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Kita
15.11.2016  Karsten Herrmann

Interaktion als Schlüssel zur Welt

Nach dem quantitativen Ausbau der Krippenplätze steht jetzt die konsequente qualitative Weiterentwicklung der Einrichtungen an. Als eine der zentralen Qualitätsaspekte gilt gerade bei den Kleinsten die Qualität der Beziehung und der Interaktion – der Interaktion zwischen ErzieherInnen und Kindern, aber auch der Interaktion zwischen den Krippen-Kindern selber. Auf einer nifbe-Fachtagung im Schloss der Universität Osnabrück standen daher jetzt die Gestaltung von Beziehung und Interaktion in der Kindertagesbetreuung in zwei Hauptvorträgen sowie neun Workshops im Fokus.
Zur Begrüßung wies nifbe-Direktorin Prof. Dr. Renate Zimmer auf die enormen Chancen für die unter Dreijährigen in der Kindertagesbetreuung hin: „Kinder brauchen Kinder“ unterstrich sie und beschrieb die Lust und Begeisterung, mit der Kinder von Anfang an auf andere Kinder reagieren. Ebenso bräuchten Kinder aber natürlich auch die sie begleitenden Erwachsenen und auf der Basis einer sicheren Bindung und Beziehung „anregungsreiche Lernumgebungen und die Möglichkeit zur Exploration“. Mit dem Rechtsanspruch und dem massiven Ausbau der U3-Plätze – alleine zwischen 2013 und 2015 sind 90.000 geschaffen worden – stünde die institutionelle Kindertagesbetreuung „unter großen Erwartungsdruck“ und „vor enormen fachlichen Herausforderungen“. Notwendig sei daher die bestmögliche Aus- und Weiterbildung der Pädagogischen Fachkräfte und mit Fachtagungen wie der heutigen und der aktuellen Landesweiten Qualifizierungsinitiativen leiste das nifbe dazu einen Beitrag.

Im Eröffnungsvortrag beschrieb Dr. Anke König, Professorin an der Universität Vechta und Leiterin der WiFF-Initiative, eindrücklich die Bedeutung der sozialen Interaktion und Beziehung für die kindliche Entwicklung. Die Auseinandersetzung mit der sozialen Welt sei „der Schlüssel für Bildungsteilhabe und Partizipation von Anfang an“. Voraussetzung dafür sei in der Kindertagesbetreuung die „Resonanz und Feinfühligkeit“ der Pädagogischen Fachkräfte.
 

Interaktion als Schlüssel für Bildungsteilhabe

„Menschsein ist Möglichkeit und gestaltet sich in der Interaktion mit der Umwelt“ betonte Anke König. Entwicklungspsychologischer Ausgangspunkt seien in einer insgesamt rasanten neuronalen Entwicklung dabei die Spiegelneuronen, die zu wechselseitiger Resonanz und intuitiver Imitation führten. Zentral seien in der ersten Zeit dabei auch die Zeigegesten der Jüngsten und die damit ausgelöste „Geteilte Aufmerksamkeit“. Gelungene Interaktion zeichne sich durch „wechselseitiges Nachspüren und Passung“ aus. Für das Erleben von Partizipation und Interaktion nehme das Spiel eine zentrale Rolle ein und Dialoge seien dabei die Basis für Kooperation.

Mit einem kurzen historischen Abriss zeigte Anke König, wie sich das pädagogische Setting für Interaktionen in den letzten 200 Jahren „immer stärker auf die Kraft und Wirksamkeit der Kinder, ihre ‚Agency‘“ ausgerichtet habe. Schon früh lernten Kinder die Wünsche und Überzeugungen von anderen zu erkennen und mit 28 Monaten sei der Wortschatz des Kindes stark auf das Wünschen ausgerichtet. In diesem Sinne gebe es auch eine „starke Inderdependenz von sozialer Kognition und Sprache“.

„Die zentrale Handlungsanforderung für pädagogische Fachkräfte ist es, die Bedürfnisse von jungen Kindern, ihr Streben nach Partizipation, Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit ernst zu nehmen und hoch sensitiv darauf zu reagieren“ resümierte Anke König. Eine "Ethik der pädagogischen Beziehungen" müsse dabei auch die „Anerkennung von Vielfalt und ein kollektives menschrechtlich- demokratisches Grundverständnis einschließen.“


In zwei Panels mit jeweils neun unterschiedlichen Workshops konnten die Tagungs-TeilnehmerInnen in der Folge die Bedingungen und Möglichkeiten der Interaktionen an ganz konkreten Alltagssituationen in Krippe und Kindertagespflege näher kennen lernen, miteinander diskutieren und zum Teil auch direkt selbst erfahren. Die Themen reichten dabei vom Essen und Schlafen über Pflege- und Garderobensituationen, das Hauen, Kratzen oder Beißen bis zur Selbstkompetenzförderung, Psychomotorik und einer kultursensiblen Haltung.
 

Die Bedeutung der Peer-Interaktionen

In ihrem Abschlussvortrag zeigte Prof. Dr. Renate Zimmer mit faszinierenden Videobeispielen das bisher noch sehr unterschätzte Potenzial von Peer-Interaktionen in den ersten drei Jahren auf. Im Gegensatz zur Interaktion mit Erwachsenen seien Peer-Interaktionen „symmetrisch und auf Augenhöhe“. Von Anfang an hätten Kinder den Willen zur Peer-Interaktion und bekundeten ihn durch Lächeln, Lautieren oder Berühren. Eine zentrale Rolle spielten hier „der Körper als Mittler von Botschaften“ und die „gegenseitige Nachahmung“. Informierende oder auch auffordernde Zeigegesten führten hierbei zu „geteilter Aufmerksamkeit und Kooperation“.

Wie Renate Zimmer ausführte, haben Peer-Interaktionen eine kaum zu überschätzende Bedeutung für die soziale, kognitive und sprachliche Entwicklung der Kinder. Spiel und Rollenspiel der Kinder untereinander und mit wechselndem Zuhören und Sprechen seien dabei auch insbesondere „Motor für den Spracherwerb“. Als unschlagbarer Motor des Spracherwerbs zeigte sich in einem abschließenden Videobeispiel auch das schon früh funktionierende dialogische Lesen bzw. Bilderbuchbetrachten: Im Wechselspiel des Fragens und Antworten wurde hierbei von zwei Zweijährigen auf ebenso beeindruckende wie berührende Weise die Welt der Tiere erkundet und gekonnt durchdekliniert.

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