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Ästhetische Bildung
20.03.2017  Annette Dreier im Interview mit Hilde von Balluseck

Lasst die Kinder kreativ sein! - Ästhetische Bildung in der Kita

"Ästhetische Bildung" - darunter verbergen sich vielfältige Formen des Gestaltens, Phantasierens, Erlebens. Wie Fachkräfte im Rahmen ästhetischer Bildungsprozesse die kindliche Kreativität fördern können, beschreibt Annette Dreier im folgenden Interview.
Hilde von Balluseck (HB:) : Was verstehen Sie unter dem Begriff "Ästhetische Bildung", welche Erfahrungen/Tätigkeiten gehören dazu?

Annette Dreier (AD): Unter ästhetischer Bildung verstehe ich die Wahrnehmung und das Verstehen der Welt über die Sinne. Diese Erkenntniswege sind im Kindesalter besonders deutlich, denn junge Kinder entdecken sich und ihre Umwelt mit all ihren Sinnen und Emotionen, also mit „Kopf, Herz und Hand“ wie es Pestalozzi ausgedrückt hat. Die Pädagoginnen und Pädagogen in Reggio Emilia sagen dazu: „Kinder flirten mit der Welt“ und meinen damit, dass Kinder alle Sinne und Emotionen einsetzen, um sich ein Bild von sich selbst und der Welt zu machen. Je intensiver alle Sinne in diesen Flirt einbezogen sind, desto intensiver können die Kinder empfinden und denken lernen, Erfahrungen sammeln und Hypothesen über die Welt aufstellen – kurzum sich bilden.

HB: Was haben z.B. bildnerisches Gestalten, tänzerische Bewegung und phantasievolles Erzählen gemeinsam?

AD: Bei all diesen Prozessen verleihen die Kinder ihren Eindrücken neuen Ausdruck: Sie nutzen diese Aktivtäten, um Erlebtes und Gefühle in einer neuen Sprache auszudrücken. Insofern sind Tanzen, Collagieren oder Phantasieren einige der 100 Sprachen der Kinder.

HB: Welche Bedeutung hat Kreativität für die Entwicklung des Kindes?

AD: Sicher würden viele Pädagog*innen und Eltern zu dieser Frage sagen: „Oh ja, Kreativität ist sehr wichtig für die Entwicklung der Kinder!“ Im Alltag mit Kindern erlebe ich jedoch oft eine Reduktion von Kreativität auf ein bisschen Malen hier und ein bisschen Musikschule dort. Kreativität beinhaltet im Kern aber vor allem die Gestaltung von etwas Neuem und dazu gehört Eigensinn, Unangepassheit und manchmal eben auch „unbequemes“ oder „störendes“ Verhalten von Kindern. Dies anzunehmen als Teil eines schöpferischen, kreativen Prozesses, ist keine leichte, aber eine wichtige Aufgabe für Erwachsene.

HB: Über welche eigenen Erfahrungen sollten Fachkräfte verfügen, um die ästhetische Bildung von Kindern zu unterstützen?

AD: Vor allem sollten sie Freude an eigenen sinnlich-ästhetischen Erfahrungen haben, sei es im Erleben von Kunst und Natur oder bei eigenen kreativen Tätigkeiten. Sie sollten sich auch an ihre eigenen ästhetischen Erlebnisse in der Kindheit erinnern – dies ist ein Reflexionsprozess, den wir oft in Seminaren initiieren. Die meisten Studierenden erinnern sich lebhaft an Gerüche, besondere Orte und Räume oder Gegenstände aus ihrer Kindheit, die sie sinnlich erfasst und genossen haben und die für sie bis in’ s Erwachsenenalter hinein präsent sind. Dass dies den Kindern, mit denen sie in den Kitas arbeiten, genauso geht, ist ein wichtiger Erfahrungsprozess, der auch mehr Wertschätzung für die ästhetische Bildung in der Kindheit bewirken kann.

HB: Welche Kompetenzen sollten Fachkräfte sich aneignen, um diesen Prozess zu fördern?

AD: Neben der Freude am eigenen kreativen Tun finde ich das Interesse und die Freude an den Aktivitäten der Kinder zentral.  Die Aufmerksamkeit für die sinnlich-ästhetische Aktivitäten der Kinder ist mir deshalb so wichtig, weil die Pädagog*innen dabei sehr viel über die Wahrnehmungen und Emotionen der einzelnen Kinder erfahren können und darüber hinaus durch diese gemeinsame Erfahrung auch die Bindung zwischen ihnen gestärkt wird. Neugierig zu sein auf das, was die Kinder tun, sie zu beobachten und ästhetische Erfahrungen mit ihnen zu teilen - ohne  eine ständige „fördernde“ Absicht zu verfolgen, finde ich sehr wichtig im Kita-Alltag.

HB: Fachkräften in der Kita begegnet heute ein hohes Maß an Heterogenität. Gibt es über ästhetische Bildung die Möglichkeit, mit Heterogenität produktiv umzugehen und die Inklusion in der Kita zu fördern?

AD: Ich arbeite seit vielen Jahren mit dem KinderKünsteZentrum in Berlin zusammen, dort sind Kita-Kinder mit Künstler*innen und Pädagog*innen in Projekten aktiv und kreativ. Die Kindergruppen, die dort hinkommen, sind immer sehr heterogen zusammengesetzt und das funktioniert wunderbar, da alle Kinder das tun, was sie möchten und wie sie es können.  Zudem arbeitet das Team des KinderKünsteZentrums auch in Einrichtungen der Flüchtlingshilfe mit Kindern und dort wird deutlich, dass kreatives Tun eine aktive Beteiligung aller Kinder ermöglicht und sogar erleichtert. Denn: Kreativ tätig sein zu können – mit oder ohne Worte -, ist für alle Kinder sehr attraktiv und manchmal auch heilsam.

HB: Welche Bedingungen müssten in einer Kita gegeben sein, um die Kreativität der Kinder zur Entfaltung zu bringen?

In vielen Kitas sehe ich Ateliers oder „Kreativitätsecken“ und es freut mich, dass den Gestaltungsprozessen der Kinder Raum gegeben wird. Meist sind die Räume allerdings mit den vielen Funktionen überlastet, die sie im Alltag erfüllen müssen und es fehlt an Platz für kreatives Tun wie Tanz, Theaterspiel oder bildnerisches Gestalten – vor allem in einem größeren Format, als oftmals üblich. Hier zeigt sich die Kreativität vieler Pädagog*innen, die auch Außenräume nutzen oder das schon erwähnte KinderKünsteZentrum, das viel Platz für Kinder, Kunst und Künstler*innen bietet.
 
 Annette Dreier, Dr. phil. und Diplom-Pädagogin, ist Professorin für Bildung und Pädagogik im Kindesalter an der FH Potsdam und leitet dort seit 2008 den Studiengang „Bildung und Erziehung in der Kindheit“.  Ihre Themenschwerpunkte in Lehre, Forschung und Weiterbildung sind: Ästhetische Bildung im Kindesalter, Bildungsprozesse von Kindern in Tageseinrichtungen, Bedeutung des Raumes für die Bildung,  curriculare Elemente kindheitspädagogischer Studiengänge, Kooperation von Hochschulen und Praxis. Kontakt: dreier@fh-potsdam.de
 
Mehr von der Autorin lesen Sie im Kapitel "'Nichts ist im Verstande, was nicht zuvor in den Sinnen war' - Zur Bedeutung der ästhetischen Bildung in der Kindheit".  In: Hilde von Balluseck (Hrsg., 2017): Professionalisierung der Frühpädagogik. Perspektiven, Entwicklungen, Herausforderungen. 2. aktualisierte und überarbeitete Auflage. Opladen, Berlin, Toronto, Verlag Barbara Budrich. ISBN 978-3-8474-0765-2

Foto (1) privat
        (2) Wavebreak Media Micro/Fotolia

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