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Soziale und ethische Kompetenz
06.01.2017  Elke Schlösser

Mehr wissen bedeutet einander mehr verstehen! Den interreligiösen Ansatz Eltern vermitteln

Mit zugewanderten Menschen, denen, die schon lange hier sind, und denen, die jetzt erst zu uns kommen, erreichen uns auch ihre Kulturen, Traditionen, Sprachen und Religionen. Diese Religionen können uns mehr oder weniger vertraut sein. Es kann sein, dass wir über sie Wissen haben oder auch nur Meinungen oder Vermutungen. Ratsam ist, sich dem Thema "Religionen" - zumindest als Weltwissen - auch in Kitas zu nähern und hierzu Orientierung anzubieten. Wir übernehmen den Beitrag aus klein&groß - MEIN KITA-MAGAZIN 01/17 mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Der interreligiöse Ansatz im Rahmen der interkulturellen Pädagogik eröffnet die Chance, andere Religionen, die nicht so vertraut sind, näher kennen zu lernen. Dies
ist ebenso eine Chance für Kinder wie für die beteiligten Erwachsenen. Ratsam ist also, sich dem Thema „Religionen“ – zumindest als Weltwissen – auch in Kindertageseinrichtungen zu nähern und hierzu Orientierung anzubieten.

Religiöse Fehlinterpretation

Wir leben in einer Zeit, in welcher mit vermeintlicher Legitimation durch Religion die schrecklichsten Dinge passieren. Wir hören von Greueln, Anschlägen, Kriegen, die mit dem religiösen Glauben als berechtigt argumentiert werden.
Aber stimmen die Begründungen religiöser Fanatiker und Fundamentalisten mit den tatsächlichen Glaubensinhalten dieser Religionen überein? Darf überhaupt im Namen einer Religion Schaden zugefügt, Unrecht ausgeübt und getötet werden?
Sicherlich nicht!

Gegen religiöse Fehlinterpretationen hilft,

  • sich selbst zu orientieren,
  • fachkundige Menschen zu Rate zu ziehen,
  • Austausch und Diskussion zu suchen und
  • eine korrekte Informationslage zur Grundlage für meine Urteile zu machen,
um nicht in Vorurteilen stecken zu bleiben und um bewussten Lügen und Fehldarstellungen nicht ausgeliefert zu sein.

Gut ist also auch hier die vorurteilsbewusste Haltung. Letztlich hilft solide Information, weniger Angst zu haben, vertraut zu werden und damit Achtung zu entwickeln.
 

Ist dafür die Kita zuständig?

Sicherlich nicht alleine, aber es kann ein Ort sein, an welchem Eltern und Pädagogen gemeinsam der Wahrheit der Religionen ein Stück näher kommen. Wenn wir die gesamte Gesellschaft (wie Soziologen sagen) als einen Makrokosmos (makro = groß; Kosmos = die Welt) verstehen, und den Kindergarten darin als einen Mikrokosmos (mikro = klein; Kosmos = die Welt), dann ist Folgendes richtig:
  • Gibt es im Makrokosmos Gesellschaft bedeutsame Veränderungen, so wirkt sich dies auf den Mikrokosmos Kindergarten aus. Steigt zum Beispiel die Arbeitslosigkeitsquote oder ändert sich eine Gesetzeslage, so ist dies u.U. sehr bedeutsam für die Familien, die ihre Kinder in die Einrichtung bringen. Der Makrokosmos wirkt also in den Mikrokosmos hinein.
  • Anderseits werden von den Familien die im Mikrokosmos Kindergarten gemachten Erfahrungen von den Familien an alle die Stellen mitgenommen, an denen sie ansonsten noch im Makrokosmos Gesellschaft leben. Bietet z.B. ein Kindergarten einen Elternabend zum Thema „Integration leben (Schlösser 2004)“ an, dann werden die Erkenntnisse, Erfahrungen und Impulse daraus evtl. in der Verwandtschaft, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft etc. weiterdiskutiert, also an den anderen Stellen im Makrokosmos. So wirken in der Kita gesetzten Impulse weit über die Bildungseinrichtung. Der Mikrokosmos hat Auswirkungen auf den Makrokosmos!

Werden demnach im Mikrokosmos Kindergarten Informationen und Haltungen zu Religionen vermittelt und ausgetauscht, so kann die davon ausgehende Wirkung im Makrokosmos Gesellschaft zu Veränderungen führen. Das ist eine berechtigte Hoffnung!
 

Gelingende Erziehungspartnerschaft

Bezüglich der Eltern ist, wie in allen Fragen der gemeinsamen pädagogischen Bemühungen um die Entwicklung der Kinder, der permanente Dialog erforderlich. Erzieherinnen sollten
  • die Religionszugehörigkeit der Eltern und Kinder kennen, über ein Anamnesegespräch auf der Basis eines qualitativ guten Anamnesebogens,
  • die Wünsche der Eltern in Bezug auf religiöse Erziehung wahrnehmen,
  • die Möglichkeiten des Umgangs mit Religionen in ihrer speziellen Kita erläutern und sich dabei auf die interreligiösen Aspekte ihrer Konzeption stützen,
  • sich mit den Eltern über die Formen der Berücksichtigung von religiösen Geschichten, Traditionen und Festen austauschen,
  • bei den Eltern um Verständnis dafür werben, dass sie einen interreligiösen Weg wählen, der möglichst allen Kindern gerecht wird.

Ein wechselseitiger Austausch zielt dabei auf wechselseitiges Verständnis und möglichst weitgehende Übereinstimmung ab.
 

Elternabend zum „Islam“

Diese zu erlangen ist Ziel des im Folgenden geschilderten Elternabends. Exemplarisch wird nun erläutert, wie die Gestaltung eines Themenabends rund um eine bestimmte Religion aussehen kann, in diesem Fall zum Islam. Die Themenauswahl kann beliebig erweitert werden um andere Weltreligionen oder religiöse Ausrichtungen, die für Eltern in einer bestimmten Kita relevant sind. Man kann hieraus auch eine Themenreihe gestalten.

Hierzu sind sicherlich Kooperationen erforderlich. Unterstützende und in der jeweiligen Religion fachkundige Personen müssen vertrauenswürdig, kompetent und fern von der Bestrebung sein, ihren Glauben missionierend zu erklären. Wie finde ich solche Personen?
Man findet sie:
  • unter den Eltern, die mir als offen, glaubwürdig und sachkundig bekannt sind oder empfohlen werden,
  • als Referent/innen der Islamwissenschaften, die man z.B. über muslimisch-jüdisch-christlichen Gesprächskreise findet, die es in vielen Städten gibt,
  • bei den Schulämtern, die deutschsprachige LehrerInnen zum Islamunterricht benennen können,
  • über Integrationsbeauftragte in den Kommunalen Integrationszentren der Städte und Landkreise,
  • über Sektenbeauftragte der Bistümer (die die Spreu vom Weizen trennen),
  • über Fachhochschulen/ Universitäten mit entsprechendem Lehrstuhl Islamwissenschaften,
  • über Volkshochschulen, die oft gute und verlässliche ReferentInnen kennen,
  • über Empfehlungen durch Andere, die bereits einmal Ähnliches anboten oder besucht haben,
  • als Kulturvereine in den entsprechenden religiösen Gemeinden im Nahbereich, wenn sie einen anerkannt guten Ruf haben und vertrauenswürdig sind.
Die kooperierenden Personen sind auf jeden Fall rechtzeitig in die Planungen einzubeziehen.

Der von mir erprobte Elternabend lautete: Allah ist ganz anders – mehr wissen über den Islam. Ich führte ihn gemeinsam mit einem Lehrer für deutschsprachigen Islamunterricht.
 

Zur Einleitung erklärten wir:


In der Kita erleben wir mit den zugewanderten Kindern und ihren Eltern hautnahen Kontakt zu Ländern, Sprachen, Kulturen, Religionen mit Ritualen und Festen, mit denen wir selbst nicht aufgewachsen sind. Jeder kleine Mensch wird in seine Entwicklung mit seiner Sprache, Kultur- und Werteentwicklung sowie evtl. in eine religiöse Unterweisung hineingeboren. Selten hat er sie gewählt. Diese kulturelle Entwicklung macht aus, welches Bild ein Kind, ein Jugendlicher, ein Erwachsener später sowohl von sich selbst als auch von der Welt hat.

Als pädagogische Fachleute streben wir an, Kinder damit vertraut zu machen, dass es unterschiedliche Glaubensrichtungen gibt. Wir empfinden es als herausfordernd, Kinder zu einer Offenheit für nicht vertraute Religionen, ihre Besonderheiten, ihre Rituale und Feste, zu erziehen. Dazu müssen auch wir Erwachsene mit den Themen vertraut sein oder werden. Gut ist es, wenn dies zunächst in unserem Kreis, zwischen Eltern und Erzieherinnen gelingt.

Die Chance unserer heutigen Beschäftigung mit einer der großen Weltreligionen, dem Islam, besteht darin
  • sich mit seinen Grundaussagen vertraut zu machen,
  • seine Wurzeln kennen zu lernen,
  • Parallelitäten zu anderen Religionen wahrzunehmen,
  • die Bedeutung der Feste zu verstehen
  • und ein Gespür für dieser Religion ansatzweise entwickeln zu können.
Unser Ziel ist ein wachsender Religionsrespekt vor der mir evtl. fremden Religion und den Formen ihrer Ausübung in unserem Land.

Wir werden uns in drei Abschnitten Zeit für unser Thema nehmen durch
  • einer Übung zur Ist-Situation unseres aktuellen Wissens zum Islam,
  • grundlegende Informationen zum Islam und
  • Klärung Ihrer offenen Fragen an die Eltern, Fachpersonen und/ oder ReferentInnen.
Unsere Beschäftigung mit dem Thema hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sie soll vielmehr anregend sein, erste Antworten geben und neugierig machen. Mir zur Seite stehen heute ... (entsprechende Personen und ihre Kompetenz benennen). Für Ihre Bereitschaft, mit uns das heutige Thema zu besprechen, bedanken wir uns ganz herzlich.“
 

Beteiligung der Eltern

Jede/r Teilnehmer/in erhält zwei grüne Moderationskarten mit der Bitte, auf diese je einen Satz zur Aussage zu notieren: „Das weiß ich schon über den Islam!“
Dann erhält jede/r TeilnehmerIn zwei gelbe Moderationskarten mit der Bitte, auf diese je einen Satz zu notieren zur Aussage: „Das möchte ich über den Islam noch gerne wissen!“

Nun stellt sich jede teilnehmende Person kurz vor und erläutert ihre Kartennotizen. Die ReferentInnen hängen die Karten an zwei vorbereiteten Stellwänden auf. Die Aussagen werden dabei noch nicht diskutiert.
Wenn alle Karten aufgehängt wurden, beschäftigt man sich zunächst mit den Nennungen auf den Kärtchen „Das weiß ich schon über den Islam!“. Die Notizen werden auf ihre Richtigkeit hin angesehen, bestätigt oder korrigiert, um durch Richtigstellung Kenntnisse über den Islam zu erweitern.

Nun ist eine kleine Pause (evtl. mit Getränken und kleinem Imbiss) ratsam.


Wissenserweiterung

Danach bearbeitet man die elterlichen Fragen zum Aspekt „Das möchte ich über den Islam noch gerne wissen!“ und vermittelt fachkundig die grundlegenden Informationen. Beispielhaft interessierte Eltern Folgendes:
  • Was bedeutet das Wort „Islam“?
  • Wer war Mohammed und wie wurde er Prophet?
  • Was ist der Koran und was steht hauptsächlich darin?
  • Welche Freiheit hat man in der Deutung des Islam?
  • Was verbindet Juden, Christen und Muslime? Was trennt diese drei Religionen?
  • Werden Jungen und Mädchen im Islam gleich behandelt?
  • Besuchen Kinder und Frauen auch die Moschee?
  • Warum ist der Koran ein Buch, das Männern so viel Macht gibt?
  • Wie werden die verschiedenen muslimischen Feste gefeiert?
  • Besteht bei muslimischen Familien überhaupt das Interesse der Berücksichtigung ihrer Feste im Kitaalltag?
  • Was muss ich beachten, wenn ich mit muslimischen Kindern christliche Feste feiern möchte?
  • Gibt es Unterschiede im religiösen Alltag je nach unterschiedlichen Herkunftsländern, z.B. Türkei, Marokko, Syrien?
  • Leben viele junge Leute noch nach den Regeln des Islams?
  • Welche Chancen hat man, flexibel zu bleiben und sich selbst zu verwirklichen als Muslimin hier in Deutschland?
  • Womit mache ich „Fehler“, wenn ich mich mit muslimischen Eltern unterhalte, sie begrüße und Schwierigkeiten besprechen muss?

Es ist sinnvoll, die Übertragung zur interreligiösen Erziehung mit den Kindern der Kita zu erörtern und ein breites Meinungsbild der Eltern zu erlangen. Gegebenenfalls kann auch das Interesse zu einem solchen Abend zu anderen Religionen erfragt werden. In einem abschließenden „Blitzlicht“ wird erbeten, Rückmeldungen zum Verlauf und zu den thematischen Aspekten des Abends zu geben.

 

Weiterentwicklung

Erweitert werden kann dieses Angebot durch die Gelegenheit, die islamische Moschee, die baptistische Kirche, die katholische Kirche, das evangelische Gemeindezentrum, die Synagoge usw. zu besichtigen. Wichtig ist, dass jeweils sachkundige Personen und Dolmetscher zur Verfügung stehen, die die Räumlichkeiten zeigen und anstehende Fragen mit Fachlichkeit beantworteten.

Der Wissens- und Bedeutungszugewinn im Prozess der Beschäftigung mit der interreligiösen Thematik kann für Eltern und ErzieherInnen gleichermaßen bereichernd sein. Die Ungeübtheit darf metakommunikativ benannt werden. Die Zielsetzung im interreligiös verstandenen Sinne – mit ihren Möglichkeiten und Grenzen – sollte jedoch unmissverständlich als Prämisse des Teams der Tageseinrichtung erarbeitet und vertreten werden.



Elke Schlösser, Diplom-Sozialarbeiterin, freiberufliche Referentin und Fachbuchautorin.



Kontakt
www.wir-verstehen-uns-gut.de



Literatur
Schlösser, Elke: Zusammenarbeit mit Eltern - interkulturell: Informationen und Methoden zur Kooperation mit deutschen und zugewanderten Eltern in Kindergarten, Grundschule und Familienbildung. Ökotopia Verlag, 2004



Quelle: klein&groß MEIN KITA-MAGAZIN 01/17, Seite 20-23
Foto: WavebreakMediaMicro/Fotolia

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