Anmelden
Inklusion/Diversity
17.10.2016  Marcus Hasselhorn, Kathleen Thomas

Lernschwäche und Lernstörungen

Wenn sich Schulkinder beim Lesen, Schreiben oder Rechnen schwertun, kann eine Lernschwäche dahinterstecken. Wie können Pädagogen diese erkennen und die Kinder in ihrer Entwicklung unterstützen?

Auf einen Blick

  • Wenn Kinder auffallend schwache Leistungen im Lesen, Schreiben oder Rechnen zeigen, obwohl sie in anderen Fächern keine Probleme haben, kann eine Lernstörung vorliegen.
  • Die Ursache von Lernstörungen sind meist Defizite bei bestimmten Gehirnfunktionen, etwa beim Erkennen und Speichern von Lauten oder bei bestimmten Funktionen im Arbeitsgedächtnis.
  • Lehrkräfte können betroffene Kinder in der Schule durch eine spezifische Förderung und einen Nachteilsausgleich unterstützen.
„Das blaue Fahrrad“: Steffen spricht die Wörter laut vor sich her und schreibt sie schnell auf. Und noch einmal. Der Achtjährige bereitet sich zusammen mit seiner Mutter auf das Diktat vor, das in der Schule ansteht. Gerne macht er das nicht, obwohl ihm die Schule sonst Spaß macht. Steffen übt viel zu Hause mit seinen Eltern. Zwei Tage später, im Diktat, diktiert die Lehrerin „Ben fährt mit seinem blauen Fahrrad zum Spielplatz“. Steffen schreibt etwas unleserlich „Ben fehrt mt siem dlauen farat zum silbats“.

Schulische Leistungsprobleme beim Rechtschreiben, Lesen und Rechnen sind weit verbreitet: Ein Drittel aller Grundschulkinder zeigt in mindestens einem dieser drei Fertigkeitsbereiche auffällig schwache Leistungen. Obwohl das Kind nicht weniger intelligent ist, hat es im Vergleich zu Gleichaltrigen in diesen Bereichen Probleme. In diesem Fall spricht man von einer Lernstörung. In Deutschland sind etwa acht Prozent aller Kinder betroffen.
Die Ursachen für Lernstörungen sind vielfältig. Einerseits können lange Fehlzeiten oder mangelnder Schulunterricht der Grund sein. Lernstörungen können aber auch daran liegen, dass bestimmte kognitive Funktionen nicht gut ausgeprägt sind. Lernstörungen beim Lesen oder Rechtschreiben treten zum Beispiel auf, wenn Defizite in der phonologischen Informationsverarbeitung bestehen, also der Verarbeitung und Speicherung von Sprachlauten im Gehirn. Bei Rechenstörungen nehmen Forscher an, dass ein Defizit im grundlegenden Verständnis von Zahlen für das Entstehen verantwortlich ist. Auch ein eingeschränktes Funktionieren des visuell-räumlichen Arbeitsgedächtnisses kann eine Rolle spielen.

Wie erkennen Lehrkräfte Lernstörungen?

Kinder mit einer Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten machen häufig Fehler und zeigen andauernde Schwierigkeiten in der Schule. Die Symptome unterscheiden sich zwischen den unterschiedlichen Formen der Lernstörung:

Lesestörung

Häufung von Lesefehlern wie das Auslassen, Verdrehen oder Hinzufügen von Buchstaben und Wörtern
Schwierigkeiten beim lauten Vorlesen
ein schlechtes Leseverständnis
eine niedrige Lesegeschwindigkeit

Rechtschreibstörung

das Verdrehen, Vertauschen oder ­Auslassen von Buchstaben im Wort und das Einfügen zusätzlicher Buchstaben
Schwierigkeiten beim Einhalten gram­matischer Regeln wie Groß- und Kleinschreibung
Probleme bei der lautgetreuen ­Schreibung von Wörtern
mehrfach unterschiedliche Falsch­schreibungen der gleichen Wörter

Rechenstörung

Schwierigkeiten im Umgang mit ­Mengen, Zahlen und Größen
Probleme beim Aufsagen und Auf­schreiben von Zahlen sowie bei der Zählfertigkeit
Schwierigkeiten in Schritten größer als Eins zu zählen
mangelndes Verständnis des Dezimal­systems
Schwierigkeiten beim Zuordnen von ­Zahlen zu Ziffern und umgekehrt, ­beispielsweise Zahlendreher, Stellenwertfehler, Fehler bei Aufgaben zum Bündelungsprinzip
Probleme bei der Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division

Lernstörungen bringen oft weitere Probleme mit sich. Betroffene Kinder haben häufig weniger Spaß am Lernen, zeigen eine geringere Bereitschaft, sich anzustrengen, gehen ungern zur Schule, haben sogar Angst davor, oder haben psychosomatische Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen.
Für die Diagnose sollte zunächst mithilfe standardisierter Schulleistungstests das Leistungsniveau im betroffenen Bereich festgestellt und ein Intelligenztest durchgeführt werden. Zusätzlich sollten die verschiedenen Funktionen des Arbeitsgedächtnisses überprüft und ein fachärztlicher Hör-und Sehtest durchgeführt werden, um dies als Ursache für die schwachen Leistungen auszuschließen.

Was hilft bei Lernstörungen?

Im deutschsprachigen Raum gibt es eine Vielzahl von Förderprogrammen zur Prävention und Intervention bei Lernstörungen im Lesen, Rechtschreiben oder Rechnen. Präventionsprogramme sollen späteren Schwierigkeiten vorbeugen und können bereits im Kindergarten oder in den ersten Grundschuljahren eingesetzt werden. Mit computergestützten Trainingsprogrammen wie „CODY“ bei Dyskalkulie oder „Lautarium“ bei Lese- und Rechtschreibschwäche können Kinder in der Schule oder zu Hause gezielt gefördert werden.
Wird eine Lernstörung diagnostiziert, sind neben der Teilnahme am schulischen Förderunterricht meist auch außerschulische Fördermaßnahmen erforderlich. Die Maßnahmen sollten dabei auf die Ergebnisse der Diagnostik und die individuelle Entwicklungsstufe des Kindes abgestimmt sein, es emotional stabilisieren und seine Lernmotivation fördern. Lehrkräfte sollten das Kind in der Schule zudem durch eine spezifische Förderung und einen Nachteilsausgleich entlasten – also etwa durch Zeitverlängerung bei Klausuren oder Notenschutz. Die Regelungen hierzu sind je nach Bundesland verschieden.

Bei Steffen wurde eine Lese- und Rechtschreibschwäche diagnostiziert. Seit er und seine Eltern wissen, woran seine Probleme liegen, ist das Lernen für ihn nicht mehr so frustrierend. Jetzt übt er regelmäßig mit einem Lerntherapeuten. Das Lesen und Schrei­ben geht schon schneller – auch wenn er immer noch Fehler macht.

Weiterführende Informationen
Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e.V. bietet Betroffenen, Eltern und Lehrkräften telefonische Beratung an:
www.bvl-legasthenie.de

Der Forschungsschwerpunkt des Bundesbildungsministeriums „Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten” beschäftigt sich mit Lernstörungen. Eine Broschüre zu den Forschungsprojekten und -ergebnissen gibt es kostenlos zum Download oder gedruckt auf:
www.esf-koordinierung.de
 
 
DIE AUTOREN
Dr. Marcus Hasselhorn ist ­Professor für Psychologie und Direktor des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main. Eine seiner Motivationen zur Erforschung des Arbeitsgedächtnisses ist seine eigene Schwäche bei der Verarbeitung von Sprachklängen.

Dr. Kathleen Thomas, Psycho- und Neurolinguistin, arbeitet als Koordinatorin des BMBF-Forschungsschwerpunkts „Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten“ am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung. Sie versucht, ihre Kinder zweisprachig, Deutsch und Englisch, zu erziehen.
Quelle: http://didacta-magazin.de/

Foto: Monkey Business Group/Fotolia

Teilen auf
Teilen auf Facebook