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Soziale und ethische Kompetenz
30.12.2016  Sarah Shkoor

Menschenrechtsbildung - gängige Praxis oder eher unbekanntes Terrain?

Rezension von: Daniela Steenkamp: Menschenrechtsbildung in der Grundschule. Eine empirische Bestandsaufnahme in Berlin und Niedersachsen. Opladen, Budrich UniPress Ltd., 2016.
Zur Autorin: Daniela Steenkamp ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik an der Universität Vechta.

Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Stand der Menschenrechtsbildung (MRB) in Deutschland. Dabei bedient sie sich unter anderem der Erkenntnisse aus Lehrerbefragungen, um die Grundschulpraxis zu analysieren.
Dafür wurden 2012 Lehrkräfte von vierten Klassen aus insgesamt 500 Schulen in Berlin und Niedersachsen schriftlich zu Formen des Einsatzes, Einschätzung des Erfolgs und Bedingungen für das Gelingen  der MRB um ihre Sichtweisen gebeten.

Vor der Präsentation und Analyse der Befragung im vorletzten Kapitel setzt sich die Autorin mit dem Gesamtkonzept der MRB auseinander. Zuerst werden die historische Entwicklung vorgestellt und  begriffliche und disziplinäre sowie fachliche Differenzierungen vorgenommen.

Im Zuge dessen wird ein Mangel an Profilierung der MRB festgestellt, der sich z.B. darin zeigt, dass sie in keinem Lehrplan und Lehrstuhl präsent ist. Nichtsdestotrotz ist die MRB national und sowohl grenzen- und staatsübergreifend im Kommen (z.B. bei NGOs). Bei der begrifflichen Differenzierung von Human Rights Education, Menschenrechtserziehung und MRB erfährt man u.a. dass die KMK beispielsweise den Begriff der MRE benutzt, obwohl er nach Steenkamps einleuchtender Argumentation wenig vereinbar mit dem Ansatz der Mündigkeit und Emanzipation des Menschrechtsbilds ist.

Auch wird gezeigt, dass MRB fachlich als Dach und als Fundament anderer Bildungsbereiche fungieren kann, daher die erschwerte Theoriebildung. Die KMK bezeichnet diese Eigenschaft als Querschnittsaufgabe.  In diesem Sinne fordert Steenkamp, in der schulischen Praxis vor allem Synergieeffekte der Verkoppelung mit anderen Bildungsansätzen (z.B. Diversity, Nachhaltigkeit, Demokratiepädagogik) zu nutzen.
National hat sich der Fokus vom rein verhaltensbezogenen auf den zusätzlich verhältnisbezogenen also den interaktiven Aspekt von MRB erweitert. Von dieser Entwicklung kann die Schulpraxis profitieren, insbesondere in Zeiten zunehmend globaler Vernetzung.

Ein weiteres Kapitel führt Gründe für eine Implementierung der MRB in der Grundschule an, darunter Entwicklungsaspekte, Inklusion oder Gewaltlosigkeit. Ein weiterer Argumentationspunkt ist der des globalen Lernens und der Nachhaltigkeit. Der Leser erfährt, dass die KMK im Zuge der von der VN ausgerufenen Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung einen entsprechenden Orientierungsrahmen erarbeitet hat, der nun auch für die Grundschule geltende Zielsetzungen beinhaltet, sich mit den Kinderrechten auseinanderzusetzen.
Anschließend beschäftigt sich Steenkamp mit Theorie und Praxis der schulischen Menschenrechtsbildung.
Deren theoretisches Fundament ist ausbaufähig und kann mangels Forschung nur ansatzweise anhand der Beispiele strukturentwicklungs- und lerntheoretischer Zugänge skizziert werden. Auch hier werden die Kinderrechte genannt, diesmal im Zusammenhang mit dem  kindgemäßen Zugang zur Thematik. Weiterhin werden Unterrichtsmethoden und Didaktiken vorgestellt, die verschiedenen Schulprofile, wie z.B. die UNESCO-Projektschulen sowie zwei verschiedene pädagogische Ansätze und Konzepte, den Just-Community- und den Anti-Bias-Ansatz.

Die folgenden Kapitel befassen sich mit den AkteurInnen der MRB in Deutschland und  dem angestrebten Soll-Zustand der schulischen MRB in Deutschland. Im Vergleich der Lehrpläne und Kerncurricula von Berlin und Niedersachsen stellen die Berliner Dokumente den Begriff der Menschenrechte expliziter und ausführlicher dar.
Untersuchungs- und Auswertungsverfahren der Befragung werden vorgestellt. Es folgen die Befragungsergebnisse, im Folgenden die auffälligsten: Berliner Lehrer zeigen sich unzufriedener mit den schulischen Rahmenbedingungen, beiden aber  ist nur unzureichende Vermittlung der MR-Inhalte während des Studiums erinnerbar. Am bekanntesten unter allen Lehrern ist die VN-Kinderrechtskonvention von 1989, deutlich weniger kennen die Verkündung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, noch weniger bekannt sind die beiden VN-Pakte zu bürgerlichen und politischen Rechten bzw. zu wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechten, beide von 1966. Hinsichtlich der Einstellungen zeigen sich die Berliner Lehrkräfte engagierter im Vergleich zu ihren Kollegen aus Niedersachsen (bzgl. Wertschätzung der MRB, Spendenbereitschaft, Mitgliedschaft in einer Menschenrechtsorganisation). Insbesondere hinsichtlich der Gewaltfreiheit werden die Bedingungen als positiv dargestellt. Niedersachsens Lehrkräfte zeigen sich insgesamt als optimistischer, was die Bedingungen und das Wissen der Kinder angeht, gleichzeitig wünschen sie sich nicht mehr Austausch und Fortbildungen zur Thematik. Weitere Inhalte von Steenkamps Untersuchung sind unter anderem: Zusammenhänge zwischen Rahmenbedingungen, MRB und Fähigkeiten der Schüler und zwischen demographischen Faktoren und MRB-Wissen und –Handeln der Lehrer.

Steenkamp formuliert anschließend Handlungsempfehlungen: Forcierte Entwicklung von fachdidaktischen Verbindungen der Schulfächer, Umsetzung auf verhaltens- und verhältnisbezogener Ebene, Nutzung von Themen kindlicher Lebenswelt als kindgemäße Einführung in die teilweise abstrakte Materie sowie Empfehlungen für die verstärkte Einbindung in die Lehramtsausbildung. Schließlich wird eine stärkere Vernetzung und Kooperation der AkteureInnen zugunsten der schulischen Plattform gefordert und eine erweiterte Empfehlung der KMK zur MRB an Schulen.
 
Fazit:
Daniela Steenkamps Arbeit ist in der Behandlung des gleichzeitig aktuellen wie auch immer noch wenig profilierten Themas sehr fundiert, systematisch in ihrem Aufbau, zielgeleitet auf den schulischen Aspekt und praxisorientiert durch viele Empfehlungen, kritische Ansätze und nicht zuletzt die umfassende Untersuchung der Bedingungen in Berlin und Niedersachsen. Zu wünschen wäre eine ernstnehmende Berücksichtigung dieser Vorschläge und Anstöße seitens der AkteurInnen und eine Adaption der Befragung an andere Bundesländer.
 

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