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Sprachliche Bildg./Mehrsprachigkeit
24.01.2017  Renate Zimmer im Interview mit Hilde von Balluseck

Bewegung - ein Motor für die sprachliche Entwicklung?

Sprechen lernen wird häufig als ein rein intellektueller Vorgang des Kindes gesehen. Diese Auffassung wird neuen Forschungsergebnissen nicht gerecht, wie Renate Zimmer im Folgenden darlegt.
Hilde von Balluseck: Auf den ersten Blick bringt man Sprache nicht mit Bewegung in Verbindung. Wie kommen Sie dazu, die Sprachentwicklung des Kindes mit Bewegung zu verknüpfen?    

Renate Zimmer: Bewegung ist vom ersten Lebenstag an Motor der kindlichen Entwicklung, dies trifft auch auf den Erwerb der Sprache zu. Kinder entfalten ihr Sprachpotential im sozialen Kontext, im Austausch mit anderen – mit Kindern und Erwachsenen. Sie entwickeln es aber auch in Handlungszusammenhängen, die ihnen selbst wichtig erscheinen, die ihre eigenen Interessen berühren. Dazu gehört die Bewegung – für Kinder Ausdruck ihrer Lebensfreude  und Agilität. Bewegungssituationen bieten Kindern Anlässe zum Sprechen, zum Erweitern und Differenzieren ihres Sprachvermögens. Über Bewegungsspiele können sprachliche Lernprozesse provoziert werden. Eine Spielidee liefert den Anlass für Bewegungshandlungen wie auch für Sprachhandlungen. Situationen werden „versprachlicht“. So können Bewegungsaktivitäten und Spielhandlungen - in der richtigen Form begleitet - zugleich auch als komplexe Sprachlernsituationen aufgefasst werden.
 
Hilde von Balluseck: Wie kann man sich das konkret vorstellen – welche Art von Bewegung wirkt sich auf die kindliche Sprachentwicklung aus?  

Renate Zimmer: Sprache baut auf dem Handeln auf: Zuerst kommt das körperlich-sinnliche Erkunden einer Sache, dann erst erfolgt die sprachliche Begleitung. Das Kind spielt z. B. mit dem Ball, lässt ihn auf den Boden prellen. „Ball springt“ sagt es, aber nicht bevor, sondern nachdem es sich mit ihm beschäftigt hat. Im Tun, im handelnden Umgang mit Gegenständen und Objekten entdeckt es die Sprache als nützliches Medium, als Werkzeug des Handelns.

Das Kind gewinnt, bevor es sich sprachlich mitteilen kann, bereits ein Wissen über die Beschaffenheit von Gegenständen oder die Funktion von Objekten. Dass ein Ball rund ist, auf dem Boden rollt oder hochspringt, wenn man ihn fallen lässt, dieses Wissen hat es aufgrund seiner Erfahrungen durch Wahrnehmung und Bewegung, in denen sich die Zusammenhänge erschließen. So werden durch das Handeln gewonnene Erfahrungen in Verbindung mit der Sprache zu Begriffen. Diese Begriffe ermöglichen dem Kind die innere Abbildung der Welt. Zeitliche Begriffe wie „langsam“ und „schnell“, räumliche Begriffe wie „hoch“ und „tief“ erfährt das Kind z. B. in Bewegungshandlungen, die es in Raum und Zeit variiert. So erweitert es seinen Wortschatz und erwirbt die Voraussetzung für das Verständnis sprachlicher Klassifizierungen.
 
Hilde von Balluseck: Gibt es andere Entwicklungsbereiche des Kindes, die durch Bewegung unterstützt und gefördert werden?

Renate Zimmer: Bewegung bedeutet für Kinder, Zugang zur Welt zu finden, sich die Welt quasi anzueignen. Sie lernen die Eigengesetzlichkeit der Dinge und Objekte, mit denen sie sich bewegen kennen, finden z.B. heraus,  wie sie sich auf unebenem, instabilem oder schmalem Untergrund im Gleichgewicht halten oder wie sie den eigenen Schwung beim Schaukeln verstärken oder bremsen können. Dies führt zum Erwerb materialer Erfahrungen, die die Grundlage der kognitiven Entwicklung darstellen.

Auch für den Erwerb personaler Kompetenzen spielen Bewegungserfahrungen eine wichtige Rolle: Kinder erleben durch ihre körperlichen Aktivitäten, dass sie selbst imstande sind, etwas zu leisten, ein Werk zu vollbringen. Sie erleben in Bewegungshandlungen, dass sie Verursacher bestimmter Effekte sind, dass sie eine Wirkung hervorrufen und diese auf sich selbst zurückführen können. Dies ist die Basis für den Aufbau eines positiven Selbstkonzeptes

Hilde von Balluseck: Wie genau wird die Sprachentwicklung durch Bewegung gefördert?

Renate Zimmer: Ich will das an einem Beispiel erläutern: Ein Ball fordert zum Handeln auf, zum Spiel und zum Erproben, allein oder gemeinsam mit anderen. Dabei gibt es aber auch eine Reihe von Sprachanlässen:  Man kann ihn rollen, werfen, fangen, ihn auf ein Tor schießen  – Bewegungsverben werden im Handeln erfahren, gleichzeitig wird nicht nur der Wortschatz sondern auch die Wortbedeutung geübt. Grammatikalische Regeln werden nebenbei aufgenommen und prägen sich ein: Ich werfe den Ball, du wirfst den Ball zurück, der Ball wird gerollt – aktive und  passive Formen, Verbflexionen und Artikelgebrauch –  so schwierig die deutsche Grammatik auch scheint, beim Spiel mit dem Ball wird sie fast „nebenbei“ erfahren. Vor allem aber ist der Ball ein Medium der Kommunikation, der Beziehungsaufnahme. Er gibt zwar Anlässe zum Sprechen, die gemeinsame Aktivität kommt aber gleichermaßen auch (zunächst noch) ohne aktive Sprache aus.
Die korrekte Aussprache, die richtige Artikelbildung oder die Erweiterung des Wortschatzes stehen vorerst im Hintergrund, über sprachförderliches Verhalten der pädagogischen Fachkraft können die engeren sprachlichen Kompetenzen der Kinder jedoch bewusst unterstützt werden.
 
Hilde von Balluseck: Gibt es Forschungsergebnisse für die Wirkungen einer bewegungsorientierten Sprachförderung?

Renate Zimmer: Wir konnten in mehreren  Forschungsprojekten die Effektivität des Ansatzes einer Sprachbildung und Sprachförderung über Bewegung belegen. Dabei setzten wir sowohl Beobachtungs- als auch sogar klassische Testverfahren zur Überprüfung  der sprachlichen Kompetenzen ein. Zielgruppen waren Kinder aus Kindertageseinrichtungen und Krippen, insbesondere auch Kinder mit Migrationshintergrund.  So wiesen in einer unserer letzten Studien die Kinder der Versuchsgruppen, die das Konzept „Bewegte Sprache“ regelmäßig im Kita –Alltag erlebten, einen deutlichen Zuwachs hinsichtlich der sprachlichen Fähigkeiten in vier von sechs Skalen des Beobachtungsverfahrens Sismik auf. Bei den Kindern wurden im Vergleich zur Kontrollgruppe z. B. häufiger sprachliche Interaktionen mit anderen Kindern beobachtet, sie kommunizierten mit der Erzieherin intensiver und waren insgesamt kompetenter in der deutschen Sprache geworden.
 
Hilde von Balluseck: Was brauchen frühpädagogische Fachkräfte, um in ihrer täglichen Arbeit die Sprachentwicklung durch Bewegung zu fördern?

Renate Zimmer: Sprache wird an und mit den Dingen gelernt, die das Kind interessieren.  Authentische Erlebnisse, die zum Sprechen verlocken, tragen zur Förderung des Dialogs, der kommunikativen Kompetenz der Kinder bei. Es hilft natürlich, sich mit den Zusammenhängen von Sprache und Bewegung zu befassen, wir haben die Erfahrung gemacht, dass die pädagogischen Fachkräfte dann sehr viel sensibler und aufmerksamer gegenüber sprachrelevanten Situationen im Kindergartenalltag waren.

Das Grundanliegen einer alltagsorientierten Sprachbildung und Sprachförderung von Kindern sollte darin bestehen, eine anregungsreiche, zur Aktivität und zum Handeln auffordernde Umwelt zu schaffen, in der das Kind seinen Körper, Bewegung, seine Sprache und Stimme gleichermaßen einsetzen darf, um sich mit sich selbst und anderen auseinanderzusetzen. Bevorzugtes Mittel ist dabei das Spiel. Es schafft Bewegungs- und Sprechanlässe, die dazu beitragen, das sprachliche Handlungsrepertoire ebenso zu erweitern wie das Bewegungsrepertoire.

So können die sprachlichen Kompetenzen der Kinder lustvoll und spielerisch, aber dennoch zielgerichtet und systematisch begleitet, unterstützt und angeregt werden
 
Prof. Dr. Renate Zimmer ist Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Frühe Kindheit und Professorin für Sport- und Bewegungswissenschaft an der Universität Osnabrück. Sie ist Direktorin des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe). Sie war 13 Jahre als Lehrende an der Freien Universität Bozen im Studiengang Bildungswissenschaften tätig, in dem pädagogische Fachkräfte aus Kindergärten und Grundschulen gemeinsam ausgebildet werden. Bundesweit bekannt sind die von ihr initiierten bundesweiten Kongresse zum Thema „Bewegte Kindheit“, die von 3000 pädagogischen Fachkräften aus ganz Deutschland besucht werden. Internationale Kooperationen auf dem Gebiet der frühen Kindheit pflegt sie u.a. mit dem Institut für Frühpädagogik in Hangzhou/China, der EWHA-Universität in Seoul/Korea, der Doshisha - Universität  in Kyoto/Japan und der Dimocritus-Universität in Komotini/Griechenland.
 Renate Zimmer ist Autorin von 45 Büchern, u.a. zu den Themen Bewegungserziehung, Sinneswahrnehmung, Psychomotorik und Alltagsintegrierte Sprachbildung.
Kontakt: rzimmer@uos.de
Mehr von der Autorin lesen Sie im Kapitel  „Bewegung und Sprache – elementare Ausdrucksmittel des Kindes“ .In: Hilde von Balluseck (Hrsg., 2017): Professionalisierung der Frühpädagogik. Perspektiven, Entwicklungen, Herausforderungen. 2. Aktualisierte und überarbeitete Auflage. Opladen, Berlin, Toronto, Verlag Barbara Budrich. ISBN 978-3-8474-0765-2

Mehrere AutorInnen dieses Buches haben sich zu Interviews wie dem obigen bereit erklärt - das erste behandelte die Weiterbildung frühpädagogischer Fachkräfte. das zweite Geschlecht und Sexualität in der Kita Wenn Sie über die weiteren Interviews und Inhalte von Frühe Bildung Online informiert werden möchten, können Sie den kostenlosen Newsletter von Frühe Bildung Online abonnieren.
 

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