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Digitale Bildung
14.10.2016  Sarah Shkoor, Hilde von Balluseck

Digitale Technologien in der frühen Kindheit (Review)

Das neue Heft von Early Years befasst sich mit den häufig umstrittenen Themen digitales Spiel und Technologien in den ersten Lebensjahren. Wir stellen Ihnen zwei der interessantesten Artikel vor, die auch für die deutschsprachige Fachwelt wichtige Erkenntnisse bieten.

Mediatisierung im Kindergarten

Helen Knauf von der Hochschule Fulda präsentiert Ergebnisse einer Studie zu Social Media im Kindergarten. Sie skizziert zunächst die wichtigsten Erkenntnisse im Bereich der Funktion, Risiken und des möglichen Nutzens. Dieser liegt laut Studien vor allem in der Förderung der frühkindlichen Literacy und des sozialen Lernens durch den gemeinschaftlichen Konsum und den regen Austausch innerhalb der Kindergruppen. Der Nutzen ist umso größer je mehr die digitalen Medien der Entwicklungsstufe des jeweiligen Kindes entsprechen, wenn Lehrkräfte unterstützend wirken und die Technologie Teil des Lehrplans ist. Dennoch gibt es Vorbehalte gegenüber dem Einsatz digitaler Medien in der frühen Kindheit, da frühe Lernprozesse doch von Unmittelbarkeit und Sinneseindrücken geprägt sind.
 
Ein Forschungsansatz, der dazu dienen soll, die soziale Entwicklung der Mediatisierung wertfrei zu beschreiben und zu analysieren, ist die Kulturwissenschaft. Der 'Circuit of Culture' untersucht, wie   Bedeutungen entstehen und welche Rolle Kinder dabei spielen. Mit dem  Begriff der Mediatisierung wird der Metaprozess der  indirekten Einflussnahme digitaler Technologie auf die verschiedensten Lebensbereiche beschrieben.
 
Auf  diesem theoretischen Hintergrund hat die Autorin eine amerikanische Vorschulklasse exemplarisch als soziale Welt in ihrer Wechselbeziehung zur  digitalen Welt untersucht.
 

Methode

Knauf untersuchte die digital sehr versierte Vorschulklasse einer öffentlichen Grundschule in Vermont/USA. Die Klasse bestand aus  12 Jungen und sechs Mädchen und wurde von einer erfahrenen Lehrerin unterrichtet. Die IT-Ausstattung umfasste einen PC und vier Tablets, sowie ein Smart Board, das vor allem zum Projizieren auf den Monitor diente. Folgende Internetanwendungen wurden im Klassenzimmer genutzt: Soziale Medien (Twitter, Facebook, Seesaw, Instagram, Kidblog), interaktive Tools (Padlet, Google Forms), und Kommunikationsdienste (Skype, Google Hangout, emails).
 
Die Studie basiert auf halb-offenen Interviews, Analysen von schriftlichem Material aus den digitalen Kanälen und Beobachtungen. Das Ziel der Autorin ist es, die subjektiven Theorien der Teilnehmenden  zu ermitteln, ohne den Anspruch zu erheben, alle Mediatisierungserfahrungen zu repräsentieren.
 

Mediatisierung aus Sicht der Beteiligten

Die unterschiedlichen digitalen Features kommen der Vielfalt  verschiedener Bildungs- und Erziehungsziele,  aber auch den Methoden, Bildungsinhalten und Kommunikationswegen zugute. So gibt es  beispielsweise die via Twitter veröffentlichten, auf weltweiten Austausch ausgerichteten Nachrichten oder private, nur an die Eltern gerichtete Daten z.B. per Seesaw, einer Art digitalem Portfolio. Während das Smart Board allen Kindern ermöglicht, ihre digitalen Veröffentlichungen jederzeit einzusehen, werden Gruppenbeiträge erst im Plenum in einer Art demokratischen Verbalisierungsprozesses ausgehandelt, bevor sie der Lehrerin ins Netz diktiert werden.
Die verschiedenen Möglichkeiten der Wiedergabe und Reproduktion von Lerngängen erweitern den Input von Informationen, das Erleben von Öffentlichkeit löst die Isolation des realen Klassenzimmers auf und ermöglicht den Zugang zur pulsierenden digitalen Welt; die Gruppenarbeit wiederum verstärkt und sensibilisiert die Interaktion zwischen den Schülern und ihrer Lehrerin. Eine große Weltkarte, analog und von den Kindern gemalt, hängt im Klassenzimmer.  All diese Phänomene können dem Mediatisierungsprozess zugeordnet werden.
 
Den ersten Impuls für die Installierung digitaler Tools bekommt die Lehrerin von einer Kollegin, einer  integrativen Fachkraft. So erhält sie Einblicke in die Einrichtung und Unterhaltung von Blogs und stellt selbst einen auf. Twitter nutzt sie, um die Familien der Kinder zu kontaktieren und lernt etwas später darüber auch die Vorteile des Lehrernetzwerks für sich zu nutzen, bevor sie dieses und andere Tools in ihre Klasse einführt. Die pädagogischen Ziele der Lehrkraft sind nach eigener Angabe die Erfahrung der Öffnung und Überlagerung der  eigenen in andere soziale Welten und digitale Literacy, mehr im Sinne des verantwortungsbewussten Umgangs als der technischen Kompetenz. Auch die sozialen Welten aller Schülerfamilien werden einbezogen; wenn nötig, wird ihnen zum Internetzugang verholfen.
Die Erweiterung ihrer Professionalität und ihres Statusbewusstseins spiegelt sich in der verbreiterten Netzwerkarbeit der Lehrerin wider. Auch Persönlichkeitsmerkmale wie erhöhte Kritikfähigkeit, Offenheit und Kooperationsbereitschaft sowie stärkere Bewusstheit von Repräsentation werden bei ihr ausgeprägter durch das Online-Gehen ihrer Vorschulklasse.
Die Kinder können digitale Tools problemlos in die Reihe ihrer analogen Lernmaterialien integrieren , ohne dass diese einen höheren Stellenwert an Beliebtheit erreichen. Symbole wie ein Vogelplüschtier als Aufhänger für bevorstehendes Twittern oder tägliche Tafel-Karten mit den Namen der auf dem Plan stehenden Onlineanwendungen konkretisierten die gemeinsamen digitalen Handlungen. Bei Problemen können die Kinder in einem selbst zusammengestellten Buch alle Schritte nachschlagen. Die Online-Sitzungen werden meist von der Lehrerin initiiert. Der Lehrplan beinhaltet zwar hauptsächlich analoge Fertigkeiten, jedoch werden analoge Lernprozesse und Arbeitsergebnisse  bevorzugt online gestellt. Ein Großteil der Inhalte ist Metakognition in praktischer Tätigkeit.

Die Eltern beurteilten die  zusätzliche Unterrichtsform positiv und erlebten  die digitale Dokumentation von Lernprozessen als eine Wertschätzung für ihre Kinder. Sie nahmen bei  sich einen  Kompetenzzuwachs im sozialen und methodischen Bereich, sowie bei Selbst- und Sachkompetenz wahr. Auch  die familiäre Kommunikation und Bindung erfuhr durch die tägliche Einbeziehung in den Schulalltag neuen Aufschwung.
In ihrem Schlusswort fasst Knauf die wichtigsten Vorteile des digitalen Lernens in der frühen Kindheit für alle Hauptakteure zusammen, nennt aber auch die möglicherweise exkludierenden Aspekte, wie sprachliche, zeitliche und technische Hürden, die auf Seiten der Eltern auftreten können.
Der Leserin dieser Studie wird ausführlich, und durch die vielen Screenshots sehr anschaulich, am Beispiel dieser US-amerikanischen Vorschulklasse gezeigt, wie  der Umgang mit digitalen Medien gestaltet werden und wie die Resonanz bei den Beteiligten sein kann. Sie erfährt, wie die neuen Medien zugunsten der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft mit den Eltern eingesetzt werden, und dass dieser Bildungsbereich wie nebenher den Zusammenhalt von Klasse und Familien stärken kann. Auch wird verdeutlicht, wie der Mediatisierungsprozess die soziale Welt des Klassenzimmers virtuell erweitert.
Wünschenswert in diesem Artikel wären mehr Details in Bezug auf den Kompetenzerwerb der Kinder  und mehr konkrete Beispiele  für den Verbalisierungsprozess von  Nachrichten. So entsteht der Eindruck, dass das Mehr an Benefit eher den Eltern als den Kindern zugutekommt.
 

Die Wahrnehmung des Internets bei kleinen Kindern
 

Der zweite Artikel  behandelt  eine australische  Pilotstudie zur frühkindlichen Wahrnehmung des Internets und zu Kenntnissen von Cyber- Risiken. Darin werden zunächst die bisherigen Erkenntnisse zu diesen Fragen dargestetlt und eine kurze Übersicht über den Grad der Einbeziehung von Kindern bei kindbezogenen Forschungen gegeben.

Untersuchungsmethode sind Interviews mit verschiedenen thematischen Schwerpunkten. Die Ergebnisse wurden per Tonband und Kamera festgehalten. Dabei gibt es neben der Interventionsgruppe, die 48 Kinder umfasst, eine 23köpfige Kontrollgruppe. Zwar wurden die Kinder beider Gruppen befragt, jedoch erhielten die PädagogInnen der Interventionsgruppe zusätzlich Einsicht in die Ergebnisse der Befragung und absolvierten ein Fortbildungsseminar über Internetsicherheit. Die Befragung  bezog sich auf die Wahrnehmung von Technologie und Internet und auf die Kenntnisse zur  Internet-Sicherheit. Alle Fragen wurden im Kontext kindgemäßer Bilder und  Geschichten gestellt.
 
Der Artikel legt den Fokus auf  drei Aspekte. Erstens die Art und Weise, wie Kinder während der Nutzung von digitalen Tools mit Eltern und Pädagogen interagieren. Zweitens die Rolle der Peergroup im Hinblick auf die Aneignung  von technologischen Fertigkeiten, Allgemeinwissen und Einstellungen. Drittens sozialen Praktiken,  die Kinder mit dem Gebrauch von IT in ihrem Alltag anwenden. Diese drei Aspekte entwickeln die ForscherInnen auf dem Hintergrund u.a. der Theorien von Wygotsky und des Sozialen Konstruktivismus.
 
Die Pilotstudie ist - zumindest in Australien - die erste, die sich mit frühkindlicher Cyberwahrnehmung und Verständnis von Sicherheit im Internet auseinandersetzt, da alle anderen Untersuchungen auf diesem Gebiet erst  Schulkinder in den Blick nehmen.
 
Im Resümee betonen die ForscherInnen unter anderem die begrenzte Aussagekraft ihrer Befragung, die sie durch Umformulierungen und Veränderung ihres inhaltlichen Ansatzes beheben wollen. In einer weiteren Studie planen die AutorInnen eine stärkere Integration der Erfahrungen und Praxis der Kinder in ihre  Fragen.
 

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