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Qualitätsmanagement
06.02.2017  Tina Sprung

Hinschauen für mehr Qualität

Der katholische Kindergarten Sessenbach war prädestiniert für das Pilotprojekt „Qualitätsentwicklung im Diskurs“. In der kleinen 600-Seelen-Gemeinde, unweit der Stadt Koblenz, hängt am Eingang das Gütesiegel KTK. Als erste Kita im Bistum Limburg in Rheinland-Pfalz wurde sie mit dem Gütesiegel „Katholische Tageseinrichtungen für Kinder“ ausgezeichnet. Der Grund: ein gut funktionierendes Qualitätsmanagement. Wir übernehmen den Text von Tina Sprung aus "didacta", dem Magazin für lebenslanges Lernen, mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Die Hochschule Koblenz rief Doris Kleudgen im vergangenen Jahr an. Kleudgen ist Kita-Leiterin des katholischen Kindergartens Sessenbach. Die Kita hat vier Gruppen mit insgesamt 90 Kindern. Davon ist eine Gruppe für die U3-Kinder. Von den 15 Erzieherinnen und Erziehern sind vier in Vollzeit angestellt. „Die Hochschule fragte uns, ob wir an einem Pilotprojekt zur Reflexion und Evaluation teilnehmen wollen“, erzählt sie. „Sie suchte nach geeigneten Einrichtungen in Stadt und Land.“ Bei dem Projekt ging es vor allem darum, zu überprüfen, inwieweit sich Familien- und Sozialraumorientierung auf dem Land von der Stadt unterscheidet. Kleudgen sagte schnell zu: „Wir sind grundsätzlich sehr offen für Qualitätsentwicklungssysteme und haben das gut funktionierende Qualitätsmanagement.“

Das erste Mal trafen sie sich direkt in der Hochschule Koblenz von 9 bis 14 Uhr. Sie, das waren Doris Kleudgen und ihre stellvertretende Leiterin Monique Roß sowie jeweils zwei Mitarbeiter von fünf weiteren Kitas aus der Region um Koblenz. „In den ersten Treffen erklärten uns die Wissenschaftler das Pilotprojekt und halfen bei der Suche nach einem Arbeitsschwerpunkt.“
 

Die Suche nach geeigneten "Netzwerkpartnern"

Das war bei dem katholischen Kindergarten Sessenbach die Suche nach geeigneten „Netzwerkpartnern“, also Institutionen, mit denen sie in der Umgebung zusammenarbeiten können. Mithilfe von drei Säulen wurde erörtert, welche Netzwerke sich eignen, welche Relevanz sie haben und mit wem die Kita zusammenarbeiten möchte. Schnell stellte sich heraus, dass die Kita in Sessenbach ihren Sozialraum anders definieren muss als eine Kita in der Stadt. Dort kann ein Sozial­raum ein Stadtbezirk sein; in der Kita Sessenbach umfasst der Sozialraum im Durchmesser zwanzig Kilometer. „Zu den Netzwerken innerhalb dieses Durchmessers gehören alle Institutionen, die für die Kita relevant sind. Das können Beratungsstellen bei Ämtern sein, eine Schule oder ein Kirchenchor im Nachbarort“, erklärt Kleudgen. Die erste von drei Säulen beinhaltete das Beobachten und Dokumentieren. Zurück in der Kita, begannen Kleudgen und Roß, die Informationen an ihr Team weiterzugeben. „Sehr angenehm war bei dem gesamten Projektzeitraum über neun Monate, dass wir von Prozessbegleitern unterstützt wurden und die komplette Kita in den Prozess eingebunden wurde, da wir die zu erarbeitenden Punkte sofort an unser Team weitergegeben haben.“


Reflexion ist ein Bestandteil der pädagogischen Arbeit


Eine Prozessbegleiterin, die in Rheinland-Pfalz „Qualitätsentwicklung im Diskurs“ durchführt, ist Thea Pfeffer. Die 57-Jährige ist Diplom-Pädagogin und arbeitet in diesem Bereich seit über zwanzig Jahren. „Ziel einer Reflexion ist, dass Kita-Mitarbeiter zielgerichtet und effektiv arbeiten“, sagt Pfeffer. Die Reflexion ist ein Bestandteil der pädagogischen Arbeit. „Es ist wichtig, sich seine eigene Haltung klarzumachen. Dabei geht es um eine Selbstüberprüfung: Erreiche ich die Ziele mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen?“ Reflexion und Evaluation bedeuten nicht, dass etwas schlecht läuft, eher, „dass man Prozesse verbessern und weiterentwickeln kann“, so Pfeffer. Die Bereitschaft von Erzieherinnen und Erziehern für eine Evaluation und Reflexion ist hoch.

Manche Städte gelten beim Thema Reflexion und Evaluation als Vorreiter, zum Beispiel Heidenheim an der Brenz in Baden-Württemberg. Dort prüft die Stadt, rund 100 Kilometer von Stuttgart entfernt, die Kitas und überlässt das nicht mehr den Trägern oder Einrichtungen. Schrittweise evaluiert die Stadt die Kitas und achtet darauf, dass alle Qualitätsstandards eingehalten werden. Die Kosten unterscheiden sich in den Bundesländern.

Wichtig bei der Reflexion ist vor allem, zielorientiert zu arbeiten, davon ist Pfeffer überzeugt. Dabei sollen Erzieherinnen und Erzieher sich immer fragen: „Was möchte ich weitergeben und vermitteln? Bin ich in der Spur?“ Die Reflexions- und Evaluationsarbeit bei „Qualitätsentwicklung im Diskurs“ ist praktisch orientiert. Das Besondere an der Methode ist, dass Partner und Einrichtungen aus der unmittelbaren Region zusammenarbeiten können. Die erste Säule umfasst das Beobachten und Dokumentieren.

Kita-Leiterin Kleudgen erzählt: „Wir haben einen Ordner bekommen, in dem genau erklärt ist, wie man richtig beobachtet und dokumentiert. Es gibt Werkzeuge, die einem helfen, etwas sehr konkret zu sehen und zu bewerten.“ Pfeffer erklärt: „Als ein weiterer möglicher Weg erweist sich bei ,Qualitätsentwicklung im Diskurs‘ das Mindmapping. Wir stellen uns hier bei der Netzwerkanalyse die Fragen: Welche Stellen haben Relevanz? In welchem Umkreis liegen sie? Welche Netzwerke eignen sich für Familien und Kinder?“ Auch spielt die Reflexionsschleife eine wichtige Rolle. Ein Entwicklungsprozess ist nie abgeschlossen, denn dieser wird immer wieder neu begonnen. Nachdem die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kitas zwei Monate Zeit für das Beobachten und Dokumentieren hatten, besprachen Kleudgen und Roß ihre Ergebnisse zusammen in der Gruppe. Bei ihnen lag der Fokus auf der Suche nach Netzwerkpartnern.
 

Mögliches Schwerpunktthema: die Entwicklungsgespräche


„Natürlich ist es auch möglich, den Fokus auf andere Themenbereiche zu legen“, erklärt Pfeffer. Ein mögliches Schwerpunktthema sind vor allem die Entwicklungsgespräche, also die Gespräche zwischen Eltern und Erzieherinnen und Erzieher. „Bevor Kita-Mitarbeiter in so ein Entwicklungsgespräch gehen, müssen sie vorab die Ziele definieren: Welche Themen spreche ich an? Was will ich erreichen? Wie beteilige ich die Eltern an den Gesprächen?“ Nach der Definition erfolgt eine Einordnung in den Gesamtprozess des Entwicklungsgespräches. Das, was hier erreicht wird, fließt wieder zurück in die pädagogische Arbeit.

Nichtsdestotrotz läuft nicht immer alles rund. Während der Evaluations- und Reflexionsprozesse kann es auch zu Problemen kommen. Zum einem können Erzieherinnen und Erzieher während des Prozesses zeitlich zu sehr unter Druck geraten oder, in der Beobachtungsphase, nicht genau und detailliert beobachten und dokumentieren. Das liegt vor allem an zu wenig Personal.

Bei der Kita Sessenbach war und ist das kein Problem. Bei der „Qualitätsentwicklung im Diskurs“ stellten sie fest, dass es im Nachbarort einen Kirchenchor gibt, mit dem die Kita zusammenarbeiten kann. Die dritte Säule der „Qualitätsentwicklung im Diskurs“ war die Umsetzung. „Wir fragten in dieser Zeit den Chor an, ob an einer Zusammenarbeit Interesse besteht“, sagt Kleudgen. Nun, ein Jahr später, gibt der Chor zusammen mit den Kita-Kindern ein Adventskonzert. „Der Chorleiter kommt kurz davor in die Kita und probt mit uns. Die ,Qualitätsentwicklung im Diskurs‘ war für uns erfolgreich.“

 

Quelle: didacta. Das Magazin für lebenslanges Lernen 01/17, Seite 60-62
Foto: contrastwerkstatt


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