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Soziale und ethische Kompetenz
18.11.2016  Monika Braig

​Sternstunden im Alltag

Warum Herzensbildung in ihrer Kita für alle Kinder und Fachkräfte sowie in der Erziehungspartnerschaft mit den Eltern an erster Stelle steht und woraus sie und ihr Team in der Praxis immer wieder Kraft schöpfen, schildert die Erzieherin Monika Braig.
Herzenswärme ist noch immer die zuverlässigste
Energiequelle. (Verfasser unbekannt)

Herzenswärme in den Kita-Alltag zu bringen, liegt uns ganz wörtlich »am Herzen«. So achten wir darauf, vielfältige »Herzenspost« zu senden – sowohl in der Begegnung mit Kindern und Eltern als auch innerhalb des Teams. Das ist für uns die Basis für jegliche Interaktion und für unser gemeinsames Wachsen im sozialen Miteinander. Unser pädagogischer Ansatz ist die Ganzheitliche Sinnorientierte Beziehungspädagogik. Hierbei orientieren wir uns am religionspädagogischen Ansatz von Franz Kett. Herzenswärme prägt die Wohlfühlatmosphäre in unserer Einrichtung und fungiert wie ein Spiegel: So, wie man sich seinem Umfeld gegenüber gibt, reagiert es auch auf einen. Es beginnt mit der lächelnden Begrüßung von Eltern und Kindern, auch bereits am frühen Morgen, das stiftet Verbundenheit und wird erwidert. Achtsamkeit, Ehrlichkeit, sich einfühlen, zuhören, aufmuntern, helfen … All das bedeutet Licht im Alltag, bedeutet Wertschätzung. Diese gegenseitige Wertschätzung schenkt uns die Kraft, den anspruchsvollen Kita-Alltag zu meistern. Im Folgenden möchte ich Ihnen ein paar konkrete Beispiele in Bezug auf Kinder, Eltern und Team beschreiben:

»Herzenspost« in der Kinderrunde

Die »Herzenspost« mit den Kindern ist fester Bestandteil unserer täglichen Rituale im Morgenkreis. Nach dem Begrüßungslied treten zunächst die Kinder miteinander in Beziehung und begrüßen sich auf unterschiedliche Weise, sei es mit einer Berührung, mit einem Gegenstand wie zum Beispiel einer Blume oder mit Worten. Sind alle Kinder begrüßt und willkommen geheißen, zählen wir, wie viele Kinder im Kreis versammelt sind. Danach gilt es sich an die Anzahl der Kinder zu erinnern, die (theoretisch) anwesend sein könnten. Nun errechnen wir gemeinsam die Differenz. Wissen wir die Anzahl der fehlenden Kinder, überlegen wir gemeinsam, wer denn nun heute fehlt. Die Kinder zählen die Namen der fehlenden Kinder auf. Im Anschluss fassen wir uns alle an den Händen, um unsere »Herzenspost« an die nicht anwesenden Kinder zu senden. Jeden Tag kann sich ein Kind melden, um mögliche Wünsche laut in der Runde auszusprechen. Wir schließen die Augen und lauschen den Herzenswünschen des Kindes, zum Beispiel: »Wir wünschen allen Kindern, die heute nicht da sind, einen schönen Tag. Den Kindern, die krank sind, wünschen wir gute Besserung, den Kindern im Urlaub viel Spaß. Wir freuen uns, wenn ihr wieder da seid.« Alle Kinder sprechen zum Abschluss im Chor: »Wir senden viele liebe Grüße aus dem katholischen Kindergarten Sankt Elisabeth. Abgeschickt und angekommen. « Dabei ist es den Kindern auch sehr wichtig, fehlende Kolleginnen zu bedenken oder immer mal wieder an Kinder zu denken, die den Kindergarten aufgrund von Wegzug oder Schule verlassen haben.

Dieses Ritual ist für unsere Kinder und für uns von Bedeutung. Es stiftet Verbundenheit über Raum und Zeit hinweg. Die Kinder erfahren so: Auch wenn ich jemanden nicht sehe, kann ich mich doch mit ihm verbunden fühlen, mit dem Herzen Kontakt aufnehmen. Da wir eine katholische Einrichtung sind, spielt eine weitere Dimension eine wichtige Rolle: So können wir uns mit unserem Gebet in Form einer »Herzenspost« an Gott wenden. Er ist für uns da und mit uns verbunden, auch wenn wir ihn nicht direkt sehen können.

Eltern berichten uns, dass kranke Kinder zu Hause an dieses Ritual denken, sich freuen und sagen: »Die anderen schicken mir heute eine Herzenspost.« Kindern, die unsere Einrichtung verlassen, schenkt es Trost und Kraft, zu wissen: Wir können uns jederzeit eine Herzenspost senden, auch wenn wir nun verschiedene Wege gehen.

Ein weiteres Beispiel einer strahlenden Herzensbegegnung ist die Form unserer Geburtstagsfeiern als Beziehungsfest. Der Tag beginnt damit, dass die Bezugserzieherin das Geburtstagskind in Empfang nimmt, ihm gratuliert und so mit ihm ins persönliche Gespräch kommt. Das Geburtstagskind kann einen Schminkwunsch äußern. Sich auf ein einzelnes Kind konzentrieren zu dürfen, ganz eng während des Schminkens im Kontakt mit ihm zu stehen – das sind für uns Fachkräfte Lichtblicke im Alltag. In der Zwischenzeit schmücken Freunde des Kindes die Geburtstagstafel zum gemeinsamen Essen. Anschließend versammeln wir uns alle im Kreis, das Geburtstagskind sitzt als Mittelpunkt in einem goldenen Reifen: Wir fassen es »golden« ein, es ist uns wertvoll und kostbar.

Wir singen unser Geburtstagslied. Danach erhält jedes Kind einen Goldkartonstreifen oder ein Herz (je nach Wunsch des Geburtstagskinds) und legt diesen Streifen oder das Herz um den goldenen Reifen. Nun sitzt das Geburtstagskind in einer goldenen Sonne oder in einer strahlenden Herzenswiese. Diese möchten wir noch ganz besonders wertvoll und kostbar gestalten. So erklingt leise Meditationsmusik und das Geburtstagskind wird eingeladen, die Augen zu schließen. Im Raum ist es ganz ruhig. Die übrigen Kinder erhalten durch Anblinzeln ein Zeichen und gehen zum Materialtisch, um sich Legematerial wie zum Beispiel glitzernde Edelsteine, Sterne, Muscheln oder Filzblättchen zu nehmen und damit ihren Strahl oder das Herz zu schmücken. Wenn alle Kinder und Erzieherinnen mit Schmücken fertig sind, erklingt ein Ton auf der Klangschale. Das Geburtstagskind öffnet die Augen und schaut sich um: Lichtblicke der besonderen Art können in das Herz des Kindes strahlen. Als funkelnder Mittelpunkt wird nun das Geburtstagskind eingeladen, »sein Herz weit zu öffnen« und der wandernden Klangschale zu lauschen. Jedes Kind tritt erneut auf ganz persönliche Art in Beziehung mit dem Geburtstagskind, indem es einen Ton schenkt und Wünsche formuliert. Die Wünsche schreiben wir für das Geburtstagskind auf, um sie zusammen mit einem Foto im Portfolio des Kindes festzuhalten. Unsere Herzenswunschrunde schließen wir ab mit dem Entzünden der Jesuskerze und einem frei formulierten Gebet für das Geburtstagskind. An der Geburtstagstafel entzünden wir mit Hilfe der Jesuskerze für jedes Lebensjahr eine Kerze und lassen uns die mitgebrachten Köstlichkeiten munden.

Die Kinder können diese ganz persönliche und wertschätzende Sternstunde oftmals kaum erwarten. Aber auch für uns Erzieherinnen bedeutet mit den Kindern ihr Dasein zu feiern immer wieder eine Sternstunde zu erleben.

Raum für »Herzenspost« der Eltern schaffen

Unsere neu hinzugekommenen Eltern laden wir einmal im Jahr zu einem besonderen Nachmittag ein, um für ihr Kind die erste Seite des Portfolios zu gestalten. In der Kita erwartet die Eltern eine schön gestaltete Mitte. Den Mittelpunkt bildet eine Schatzkiste, von der die Portfolioordner der Kinder wie Strahlen nach außen zeigen. Zur Einstimmung laden wir die Eltern zu einer kleinen Besinnung ein. Mit der Gestaltung der Portfolioseite können sie zu ihrem Kind symbolisch sagen: »Ich fass Dich golden ein, ein Platz soll Dir bereitet sein. Von Herzen freu ich mich. Ich freu mich über Dich.«1 Nach der Besinnung sind die Eltern eingeladen, aus der Schatzkiste ein Foto ihres Kindes – ihres «Schatzes« – zu nehmen. An Basteltischen liegen vielfältige Materialien bereit. Wir laden die Eltern ein, die Seite rund um das Foto mit liebevollen Worten und Wünschen kreativ zu gestalten. Für viele Eltern stellt dies eine sehr ungewohnte Aufgabe dar und zuweilen auch eine Herausforderung. Es gilt sich zu besinnen, das eigene Kind wertzuschätzen, eine Herzenspost für es zu formulieren, gerne natürlich auch in der jeweiligen Muttersprache. Die Eltern sind mit ganzem Herzen dabei, oftmals emotional tief berührt, sich gedanklich und gestalterisch so intensiv mit dem eigenen Kind in Ruhe auseinandersetzen zu können.

Diese einmalige und ganz besondere Atmosphäre berührt auch uns Erzieherinnen immer wieder. Eltern hierbei begleiten zu dürfen und solch intime Momente miteinander zu teilen, bedeutet Sternstunden für uns. Ein weiterer strahlender Moment ist dann, wenn die Kinder diesen »Schatz« in ihrem Portfolio entdecken. Immer wieder bitten sie uns, mit ihnen diese Seite anzuschauen und vorzulesen.

»Herzenspost«, die den Alltag für das Team erhellt

Kraft für den Anfang sollen bei uns neue Teammitglieder gleich zu Beginn erfahren. Am ersten Tag wird ihnen ein Platz im Personalzimmer bereitet. Ein Tischset mit Willkommensgrüßen, eine Kerze und Blumen schmücken den Platz. Eine individuell gestaltete Karte mit lieben Wünschen für die Zeit in unserer Einrichtung soll dem Neuankömmling ein gutes und warmes Gefühl schenken.

Kraft im Alltag schenkt uns vor allem gemeinsames Lachen. Es ist das beste »Bindemittel« und trägt uns über so manche stressige Situation hinweg. Das Bewusstsein der Gemeinschaft, von Verbundenheit und Verlässlichkeit im Team, schenkt uns Kraft und Vertrauen – besonders wenn man mal krank ist, zu wissen: »Die anderen machen das schon.«

Im täglichen Miteinander stärkt uns die gegenseitige Unterstützung, die Handgriffe, die Kolleginnen für uns mitmachen, das ehrliche Interesse aneinander, ein freundliches »Bitte« und herzliches »Danke«.

Lichte und stärkende Momente sind für uns auch, wenn wir Neues gewagt und ausprobiert haben, wenn wir gemeinsam auf Gelungenes schauen können, wenn wir zum Beispiel positive Rückmeldungen von Eltern bekommen, sei es zwischen Tür und Angel, sei es in schriftlicher Form, sei es bei Entwicklungsgesprächen oder nach Festen und Feiern. Dies bestätigt uns und belohnt für die Mühe der Vorbereitung und Durchführung. Eltern, die uns als »Teil ihrer Familie« ansehen, die sich uns anvertrauen, mit denen wir uns auf Augenhöhe austauschen und auch miteinander lachen können, erwärmen unser Herz.

Kraft schöpfen wir aus unserem Glauben, unserem ähnlichen Wertebewusstsein, unserer gemeinsamen Haltung – zum Beispiel, dass für uns die Herzensbildung trotz aller Pisa-Studien an oberster Stelle steht und wir dafür genügend Zeit einräumen möchten.

Kraft schöpfen wir auch durch Auszeiten vom Kita-Alltag. Dazu gehören für uns Fortbildungen und der kollegiale Austausch in unserer Seelsorgeeinheit. Ein anderes Umfeld, andere Gedanken, neue Inputs bereichern und schenken Kraft für den Alltag. Eine sehr bereichernde Auszeit ist für uns auch der jährliche Personalausflug. Gemeinsam unterwegs zu sein, persönliche Worte austauschen zu können, sich auf einer anderen Ebene zu begegnen, zusammen eine unbeschwerte Zeit zu erleben lässt uns Energie tanken und stiftet vertiefende Beziehungen.

So, wie uns die Geburtstagsfeier der Kinder am Herzen liegt, sehen wir auch die Geburtstage der Teammitglieder als Beziehungsfest. In den Teamsitzungen gilt es immer viel zu leisten, zu planen, zu organisieren und zu reflektieren. So genießen es alle, zur Abwechslung an eine liebevoll gedeckte Tafel mit Geburtstagskuchen sitzen zu können und etwas Zeit für den persönlichen Austausch zu haben. Diese persönlichen Anknüpfungspunkte stiften Verbundenheit und Zusammenhalt im Team.

Im Zusammenwirken mit den Kindern werden uns täglich viele »Lichtmomente« geschenkt. Die persönliche morgendliche Begrüßung eines jeden Kindes, das tägliche gemeinsame Singen, das Spiel im Wald oder in unserem tollen »Dschungelgarten«, das Staunen mit den Kindern gehören genauso dazu wie die Freude über ein neu eingewöhntes Kind, wenn es nicht mehr weint und anfängt, sich bei uns wohlzufühlen. Besondere Sternstunden sind es auch immer, wenn wir uns mit einem Kind und seinen Eltern über Entwicklungsschritte freuen dürfen: Ein Kind spricht nach langer Zeit das erste Mal vor der Gruppe, es braucht keine Windel mehr, es traut sich, zu anderen Kindern Kontakt aufzunehmen, es spricht seinen ersten deutschen Satz … Und so viel mehr, über das es sich täglich freuen lässt.

Ganz besondere Momente erleben wir immer, wenn künftige Schulkinder die Kita verlassen. In den letzten Wochen ihrer Kindergartenzeit finden verschiedene Aktionen statt. Sie planen und organisieren zusammen mit zwei Kolleginnen eine Abschiedsdankesfeier mit Eltern und unserem Diakon. Sie hierbei zum Beispiel mutig sprechend und spielend im Rollenspiel zu erleben, lässt uns an ihre Entwicklung bei uns zurückdenken und erfreut unser Herz. Der gemeinsame Ausflug mit ihnen ist auch so etwas wie die »Ernte« unserer Arbeit während der vergangenen Kindergartenjahre. Zu sehen, wie selbstständig die Kinder unterwegs sind, mit wie viel Neugierde, Freude und Courage sie alles angehen, ist bewegend. Zu erleben, wie ein früher ängstliches Kind am Ausflugsort nur noch leicht zögerlich vor dem hohen Klettergerüst steht, nach einer kleinen Ermunterung von uns vertrauensvoll das Gerüst erklimmt und dann mit strahlenden Augen stolz vom obersten Wipfel ruft: »Ich hab es geschafft!«, ist die schönste Herzenspost und wir wissen: Ja, wir haben es geschafft!

Monika Braig
Leiterin des katholischen Kindergartens
Sankt Elisabeth in Ehingen.

Quelle: Welt des Kindes Heft 6 - November/Dezember 2016, Seite 20-24

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