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Kinderrechte
30.12.2016  Barbara Leitner im Gespräch mit Oggi Enderlein

​ Apfelbaum, Rose, Brennnessel - Was Kinderrechte mit seelischer Gesundheit zu tun haben

Psychische Störungen gehören heute zu den häufigsten Krankheiten im Kindes- und Jugendalter. Besonders sichtbar werden diese mit dem Eintritt in die Schule. Dabei hängt die seelische Gesundheit vor allem davon ab, ob grundlegende Lebensbedürfnisse befriedigt werden. »Kinderrechte umzusetzen und Kinder an allen sie betreffenden Angelegenheiten zu beteiligen, trägt wesentlich zum Wohlbefinden bei«, betont Oggi Enderlein im Interview mit Barbara Leitner. Sie hat vor allem die älteren Kinder, im Alter von sieben bis 13 Jahren, im Blick (Interview aus Betrifft KINDER 11-12/16).
Barbara Leitner: Woher kommt Ihr Impuls, sich großen Kindern zuzuwenden?

Oggi Enderlein: Ich wurde als drittes von sechs Kindern geboren und war durch meine Geschwis-ter in eine Kette von verschiedenen Entwicklungsstufen eingebunden. Dadurch erlebte ich beispielsweise sowohl als Dreijährige als auch als Elfjährige, wie Achtjährige ticken. Als Psychologin weiß ich heute, dass bestimmte Verhaltensweisen und Bedürfnisse etwas mit dem Lebensalter zu tun haben. Diese Erfahrung fehlt heutzutage vielen Eltern. Wenn sie nur ein Kind oder zwei Kinder in ihrer Entwicklung erleben, können sie kaum erkennen, dass bestimmte Verhaltensweisen alterstypisch sind. Dadurch fehlt oft eine Gelassenheit. Ich vermisse eine Entwicklungszuversicht dem Kind gegenüber, in dem Sinne: »Du brauchst Zeit, um dich zu entwickeln. Die steht dir zu und ich glaube daran, dass du das schaffst.« Heute betrachten viele Mütter und Väter ihre Kinder mit einer Erwartungshaltung. Sie wollten, dass ihr Kind so ist, wie sie glauben, dass es zu sein hat. Das spüren Kinder und es belastet sie häufig. Diesen Unterschied nehme ich auch interkulturell wahr. 

Verhalten sich Menschen aus anderen Kulturen anders gegenüber Kindern? 

Meiner Beobachtung nach möglicherweise ja. Anders kann ich mir nicht erklären, dass im Rahmen des International Survey of Children’s Well-Beeing (ISCWeB) bei einer Befragung von zehn- bis zwölfjährigen SchülerInnen zu ihrem Leben bei allen vier die Schule betreffenden Fragen Deutschland im Vergleich von 15 Ländern am schlechtesten abschnitt. Es waren die Fragen: »Gehst du gern in die Schule?«, »Glaubst du, dass dich deine LehrerInnen gerecht behandeln?«, »Hören deine LehrerInnen auf das, was du sagst und ziehen es in Betracht?« und »Fühlst du dich sicher in der Schule?«.
Wie kann es sein, dass sich Kinder in Ländern wie Afghanistan, Kolumbien, Algerien, Äthiopien oder der Türkei in der Schule wohler und von den Lehrpersonen besser behandelt fühlen?

Was ist Ihre Erklärung dafür?

Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass die Schule bei deutschen SchülerInnen einfach keinen guten Ruf hat. Leider ergaben die Beobachtungen von Lehrerverhalten in vielen Unterrichtsstunden in Schulen aller Arten auch, dass im Durchschnitt jede vierte pädagogische Interaktion seelisch verletzte. Ich glaube, dass wir Deutsche uns im Umgang mit Kindern unbewusst an dem Bild orientieren, dass ein Kind wie ein Klumpen Ton von den Erwachsenen geformt – »gebildet« – werden müsse. 
In Schweden zum Beispiel gibt es eine andere Grundeinstellung Kindern gegenüber. Dort wird ein neugeborenes Kind wie eine Pflanze in der Keimblattphase betrachtet. Die Frage ist: Wird daraus ein Apfelbaum, eine Rose oder eine Brennnessel? Die Aufgabe der Erwachsenen ist es, jeder dieser Pflanzen die bestmöglichen Bedingungen für ihre Entwicklung zur Verfügung zu stellen. Den Kindern wird mit Zutrauen und Zuversicht begegnet, ganz nach dem Motto: »Du weißt selbst, wohin du dich entwickeln wirst. Ich helfe dir da-bei. Ich korrigiere dich auch.«

Was heißt das für die Begleitung von Kindern?

Kinder brauchen klare Strukturen. Sie müssen wissen, welche Regeln gelten. Natürlich werden sie versuchen, die Grenzen und Regeln auf die Probe zu stellen. Dann brauchen sie Erwachsene, die mit ihnen darüber reden und ihnen helfen, die Regeln zu verstehen oder zu ändern. Ich arbeitete viele Jahre in einem Heim für verhaltensauffällige Kinder. Dort begegnete ich sehr aufsässigen, aggressiven, aber auch depressiven, angstgeplagten Kindern. Der Grund für ihre Probleme war entweder ein zu strenges Elternhaus, in dem so gut wie nichts erlaubt war und die Kinder geschlagen und misshandelt wurden. Oder umgekehrt Eltern, die nicht in der Lage waren, Grenzen zu ziehen und dem Leben eine Struktur zu geben. Problematisch sind auch Eltern, die mal unerklärlich streng und dann wieder unbegründet nachgiebig waren, die also sehr inkonsequent, mit ihren Kindern umgingen. Kinder brauchen haltgebende, verlässliche Grenzen. Innerhalb dieser muss es aber immer genügend Freiraum für selbstbestimmtes Handeln und altersgemäße Bedürfnisse geben. 

In Deutschland gibt es alarmierende Zahlen über die psychische Gesundheit von Kindern.

Studien weisen darauf hin, dass zu viele Kinder in Deutschland psychisch belastet sind und unter Stresssymptomen leiden. Durch diese Fakten fühlte ich mich veranlasst, mich für ältere Kinder einzusetzen. Denn Kinder, die Probleme machen, sind Kinder, die Probleme haben. Mit Eintritt in die Schule nehmen die psychischen Hilferufe von Kindern zu. Es gibt häufiger die Diagnose ADHS, mit einem Gipfel bei den Zehnjährigen. Auch Verhaltensprobleme und emotionale Probleme sind im Alter von Grundschulkindern besonders ausgeprägt. Das kann meiner Meinung nach zwei Gründe haben: Zum einen können mit Eintritt in die Schule und im Zusammenhang mit schulischen Erwartungen vorhandene neurologische Auffälligkeiten sichtbar werden. Zum anderen gehe ich davon aus, dass die Lebensbedingungen oft nicht mehr den Bedürfnissen der Kinder zwischen Vorschul- und Jugendalter entsprechen. Vor allem dem Bewegungsbedürfnis wird ungenügend entsprochen.

Was bedeutet das?

Es gibt eine interessante Studie. Kanadische Wissenschaftler legten Kindern zwischen null und 16 Jahren Bewegungsmesser an Hand- und Fußgelenken an. Zu ihrer Überraschung hatten die Kinder zwischen acht und zwölf Jahren die größte Bewegungsdynamik. Das ist nachvollziehbar, weil in dieser Zeitspanne deren Körper von etwa 1,20 Meter auf vielleicht 1,70 Meter wachsen und entsprechend Knochen und Muskeln aufbauen. In der Schule müssen diese Kinder allerdings still sitzen und wenn sie orthopädische oder motorische Probleme bekommen, werden sie zur Krankengymnastik und Ergotherapie überwiesen.

Wird dieses Bewegungsbedürfnis denn wenigstens in der Freizeit gestillt?

Selbst da haben Eltern oft Angst, ihre Kinder draußen spielen zu lassen, vor allem Mädchen. Gleichzeitig sind die Bedingungen im Wohnumfeld oft nicht attraktiv. Das besagen eine Studie vom deutschen Kinderhilfswerk und Daten vom LBS-Kinderbarometer: Jedes zehnte Kind zwischen sechs und 13 Jahren geht seltener als einmal pro Woche zum Spielen ins Freie. Jedes dritte Kind zwischen neun und 14 Jahren hat keine interessanten Treffpunkte im Wohnumfeld. Die großen Kinder sind dem Spielplatz mit Sandkasten und Rutsche entwachsen. Sie wollen sich frei bewegen, wollen klettern, springen, mit ihren Long- oder Skateboards fahren. Dafür finden sie nicht genügend Gelegenheiten. Außerdem fehlen den Kindern Zeiten und Orte, um sich allein mit anderen Kindern zu treffen. Zu viel Aufsicht und Kontrolle schränken Kinder ein und suggerieren ihnen zugleich, die Welt sei gefährlich und nicht gestaltbar. Kinder ab acht Jahren wollen unter sich sein, selbst etwas erfinden können und Dinge ausprobieren, auch wenn sie sich mal weh tun oder etwas misslingt. Statt ihnen zum Beispiel Spielen mit Feuer zu verbieten, sollten sie lernen, wie man richtig Feuer macht und es löscht. Solche Erfahrungen sind wichtig für die kognitive und emotionale Entwicklung. Unser Land braucht Menschen, die eigenständig denken und handeln. Das wird leider nur unzureichend erkannt und unterstützt.

Warum artikulieren die Kinder nicht selbst ihre Wünsche?

In diesem Alter empfinden Kinder ihre Wirklichkeit als normal und richtig. Erst im Jugendalter, etwa ab 13 Jahren, beginnen sie, ihre eigene Situation aus einer anderen Perspektive, sozusagen von außen, zu betrachten, sich stärker zu vergleichen und auch ihr Leben kritisch zu sehen. Deshalb ist es die große Kunst der Erwachsenen, die mit Kindern bis zu einem Alter von 13 Jahren arbeiten, herauszufinden, welche Bedürfnisse diese durch ihr Verhalten signalisieren und was sie brauchen. 

Sie betonen: Auf die Kinderrechte zu achten dient der seelischen Gesundheit der Kinder. Was meinen Sie damit?

In der UN-Konvention gibt es keinen Artikel, in dem es um die seelische Gesundheit der Kinder geht. Zugleich sind Kinderrechte Menschenrechte. Jede Miss-achtung eines Menschenrechtes ist auch eine seelische Verletzung. Eindeutig verlangt die Kinderrechtskonvention, jedem Kind bestmögliche Entwicklung und Gesundheit zu ermöglichen. Das gilt auch für eine gesunde seelische Entwicklung. Wenn ein Kind durch seelische Probleme oder Verhaltensauffälligkeiten einen Hilferuf sendet, ist im-mer die Frage: Was fehlt diesem Kind? Welches Kinderrecht ist nicht erfüllt?
Natürlich müssen die Kinder beteiligt und gefragt werden. Vor allem aber geht es um die pädagogische Empathie: zu spüren, Signale wahr- und auch ernst zu nehmen.

Wozu dient pädagogische Empathie?

Mithilfe pädagogischer Empathie kann ich den Sinn im Verhalten eines Kindes erkennen – auch an problematischem. In der Einrichtung für verhaltensauffällige Kinder, in der ich arbeitete, lernte ich diese Mädchen und Jungen zu achten. Ich sah, welche Kraft und Durchsetzungsfähigkeit sie haben, um sich Gehör zu verschaffen. Gerade auffällige Kinder brauchen gute PädagogInnen, die weniger fragen: »Wie kriege ich dich dahin, dass du dich so verhältst, wie wir es brauchen?« Sondern die zuvor die Fragen stellen: »Was fehlt dir, dass du dich so verhalten musst? Was brauchst du?«

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Stellen wir uns vor, ein zehnjähriger Junge wächst mit seinen drei Geschwistern in einem Mietshaus auf. Im Umfeld der Wohnung parken viele Autos. Es gibt zwar einen Spielplatz für die Kleinen, aber nichts, was ihn lockt, sich draußen mit anderen Kindern zu treffen. Was macht er? Er spielt stundenlang am Computer die Baller-Spiele seines großen Bruders. Die Bilder hat er auch am nächsten Morgen noch vor Augen, wenn ihn seine Lehrerin etwas fragt. Er ist innerlich damit beschäftigt, sich zu überlegen, an welcher Stelle im Computerspiel er nicht schnell genug war oder anders hätte reagieren müssen. In seiner innerlichen Anspannung und Aggressivität und aus einem unterdrückten Bewegungsbedürfnis heraus, stößt er seinen Nachbarn mit dem Fuß und zieht damit Ärger auf sich. Die anderen Kinder und auch die PädagogInnen meinen, dass er aggressiv und zappelig sei oder eine gestörte Aufmerksamkeit habe. Übersehen wird, dass der Junge vor allem das Gefühl braucht, wichtig und gefragt zu sein. Er braucht die Erfahrung, etwas Sinnvolles bewirken zu können, am besten gemeinsam mit anderen Kindern. Man kann durchaus an das Medieninteresse und die Kompetenz des Jungen anknüpfen. Möglicherweise wäre es zum Beispiel für ihn eine Herausforderung, seine Schule im Internet zu präsentieren oder eine App zu entwickeln, wo es im Umfeld interessante Orte und Angebote gibt, die ihn und andere Jungs interessieren. Für die Gemeinschaft nützlich zu sein, ist eine wohltuende, aufbauende Erfahrung. Leider bleibt sie vielen Kindern in unserem Land versagt.

Doch als Pädagogin hätte ich zunächst ein Problem: Da ist ein Junge, der nicht mitmacht, und den Unterricht stört. Zuerst wäre ich ärgerlich. Wie kann es trotzdem gelingen, dass PädagogInnen genau diese Idee in den Mittelpunkt stellen: den Kindern zu ermöglichen, sich als kompetent zu erweisen? 

Es ist normal, dass wir als Erwachsene an Punkte kommen, an denen wir nicht feinfühlig auf ein Kind, eingehen können, das uns gerade sehr ärgert und aufregt. Wir sind keine Automaten, auch wir haben Gefühle. Das dürfen und müssen Kinder auch erfahren. Wichtig ist, ihnen zu vermitteln, dass zwar ihr Verhalten nicht in Ordnung war, sie aber als Person trotzdem in Ordnung sind. Aus meiner Sicht macht genau das pädagogische Professionalität aus. Diese kann und muss gelernt und geübt werden.

Wie kann man diese Professionalität Ihrer Meinung nach lernen? 

PädagogInnen brauchen einen Rahmen, um sich auszutauschen. Das kann Coaching oder Supervision sein oder ein Gespräch mit KollegInnen. Die Arbeit als Lehrerin, Lehrer, Erzieherin, Erzieher ist wahrlich oft nicht einfach. Kinder haben einen sechsten Sinn für unsere Schwachstellen und rühren mit schlafwandlerischer Sicherheit genau an diese. Wichtig ist, dass Achtung und Wertschätzung das Klima in den Einrichtungen bestimmen, in denen Erwachsene mit und für Kinder arbeiten: In Schulen, Horten, Kindergärten, Heimen und Freizeiteinrichtungen. Wenn PädagogInnen sich selbst anerkannt und wertgeschätzt fühlen und wenn sie beteiligt werden, sind sie eher bereit, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Das überträgt sich auf die Kinder. Wertschätzung, Beteiligung und Verantwortungsübernahme sind die wichtigsten Grundpfeiler einer entwicklungsfördernden, guten Pädagogik.
In Fortbildungen frage ich oft die PädagogInnen, mit welchen Kindern sie am liebsten arbeiten. Die einen sagen: »Ich liebe diese verhaltensauffälligen Jungen! Mit denen komme ich super klar.« Andere wiederum gestehen, dass sie genau die nicht aushalten können. Sie würden am liebsten Mädchen etwas vorlesen oder mit ihnen Theater spielen. Diesen Teams empfehle ich: »Sprecht untereinander ab, wem was leichtfällt, und teilt euch die Arbeit mit den Kindern entsprechend auf. Glaubt nicht, dass Arbeit nur ist, was schwerfällt!« Schon kommt Entspannung ins Team.

Noch einmal zurück zu der Frage: Was kann ein erster Schritt für PädagogInnen sein, dem Wohlbefinden der Kinder zu dienen?

Unabhängig vom Alter ist immer die Frage wichtig: Was braucht dieser Jun-ge, dieses Mädchen, um sich geistig, körperlich, sozial und emotional gut und gesund weiter entwickeln zu können? Das ist aus meiner Sicht der Kern von Kinderrechten und Partizipation. Um die Kinderrechte umsetzen zu können, müssen die pädagogischen ExpertInnen miteinander sprechen, sich beraten und unbedingt das Gespräch mit den Eltern suchen. Wir wissen inzwischen: Jene Kinder, die sich ausreichend bewegen können, spielen und sich ausruhen dürfen, die sich gefragt, respektiert und beteiligt fühlen, die sich selbst genügend Selbstwirksamkeit zuschreiben, denen geht es besser und denen macht auch Schule mehr Spaß. So entsteht ein positiver Kreislauf, zum Wohl aller.

Netztipp: www.initiative-grosse-kinder.de

Die Initiative für Große Kinder will vor allem die Belange von Kindern zwischen dem Vorschul- und Jugendalter stärker in das Bewusstsein bringen. Um den Bedürfnissen der Sieben- bis 13-jährigen besser gerecht zu werden, wirken in der Initiative beispielsweise auch SportwissenschaftlerInnen, KinderärztlInnen, MitarbeiterInnen aus Schulverwaltungen und Jugendämtern, TherapeutInnen und Stadtentwicklerinnen mit. 

Oggi Enderlein ist Diplompsychologin und gab den Impuls, die Initiative für Große Kinder zu gründen. Nach langjähriger Tätigkeit als Kinder- und Jugendpsychologin arbeitet sie freiberuflich als Supervisorin und Dozentin in der Erwachsenenbildung. Sie ist Autorin des Buches "Große Kinder. Die aufregenden Jahre zwischen 7 und 13" sowie verschiedener Broschüren für die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, wie "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" und "Schule ist meine Welt. Ganztagsschule aus Sicht der Kinder". 

Quelle: Betrifft KINDER 11-12/2016, Seite 15-18
Foto: Fotolia
 

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