Anmelden
Digitale Bildung
02.03.2017  Henning Rosenkötter

Stift oder Tablet? Der Diskurs um die Digitalisierung in der Schule

Der Autor beschreibt anhand vieler Quellen das Für und Wider der Digitalisierung. Außerdem stellt er dar, welche Bedingungen in Schulen erfüllt sein müssen, damit die Digitalisierung voran kommt.

Das Thema: Digitalisierung als Notwendigkeit

Auf der diesjährigen didacta in Stuttgart, der größten Bildungsmesse Europas, war der Einzug der Digitalisierung in Deutschland eines der Hauptthemen. Vor den kommunalen Landesverbänden sprach Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis, Präsident des Didacta Verbandes. Die Digitalisierung sei "die größte Herausforderung in der Geschichte des Bildungssystems". Oft seien die Diskussionen um die "Organisation der Bildung in der digitalen Welt" aber noch von Vorurteilen und Ängsten geprägt. Dabei gehe es primär um die Frage, was die Technologien zur Bereicherung des Bildungssystems beitragen könnten. Fthenakis mahnte, "sachlich, aufgeschlossen, aber auch kritisch" an die Thematik heranzugehen. Denn: "Wir können uns der Entwicklung nicht verschließen." Aber laufen wir nicht der Realität hinterher? Immerhin dürfen sich bereits viele Kleinkinder mit den Smartphones und Tablets ihrer Eltern beschäftigen. Bei Grundschülern nutzten in Deutschland bereits 15 bis 25 Prozent solche Geräte. Viele fürchten jedoch, dass die wenigsten Kinder dabei mit den Text- und Grafikprogrammen vertraut gemacht werden und den vernünftigen Umgang mit sozialen Netzwerken lernen. Vielmehr ahnt man, dass die elterlichen Smartphones und Tablets eher der Ruhigstellung und Beschäftigung dienen: Im Buggy, im Restaurant oder auf der Reise in den hinteren Reihen. So recht laut mag es wohl noch keiner sagen, aber den Kitas und Schulen kommt da noch ein Riesen-Paket an Aufgaben entgegen, das weit über die Vermittlung neuer Lerntechniken in den Kernfächern hinausgeht.
 

Ansätze zur Förderung der Digitalisierung

Motivationshilfe kommt aus dem Kindermedienland: Am 1. Februar 2017 wurden die Gewinner des Ideenwettbewerbs Baden-Württemberg „idee-bw“ in Stuttgart ausgezeichnet. Drei innovative Projekte zur Stärkung der Medienkompetenz werden durch die Initiative „Kindermedienland Baden-Württemberg“ mit insgesamt 70.000 Euro gefördert.
 
Unter dem Motto „Programmieren ist kinderleicht“ wird es künftig in der Kulturwerkstatt Reutlingen ein regelmäßiges Angebot für Kinder ab acht Jahren geben. Die Initiatoren wollen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit Spaß ein Grundverständnis für Informationstechnologie vermitteln. Etwas andere Töne schlägt das Schülerstummfilmorchester Musikamo aus Freiburg an. Bei diesem Projekt vertont ein Schülerorchester live Stummfilme und lernt dabei, welche große Bedeutung die Tonspur für einen Film hat. Unter professioneller Anleitung nähern sich die jungen Streicher, Bläser, Percussionisten und Pianisten der Stummfilmvertonung. Die Schüler lernen so durch 100 Jahre zuvor entstandenes Material das Medium Film mit neuem Bewusstsein zu sehen. Beim dritten Projekt realisiert die e.tage medien.bildung des Stadtjugendrings in Ulm das Projekt „Maker.Kids im Stadtlabor“. In dem FabLab, einer Experimentier-Werkstatt, können Kinder und Jugendliche digitale Werkzeuge und Technologien wie Mikrocontroller, Sensoren, 3D-Drucker, Schneideplotter etc. ausprobieren, aber auch eigene Produkte planen, gestalten, programmieren und produzieren.
 

Deutschland im Mittelfeld

Solche Anreize sind wohl auch dringend nötig, wenn man die Digitalisierung in der Pädagogik voranbringen will. So wahnsinnig weit her ist es damit in Deutschland nicht. Davon berichtet uns die internationale Vergleichsstudie "International Computer and Information Literacy Study" (ICILS), die 2013 computer- und informationsbezogene Kompetenzen von 8Jährigen untersuchte. Verantwortet wurde ICILS von der „International Association for the Evaluation of Educational Achievement“ (IEA), einem internationalen Verbund wissenschaftlicher Institutionen für Bildungsforschung. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) förderte die deutsche Teilnahme an dieser Studie. Unter anderem wurde mit der Studie ermittelt, welchen Beitrag das deutsche Schulsystem zum Erwerb von ICT-Kenntnissen beiträgt und ob Medienkompetenz etwas mit Herkunft und Geschlecht zu tun haben. Außerdem wurde erfasst, welche Einstellung die Schülerinnen und Schülern zu Computer- und Informationstechnik haben.

Die Ergebnisse sind in einem dicken Berichtsband oder als pdf nachzulesen. 
Demnach ist die  Häufigkeit der schulischen Computernutzung in Deutschland  im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich. Nur ein Drittel (34.4%) der Lehrpersonen nutzt regelmäßig (mindestens wöchentlich) Computer im Unterricht, nur 9.1 Prozent täglich. Computer werden anteilig am häufigsten mindestens in einigen Stunden im Fach Informatik (58.3%) eingesetzt, gefolgt von geisteswissenschaftlichen Fächern (44.3%), Naturwissenschaften (39.5%), Fremdsprachen (33.8%) und vom Deutschunterricht (33.1%). Am seltensten werden Computer im Mathematikunterricht genutzt (29.4%). In den Teilnehmerländern Australien, Dänemark (abgesehen vom Fach Informatik), Norwegen und Thailand sowie in Teilen Kanadas gehört der regelmäßige Computereinsatz in den betrachteten Fächern für einen Großteil der Schülerinnen und Schüler zum Unterrichtsalltag.
 

Erforderliche Investitionen und Methoden

Der Einsatz digitaler Medien scheitert oft an fehlenden Geräten“, unterstreicht Dr. Heike Schaumburg in ihrem Interview für bildungsklick. Sie ist stellvertretende Direktorin der Professional School of Education der Humboldt-Universität Berlin. Ist es also nicht so sehr eine Frage des Wissens der Pädagogen im Umgang mit der Software als vielmehr eine Frage der Verfügbarkeit von Hardware?

Dazu veröffentlicht der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) auf seiner Homepage Statements von Fachleuten zum Thema „Digitale Schule: Welche Technik hilft beim Lernen?“ Die Frage nach der IT-Ausstattung scheint bei vielen Schulleitern eher Unbehagen als Vorfreude auf die Zukunft des Lernens auszulösen. „Wir werden im Alltag allein gelassen. Ich weiß nicht, welche Laptops die richtigen sind. Ich brauchen Spezialisten, die mir das sagen.“ Um Klarheit zu schaffen, hatte der BLLV Experten aus Forschung und Praxis eingeladen.

Dr. Michael Kirch ehemaliger Lehrer, jetzt akademischer Rat am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München und Spezialist für Digitales Lernen fordert:
  • Hard- und Softwareausstattung müssen anforderungsgerecht sein. Die Anforderungen richten sich nach den zu vermittelnden Inhalten, den Eigenschaften der Schüler sowie der Schule und ihrem Konzept. Welche Programme und Geräte benötigt werden, ist somit von Schule zu Schule verschieden.
  • Schulen sollten sich vor der Auswahl fragen: „Was wollen wir damit? Wo wollten wir hin? Welche Anforderungen haben wir?“
  • Technische Anforderungen: Die IT soll das Lernen unterstützen und nicht stören. „Alles was den Unterricht unterbricht, minimiert die Qualität.“ Kirch empfiehlt Lösungen, die in einem Gerät möglichst viel integrieren.
  • Folgende Eigenschaften sollten die Medien und Geräte erfüllen: handlich sein, für die Kinder attraktiv sein, zuverlässig funktionieren, an den Lerner anpassbar sein, in jede Unterrichtssituation integrierbar sein, den Schülern persönlich zur Verfügung stehen.
  • Pädagogische Anforderungen: Medien und Geräte sollten raumübergreifend, fachübergreifend und auch zu Hause nutzbar sein, sie sollten alle Unterrichtsprinzipien wie Differenzierung und Veranschaulichung unterstützen.
 Dr. Manfred Riederle stellvertretender Geschäftsführer und Bildungsreferent des Bayerischen Städtetages:
  • Der jährliche Aufwand könnte sich nach einer Schätzung der Bertelsmann-Stiftung auf bis zu 600 Millionen Euro pro Jahr für die allgemeinen Schulen belaufen, wenn jedes Schulkind ein Gerät erhält.
  • Es braucht einheitliche Standards für die Hard- und Softwareausstattung von Schulen.
  • Die Vorgaben sollten sich an dem orientieren, was pädagogisch sinnvoll ist und die Unterrichtsqualität hebt.
  • Zu klären ist auch, welche Aufwendungen im Bereich der Schul-IT die Kommunen und welchen Anteil der Freistaat Bayern übernehmen müssen. 
Georg Schlagbauer, Dozent an der Akademie für Lehrerbildung (ALP) in Dillingen und dort für die informationstechnische Qualifizierung und Beratung zuständig:
  • Der erste Schritt hin zum digitalen Lernen wäre das digitale Klassenzimmer: Es sollte mit einer Dokumentenkamera, einem Beamer sowie einen PC ausgestattet sein. Besser wäre es aber, wenn jede Lehrkraft ihren eigenen Laptop mitbringen könnte.
  • Schulen brauchen eine leistungsstarke Internetanbindung.
  • Schulen brauchen eine bezahlbare, einfach zu handhabende W-LAN-Infrastruktur.
 Hingegen sagt Dieter Salomon, der Oberbürgermeister von Freiburg und Städtetagpräsident von Baden-Württemberg, einem der wohlhabenden Bundesländer, in einem Interview: „Es ist nicht damit getan, die Schüler mit Laptops auszustatten.“ Er weist auf Folgekosten hin, wie z.B. die Installation eines WLAN-Netzes in den Schulen, und mahnt eine höhere Beteiligung der Länder an den Unkosten an. Oder wie Manfred Riederle vom Städtetag fordert: „Die Frage dazu sollten wir pädagogisch stellen. Was soll der Bildungsauftrag der Zukunft sein und was soll Schule leisten? Die Rahmenbedingungen sind so zu schaffen, dass wir die zentralen Fragen von Bildung und Pädagogik leisten und erfolgreich sein können." Die Experten der BLLV sind sich einig, „dass Schulen eine angemessene Ausstattung brauchen, die sich nach einheitlichen Basis-Standards richtet. Diese dürften nicht zu starr sein, damit jede Schule sich die IT-Lösung zulegen kann, die ihren Bedürfnissen am besten gerecht wird.“ Da frage ich mich: Soll wirklich jede Schule ihren eigenen Weg gehen? Und: Worin besteht bitte der „einheitliche Basis-Standard“?
 
Konkrete und klare Vorstellungen hat Georg Heinecker, Rektor der Comenius-Grundschule in Buchloe:
  • Die Hard- und Software-Lösung sollte informatives Lernen unterstützen, flexibel einsetzbar und zukunftsweisend sein. Sie im Unterricht schnell und unkompliziert zu nutzen sein.
  • Auswahlkriterien der Comenius-Grundschule: Die Medien sollen selbstgesteuertes und selbstkontrolliertes Lernen ermöglichen, gemeinsames Arbeiten unterstützen, die Individualisierung des Unterrichts und damit individuelle Förderung ermöglichen sowie Schüler motivieren.
  • Positive Erfahrungen hat die Comenius-Grundschule mit einer Tablet-Lösung gemacht. Vorteile: schneller und unkomplizierter Einsatz im Unterricht, wodurch die Lernzeit effizient genutzt werden kann. Zudem sind die Geräte ortsunabhängig einsetzbar.
  • Die Tablets sind mit Apps bestückt: Das ermöglicht eine hohe Flexibilität, zugleich können die Apps sehr gezielt eingesetzt werden. Bestes Beispiel ist eine Schreiblern-App, die eine Sofort-Korrektur ermöglicht.
  • Finanzierung: Der Sachaufwandsträger hat eine Anschubfinanzierung auf die Beine gestellt, der Förderverein gab Zuschüsse. Den Rest stottern die Eltern durch einen Mietkauf mit einer Rate von 11 Euro pro Monat innerhalb von vier Jahren ab.

Erforderliche Kompetenzen in der frühen Bildung

Solche pragmatischen Lösungen, auf eigener Erfahrung gegründet, scheinen hilfreich. Sie stehen wohl auch im Einklang mit anderen Vorreitern. Die Süddeutsche Zeitung berichtet: Im Ausland ist man schon einen Schritt weiter: In den USA sehen die "Common Core Standards", die den Schulen die Bildungsziele empfehlen, seit 2010 explizit das Schreiben mit der Tastatur bereits in der Grundschule vor. In Finnland wird die Schreibschrift Ende 2016 zugunsten des Tippens ganz aus den Lehrplänen verbannt. Nur eine einfache Druckschrift soll noch vermittelt werden. Schnelles und fehlerfreies Schreiben auf der Tastatur sei zudem "eine wichtige Kompetenz". Immerhin hätten viele Kinder ja auch entscheidende Vorteile beim Tippen von Buchstaben: Diejenigen Kinder, deren Handschrift durch feinmotorische Probleme schlecht koordiniert ist, fokussieren sehr auf die motorische Leistung und können dabei nicht so gut Laute in Buchstaben verwandeln. Außerdem gibt ihnen der Tablet- oder Laptop-Monitor eine bessere Rückmeldung über das Wortbild als die eigene Handschrift, zumal dann, wenn sie feinmotorische Unregelmäßigkeiten aufweist.

Digitalisierung in der Kritik

Es gibt durchaus ExpertInnen, , die vor der Digitalisierung warnen. Kritik kommt z.B.  von Hans Zehetmair, ehemaliger Vorsitzender des Rates für Deutsche Rechtschreibung: „Die Kommunikation über digitale Endgeräte hat zu einer Abwertung sprachlicher Kreativität geführt. Vieles wird nur noch passiv konsumiert[W3] .“

 Gerald Lembke, Experte für Digitale Medien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Mannheim, ist ebenfalls skeptisch. Der SZ sagte er, er sei der Überzeugung, "dass digitale Hilfsmittel in der Bildung bis zum zwölften Lebensjahr keine nennenswerten positiven Effekte erbringen". Erst danach seien Kinder reif genug, Computer zum Lernen zielgerichtet einzusetzen. Und kaum jemand erwartet von Smartphones und Tablets ernsthaft, dass sie die Fantasie, Kreativität oder gar Empathie erhöhen, so Gerald Lembke.

Einige wissenschaftliche Studien zeigen, dass das Schreiben mit der Hand auch Vorteile hat. So konnten Forscher des Institut de Neurosciences Cognitives de la Méditerranée in Marseille zeigen, dass ältere Vorschulkinder einzelne Buchstaben leichter mit dem Stift erlernen als mit einer Tastatur (Acta Psychologica 2005). 2006 hat ein Team von Forschern von der University of Washington in Seattle eine Studie veröffentlicht, die bei Schülern in den Klassen zwei bis fünf deutlich unterschiedliche Hirnaktivität belegte - je nachdem, ob sie mit Stift oder Tastatur schrieben. Vor allem  beobachteten die Wissenschaftler, dass Kinder mehr Worte mit höherer Geschwindigkeit produzierten und mehr Ideen für Texte hatten, wenn sie mit dem Stift schrieben als mit der Tastatur (Developmental Neuropsychology 2006).

Im Rahmen einer Studie an der Indiana University Bloomington mussten Vier- bis Fünfjährige einzelne Buchstaben abzeichnen oder tippen. Anschließend wurde die Hirnaktivität der Kinder in einem Kernspintomografen untersucht. Sobald sie Buchstaben wiedererkannten, waren bei den Stift-Kindern Hirnareale besonders aktiv, die mit dem Lesen und Schreiben zusammenhängen (Trends in Neuroscience and Education 2012). Die Lernprozesse führen also bei den Stift-Kindern zu einer stärkeren Hirnaktivierung als bei den Tasten-Kindern.

Für Aufsehen sorgte zuletzt 2014 eine Untersuchung von Pam Mueller von der Princeton University und Daniel Oppenheimer von der University of California in Los Angeles. Die Psychologen untersuchten, wie gut sich Studierende an den Inhalt von Vorlesungen erinnern konnten, die entweder Laptop oder Stift und Papier benutzten. Der Laptop, so ihr Schluss, könne von Vorteil sein, wenn es darum geht, mehr Notizen aufzuschreiben. Doch "die Tendenz der Laptop-Benutzer, die Vorlesungen wörtlich mitzuschreiben, statt die Informationen zu verarbeiten und in eigene Formulierungen zu übersetzen, war nachteilig für das Lernen" (Psychological Science 2014). Dazu sagte der Psychologe Paul Bloom von der Yale University der New York Times: "Das Schreiben zwingt dich, dich auf das Wichtige zu konzentrieren. Vielleicht hilft das, besser zu denken."

Rolf Lankau lehrt an der Hochschule Offenburg Mediengestaltung und bringt noch ein weiteres Argument in die Diskussion. Er befürchtet, die Digitalisierung der Schule könne aus dem Ruder laufen: "Was passiert, wenn irgendwann alle an Lernstationen sitzen? Wenn sich das Lernbare auf das Abfragbare beschränkt?" Wenn Kinder aus sozial schwachen Familien nicht nur zu Hause, sondern auch in der Schule an die Geräte abgeschoben werden, verstärke das die soziale Spaltung, sagt er.
 

So geht Digitalisierung in der Schule

Vielleicht wird jedoch durch diese Diskussion nur ein Konfliktfeld geschaffen, das so gar nicht existieren muss. In vielen Projekten geht es gar nicht um die Frage, ob das Tablet den Stift ersetzt, sondern nur um die Reihenfolge. Das zeigt auch ein Beitrag von Deutschlandradio Kultur: Schwedischen Erstklässlern in drei Schulen im Stockholmer Stadtteil Sollentuna wird das Lesen und Schreiben ohne Stifte und Bücher beigebracht. In drei Schulen in Stockholm geht dies nur noch mit PC und Tablet-PC. Erst in der zweiten Klasse werden Stift und Papier zum Schreiben ausgeteilt.

Während es in der Diskussion in Deutschland überwiegend um das Schreiben- und Lesenlernen geht, zeigt uns eine Klasse in Stockholm, wozu das Tablet noch benutzt werden kann: Ein knappes Dutzend Siebenjährige sind in der Bibliothek der Schule zusammen gekommen und haben sich auf Sitzkissen im Kreis um ihre Lehrerin Eva Ulmander Eriksson verteilt. Die Pädagogin hat Blätter mit geometrischen Formen auf dem Schoß, auf einem Tisch hinter ihr wartet ein Stapel Leseplatten. Das Ziel heute: Kreise, Quadrate und Rechtecke in der Umgebung zu finden, zu fotografieren und in einer Datei auf dem ipad zu platzieren. "Heute wollen wir uns die geometrischen Formen bewusst machen, die um uns herum sind. Es ist einfacher, sie zu fotografieren anstatt sie abzuzeichnen." In Zweierteams schwärmen die Kinder aus und bevölkern die Bibliothek und den umgebenden Flur. Ein Bildschirm - klick - ein Rechteck. Die Lampe unter der Decke - klick - ein Kreis. Es ist gar nicht so einfach, das Tablet so zu halten, dass das Objekt zentriert ins Bild kommt. Doch das Abfotografieren geht leichter als das Abzeichnen mit Stift und Papier.

Die Motorik ist einfach noch nicht so gut entwickelt. Das sei vor allem beim Schreibenlernen ein Hindernis. Mit dem Computer lasse es sich umgehen, sagt die Klassenlehrerin: "Wenn wir anfangen zu schreiben, machen wir das direkt mit dem Computer. Zuerst ist das eine Art Geisterschrift. Dann werden daraus Wörter, Sätze und Absätze. Wir arbeiten mit Buchstaben in Form von Lauten. Alle Kinder haben Kopfhörer. Sie hören, was sie schreiben, dann können sie sich ihren Text vorlesen lassen. Auf diese Weise lernen sie schneller, wo Leerzeichen stehen müssen. Wenn sie die Wörter hören, die sie schreiben, werden sie für die Kinder zu einem Satz."

Einen ähnlichen Weg gehen seit Januar 2017 Erstklässler in Hennef: Ulrike Gemein, Lehrerin der „iPad-Klasse“, ist von den Zielen des Tablet-Projektes, das von einem Verlag gesponsert wird, überzeugt: „Die Chancen für noch differenzierteres Lernen sind enorm. Wir haben mehr pädagogische Zeit für die Kinder und können die Schülerinnen und Schüler besser fördern, auch im inklusiven Unterricht.“ Schulleiterin Anke Hennig ergänzte: „Die Weiterentwicklung von Unterricht, zum Beispiel durch Feedbackkultur, ist uns wichtig. Die GGS Gartenstraße ist ausgesprochen erfahren im Einsatz digitaler Medien. Wir verfügen bereits über iPads, die von allen Lehrkräften genutzt werden. Somit ist sichergestellt, dass auch die anderen Fachlehrkräfte in dieser Projektklasse die Geräte einsetzen und ein kollegialer Austausch stattfindet. Die Vermittlung von Medienkompetenz ist dabei ein zentraler Aspekt. Auch treiben wir die weitere Professionalisierung unseres Schulkollegiums im Unterrichten mit digitalen Medien voran.“ Das Konzept steht allen zur Verfügung.
Auch in Hennef denkt man also nicht daran, den Stift ganz aus der Schule zu verbannen. Der Stift muss lediglich warten, bis zur zweiten Klasse. Die Frage, welche Kinder von der Digitalisierung profitieren, soll in den nächsten Jahren beantwortet werde.
 
Verantwortungsvolle PädagogInnen haben also noch viel zu tun, aus der Vielzahl der Argumente die richtigen Schlussfolgerungen für die Digitalisierung zu ziehen. Denn aufhalten lässt sie sich nicht.

Der Autor
Dr. Henning Rosenkötter ist Kinder- und Jugendarzt, Neuropädiater und Familientherapeut. Er war Ärztlicher Direktor des Sozialpädiatrischen Zentrums im Klinikum Ludwigsburg und als Lehrbeauftragter für Frühkindliche und Elementarbildung an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und der Evangelischen Hochschule Freiburg tätig. Ein wichtiges Thema seiner Arbeit sind Wahrnehmung und Lernen. Mehr dazu unter www.bildungs-builder.de

Foto: Natalia Menzlyakova/Fotolia

P.S.: Wenn Sie über die Inhalte des Portals Frühe Bildung Online  informiert werden möchten, abonnieren Sie doch unseren kostenlosen Newsletter.
 

Teilen auf
Teilen auf Facebook