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Kindertagespflege
06.09.2016  Sarah Shkoor

Ein internationaler Blick auf die Kindertagespflege (Rezension)

Gabriel Schoyerer, Nina Weimann-Sandig, Nicole Klinkhammer (Hrsg.) (2016): „Ein internationaler Blick auf die Kindertagespflege-Deutschland, Dänemark, England und Frankreich im Vergleich“. München, Verlag Deutsches Jugendinstitut

Die HerausgeberInnen

Nicole Klinkhammer ist wissenschaftliche Referentin für Frühkindliche Bildung am Deutschen Jugendinstitut e. V. in München.
Gabriel Schoyerer ist Professor an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München und
t wissenschaftlicher Referent am Deutschen Jugendinstitut e. V. in München.
Nina Weimann-Sandig ist Professorin an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit Dresden.
 

Inhalt

Der Band umfasst vier nationale Gutachten zur Kindertagespflege in Deutschland, Dänemark, England und Frankreich. Drei zentrale Fragestellungen sind es, die den Beiträgen zugrundeliegen:
  • die Verankerung und Funktion der Kindertagespflege innerhalb der nationalen Kindertagesbetreuung
  • die Bedeutung und Steuerung von Qualität
  • Prüfsteine bei der Aufrechterhaltung der Kindertagespflege.

Deutschland (Gabriel Schoyerer, Nina Weimann-Sandig)

Neben den Formen der Kindertagespflege gehen die Autoren auf die Tätigkeitsstrukturen und die gesetzliche Prüfung der Eignung ein.
2014 hatten 31% aller tätigen Tagespflegepersonen eine pädagogische Ausbildung. Die Autorin und der Autor erhoffen sich:
  1. Entwicklungen im Bereich des Status, des Berufs und der Qualifikation,
  2. stärkere Regulierungen der Fachberatung und bessere Begleitung durch die örtlichen Träger,
  3. Steuerung und Einbindung der Kindertagespflege in das Kindertagesbetreuungssystem.

Dänemark (Tine Rostgaard)

In Dänemark betreut eine Kindertagespflegeperson bis zu fünf Kinder. In Bezug auf Beobachtung und Dokumentation werden dieselben Anforderungen wie an MitarbeiterInnen in Kindertageseinrichtungen gestellt. Es werden Lernpläne zu den Bildungsbereichen Lernen, Sozialkompetenz, sprachliche Entwicklung, Körper, Bewegung, Natur und kulturelle Ausdrucksformen verlangt. Für private Anbieter gelten diese Anforderungen jedoch nicht.
 
Die wichtigsten Merkmale der Kindertagespflege in  Dänemark: der traditionell hohe Anteil außerhäuslicher Betreuung (weltweit einer der höchsten), die gute soziale und berufliche Absicherung der Tagespflegepersonen, die Entwicklung hin zur altersgemischten Betreuung für Unter-Zweijährige, die Verbreitung privater, teils kommerzieller Angebote und die Problematik, die aus dem Mangel an Regulierung in dieser Sparte erwächst und sich negativ auf die Betreuungsqualität auswirken kann.
 

Großbritannien (Sue Owen)

Allgemein betreuen Tagespflegepersonen vor allem Kinder bis vier Jahre, in einigen Fällen jedoch auch Schulkinder.
Die meisten Kindertagespflegepersonen, 97%, müssen Elternbeiträge erheben, da sie selten Zugang zu öffentlichen Mitteln haben. Tagespflegepersonen sind  meist Selbständige, da sich die öffentliche Festanstellung nicht durchgesetzt hat. Ihr Einkommen liegt weit unter dem nationalen Durchschnitt.
Die  Autorin hält es für wichtig, dass die Kindertagespflege sich aufgrund ihrer speziellen Vorzüge in Zeiten zunehmender Anpassung an Einrichtungen positiv abhebt.
Anhang 1 und 2 beinhalten ein Glossar und die Definition der Qualifikationsstufen.
 

Frankreich (Jeanne Fagnani)

Es existiert praktisch keine selbstständige Form der Kindertagespflege.  Die Mehrheit  der Tagespflegepersonen ist direkt bei den Eltern angestellt. Daneben gibt es weitere Formen der U3-Betreuung, wie kommerzielle Anbieter, „Multi-accueil“-Einrichtungen, die mehrere Betreuungsformen unter einem Dach anbieten, Vorschulen, die bereits Kinder ab zwei Jahren aufnehmen, sowie Großtagespflegeeinrichtungen, die aber keinen Anteil am Gros der Kleinstkindbetreuung haben.
Alle registrierten Pflegepersonen stehen unter der Aufsicht von sogenannten PMI-Zentren. Diese sind Teil eines staatlichen Systems der Gesundheitsvorsorge und –förderung von Kindern bis zum 6. Lebensjahr und ihren Müttern.
 
Der Personalschlüssel wurde 2009 von drei auf vier Kinder herabgesetzt.
Vor Aufnahme der Tätigkeit ist seit 2004 eine Schulung verpflichtend, sowie eine weitere innerhalb der folgenden zwei Jahre. 49% der tätigen Pflegepersonen haben keine, 35% eine  geringe berufliche Qualifikation. Eine Eignungsprüfung existiert nicht.
Das Gehalt erweist sich als regional sehr unterschiedlich, am Mindestlohn und Markt orientiert.
Einkommensschwache Familien in Frankreich verfügen nicht über ausreichende Mittel für eine Tagespflegeperson.
 
Das Gesamtbild hinterlässt den  Eindruck großer Uneinheitlichkeit in Sachen Qualität, Qualifikation, Verdienst und Arbeitsbedingungen, sowie von Unsicherheiten bezüglich der Arbeitsverhältnisse.
Im Anhang sind die wichtigsten Leistungen und Betreuungsangebote tabellarisch zusammengefasst.
 

Ländervergleich (Birgit Riedel, Gabriel Schoyerer, Nina Weimann-Sandig)

Aufgrund des Ländervergleichs kommen die AutorInnen für Deutschland zu folgenden Schlussfolgerungen:
  • In Deutschland sollte die berufliche Anerkennung der Tagespflegepersonen forciert werden.  Festanstellung und  Selbstständigkeit sollten nebeneinander bestehen bleiben.
  • Die Förderung, Beratung und Unterstützung durch die Jugendhilfe gestaltet sich trotz gesetzlicher Pflicht in der Praxis als schwierig und ist noch unzureichend.
  • Die Kommunen sollten sich stärker für die Etablierung von Kindertagespflege einsetzen.
  • Deutschland ist internationales Vorbild in Sachen beruflicher Kompetenzorientierung. 

Fazit

Der vorliegende Expertisenband ist eine Bereicherung im deutschen Fachdiskurs. Die Gastbeiträge von Rostgaard, Owen, Fagnani und der deutsche Beitrag liefern interessante Einblicke und Vergleiche. Der Band zeigt auch ein weites Feld für Forschung auf. Außerdem bietet er dem Leser Blicke „über den Tellerrand“, in einer Zeit, in der die internationale und besonders europäische  Vernetzung für Deutschland mehr denn je gefordert ist, auch in der Bildungspolitik. Aus diesem Grund ist der Band nicht nur eine Lektüre für jede an Kindertagespflege interessierte Leserin, sondern auch für die Verantwortlichen in Politik, Behörden und Arbeitgeberverbänden.
 
Die Rezensentin
Sarah Shkoor hat Literaturwissenschaft studiert und ist staatlich anerkannte Erzieherin. Sie lebt in Baden-Württemberg, ist verheiratet und hat vier Kinder.
 

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