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Personal/Kollegium
26.11.2016  Kerstin Trüdinger

Unterricht im Team

Wer im Team arbeitet, teilt sich nicht nur die Arbeit, sondern schafft Freiräume für mehr. - Vom Unterricht in Teams ­profitieren Lehrer und Schüler. - Teamarbeit erfordert ­Engagement. - Lehrer in Deutschland ­investieren durchschnittlich fünf Stunden pro Woche in die Zusammen­arbeit mit Kollegen.
Tobias* schiebt das Geodreieck auf dem Blatt vor sich langsam nach oben. Irgendwie klappt es bei dem Schüler nicht so wie bei Klassenlehrerin Susanne Müller*, die es an der Tafel vormacht. Er dreht das Dreieck und sucht die Linien darauf, um zwei Parallelen zeichnen zu können. Lehrerin Ulrike Winberger beobachtet Tobias im Klassenzimmer der 5a. Sie sitzt hinten im Raum. Nach ein paar Minuten geht sie zu ihm. „Kann ich dir helfen?“, fragt sie den Zehnjährigen. Er nickt. Die Klassenlehrerin Müller erklärt in der Zwischenzeit bereits, was parallele Geraden sind und macht mit dem Unterricht weiter.

Schüler intensiv fördern

In der Förderschule im Münchner Norden unterrichten Lehrerinnen und Lehrer in Teams. Meist ergänzt eine zweite Lehrkraft den Klassenlehrer einer Klasse. „Als Klassenleitung von Ganztagsklassen hat man zusätzliche Aufgaben und braucht mehr Stunden. Alleine würde man das gar nicht schaffen“, erzählt Förderschullehrerin Ulrike Winberger. In ihrem Kollegium läuft es meist so ab, dass einer den Unterricht vorbereitet, die Stunde und das Thema einleitet und beendet. Die zweite Lehrkraft begleitet den Unterricht und unterstützt die Schülerinnen und Schüler, die Hilfe benötigen. „So können wir gut auf lernschwächere Schüler eingehen und uns Zeit nehmen, etwas nochmal oder ausführlicher zu erklären“, sagt Ulrike Winberger. Tobias sieht das so: „Bei zwei Lehrern kann man weniger Quatsch machen. Aber dafür kann einem immer einer helfen, wenn der andere an der Tafel steht.“ Hin und wieder nimmt sie einzelne Schüler ganz aus dem Unterricht, um mit ihnen die Grundlagen aufzufrischen. „So etwas geht natürlich nur, wenn man zu zweit ist.“

Schwierig wird das Konzept des Tandemunterrichts, wenn Lehrer ausfallen und einer als Vertretung in einer anderen Klasse einspringen muss. Da ist es gut, wenn man eng zusammenarbeitet und sich regelmäßig austauscht. So kann der andere die Lücke schließen. „Wir Kollegen haben oft am Abend telefoniert oder uns in der Pause besprochen“, erzählt Winberger. „Da ist es gut, wenn man sich versteht und eine ähnliche Arbeitsweise hat und engagiert ist.“ Neben dem gemeinsamen Unterrichten tauschen die Kollegen an der Münchner Förderschule auch ihr Material untereinander aus. Ziel ist es, ein Portfolio aufzubauen, aus dem sich alle bedienen können. Das spart Zeit.

Zusammenarbeit lohnt sich

Auch, wenn eine erfolgreiche Zusammenarbeit manchmal mehr Zeit in Anspruch nehmen kann, finden es 97 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer wichtig, mit Kollegen zusammenzuarbeiten. Das ergab eine repräsentative Umfrage der Stiftungen Bertelsmann, Robert Bosch, Mercator und Deutsche Telekom unter mehr als 1000 Lehrkräften der Sekundarstufe I in Deutschland. Durchgeführt wurde die Studie Ende 2015 vom Bildungsforscher Dirk Richter von der Bergischen Universität Wuppertal und Hans Anand Pant von der Humboldt-Universität Berlin sowie der Deutschen Schulakademie. 87 Prozent der Lehrkräfte sagen, dass sich der Aufwand für Team-Unterricht lohnt. Rund fünf von durchschnittlich 43 Stunden Wochenarbeitszeit investieren die befragten Lehrer nach eigenen Angaben pro Woche in Kooperationszeit.

Weit verbreitet sind laut Studie der Austausch von Unterrichtsmaterial und Gespräche über Schüler. Auch die Arbeitsteilung unter Kollegen ist beliebt. Nur die Hälfte der Befragten arbeiten in Teams und entwickeln zusammen beispielsweise Unterrichtskonzepte. Nur knapp ein Viertel unterrichtet häufiger im Team. Sogar nur jede zehnte Lehrkraft hospitiert im Unterricht eines Kollegen. Die Studie fand heraus, dass auch die Feedback-Kultur innerhalb des Kollegiums noch wenig ausgeprägt ist.

Team-Arbeit bringt neue Perspektiven mit

Dass Unterrichten im Team leichter fällt und mehr Spaß macht, haben auch die Lehrerinnen und Lehrer der Düsseldorfer Maxschule schnell gemerkt. Was ursprünglich aus der Not entstand und die veränderte Lehrerversorgung durch die Einführung des Offenen Ganztages an der Schule lösen sollte, wurde bald zur begehrten Unterrichtsform. „Je schwieriger und komplexer die Aufgaben sind, desto besser ist es, zu zweit arbeiten zu können – auch, weil ein Team mehr Perspektiven mitbringt und beispielsweise Dinge auf unterschiedliche Art und Weise erklärt“, sagt Daniela Körber, ehemalige Schulleiterin der Maxschule in Düsseldorf. Heute arbeitet Körber als Schulrätin beim Schulamt der Stadt Solingen. „Durch die Einführung der Lehrer-Tandems haben wir nochmals anders über die Aufgabenverteilung nachgedacht“, berichtet Körber. Ihr war es wichtig, dass sich die Teams in ihren Kompetenzen ergänzen. „Wir wollten die Synergien nutzen, um allen die Arbeit zu erleichtern.“ Alle drei Monate führte Körber Gespräche mit den einzelnen Teams. Es wurde besprochen, was gut läuft, was noch nicht funktioniert und wie man Abhilfe schaffen kann.

Die neue Unterrichtsform wurde zum Selbstläufer. Die Lehrer machten so gute Erfahrungen mit der Zusammenarbeit, dass bald alle im Tandem arbeiten wollten. Weil es dafür nicht ausreichend Lehrkräfte gab, wurde priorisiert. Unter dem Motto „Alle Kräfte an den Anfang“ wurden zunächst nur in den ersten Klassen Lehrerteams eingesetzt. Danach folgten je nach Personalsituation die zweiten und dritten Klassen. „Dieses Konzept hat sich bewährt, da die Personalsituation sich von Jahr zu Jahr unterscheidet und man flexibel darauf reagieren muss“, erzählt Körber.

Nicht nur im nationalen Vergleich gehört laut Studie das Beispiel der Düsseldorfer Schule noch zur Minderheit. Auch im Vergleich zu anderen OECD-Ländern bleibt Deutschland beim Thema innerschulische Zusammenarbeit hinter dem internationalen Durchschnitt. Aus diesem Grund empfehlen die Autoren der Lehrerkooperationsstudie unter anderem, dass Lehrer außerhalb des Unterrichts mehr Zeit in der Schule verbringen sollten, Kooperationszeit fest in den Schulalltag integriert wird und der Gewinn von Teamarbeit sowohl für die Arbeitsqualität als auch das eigene Wohlbefinden mehr verdeutlicht wird. „Wir haben uns mit der Arbeit in Teams und durch unsere Leitlinien, die wir flexibel der Personalsituation anpassen können, Freiräume geschaffen“, erinnert sich Körber. Und wo Freiräume sind, ist Platz für Kreativität. So hat auch Tobias die Eselsbrücke seiner Lehrerin Ulrike Winberger geholfen: Parallelen sind zwei Gerade, die nebeneinander verlaufen und sich nicht berühren – wie bei den beiden „l“ in Parallelen. Tobias ist stolz: Jetzt weiß er sofort, mit welchen Linien des Geodreiecks er Parallelen zeichnen kann.

* Name von der Redaktion geändert
Quelle: didacta - das Magazin für lebenslanges Lernen
Foto: Rawpixel.com

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