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Rezensionen und Reviews
24.09.2016  Sarah Shkoor

Qualität in der Kindertagesbetreuung: ein Zwischenzeugnis (Rezension)

Das neue Heft von "Archiv für Wissenschaft und Praxis für die soziale Arbeit" enthält neun Fachbeiträge zu den Themen Qualität sowie über neue und alte Herausforderungen in Kindertageseinrichtungen. Im einleitenden Vorwort vergleicht Thomas Rauschenbach die Wirkungsstärke der neuen Rolle von Kindertageseinrichtungen mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht und verleiht der Thematik so eine historische Dimension.

Inhalt

Detlef Diskowski: Stand, Erfolge und Defizite der Qualitätsentwicklung in der Kindertagesbetreuung

Der Qualitätsbegriff in der Kindertagesbetreuung  ist laut Diskowsi  relativ. Er bezieht sich auf das  Qualitätsstrukturmodell von Tietze, das  Mängel in einzelnen Bereichen deutlich macht.
Handlungsbedarf gibt es auf politischer, normativer Ebene und im Spannungsverhältnis von Theorie und Praxis. Kritisch äußert sich der Autor zu Bemühungen, ein einheitliches Qualitätsgesetz zu etablieren, da nur individuelle Verhandlungen von Ländern und Bund über die jeweiligen Bedarfe realistisch sind. Das laufende Programm „Frühe Bildung weiterentwickeln und finanziell sichern“ vertritt diese Sichtweise.
 
 

Martin R. Textor: Die Umsetzung des Rechts auf frühkindliche Bildung in den Bundesländern

Der Förderungsauftrag und die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Erwartungen an ihn werden vorgestellt. Die Notwendigkeit einer entsprechenden Qualitätsoffensive wird verdeutlicht.
Die angeführten Statistiken stellen die Bundesländer nach Rahmenbedingungen vor. Dieser Ländervergleich zeigt, dass es in allen Punkten große Unterschiede gibt. Die bundesweite Betreuungsquote von Kindern unter drei Jahren beträgt 32,9. Der Autor kritisiert, dass der "Förderungsanspruch" im U3-Bereich somit nur bei ca. einem Drittel der Kinder realisiert ist.
Textor fordert Chancengleichheit für alle Kinder der Bundesrepublik und befürwortet ausgleichende Programme wie beispielsweise  „Kita Plus“ und ein übergreifendes Qualitätsgesetz.
 
 

Ralf Kleindiek: Frühe Bildung weiterentwickeln - Chancen des Qualitätsprozesses von Bund und Ländern

Die Bemühungen der Bundesregierung zum Ausbau von Kita-Plätzen im U3-Bereich werden deutlich gemacht. Gleichzeitig wird auf die große Heterogenität der Rahmenbedingungen in den einzelnen Bundesländern hingewiesen. Die Qualitätsarbeit muss gesamtgesellschaftlich gestaltet und dezentralisiert gesteuert werden. Ein Ansatz ist das Communiqué „Frühe Bildung weiterentwickeln und finanziell sichern“. Die gleichnamige Arbeitsgemeinschaft aus Vertretern von Bund und Ländern tagt jährlich in einer Bund-Länder-Konferenz. Im November dieses Jahres wird der Zwischenbericht zu Zielsetzung, Handlungsstrategien und Finanzierungsgrundlagen erwartet. Er soll eine signalsetzende  Wirkung auf das Qualitätsmanagement von Bund und Ländern haben. Kleindiek zeigt sich optimistisch, was eine weitergehende finanzielle Unterstützung des Bundes angeht, betont aber auch, dass Qualitätssteigerung Zeit braucht.
 

Birgit Riedel: Ausgleich sozialer Benachteiligung durch frühkindliche Bildung?

Riedel befasst sich mit der Wirkungsforschung hinsichtlich egalisierender Effekte frühkindlicher Bildungsinstitutionen. Es wird deutlich, dass die Qualität inner- und außerfamiliärer Betreuung, Bildung und Erziehung in Wechselwirkung steht.

Auch zeigen gewonnene Erkenntnisse aus unterschiedlichen Studien, dass kompensatorische Effekte sich nur unter bestimmten Voraussetzungen (z.B. sehr hohe Qualität) klar nachweisen lassen. Es bedarf weiterer Forschung hinsichtlich theoretischer Erklärungsmodelle von Didaktik, Methodik und Zielgruppenanalyse pädagogischer Angebote mit kompensatorischer Wirkung.
 

Monika Wertfein, Sigrid Lorenz: Flüchtlingskinder in Kindertageseinrichtungen: Anforderungen an die Fachkräfte

Bei der Begegnung mit geflüchteten Kindern und ihren Familien ist eine stärkenorientierte und kultursensitive pädagogische Haltung wichtig. Schwierigkeiten können sich aufgrund unterschiedlicher pädagogischer Vorstellungen und Kommunikationsstile ergeben.
Sicherheit und Orientierung zu bieten sind zwei der Hauptaufgaben von Einrichtungen. In Fällen von Traumatisierung muss der Fachdienst herangezogen werden.
 

Wolfgang Rüting: Kommunale Qualitätsentwicklung: gute Erziehungs- Bildungs- und Betreuungsbedingungen in der Kindertageseinrichtung

Dieser Beitrag zeigt die Sicht auf Qualitätsentwicklung und –dialog aus Sicht kommunaler Träger der Jugendhilfe: prozesshaft, unter Einbeziehung aller Beteiligten und am Kind orientiert.
 

Jörg Asmussen: Pädagogische Fachberatung in Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege: die Umsetzung in Schleswig-Holstein
 

Die pädagogische Fachberatung ist ein wichtiges Instrument des Qualitätsmanagements auf Landesebene. Am Beispiel  Schleswig-Holstein wird hier gezeigt, wie eine vernetzte und qualifizierte Fachberatung mit Unterstützung der Landesregierung und der Fachhochschule Kiel  Modellcharakter haben kann.
 

 Xenia Roth: Kita!Plus: Qualitätsentwicklung im Diskurs

In diesem Beitrag wird gezeigt, wie sich seit 2002 in Rheinland-Pfalz mehrere Sozialpartner auf den Weg gemacht haben, um Qualität zu evaluieren, zu entwickeln und nachhaltig zu stärken. So wird auch in Folge des Landesprogramms „Kita! Plus“ ein anspruchsvolles und praxistaugliches Evaluationsinstrument durch ein Team der Hochschule Koblenz entwickelt. 2016 wird an dieser Hochschule ein neues Institut für frühe Bildung gegründet, welches die Landesregierung fachlich unterstützen soll. Weiterhin wird  eng mit den Sozialpartnern einschließlich Elternvertretungen gearbeitet.

 

Marion von zur Gathen, Christine Lohn: Auf halber Strecke - der Anspruch auf Qualität und inklusive Bildung in der Kindertagesbetreuung
 

Die Autorinnen beschreiben die Entwicklung der Kindertagesbetreuung in Deutschland seit der Jahrtausendwende. Zur Definition von Qualität wird das Strukturmodell von Tietze herangezogen. Inklusive Kitas werden als mögliche Anführer eines gesellschaftlichen Umdenkens hinsichtlich von Inklusion gesehen. Voraussetzungen sind Investitionen und Verständigung zwischen Bund und Ländern wie in der AG „Frühe Bildung weiterentwickeln und Finanzierung sicherstellen“.
 
 

Fazit

Das Heft bietet Einblicke in die neuesten Debatten um Qualität in der frühkindlichen Bildung, Erziehung und Betreuung. Die unterschiedlichen Blickwinkel in der Beitragsauswahl  werden von Autoren aus Politik, Behörden, Forschung, Kirche und Verbänden formuliert. Die  jeweiligen Standpunkte sind nachvollziehbar. Es gibt auch übereinstimmende Forderungen wie die nach einer effektiven Qualitätsentwicklung, die vom Bund gefördert und auf Landesebene angesichts  der Unterschiede von Einrichtungen umgesetzt wird.  Dies setzt einen intensiven Dialog zwischen Bund und Ländern voraus. Die Qualitätsfragen, aber auch Themen wie Inklusion, Integration, kompensatorische Maßnahmen oder Fachberatung machen deutlich: Erst durch die Mitwirkung bzw. Teilhabe von Politik, Trägern, Fachkräften, Eltern und Kindern kann eine Qualitätsoffensive gelingen.
 
Quelle:
Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit (2016), 47. Jahrgang, Nr. 3/2016, Herausgegeben von Peter Buttner. Im Auftrag des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V. Berlin.

Die Rezensentin
Sarah Shkoor hat Literaturwissenschaft studiert und ist staatlich anerkannte Erzieherin. Sie lebt in Baden-Württemberg, ist verheiratet und hat vier Kinder.
 

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