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Soziale und ethische Kompetenz
24.01.2017  Meike Sauerhering

Warum machst du das? Sozial-emotionale Auffälligkeiten von Grundschülern hinterfragen und angemessen reagieren. Rezension

Es geht in diesem Buch um Strategien, die Ursachen und Auslöser von problematischem Verhalten zu erkennen und Kinder beim Erwerb sozial-emotionaler Kompetenzen zu unterstützen. Die Autorin legt den Schwerpunkt auf Fallbeispiele und konkrete Unterrichtsvorschläge für die Grundschule.
Die Autorin und Lehrerin Joey Mandel stellt praktische Möglichkeiten vor, wie sozial-emotionale Fähigkeiten von Kindern in der Grundschule gefördert werden können. Das Buch enthält vielfältige Materialien, Spiele und Vorschläge, die Mandel auf der Basis des Social Thinking (Winner) und von Moment-to-Moment-Strategien entwickelt und zusammengestellt hat. Kerngedanke in ihrem Buch ist, dass sich hinter dem Problemverhalten von SchülerInnen im Unterricht zumeist mehr verbirgt als Destruktivität oder Renitenz (S. 10). Die Autorin versucht dieses Verhalten aus einem Mangel an (sozial-emotionalen) Fähigkeiten zu erklären und individualisierte Lösungen anzuregen. Interessant ist dieses Buch für LehrerInnen, die neue Ideen für den Umgang mit sozial-emotionalen Auffälligkeiten von GrundschülerInnen suchen und bereit sind, auf spezifische Bedürfnisse (einzelner) SchülerInnen einzugehen.

Zu Ziel und Inhalt des Buches

In dem Buch sind die theoretischen Grundlagen relativ kurz dargestellt, der Fokus liegt auf der Beschreibung von Fallbeispielen und konkreten Hilfen und Vorschlägen für die Gestaltung des eigenen Unterrichts.
Positive persönliche Eigenschaften und Empathiefähigkeit sind für Joey Mandel wichtige Grundvoraussetzungen einer starken Lehrerpersönlichkeit. Das wirksamste Handwerkszeug zur Förderung konstruktiven Schülerverhaltens ist ihrer Meinung nach der Lehrer / die Lehrerin selbst. Er/sie hat Vorbildfunktion (S. 15). Als eine der größten Herausforderungen für LehrerInnen bezeichnet Mandel, die Kontrolle über den Unterricht zu behalten, ohne negative Mittel zu benutzen. Dieses ist wichtig, damit ein soziales Klassenklima geschaffen werden kann. Mit der starken Fokussierung auf den (inhaltlichen) Fortgang des Unterrichts geht die Gefahr einher, die Bedürfnisse der SchülerInnen und deren Fähigkeitspotential aus den Augen zu verlieren (S. 15). Die Autorin möchte den LeserInnen Strategien mitgeben, die sie darin unterstützen, die Ursachen und Auslöser von problematischem Verhalten zu erkennen und Kinder beim Erwerb sozial-emotionaler Kompetenzen zu unterstützen. Wobei Mandel jedoch deutlich hervorhebt, dass es keine schnellen Lösungen und Rezepte gibt (S.19). – Eine Strategie für die Umsetzung eines sogenannten sozial-emotionalen Curriculums fehlt ihrer Meinung nach noch (S.20).
Zu Beginn (S. 16 bis 19) werden vier Fallbeispiele vorgestellt, die den / die LeserIn durch das Buch begleiten. Sie stehen für unterschiedliche Formen von unangemessenem SchülerInnenverhalten. Die Beispiele werden in jedem Kapitel wieder aufgegriffen, um aufzufächern, wie vielschichtig Ursachen und Erscheinungsbilder sind und wo sich im Einzelnen Ansatzpunkte für Handlungsstrategien finden. Damit soll gezeigt werden, „welche Verhaltensweisen auf welche Rückstände im Erwerb bestimmter Fähigkeiten hindeuten und wie diese die sozial-emotionale Entwicklung beeinflussen“ (S. 23). Dazu werden in dem Buch Beobachtungsschwerpunkte, spezifische sozial-emotionale Kompetenzen, Fertigkeiten und Fähigkeiten, Förderschwerpunkte und Förderstrategien vorgestellt.

Wie Kinder im Unterrichtsalltag gefördert werden können

Gezeigt wird, wie jedes Kind so gefördert wird, dass es lernen kann, die im Unterricht geltenden Regeln oder Verhaltenserwartungen zu erfüllen. Der erste Schritt – vor der Analyse von Verhaltensweisen – ist, den Auslöser des jeweiligen Verhaltens zu identifizieren. In der Regel handelt es sich hier um eine Überforderungssituation (S. 29). Im nächsten Schritt geht es darum, herauszufiltern welche Fähigkeiten dem Kind fehlen, um die Anforderungen zu erfüllen. Für die Darstellung der zu erwerbenden Fähigkeiten konzentriert die Autorin sich in dem Buch auf fünf Entwicklungsbereiche: Motorik, Kommunikation, sozial-emotionale sowie kognitive Fähigkeiten. Zu jedem dieser fünf Entwicklungsbereiche gibt es Kapitel mit Unterkapiteln, die Förderschwerpunkte darstellen. Darin werden jeweils Beobachtungsschwerpunkte angeführt, die LehrerInnen darin unterstützen, zu erkennen welche ihrer SchülerInnen im genannten Bereich möglicherweise Entwicklungsrückstände aufweisen. Zudem werden dort Spiele für jeden der fünf Entwicklungsbereiche vorgestellt, die den schrittweisen Aufbau sozial-emotionaler Kompetenzen fördern.
Zuvor werden jedoch (S. 33 bis 46) die fünf Entwicklungsbereiche und deren Bedeutung erläutert und ein Beobachtungsbogen (S. 60-69) vorgestellt, der es den LeserInnen ermöglichen soll, einen Überblick über das Fähigkeitsprofil (der sozial-emotionalen Entwicklung) ihrer ganzen Klasse zu gewinnen.
Wie eingangs erwähnt, schließt die Autorin sich der sogenannten Moment-to-Moment-Methode an, mit der bestimmte Strategien verbunden sind:

Die Moment-to-Moment Förderstrategien

  • Lernsituationen schaffen
  • Konkret-beschreibendes Lob
  • Gruppenbildung
  • Übungen für zu Hause
  • Vorbild
  • Non-verbale Hinweise
  • Umformulieren
  • Unterstützung durch Mitschüler
  • Teilerfolge bestätigen
  • Aktivitäten und Verhaltenserwartungen ankündigen
  • Wiederholung
  • Lernsituation steuern
  • Belohnungssysteme
  • Lehrerhilfe
  • Selbstgespräch
  • Lernumgebung strukturieren
  • Individuelle Lernvoraussetzungen einschätzen
  • Verbale Unterstützung
  • Denkanstöße und Entscheidungshilfen geben
  • Entwicklung schrittweise planen
In den anschließenden Kapiteln zu den fünf gewählten Entwicklungsbereichen werden diese Strategien aufgegriffen und gezeigt, wie sie angewendet werden können. Dazu werden die Fallbeispiele wieder aufgegriffen und konkrete Vorschläge zur Unterrichtsgestaltung gegeben. Es wird jeweils angegeben für Kinder welchen Entwicklungsalters sie geeignet sind, wie lange sie dauern und wie welche emotionale Kompetenz damit gefördert werden soll.

Beispiele und Reflexionshilfen:

I Zur Förderung motorischer Fähigkeiten

Das Kapitel zur Förderung der motorischen Fähigkeiten enthält Unterrichtsbeispiele und Spielsituationen für verschiedene Unterthemen: Feinmotorik, Bewegungsplanung, motorische Adaptionsfähigkeit, Körperwahrnehmung, soziale Wahrnehmung, verbale Impulskontrolle, Selbststeuerung, Bewegungsverhalten anpassen, Selbstkontrolle und Bewegungssteuerung. Zusätzlich gibt es eine Kopiervorlage (S. 107/108) zur Selbstkontrolle. Hierbei geht es darum, die Körperwahrnehmung zu sensibilisieren: Wie fühlt sich mein Körper bei unterschiedlichen Anforderungen an? Wie ist das beispielsweise im Vergleich von Kraft- zu Entspannungsübungen?

II Zur Förderung kommunikativer Fähigkeiten

Dieses Kapitel ist untergliedert in: rezeptives Gedächtnis, Informationsverarbeitung, bewusstes Zuhören, non-verbale Kommunikation, intentionaler Sprachgebrauch, expressiver Sprachgebrauch, Perspektive anderer einnehmen, auf Äußerungen anderer eingehen, Sprachgebrauch in Konfliktsituationen und Erzählen. Zusätzlich zu den abgedruckten Spielen und Übungen enthält auch dieser Abschnitt Kopiervorlagen für den Einsatz im eigenen Unterricht.

III Zur Förderung sozialer Fähigkeiten

Hier findet man Erklärungen, Beispiele, Beobachtungsschwerpunkte und Übungen zu folgenden Unterthemen:  gemeinsame Aufmerksamkeit, soziale Gegenseitigkeit, Imitation, soziales Referenzieren, soziales Beobachten, auf die Gefühle anderer eingehen, soziale Antizipation, Bedürfnisse anderer wahrnehmen, Distanzverhalten und Selbstreflexion.

IV Zur Förderung emotionaler Fähigkeiten

In diesem Kapitel finden sich nähere Ausführungen zum Gefühle ausdrücken, Emotionen internalisieren, Emotionen externalisieren, Emotionen steuern, emotional angemessen reagieren, Gebrauch von Stimme und Tonfall, positiven Denken, Emotionen anderer positiv Beeinflussen – zu Reaktionen auf Auslöser sowie zum verantwortlichen Umgang mit den Gefühlen anderer. Die enthaltene Kopiervorlage ‚Situationsbeschreibungen‘ enthält Bildkärtchen mit denen über angemessene Emotionen in bestimmten Situationen gesprochen werden kann.  Mit der ebenfalls enthaltenen Kopiervorlage ‚Stimmt der Ton?‘, kann die Verbindung bestimmter Aussagen mit passender beziehungsweise unpassender Betonung getestet werden.

V Zur Förderung kognitiver Fähigkeiten

In diesem Kapitel geht es um diejenigen kognitiven Fähigkeiten, die Einfluss auf die sozial-emotionalen Fähigkeiten haben. Die Autorin setzt sich hier mit den Förderschwerpunkten Aufmerksamkeit, Integration von Wahrnehmungs- und Verarbeitungsfunktionen, kontextuelle Wahrnehmung, Flexibilität, symbolisches Denken, Eigenschaften anderer Personen wahrnehmen, soziale Kognition, Verhalten an soziale Erwartungen anpassen und über soziale Situationen berichten auseinander.

Zum Umgang mit Krisen

Den Abschluss des Buchs bildet ein Kapitel in dem beschrieben wird, welche Schritte LehrerInnen im Umgang mit Krisen beachten sollten. Mandel betont, dass in Momenten in denen Kinder emotional überfordert sind, Deeskalationsprozesse eingeleitet werden müssen. Der erste Schritt hierbei ist es, Gesprächsversuche einzustellen, im zweiten Schritt geht es darum, die eigenen Emotionen zu kontrollieren, um im dritten Schritt die Emotionen des Kindes steuern zu können. Ebenso wichtig sind die Krisenprävention sowie die Förderung der Deeskalationsfähigkeit. Zu diesen Bereichen finden sich wiederum Beschreibungen und Übungsmaterial.

Abschließender Kommentar

An einigen Stellen des Buches haben mich die Ausführungen irritiert: Beispielsweise beschreibt Mandel, dass die Schwerpunkte der Lehrerausbildung auf den Inhalten des Curriculums und der didaktisch-methodischen Umsetzung liegen; oder sie vergleicht den Umgang sozial emotionaler Auffälligkeiten mit den Förderstrategien bei Lese-Rechtschreibschwäche und kommt zu dem Schluss, dass der Umgang bei letzterem professionell sei und Handlungsstrategien etabliert sind. – Bei sozial-emotionalen Auffälligkeiten hingegen nicht. Beides deckt sich nicht mit meinen Kenntnissen von Lehrerausbildung und Schule. Meiner Ansicht nach kommt zumindest in der universitären Ausbildung das Methodisch-didaktische zu kurz und der Umgang mit Legasthenie beziehungsweise mit einer LRS erscheint mir oftmals recht beliebig. Möglicherweise resultieren diese unterschiedlichen Einschätzungen daraus, dass die Originalausgabe des Buches in Kanada erschienen ist und somit auch die dortigen schulischen Verhältnisse spiegelt. Zudem kann der, an manchen Stellen (insbesondere im Schlusswort), stark appellative Charakter der Formulierungen als störend empfunden werden.

Bild: Coverausschnitt.Mandel.Warum machst Du das?

Joey Mandel (2014): Warum machst du das? Sozial-emotionale Auffälligkeiten von Grundschülern hinterfragen und angemessen reagieren.Verlag an der Ruhr. Mühlheim a.d. Ruhr
 

 

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