Anmelden
Grundschule
14.02.2017  Anne Odendahl

„Schulen müssen ein spezifisches Leitbild entwickeln“

Viele Lehrkräfte wünschen sich bessere Rahmenbedingungen für den Unterricht. Prof. Dr. Monika Buhl rät Lehrkräften und Schulleitungen, sich zu vernetzen und vom Wissen anderer Schulen zu profitieren. Buhl ist seit 2010 Hochschuldozentin für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Unterricht an der Universität Heidelberg. Zudem ist sie Mitglied der Vorjury des Deutschen Schulpreises.
  • Frau Prof. Buhl, gute Bildung braucht gute Lehrkräfte. Was brauchen Lehrkräfte, um gut arbeiten zu können?
Lehrerinnen und Lehrer brauchen gute Arbeitsbedingungen, um guten Unterricht und gute Schule machen zu können. Gleichzeitig ist es ihr zentraler Arbeitsauftrag, für gute Bildung zu sorgen. Das ist das wesentliche Berufsziel. Voraussetzung hierfür ist aus meiner Sicht eine sehr gute fachliche Ausbildung, umfangreiches pädagogisches, didaktisches und diagnostisches Wissen sowie die Fähigkeit zur Selbstorganisation und Selbstreflexion, weil es ein Beruf mit großen Freiheiten ist.
Für das berufliche Handeln lassen sich allgemeine Rahmenbedingungen formulieren, die Engagement und Einsatzbereitschaft fördern. Ich zitiere hier sehr gerne die Selbstbestimmungstheorie von Edward L. Deci und Richard M. Ryan, in der drei menschliche Grundbedürfnisse formuliert werden, die für die Entwicklung intrinsischer Motivation bedeutsam sind: das Erleben von Autonomie, Kompetenz und sozialer Einbindung. Für Lehrkräfte ist es in diesem Sinne wichtig, dass sie Freiräume haben, wie sie ihre Arbeit gestalten können. Ebenso braucht es Rückmeldesysteme, beispielsweise durch die Schulleitung, die Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigen. Häufig wird auch Feedback von den Schülerinnen und Schülern oder durch Kolleginnen und Kollegen im Kontext von Hospitationen eingeholt. All das unterstützt das Kompetenzerleben. Auch für die soziale Einbindung ist es wichtig, im Team zu arbeiten und sich auszutauschen.
  • Eine Umfrage des Didacta Verbands im Sommer 2016 hat ergeben, dass sich Lehrkräfte bessere Rahmenbedingungen wünschen. Dazu zählen eine fachliche Unterstützung bei pädagogischen Aufgaben oder eine bessere Ausstattung mit modernen IT-Geräten. Warum sind diese Bedingungen oftmals nicht gegeben?
An Schulen haben sich in den letzten Jahren die Anforderungen stark verändert, vor allem ist viel Neues dazugekommen. Nach dem PISA-Schock wurden z.B. die Bildungsstandards eingeführt, was mit regelmäßigen Vergleichsarbeiten und zentralen Leistungsüberprüfungen einhergeht. Zudem gibt es neue Herausforderungen, beispielsweise im Bereich des Ausbaus von Ganztagsschulen, der Inklusion, der Integration und insgesamt durch einen bewussteren Umgang mit Vielfalt. Ich habe den Eindruck, dass manche Schulen unter Druck geraten, wenn sie auf alle Anforderungen gleichzeitig reagieren möchten. Das überträgt sich dann auf die Lehrerinnen und Lehrer. Da gilt es gar nicht so sehr, die Rahmenbedingungen zu verändern, sondern ein schulspezifisches Leitbild zu entwickeln, entsprechende Schwerpunkte zu setzen und konkrete Pläne für deren Realisierung zu entwerfen. Wenn es eine Vision und ein Ziel gibt, gelingt es in der Regel auch, die Rahmenbedingungen entsprechend zu gestalten.
  • Was raten Sie Schulen, die selbst tätig werden wollen, um Lehrkräften ein optimales Arbeitsumfeld zu bieten?
Ich denke, sie sollten sich an ihrer Schulgemeinde, an den Kindern und Eltern sowie an ihrem lokalen Umfeld orientieren und – unter Einbezug aller – zentrale Ziele definieren. Hilfreich kann es sein, sich mit anderen Schulen zu vernetzen und sich darüber auszutauschen, wie verschiedene Anforderungen angegangen werden können. Nicht selten zeigen sich dabei ungewöhnliche und originelle Lösungen. In diesem Kontext möchte ich gerne auf die Schulen hinweisen, die beim Deutschen Schulpreis erfolgreich waren. Das sind eher selten toll ausgestattete, neu gebaute Schulen, sondern oftmals Schulen, die in einer Krise gesteckt haben. Aus dieser schwierigen Situation heraus wurden dann Ziele formuliert und kontinuierlich in diese Richtung gearbeitet. Das braucht neben Durchhaltevermögen vor allem eine starke Schulleitung, die das Kollegium unterstützt, Visionen zu entwickeln und anzugehen.
  • Die Preisträgerschulen, die als Vorbild dienen können, sind in der Deutschen Schulakademie vernetzt. Welche Konzepte verfolgt die Schulakademie in der Schulentwicklung?
Die zentrale Idee der Schulakademie ist, gute Schule zu fördern. Dafür wird die Expertise der Preisträgerschulen genutzt und in die Breite getragen. Die Preisträgerschulen haben recht unterschiedliche Arbeitsschwerpunkte und Stärken. In der Akademie werden diese Erfahrungen gebündelt, dokumentiert und für andere nutzbar gemacht. Im aktuell erschienenen „Handbuch Gute Schule“ wurden beispielsweise die Erfahrungen aus zehn Jahren Deutscher Schulpreis zusammengefasst. Darüber hinaus gibt es Kongresse, Workshops und Lernforen, die sowohl regional als auch bundesweit veranstaltet und inhaltlich durch die Preisträgerschulen gestaltet werden. Die Veranstaltungen bieten die Möglichkeit zum Austausch und zur Vernetzung. Noch intensiver wird in den Pädagogischen Werkstätten zusammengearbeitet. Das sind Fortbildungsprogramme, die in der Regel über ein bis zwei Jahre laufen und von mehreren Lehrkräften einer Schule besucht werden. Das ermöglicht zwischen den Fortbildungsbausteinen, erste Ansätze des Gelernten in der eigenen Schule auszuprobieren und die Erfahrungen bei der nächsten Fortbildung zu reflektieren. So wird kontinuierlich an einem Thema gearbeitet, wie zum Beispiel dem Umgang mit Heterogenität oder der Leistungsbeurteilung.
 
Hintergrund:
Die Deutsche Schulakademie wendet sich mit ihren Angeboten an alle Schulen in Deutschland. Sie stellt Materialien über gute Schulpraxis zur Verfügung, berät zu Fragen der Schul- und Unterrichtsentwicklung, organisiert Fortbildungen und gestaltet Schulentwicklungsprogramme. Die Akademie ist eine Einrichtung der Robert Bosch Stiftung und der Heidehof Stiftung. Die Stiftungen haben sich zum Ziel gesetzt, die Modelle ausgezeichneter Praxis aus zehn Jahren Deutscher Schulpreis mit Hilfe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aufzubereiten und in die Breite zu tragen.
 
Lesen Sie zu diesen Themen auch unsere Überblicksartikel zu individueller Förderung und Herausforderungen für Lehrkräfte.
Auf der didacta 2017 in Stuttgart diskutiert Prof. Monika Buhl mit weiteren Experten über die Entwicklung von Schulen:
Forum didacta aktuell
Schulentwicklungsland Deutschland?
Darüber diskutieren:
  • Prof. Dr. Monika Buhl, Universität Heidelberg
  • Verena Appelshäuser, Grundschule Lambrecht
  • Claudia Rugart, Regierungspräsidium Stuttgart
  • Moderation: Jan Hofer, ZDF
17. Februar 2017
14:00 bis 14:45 Uhr
Veranstalter: Didacta Verband e. V.
 

Quelle: www.bildungsklick.de
Foto: fotoloia / highwaystarz

Teilen auf
Teilen auf Facebook