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Inklusion/Diversity
31.10.2016  Karsten Hermann interviewt Heidi Keller

„Die Welt funktioniert nicht überall so, wie wir sie sehen!“

Andere Länder, andere Entwicklungsziele. Kultur- und ­Entwicklungspsychologin Heidi Keller erklärt, warum Kitas mehr Toleranz und kultursensible Eingewöhnungsmodelle brauchen.
Ein wichtiges Thema in der deutschen Elementarpädagogik ist der Umgang mit Familien und Kindern mit Fluchterfahrung in den Kitas. Dies wird als große und neue ­Herausforderung beschrieben. Ist es denn so neu?

Prof. Dr. Heidi Keller: Neu ist es nicht, denn im Kern geht es um die Frage der Interkulturalität. Diese stellt sich seit Jahren in den meisten Kitas bei Kindern mit Migrationshintergrund, die mittlerweile im Durchschnitt ein Drittel der Kinder stellen – mit zunehmender Tendenz. Allerdings hat man die Bedeutung kultureller Unterschiede in der Entwicklung und Erziehung von Kindern lange Zeit nicht ernst genommen und tut es teilweise noch nicht. Da muss man nur in die Bildungs- und Orientierungspläne schauen, in denen Kultur über weite Strecken nicht als gelebter Alltag, sondern ausschließlich unter ästhetisch-künstlerischer Perspektive auftaucht. Neu ist sicherlich die spezifische Belastungssituation, denen Kinder und Familien auf der Flucht ausgesetzt waren und die vermutlich bei vielen nicht ohne Spuren geblieben ist. 

Schätzungen zufolge sind 40 bis 50 Prozent der zu uns kommenden ­Kinder mit Fluchterfahrung traumatisiert. Was raten Sie Kita-Fachkräften im Umgang mit diesen Kindern?

Die meisten Kinder, die über Land und Wasser nach Deutschland geflüchtet sind, haben Schreckliches und Belastendes erlebt. Aber ihr Umgang mit diesen Belastungssituationen und deren Verarbeitung ist wiederum stark kulturell geprägt. Hier ist das Wissen um kulturelle Erlebens- und Verhaltensweisen entscheidend. Das Grundproblem ist, dass wir in unserer westlichen Kultur sehr ego- und ethnozentrisch sind und glauben, dass die Welt überall so funktioniert, wie wir sie sehen. Wir sollten daher aufpassen und Belastungsstörungen nicht einfach nach westlichen Lehrmeinungen einordnen und therapieren, denn da können wir leicht noch größeren Schaden anrichten. 

Was ist Ihr Vorschlag?

Für die Arbeit in der Kita ist es wichtig, Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln – allerdings nicht nach dem westlichen Modell. Es gibt Behandlungsansätze und Traumatherapien aus nicht westlicher Perspektive. Dieses Wissen muss für den deutschen Kontext aufgearbeitet und in Strategien umgesetzt werden. Das kann allerdings nicht die Aufgabe von Erzieherinnen und Erziehern sein. 

Der Umgang mit Kindern und Familien mit Fluchterfahrung in den Kitas ist also auch eine Frage der interkulturellen Kompetenz. Was sind aus Ihrer Sicht deren Basics?

Interkulturelle Kompetenz ist eine Trias aus Wissen, Haltung und Können. Wissen über kulturelle Unterschiede ist die Grundlage, und in meinen Fortbildungen haben die pädagogischen Fachkräfte immer wieder Aha-Erlebnisse, wenn sie hören, wie unterschiedlich die Entwicklungs-, Erziehungs- und Sozialisationsziele von Eltern auf der Welt sein können. Und alle haben dabei ihre Berechtigung. Es gibt nicht die eine beste Methode, ein Kind großzuziehen, denn die Entwicklungsziele sind unterschiedlich. Man muss sich also darüber bewusst sein, dass man selbst eine bestimmte kulturelle Brille aufhat, durch die andere vielleicht nicht so gut sehen können. 

Reicht das Bewusstsein aus, dass die Vorstellungen immer auch anders und zugleich richtig sein können oder brauchen pädagogische Fachkräfte detaillierte Kenntnisse darüber, was etwas in welcher Kultur bedeutet?

Es gibt eine unglaubliche Fülle kultureller Unterschiede, aber es gibt auch grundlegende Dimensionen, die sich gut eignen, eine Ordnung in die Vielfalt zu bringen. Eine solche Dimension ist, ob man die Welt aus einer individuellen Perspektive sieht und dem Vorrang gibt, was man selbst will oder entscheidet. Oder ob man die Welt aus einer gemeinschaftlichen Perspektive sieht, wie es zum Beispiel ein afrikanisches Sprichwort sagt: Ich bin, weil wir sind! Mit diesen grundlegenden Orientierungen sind ganz unterschiedliche Werte, Normen und Verhaltensweisen verbunden. 

Entscheidend ist also unsere ­Haltung?

Es ist wichtig, dass wir uns darüber bewusst werden, wie unsere eigene Kultur funktioniert und wie tief sie uns prägt. Das uns Selbstverständliche muss also zunächst hinterfragt und aufgedeckt werden. Und das betrifft alle Lebensbereiche. Wir haben beispielsweise alle einen persönlichen Raum und es ist kulturell bedingt, wie nah wir andere an uns heranlassen. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen mit einem Bekannten in einem Café zusammen und trinken Kaffee. Schieben Sie nun Ihre Tasse einfach einmal nah an die Tasse Ihres Bekannten und schauen Sie, was passiert! Wir müssen verstehen, dass andere Menschen grundsätzlich anders ticken und anderes für wichtig, richtig und gut halten. Das müssen wir selbst nicht gut finden, aber so geht es anderen eben auch mit uns. Interkulturelle Kompetenz bedeutet, dass wir diese Unterschiede zunächst einmal akzeptieren und nicht bewerten. Wir sollten diese Vielfalt ernst nehmen und tatsächlich als Chance und Bereicherung sehen. 

Das wird vielerorts propagiert, aber wie sieht es in der Realität aus?

Hier wird es kaum umgesetzt, obwohl Menschen mit multikultureller Identität kognitiv flexibler sind, in verschiedenen Systemen denken können und damit das Rüstzeug haben, in dem von Globalisierung geprägten Alltag gut zurechtzukommen. Menschen können sehr gut mehrere Sprachen sprechen und Identitäten leben. Menschen, die ihre kulturelle Identität und ihre Sprache aufgeben, sind weniger gut integriert, sie haben einen niedrigeren Bildungsabschluss, sind häufiger arbeitslos, und es geht ihnen insgesamt weniger gut. Das Erhalten der eigenen Kultur und der eigenen Sprache ist für Kinder mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung also ein starker protektiver Faktor.

Was verstehen Sie unter der dritten Komponente ­‚Können‘?

Da geht es darum, dass pädagogische Fachkräfte in der Kita nicht nur ein eindimensionales pädagogisches Credo verfolgen, sondern Lern- und Entwicklungsangebote schaffen, die für Kinder aus verschiedenen Kulturen passen. So sind Kinder aus anderen Kulturen beispielsweise zunächst oft überfordert, wenn sie sich – wie unter anderem in den offenen Konzepten üblich – entscheiden müssen, was sie tun möchten. Wir brauchen Alternativen zwischen verbindlich strukturierten und offenen Angeboten.

Sehr deutlich werden kulturelle Unterschiede auch beim Thema Bindung und Eingewöhnung in der Kita. Wo sehen Sie hier mögliche Konflikte?

Das ist genau der Punkt, an dem die Konflikte zurzeit am deutlichsten werden. Unsere Bindungs- und Eingewöhnungskonzepte, wie zum Beispiel das Berliner Modell, sind auf unsere westliche Mittelstandsgesellschaft ausgerichtet und passen teilweise noch nicht mal auf deutsche Familien, die nicht aus der Mittelschicht stammen. Noch viel weniger passen sie zu Familien aus Kulturen, in denen nicht die Mutter das kindliche Universum reguliert, sondern in denen Kinder von verschiedenen Personen, meist Geschwistern, erzogen werden – und Varianten dieses Modells praktiziert die überwiegende Mehrheit der Weltbevölkerung. Sehr viele Kinder haben etwa ab dem Alter von ein bis zwei Jahren kaum noch Kontakt zu Erwachsenen. Wenn dann plötzlich die ganze Zeit die Mutter während der Eingewöhnung präsent ist, hat das für das Kind eher etwas Beunruhigendes und Beängstigendes. Das unterschätzt man ebenso wie man auch die Ressource der anderen Kinder und der Peer-Interaktionen in der Kita – nicht nur – für die Eingewöhnung völlig unterschätzt.

Welche Rolle spielen die Kommunikation und die Zusammenarbeit mit Eltern bei der interkulturellen Kompetenz?

Die Zusammenarbeit mit der Familie ist zentral. Wir denken natürlich, dass es immer die Eltern sein müssen, mit denen die Kita die Erziehungspartnerschaft eingeht. In vielen Kulturen sind aber andere Personen die Ansprechpartner, wie die Großmutter, Tanten, ältere Geschwister. Das ist natürlich hier in Deutschland nicht immer möglich, wenn die Familie verstreut ist und nicht zusammen lebt. Auch das ist eine Herausforderung, die zu bewältigen ist, wenn die sozialen Strukturen aufgebrochen sind und die vertrauten und stabilisierenden Umgangsformen nicht mehr möglich sind. Interkulturelle Kompetenz bedeutet in jedem Fall, sich mit anderen Familienmodellen und anderen Verantwortlichkeiten auseinanderzusetzen und sie in die pädagogische Arbeit miteinzubeziehen. Dazu bedarf es allerdings auch anderer Ausbildungs- und Weiterbildungsinhalte als die derzeit vermittelten. 


Heidi Keller ist Professorin i.R. an der Universität ­Osnabrück und Direktorin von Nevet an der Hebrew University in Jerusalem. Von 2008 bis 2014 leitete sie die nifbe-Forschungsstelle Entwicklung und Kultur.

Quelle: Meine Kita - Das didacta Magazin für den Elementarbereich 04/2016, Seite 16-19
 

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