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Kita
04.08.2016  Sarah Shkoor

Soziale Ungleichheit im Kinderbetreuungssystem (Review)

Der Artikel der beiden DJI-Mitarbeiter Gabriel Schoyerer und Eric van Santen in der Zeitschrift „Early Years" befasst sich mit der Frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung in der Bundesrepublik Deutschland und basiert auf statistischen Erhebungen und jüngsten Sozialforschungen. Auf dieser Grundlage entwickeln die Autoren ihre Forderungen hinsichtlich einer stärkeren fachübergreifenden Orientierung der frühkindlichen Forschung und Praxis.

1. Einleitung

Einleitend wird der Föderalismus der Bundesrepublik mit seinen dezentralisierten Regulierungen der Kinder- und Jugendhilfe erläutert. Die Verfasser weisen auf die Unterschiede hin, die aufgrund der kommunalen Selbstverwaltung auch bei nebeneinanderliegenden Verwaltungen auftreten können: beispielsweise in der Art der pädagogischen Angebote, in der Arbeitsweise der Einrichtungen (z.B. Personalschlüssel) oder in der Höhe von Steuergutschriften als Entlastung für Eltern. Die Gesetzeshoheit liegt zwar immer bei den Kommunen, aber in 66,9% der Kindertagesstätten werden die Aufgaben an Freie Träger delegiert. Die Kommunen sind die Hauptkostenträger der Leistungen ihrer Kinder- und Jugendhilfe.

Auf Bundesebene regulieren das Kinderförderungsgesetz KiföG 2008, das Tagesbetreuungsausbaugesetz TAG 2006 sowie das Kinder- und Jugendhilfeweiterentwicklungsgesetz KICK 2005 die Kindertagespflege (also die Tagesmütter-/väterarbeit) und die Tagesbetreuung in Kindertagesstätten. Sie definieren auch die beiden staatlichen Zielsetzungen: den Förderungsauftrag (Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern) und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Zur Betreuungsquote  nennen die Verfasser die vom Statistischen Bundesamt 2015 erhobenen Zahlen: 32,3% der Dreijährigen und 93,6% der Drei- bis Sechsjährigen, wobei in Ostdeutschland der Anteil mit 52% traditionell höher liegt als in Westdeutschland mit 27,4%. In ganz Deutscland verbringen  mehr Kinder als je zuvor Zeit in pädagogischen Einrichtungen.

Nach wie vor gestalten sich die Zugangsmöglichkeiten von benachteiligten und unterstützungsbedürftigen Familien als schwierig Auch die Tatsache, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für viele Familien immer noch nicht ohne ein hohes Maß an Stress und Druck abläuft, wird als problematisch erkannt. Die Verfasser plädieren  für aufmerksamere Beobachtung von stressbedingten Aspekten, wie psychischen Problemen der Eltern,  Armutsrisiken oder Vereinsamung und für ein entsprechendes Hilfsangebot sowie ein neues Kinderschutzgesetz. Im Zusammenhang mit schulischen Erhebungen, die den Diskurs um Kindheit als Grundstock  der Bildungslaufbahn ins Laufen brachten, verweisen die Sozialwissenschaftler auf die im europäischen Vergleich kurze und nicht-akademische Ausbildung zum Erzieher in Deutschland.
Sie fordern, die gesellschaftliche Bedeutung der Frühkindlichen Erziehung, Bildung und Betreuung wertzuschätzen, um den verschiedenen und  vermehrten Anforderungen gerecht zu werden, wie wachsender Ungleichheit, gesteigerter Nachfrage nach Kitas und Erwartungen an diese, sowie dem lauteren Ruf nach mehr Teilhabe und Bildung für alle. Dies könne nur eine fachübergreifende Betrachtung der Frühpädagogik  leisten.

2. Wachsender Bedarf an Kinderbetreuung im Zusammenhang mit verschiedenen gesellschaftlichen Entwicklungen

 Begründet wird die immer größer werdende Bedeutung von Einrichtungen der Kinderbetreuung  mit der demografischen Entwicklung und der vermehrten mütterlichen Berufstätigkeit. Erwähnt werden auch soziale, kulturelle und ethnische Vielfalt.
2.1 Quantitative Veränderungen im Bedarf von Kinderbetreuung
An dieser Stelle werden viele Punkte genannt, von wachsender gesellschaftlicher Bedeutung Frühkindlicher Bildung, über den andauernden Bedarf der deutschen Wirtschaft an hochqualifizierten Fachkräften bis zu den höheren Vorkommen von alleinerziehenden Haushalten und dem immer dünner werdenden Privatleben, denn viele Arbeitnehmer verrichten zu Hause berufliche Aufgaben.
2.2 Veränderungen der Lebensverhältnisse von Familien und Kindern
Unterschiedliche Lebensstile und –umstände fordern einen qualitativen Wandel in der Frühpädagogik:
Der Migrationshintergrund wenn mindestens ein Elternteil im Ausland geboren ist, sei dies nicht per se entwicklungsgefährdend, wie oft vermutet werde, sondern erst durch zusätzliche  Risikofaktoren wie das Erleben von Diskriminierung.
 Wachsende Armut: die sich  laut Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend 2013 beispielsweise darin zeige, dass 18,6% von Familien mit Kindern weniger als 60% des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung hätten, wobei das Selbstbewusstsein von Kindern und vor allem Schulkindern nachweislich davon abhinge, welchen ökonomischen Status ihre Familie habe. Armut ziehe gesundheitliche Probleme, wie Übergewicht, vermehrte Karies oder psychische Beeinträchtigungen nach sich und außerschulische Bildungs- und Freizeitaktivitäten könnten seltener beansprucht werden.
Weitere Aspekte sind psychische Probleme der Eltern, vermehrt beobachtete Verhaltens- und Entwicklungsauffälligkeiten.

3. Frühpädagogik: Forderungen und Erwartungen

Schoyerer und van Santen bemängeln, was in unterschiedlichen Studien ans Tageslicht kam: Es gebe in manchen Kitas tatsächlich mit bestimmten Eltern keine oder unregelmäßige Entwicklungsgespräche. Gründe dafür wie auch für Verunsicherung von Fachkräften im Umgang mit den Familien seien erschwerte Bedingungen wie z.B. Sprachbarrieren, finanzielle oder psychische ProblemeUnd wieder fordern die Verfasser fachübergreifende Verzahnung von Frühpädagogik und Sozialpädagogik.

4. Frühpädagogik -  ein interdisziplinäres Projekt

Die Autoren fordern   eine Öffnung der Frühpädagogik zur Sozialpädagogik und Sozialen Arbeit und begründen dies folgendermaßen: Wenn die  die informellen Bildungsprozesse in der Familie den Zugang zur Bildung in Institutionen wie der Kita die Ungleichheit verstärken,  müsse die Kita sich verstärkt mit eben jenen beiden Disziplinen befassen, um die derzeitig unzureichende Kompensation von soziokultureller Ungleichheit, Benachteiligung und gesellschaftlichem Druck zu gewährleisten. Denn die Soziale Arbeit, nehme soziale Ungleichheit und Probleme zum Ausgangspunkt ihrer Forschung und Praxis, und die Sozialpädagogik setze bei sozialer Vielfalt an. In den Bildungs- bzw. Orientierungsplänen  der Länder zur Frühpädagogik aber komme stattdessen eine Eingenommenheit für eine Leitkultur mit hochgehaltenen Mainstreamwerten bezüglich kindlicher Entwicklung und vorbildhafter Verhaltenskodizes zum Ausdruck. Weiterhin, so argumentieren Schoyerer und van Santen, sei die doppelte frühpädagogische Zielsetzung des Staates, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und der Förderungsauftrag, an sich eine soziale Aufgabe, wohingegen die derzeitige Debatte um den Wert der Frühpädagogik kaum auf die sozialpolitische Brisanz des Themas verweise. Wenn frühpädagogische Studien, wie die NUBBEK also beispielsweise aussagen, dass ein hoher Prozentsatz  von Kindern mit Migrationshintergrund in Kitas einen nachteiligen Effekt auf die pädagogische Prozessqualität habe, dann müssen eben diese Kitas im Umkehrschluss familien- und sozialraumorientierter werden und dieses Handeln nachhaltiger gestalten. Dies bedeute auch, die organisatorischen Rahmenbedingungen sowie die Kompetenzen der pädagogischen Fachkräfte zu stärken im Umgang mit wie beispielsweise Kindern mit besonderem Förderbedarf.

 Fazit

Die Frühpädagogik benötigt die „sozialpädagogische Linse“, um ihren Blick für Inklusion und ihre Professionalisierung zu schärfen. Schoyerer und van Santen verweisen mit ihrem Beitrag   auf eine Schwachstelle in der derzeitigen Diskussion der Frühpädagogik .

Quelle: G. Schoyerer, E. van Santen: Early childhood education and care in a context of social heterogeneity and inequality. Empirical notes on an interdisciplinary challenge. In: Early Years, 2016. Vol. 36, No1, 51-65
 

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