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Kita
13.12.2016  Meike Sauerhering

Selbstkompetenz als Basis von Entwicklungs- und Lernprozessen

In unserer Gesellschaft sind die Ziele von Erziehung und Bildung, neben der Vermittlung fester Wissensbestände, die Stärkung der Persönlichkeit und die Chance auf gesellschaftliche Teilhabe. Ein zentraler Aspekt ist dabei das lebenslange Lernen. Grundlagen werden bereits in der frühen Kindheit gelegt, denn Kinder können schon früh an die selbstständige Organisation ihrer Lernprozesse herangeführt werden. Selbstkompetenz dient hier und später als Fundament, das in der gesamten Bildungsbiographie wirksam ist.
Selbstkompetenz ist aber auch für frühpädagogische Fachkräfte eine Grundlage für ihr professionelles Handeln.

Begriffsbestimmung Selbstkompetenz

Den Kern von Selbstkompetenz bildet die Fähigkeit, mit eigenen Gefühlen umgehen zu können. Daraus entwickelt sich ein Bündel verschiedener Komponenten wie sich selbst zu beruhigen, sich zu motivieren und Rückmeldungen zu verarbeiten, die für die Persönlichkeitsentwicklung und Lernprozesse wichtig sind. Auch die Fähigkeiten zu planen, Versuchungen zu widerstehen, sich auf Aufgabenrelevantes zu konzentrieren, Widersprüche ernst zu nehmen und zu integrieren oder aus Fehlern zu lernen, gehören dazu (Künne/Sauerhering 2012).

Der Anfang: Wahrnehmung von Gefühlen

Um mit den eigenen Gefühlen umgehen zu können – also selbstkompetent zu sein – braucht es verschiedene Voraussetzungen. Grundlegend ist ein Vertrauen in sich und die Welt. Dieses ermöglicht Offenheit und Zuversicht, um sich neue Räume und Handlungsoptionen zu erschließen. Diese Grundsicherheit erwächst bereits in früher Kindheit aus sicheren Bindungen (Ahnert 2011). In seiner weiteren Entwicklung lernt das Kind, eigene Gefühle wahrzunehmen. Indem es sich selbst wahrnimmt, erhält es Informationen darüber, wie es sich fühlt und was es braucht (Kuhl 2001). Eng damit verbunden ist der emotionale Selbstausdruck (Petermann/Wiedebusch 2008). Hier zeigt das Kind mimisch, gestisch oder körperlich seinen emotionalen Zustand gegenüber einer Bezugsperson. Aus den Reaktionen, beispielsweise wenn das traurige Gesicht des Kindes gespiegelt wird, bekommt es Rückmeldungen über seinen Zustand. Das Kind lernt so, Gefühle und emotionale Zustände zu differenzieren und beginnt sie zu regulieren. Bei zunehmend autonomer Regulation von Gefühlen (Selbstberuhigung und Selbstmotivation) kann von Selbstkompetenz gesprochen werden.

Die Regulation der Gefühle

Damit das Kind lernt, mit seinen Gefühlen umzugehen, ist es wichtig, dass es Wertschätzung und Anerkennung erfährt. Wenn beispielsweise auf das Lächeln des Kindes positiv reagiert wird (Ahnert 2011) ist das Ausdruck einer vertrauensvollen und wertschätzenden Beziehung. Bevor es Kindern ohne fremde Hilfe gelingt sich zu beruhigen oder sich zu motivieren, sind sie also auf Ermutigung, Beruhigung und Lob durch andere angewiesen. Hier nehmen die primären Bezugspersonen, aber auch professionelle pädagogische Fachkräfte eine wichtige Rolle ein. Ihre feinfühlige Wahrnehmung und Beobachtung (Ainsworth et al. 1978) ist von zentraler Bedeutung denn auf dieser Basis können die Bedürfnisse des Kindes erkannt werden. Und diese Wahrnehmung seitens der Bezugspersonen ist entscheidend dafür, dass sich das Kind ernst genommen und verstanden fühlt. Beruhigende oder motivierende Interventionen verfehlen hingegen ihre Wirkung, wenn sich ein Kind nicht angenommen fühlt (Künne et al.). Ein weiteres Standbein für die Entwicklung von Selbstkompetenz sind Selbstwirksamkeits-erfahrungen. Der Grad des Vertrauens in die eigene Selbstwirksamkeit ist eine grundlegende individuelle Ressource, die es Kindern ermöglicht, Angebote anzunehmen und Verwirklichungschancen umzusetzen (World Vision Kinderstudie 2010). Auch hier kommt es darauf an, dass die Aktionen des Kindes angemessene Reaktionen hervorrufen, wie im Folgenden gezeigt wird.


Selbstkompetenzförderung in der Kita

Um die Selbstkompetenz von Kindern zu fördern, kann an drei Grundelemente elementarpädagogischer Praxis angeknüpft werden: Beziehung, Beobachtung und Gestaltung der Lernumgebung.
Für elementarpädagogische Fachkräfte stellt die Anbahnung und Gestaltung von professionellen pädagogischen Beziehungen ein Kernelement ihrer Arbeit dar. Über die Herstellung bindungsähnlicher Beziehungen werden in der Kita Grundlagen für die Exploration – für das Entdecken und Lernen - gelegt (Sauerhering 2016). Wenn ErzieherInnen sich in ihrer Beziehung zu den Kindern als EntwicklungsbegleiterInnen begreifen, fördern sie die Entwicklung von Selbstkompetenz bei Kindern. Voraussetzung ist, dass Kinder als Experten ihrer eigenen Entwicklung ernst genommen werden und die Fachkraft mit ihnen in einen Dialog über ihre Entwicklungs- und Lernfortschritte tritt. Kinder können sich dann im Austausch mit der Bezugsperson (Fachkraft) als wirkungsvoll erleben.

Eng mit der Gestaltung der Beziehung ist die Beobachtung verbunden. Eine feinfühlige Begleitung von Kindern zeichnet sich dadurch aus, dass das richtige Maß an Unterstützung gewährt wird: Also braucht das Kind tatsächlich das Eingreifen der Bezugsperson oder reicht vielleicht bereits ihre Anwesenheit, um dem Kind ausreichend Sicherheit zu geben, ein Problem alleine anzugehen? Um empathisch auf die Bedürfnisse und Äußerungen des Kindes eingehen zu können, müssen PädagogInnen über einen guten Selbstzugang verfügen, der wiederum die Grundlage ihrer eigenen Selbstkompetenz bildet. Denn steht jemand unter Druck, ist in Hektik oder im Stress, gelingt es weder, die eigenen Gefühle oder die des Gegenübers wahrzunehmen, noch auf das eigene Archiv von Wissen und Erfahrungen zurückzugreifen (Künne/Kuhl 2014). Dieser Zugriff ist jedoch notwendig, damit die elementarpädagogische Fachkraft sieht, wo das Kind steht, und einschätzen kann, was es braucht. So können Kinder in ihren Selbstbildungsprozessen unterstützt werden.

Die anregende Gestaltung der Lernumgebung ist ein Potential, das Lernen des Kindes anzuregen. Gemeint ist damit gleichermaßen die räumliche, zeitliche, instrumentelle und personelle Einbettung von Lern- und Entwicklungsprozessen. Die Lernumgebung umfasst also die gesamte Einrichtung: ausgehend von der Konzeption und Raumgestaltung, über die zeitliche Strukturierung des pädagogischen Alltags bis hin zur Planung einzelner Angebote. Ausgangspunkt ist immer, dass Kinder selbst aktiv werden können, um sich als selbstwirksam zu erleben. Dabei gilt es, Kindern Herausforderungen zuzumuten. Und auch hier bilden eine wertschätzende Beziehung und die ressourcenorientierte Beobachtung den Ausgangspunkt des pädagogischen Handelns, die es der Pädagogin ermöglicht, an den Entwicklungsstand des Kindes anzuknüpfen, es in seiner Entwicklung zu begleiten und bei der Bewältigung seiner Entwicklungsaufgaben zu unterstützen.
Als Reflexionshilfe in diesem Kontext können Fragen wie folgende dienen: Habe ich mich an den Ressourcen des Kindes orientiert? Habe ich mich bei der Auswahl der Themen, Spiele, Angebote und Methoden an den Bedürfnissen der Kinder orientiert? Hat die Auswahl (einzelne) Kinder vor Herausforderungen gestellt? Habe ich ihnen helfen können diese zu überwinden oder haben sie es gar selber geschafft?

Fazit

Im Erziehungs- und Bildungsauftrag der Kita ist die Förderung der Persönlichkeit der Kinder ausdrücklich formuliert (SGB VIII; exemplarisch niedersächsisches Gesetz über Tageseinrichtungen für Kinder §§2 u.3). Die Förderung der Selbstkompetenz kann als zentraler Aspekt dieses Auftrags betrachtet werden. Sich jedoch im pädagogischen Alltag nicht in Einzelaktivitäten oder der Förderung von Teilkompetenzen zu verlieren, stellt eine Herausforderung dar - insbesondere vor dem Hintergrund der Forderungen, die zunehmend von allen Seiten (beispielsweise Bildungspolitik und Eltern) an Fachkräfte herangetragen werden. Aber gerade die grundlegenden Aufgaben der pädagogischen Arbeit in der Kita wie Beziehungsaufbau und -pflege brauchen Ruhe und Zeit. Es ist nahezu unmöglich für PädagogInnen, Selbstkompetenz zu fördern, wenn allzu großer Druck auf ihnen lastet, der ihren eigenen Selbstzugang reduziert und damit auch empathisches Mitschwingen mit dem Kind wenn nicht verhindert, dann doch zumindest erschwert. In diesem Zusammenhang muss erneut auf die Notwendigkeit eines sehr guten Personalschlüssels verwiesen werden. Nur bei ausreichend vorhandenem, qualifiziertem Personal können die einzelnen Fachkräfte ihre eigene Selbstkompetenz im beruflichen Alltag so einsetzen, dass die Selbstkompetenz bei den Kindern sich entwickelt. Richtungweisend ist dabei die professionelle pädagogische Haltung der Fachkräfte. Sie beinhaltet fachliche Kenntnisse sowie professionelle Einstellungen, nach denen  Theorien bewertet und in der Praxis angewendet werden

Literatur
Ahnert, L.: Wieviel Mutter braucht ein Kind? Heidelberg 2011.

Ainsworth, M.; Blehar, M.; Waters, E.; Wall, S.: Patterns of Attachment. Hillsdale, NJ. 1978.

Kuhl, J.: Motivation und Persönlichkeit. Göttingen 2001.

Künne, T.; Kuhl, J.: Was ist eigentlich Selbstkompetenz? Persönlichkeits-System Interaktionen als Grundlage von Selbstkompetenz(förderung) – Die PSI-Theorie. In: Solzbacher, C.; Calvert, K. (Hg.): „Ich schaff‘ das schon…“ Wie Kinder Selbstkompetenz entwickeln können. Freiburg 2014.

Künne, T.; Sauerhering, M.: Selbstkompetenz-(Förderung) in KiTa und Grundschule. Nifbe Themenheft Nr.4. Osnabrück 2012.

Künne, T.; Sauerhering, M.; Strehlau, A.: Selbstkompetenzförderung als Basis frühkindlichen Lernens. Ein (weiterer) Anspruch an die elementarpädagogische Praxis!? retrieved 03.12.2016 from http://www.kindergartenpaedagogik.de/2208.html.

Petermann, F./Wiedebusch, S.: Emotionale Kompetenz bei Kindern. Göttingen 2008.

Sauerhering, M.: Das professionelle Selbstverständnis von ErzieherInnen und GrundschullehrerInnen vor dem Hintergrund ihrer pädagogischen Orientierungen. Osnabrück 2016. retrieved 03.12.2016 from https://repositorium.ub.uni-osnabrueck.de/handle/urn:nbn:de:gbv:700-20160318143300

World Vision Deutschland e.V. (2010). Kinder in Deutschland 2010: 2. World Vision
Kinderstudie. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch.

Die Autorin
Dr. Meike Sauerhering ist im Erstberuf Erzieherin. Sie studierte Erziehungswissenschaft sowie Sportwissenschaft und promovierte an der Universität Osnabrück zum Thema des Übergangs von der KiTa zur Grundschule. Dabei nahm sie insbesondere das professionelle Selbstverständnis und die pädagogischen Orientierungen von ErzieherInnen und GrundschullehrerInnen in den Blick. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Transferzentrum des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe).

 

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