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Perspektiven
30.01.2017  Hilde von Balluseck

Frühe Hilfen für psychisch kranke Eltern

Wenn ein Elternteil oder gar beide psychisch krank sind, brauchen sie besonders viel Unterstützung. Dabei müssen das Gesundheitssystem und die Kinder- und Jugendhilfe eng zusammenarbeiten. Auch die Berufsgruppen der frühpädagogischen Fachkräfte und LehrerInnen sind im System der Frühen Hilfen gefragt - nach ihrer Kompetenz und nach ihrer Kooperationsbereitschaft.
Die Tagung des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen mit dem Titel "Interdisziplinäre Versorgung von Kindern psychisch kranker Eltern aus Sicht der Frühen Hilfen" am 27. Januar in Berlin thematisierte die damit zusammenhängenden Fragen.

Den Teufelskreis von Krankheit und Trauma durchbrechen


Psychische Krankheit von Eltern ist sehr häufig der Grund für eine Herausnahme des Kindes aus der Familie. Denn, so Daniel S. Schechter in seinem Vortrag, die Eltern(-teile) sind aufgrund ihrer Erkrankung nicht in der Lage, dem Kind liebevoll zu begegnen, auf seine Bedürfnisse freundlich einzugehen - ihr eigener Stress ist zu groß. In Wirklichkeit aber würden die allermeisten von ihnen gerne liebevolle Eltern sein, aber die Krankheit verhindert dies.

Hinzu kommt, dass psychisch kranke Elternteile - und meistens ist es ja die Mutter, die die Verantwortung für das Kind übernimmt - häufig selbst traumatische Erfahrungen in der Kindheit oder in der jetzigen Familiensituation, z.B. durch Partnergewalt, zu verarbeiten haben. Sie sind hoffnungslos überfordert mit dem kleinen Wesen, dass völlig auf sie angwiesen ist.

Schechter hat mit seinem Team in der Universitätsklinik von Genf Methoden entwickelt, wie psychisch kranke Mütter ihre Angst vor der Überforderung, die sich durch die Bedürfnisse des Kindes und ihre partielle Unfähigkeit, darauf einzugehen, ergibt, überwinden können. Er arbeitet mit Videoaufnahmen von der Kommunikation zwischen Mutter und Kind und lässt die Mutter durch das Anschauen und Gespräche ein positives Verhältnis zu den Anforderungen, die sich ihr stellen, entwickeln. Dazu gehört dann sicher auch, dass die Mutter mit ihren eigenen Traumatisierungen, soweit vorhanden, besser umgehen kann.

Schechter erwähnte zwar, dass es meist die Väter sind, die - ebenfalls in ihrer Kindheit traumatisiert - die Situation verschärfen und sprach dann von den Frauen, die alleinerziehend sind. Dass die Väter in diesem Geschehen außen vor gelassen werden, erscheint als Mangel der Methode. Jedoch: Dann wäre sie noch teurer...

Denn diese Arbeit ist aufwändig und kostet viel Zeit von hochqualifizierten Fachkräften. Das ist der nicht zu hohe Preis für die Förderung von Mutter und Kind, so dass die Mutter in der Lage ist, das Kind in seiner Entwicklung zu begleiten und sich den fördernden Kräften in Kita und Grundschule anzuvertrauen.

Die Mängel im Gesundheitssystem

Das Gesundheitssystem umfasst in erster Linie niedergelassene Ärzte/Ärztinnen, Kliniken und ambulante Dienste. In seinem gemeinsam mit Susan Kluth verfassten Vortrag berichtete Harald J. Freyberger von der Universitätsklinik Greifswald von den teilweise katastrophalen Defiziten, die das Gesundheitssystem im Umgang mit psychisch kranken Müttern zeigt. Zunächst ist laut Freyberger festzustellen, dass die niedergelassenen Ärzte - Hausärzte wie auch Fachärzte - psychische Erkrankungen häufig nicht als solche erkennen. Folglich kann eine sich ankündigende schizophrene oder depressive Episode nicht richtig behandelt und damit möglicherweise aufgefangen werden. Hinzu kommt aber ein weiterer Mangel, nämlich, dass Ärzte/Ärztinnen, die sich mit KollegInnen über die Behandlung einer Patientin verständigen wollen, für derartige Gespräche nicht bezahlt werden - es gibt keine Ziffer für die Abrechnung.

Ein anderer Missstand: Für das Rooming in, also für die Aufnahme von psychisch kranker Mutter und Kind ins Krankenhaus, gibt es nicht genug Plätze. Diejenigen aber, die es gibt, bringen der Klinik in Mecklenburg-Vorpommern nicht mehr als 15 € pro Nacht ein - was die Motivation für die Einrichtung des Rooming in nicht erhöht.

In ländlichen Gegenden wirkt der Mangel an FachärztInnen und Kliniken zusätzlich erschwerend. Auch in der Stadt kann es aber passieren, dass aufgrund von Scham oder Unkenntnis psychisch kranke Menschen zu spät eine psychiatrische Beratung oder eine inkompetente Person aufsuchen. So geschehen bei einer Freundin von mir, die sich im Laufe einer längeren psychotherapeutischen Behandlung das Leben nahm.

Laut Freyberger geht es also zum Einen darum, die Strukturen zu verbessern, zum Anderen aber auch darum, die Hilfestellungen, die die Medizin geben kann, auszufinanzieren.

Dass der Antrag auf Verstetigung des Projekts dieses Wissenschaflters abgelehnt wurde, ist für Außenstehende unverständlich - für die psychisch kranken Eltern (-teile) dramatisch.

Die Mängel in der Kinder- und Jugendhilfe

Nachdem Freyberger "Chancen und Desiderate in der interdisziplinären Versorgung von Säuglingen und Kleinkindern mit psychisch kranken Eltern" aus der Sicht des Gesundheitssystems behandelt hatte, sprach Sabine Wagenblass von der Hochschule Bremen aus Sicht der Kinder- und Jugendhilfe zum gleichen Thema.

Positiv sind dabei die Netzwerke der Frühen Hilfen zu sehen, in denen unterschiedliche Fachkräfte in unterschiedlichen Institutionen zusammen wirken, um Eltern und Kinder zu unterstützen. Dies geht von der Hebamme bis zur Klinik, dazwischen kann es dann zu Kontakten mit der Kinder- und Jugendhilfe kommen. Die Netzwerke sind jedoch, so die Referentin, jugendhilfelastig, d.h. es beteiligen sich nicht ausreichend viele Institutionen und Personen aus dem medizinischen System. Dies kann eine Überforderung der MitarbeiterInnen in der Kinder- und Jugendhilfe zur Folge haben. Ehrenamtliche Kräfte sollten bei der überaus anspruchsvollen Arbeit mit psychisch kranken Eltern nicht eingesetzt werden - auch diese aber ist eine Kostenfrage. 

In der Erwachsenenpsychiatrie bedarf es eines besseren Eingehens auf die Probleme psychisch kranker Eltern und den Blick auf die davon betroffenen Kinder. Überhaupt sollten pädagogische Kenntnisse in der Psychiatrie, sozialpsychiatrisches Wissen in der Kinder- und Jugendhilfe Eingang finden. Erforderlich wären in Aus- und Weiterbildung von SozialarbeiterInnen, KindheitspädagogInnen die Berücksichtigung psychiatrischen Grundlagenwissens.

Fazit

Die drei Eingangsvorträge machten deutlich:
  • wie groß die Not der Kinder psychisch kranker Eltern ist
  • wie über Generationen verursachtes Leid den eigenen Kindern in Form von Krankheit wetiergegeben wird.
  • wie wenig die derzeitigen Versorgungs- und Finanzierungsstrukturen den Problemen gerecht werden.
  • wie wichtig die Berücksichtigung der Nöte von Eltern und Kindern in der psychiatrischen und sozial-/kindheitspädagogischen Ausbildung ist.
Die Tagung machte aber auch deutlich, welch einen enormen Fortschritt die Einrichtung des Programms Frühe Hilfen für die Diskussion des Themas, die wissenschaftliche Auseinandersetzung und das Engagement der Fachkräfte für die betroffenen Eltern und Kinder bedeutet.

Sie wollen mehr über die Frühen Hilfen wissen? Hier finden Sie Informationen.

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