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Kindliche Entwicklung
31.08.2016  Ulrich Baer

Warum kreative und kooperative Spiele so wichtig sind

Ben spielt mit einfachen, glatten Holzbausteinen, die für ihn mal ein Auto, mal ein Haus, mal eine Garage sind. Gerade so, wie er es für sein Spiel braucht. Sein Spiel – jedes Spiel – ist eine eigene erfundene Welt mit bestimmten Regeln, Personen und Handlungen. Dabei ist es egal, ob es sich um ein Brettspiel, ein Rollenspiel, ein Singspiel oder das Spiel mit Puppen und Holzbausteinen handelt. Spiel ist „so tun als ob“.

Was ist Spiel? Ein großer Freiraum


Im Spiel wird eine eigene Wirklichkeit in den Gedanken und Handlungen der Spielenden konstruiert. Das Spiel ist der große Freiraum zum Experimentieren, zum Erproben, zum Ausleben, zum Erholen von den Begrenzungen der alltäglichen Wirklichkeit.

Wie sieht diese Spielwelt aus? Sie ist meist angereichert mit Materialien oder Symbolen aus der realen Umwelt: Spielzeugautos und Puppen, Material zum Bauen und Experimentieren. Dabei benutzen Kinder die Spielzeuge, die Alltagsgegenstände und Materialien in ihrem Sinne. In dieser ausgedachten Welt spielen sie selbst auch oft mit – in vielen Fällen kopieren sie dabei Aktivitäten und Rollen von Erwachsenen. Im Spiel bilden Kinder symbolisch und vereinfacht einen Ausschnitt aus dem komplizierten Erwachsenenleben nach. Und deshalb ist Spiel so schwer zu definieren – ebenso schwer wie das Leben selbst.

Worum geht es in diesen Spielwelten? Kinder spielen, um sich das Leben handhabbar zu machen, um die vielen, täglich neuen Eindrücke zu verarbeiten, um sich das Leben durch Wiederholung mit eigenen Mitteln zu eigen zu machen, es selbst zu beherrschen. Spiel ist für Kinder ein Hilfsmittel auf dem langen Weg in ein selbstständiges Leben, also ein richtiges „Lebens-Mittel“. Spiel ist damit für Kinder ein wesentlicher Sozialisationsprozess.

 

Es wird Leben nachgespielt


Im Spiel geht es immer um die Bewältigung von selbst gesetzten oder von Erwachsenen abgeschauten Aufgaben: Es wird Leben nachgespielt, und zwar auf einem mittleren Spannungsniveau. Das heißt: Die Probleme und Aufgaben im Spiel werden gelöst und bewältigt, das Ziel wird erreicht, aber es bleibt das Risiko des Scheiterns. Genau das macht jedes Handeln im Spiel so spannend, interessant und lustvoll.

Diese Dynamik ist ein weiteres wichtiges Kennzeichen des Spiels – neben der erwähnten Als-ob-Realität. Erscheinen die zu bewältigenden Aufgaben zu leicht, verliert das Spiel an Spannung und wird als langweilig bezeichnet. An- und Entspannung wechseln durch Herausforderung und Bewältigung, durch eigene Aktivität, durch die Eigendynamik des Spiels und durch die Konfrontation mit der Umwelt, also dem Spielmaterial, den Mitspielenden oder der Natur.

 

Weitere Merkmale


Schauen wir uns noch weitere Merkmale des Kinderspiels an: Spielen ist eine in den meisten Fällen freiwillige Handlung – vielfach ohne ein vorzeigbares Ergebnis. Nicht ein Produkt ist das Ziel, sondern die Aktivität, der Ablauf selbst verschafft Befriedigung und wird deshalb auch gerne oft wiederholt und geübt, und zwar so lange, bis die Bewältigung der Aufgaben zu leicht fällt und keine spannende Herausforderung mehr darstellt.

Das Spiel macht Spaß, es wird von angenehmen Gefühlen begleitet oder ruft sie hervor. Die meisten Spiele beanspruchen den ganzen Menschen, seine kognitiven, psychischen und motorischen Ressourcen – weshalb die Spieltätigkeit auch als ganzheitlicher Prozess betrachtet wird.

Beim Zusammenspiel mit anderen kommt es grundlegend auf die sozialen Fähigkeiten zur Kooperation und auf die besondere Fähigkeit zu einer gemeinsamen Fantasie bei allen Mitspielenden an. Im Einzelspiel kann sich jeder ausdenken, was er will, aber beim Zusammenspiel in der Gruppe wird eine hochkomplexe Kommunikations- und Interaktionsfähigkeit benötigt.

Im Spiel lernen Kinder also den Umgang mit Sachen und mit Lebewesen. Zu diesen Lebewesen zählen Pflanzen, Tiere, andere Menschen und das Kind selbst. Dieses Lernen im Spiel geschieht durch Nachahmung und Wiederholung, durch Erforschen und Ausprobieren. Dadurch bildet jedes Kind allmählich seine Persönlichkeit aus, so entwickeln sich seine sozialen und kommunikativen Fähigkeiten. So weit, so bekannt.

 

Konkurrierend oder kooperativ spielen?


Nun gibt es allerdings zwei ganz unterschiedliche Spielweisen: konkurrierend (kompetitiv) und kooperativ. Der ganze Ablauf eines Spiels, die Regeln und die Verhaltensweisen der Mitspielenden sind entweder durch Wettbewerb oder durch Zusammenarbeit geprägt. Nicht immer treten diese beiden Spielweisen in ihrer extremen Ausprägung auf, häufig auch in vermischter Form.

Was bewirken diese beiden Spielprinzipien, was sollte man besonders fördern? Schauen wir uns dazu einmal zwei Spielszenen genauer an. In beiden Situationen wird mit Bausteinen gespielt:

Eine große Kiste mit einer riesigen Menge bunter Holzbausteine steht zur Verfügung. Mehrere Kinder schichten Baustein um Baustein übereinander. Jedes Kind baut einen mehr oder weniger stabilen Turm vor sich auf. Der individuelle Ehrgeiz jedes Kindes besteht offensichtlich darin, den höchsten Turm zu errichten.

Dieselbe Bausteinkiste, eine andere Kindergruppe: Ganz viele Bausteine sind über den Spielteppich verstreut. Die Kinder sind dabei, die Steine in einer gewissen Ordnung hinzulegen und allmählich erkennen wir Häuser, einen Platz, mehrere Straßen. Eine kleine Stadt wird aufgebaut. In der ersten Szene wird ein Wettbewerb ausgetragen: Wer schafft den höchsten Turm? Die kleinen Baumeister konkurrieren miteinander, ein Kind wird Sieger und ist stolz darauf. Dieses Spielgeschehen wird als kompetitives Spiel bezeichnet.

In der zweiten Spielszene ist kaum Wettbewerb zu beobachten, hier spielen die Kinder zusammen und errichten durch spontane Übereinkünfte ein gemeinsames Produkt. Hier geschieht offensichtlich ein kooperatives Spiel.

Dieser gravierende Unterschied im Spielverhalten lässt sich bei Kindern jeden Alters feststellen. Je differenzierter und ausgeklügelter die Spiele bei älteren Kindern werden, umso stärker bestimmen auch die Spielregeln, ob ein Spiel als Wettkampf oder in Kooperation abläuft.

 

Die Spielweisen im Vergleich


Warum ist die Frage, ob kooperativ oder kompetitiv gespielt wird, so wichtig? Siehe oben: Im Spiel lernen die Kinder neben vielem anderen vor allem ihr soziales Verhalten und das Lernen geschieht in einer angenehmen Atmosphäre. Spielen macht Spaß, und so prägt sich das Erlernte besonders gut ein. Umso dramatischer wird dadurch unsere Verantwortung für das, was und wie die Kinder beim Spielen lernen. Die Grundmuster des späteren Erwachsenenlebens werden – nicht alleine, aber auch – bereits im Spiel der Jüngsten geprägt.

Spiele, die nach dem Wettbewerbsprinzip ablaufen, haben ihre Berechtigung. Ihre entwicklungspsychologische Funktion besteht unter anderem darin, bestätigt zu bekommen, wie gut man im Vergleich zu anderen ist. Dies ist für Kinder in jedem Alter wichtig zur realistischen Selbsteinschätzung. Der Beweis des eigenen Könnens im Vergleich zu anderen fördert auch die Entwicklung einer individuellen Identität. Die Konkurrenzsituation vieler Spiele trainiert das Durchsetzungsvermögen in der Kindergruppe. All das sind für ein gelingendes Leben in dieser Gesellschaft notwendige Kompetenzen, die bereits in der frühen Kindheit geübt und gefördert werden müssen.

Aber wir alle wissen auch, dass es noch mehr gibt, was man können muss, um ein erfolgreiches Leben führen zu können. Als Korrektiv zu den individualistischen Fähigkeiten werden Kompetenzen für Solidarität, Empathie (Einschätzen der Wirkung meiner Handlungen auf andere Menschen), Zusammenarbeit und Kommunikation benötigt. Lernen, üben und ausdifferenzieren kann man diese sozialen Fähigkeiten in kooperativen Spielen.



Literaturtipp: Ulrich Baer: 666 Spiele, Seelze 2013.

 

Spiele mit sozialer Balance – Beispiele


Für ein gelingendes Leben in unserer Gesellschaft benötigen wir eine kluge Balance zwischen Durchsetzungswillen, Leistungsmotivation und fairer Interessenvertretung auf der einen Seite sowie Teamfähigkeit, Rücksichtnahme und Kompromissbereitschaft auf der anderen Seite.

Wenn Sie diesem Gedanken zustimmen, ist die Frage zu stellen: Wie können wir bereits beim Spiel der Jüngsten diese sozialen Fähigkeiten, diese Balance fördern? Vier Beispiele möchte ich nennen, in denen Kinder diese soziale Balance erfahren und üben.

Alle Kinder spielen gerne Fühl-Ratespiele. Mit geschlossenen Augen wird etwas ertastet und soll erkannt werden. Wenn diese Spielaufgabe nicht von Einzelnen, sondern von Spielpaaren gelöst werden soll, die sich also über das Erfühlte beraten, dann ist durch diese kleine Abwandlung der Spielregel dem Spiel ein kooperatives Element hinzugefügt worden.

Eine noch dramatischere Regeländerung findet bei meinem zweiten Beispiel statt. Sie kennen alle das beliebte Bewegungsspiel „Reise nach Jerusalem“ – der Klassiker auf jedem Kindergeburtstag. Ein typisches Konkurrenzspiel. Probieren Sie doch einmal die Abwandlung „Reise nach Gruppenhauf“: Auch hier wird in jeder Runde ein Stuhl weggenommen, aber kein Kind scheidet aus, sondern die ganze Schar muss versuchen, auf immer weniger Stühlen Platz zu finden, bis die ganze Gruppe schließlich auf vielleicht nur drei Stühlen einen „Gruppenhaufen“ bildet.

Zwischen dieser Kooperation der gesamten Gruppe und der Konkurrenz von Einzelspielern gibt es noch die Zwischenform des sogenannten koalitiven Spiels, bei dem sich kooperierende Teams miteinander im Wettbewerb befinden. Ein Beispiel dafür ist das Errichten eines möglichst hohen Turms aus den im Raum vorhandenen Gegenständen. Zwei Kindergruppen treten dabei gegeneinander an und innerhalb jeder Gruppe werden alle vorhandenen Fähigkeiten genutzt.

Abschließen möchte ich mit der Beschreibung eines meiner persönlichen Lieblingsspiele, bei dem es auf das rhythmische Zusammenwirken aller Mitspieler ankommt: die Wettermassage. Ein Kind legt sich bäuchlings auf eine Decke, alle anderen knien sich drumherum und massieren es sanft und – ganz wichtig – gleichmäßig.
Die Wettervorhersage beginnt mit Nieselregen (vorsichtiges Fingerspitzentrommeln), dann folgen dicke Regentropfen (mit Zeige- und Mittelfinger klopfen), der Regen wird zum kräftigen Schauer (mit Händen im gleichen Rhythmus von oben nach unten streichen), ein starker Sturm schüttelt so richtig durch (leicht gemeinsam hin- und herrollen), aber die wärmende Sonne bricht schließlich durch die Wolken (Hände flach und ohne Druck auflegen).
Wenn ein Erwachsener dieses Spiel anleitet, kann es bereits mit sehr jungen Kindern gespielt werden. Jedes Kind darf sich einmal hinlegen und erlebt, dass sich höchster Genuss dann einstellt, wenn die Kindergruppe wirklich gleichmäßig massiert und aufeinander achtet.

Quelle: Musik, Spiel und Tanz mit Kindern von 0 bis 6 Ausgabe 3/16, Seite 6-8





 

 



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