe zwischen pädagogischen Fachkräften und Kindern, das gemeinsame Denken, Diskutieren und Hypothesen entwickeln zu bestimmten Fragestellungen.
Trotz der von Siraj-Blatchford u.a schon 2002 in der REPEY-Studie ("Research in Effective Pedagogy in the Early Years") nachgewiesenen Wirksamkeit dieses Interaktionsformates spielt das SST in der Praxis noch kaum eine Rolle. Stattdessen findet neben den alltäglichen Anweisungen und Erklären von Verhaltensregeln in der KiTa-Praxis eher ein „Direct teaching“ durch eine didaktische Instruktion statt.

In einer Querschnitts-Studie haben Frauke Hildebrandt u.a. nun in einer in Frühe Bildung 2-2016 publizierten Studie untersucht, welche Auswirkungen die Interaktionsformate SST und „Direct Teaching“ jeweils auf das Sprachverhalten von Kindern haben. Ausgangshypothese war dabei, dass das SST sich sowohl auf quanititative Merkmale als auch auf den kognitiven Inhalt der sprachlichen Äußerungen von Kindern auswirken und dass Kinder im Vergleich zur Instruktion sich stärker im Dialog engagieren, „indem sie mehr sprechen (Hypothese 1), mehr eigene Hypothesen äußern (Hypothese 2), häufiger Widersprüche artikulieren (Hypothese 3) und ihre eigenen Aussagen epistemisch markieren (Hypothese 4)“ (ebd. S. 84).

Untersucht wurden dafür 38 Kinder einer Berliner KiTa zwischen zwei und sechs Jahren gemeinsam mit 12 ErzieherInnen. Nach einer Eingangsuntersuchung in Einzelsitzung nach etablierten Verfahren zeigten die ErzieherInnen den Kindern acht Bildkarten mit ungewöhnlichen oder widersprüchlichen Aussagen und interagierten in der Folge jeweils nach einem SST- bzw. einem instruktiven Skript.

Im Ergebnis bestätigten sich die Hypothesen und es konnte gezeigt werden, „dass SST dazu führt, dass Kinder mehr sprechen und insbesondere 4-6jährige Kinder mehr Hypothesen bilden, widersprechen und ihre Aussagen epistemisch markieren“ (ebd. S 88). In diesem Sinne zeigte die Studie, dass Kinder auf SST-Interaktionsangebote sprachlich noch engagierter reagieren als auf Interaktionsangebote im „Direct Teaching“-Format.

Erklärungen sehen die AutorInnen in einer Abmilderung des Wissensgefälles und einer stärkeren Dialogsymmetrie zwischen ErzieherInnen und Kindern beim SST. Im Hinblick auf Aus- und Weiterbildung seien für einen verstärkte Implikation von SST im KiTa-Alltag „eine Veränderung der professionellen Haltung (‚forschender Habitus‘)“ sowie „Programme [...], die auf modellierende Sprachhandlungs-Übungen zurückgreifen“ (ebd. S. 89), empfehlenswert.

Zum Beitrag in Frühe Bildung 2-2016 (kostenpflichtig)

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