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Kinderleben
29.03.2017  Karsten Herrmann

Integration über Spiel und Sport

Wie können pädagogische Fachkräfte Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung in KiTa, Schule, Sportvereinen oder anderen informellen Bildungsorten mit Sport, Spiel und Bewegung in der neuen Heimat ankommen lassen und ihnen zugleich Bildungsperspektiven eröffnen? Diese Frage stand im Fokus einer vom niedersächsischen Innenminister Boris Pistorius eröffneten Kooperationstagung zwischen der Universität Osnabrück und dem nifbe im Osnabrücker Schloss.
Wie nifbe-Direktorin Prof. Dr. Renate Zimmer zur Begrüßung erläuterte, hätten das nifbe und Uni-Projektgruppen in den vergangenen zwei Jahren mit einer breiten Konzept- und Angebotspalette aus Sport, Spiel und Bewegung „versucht, den Kindern und Jugendlichen ihren Lebensmut zurückzugeben und ihre Chancen auf Bildung zu fördern“. So biete die seit 2014 bestehende Uni-Projektgruppe „Sport mit Osnabrücker Flüchtlingen“ (SMOF) neben dem völkerverbindenden Breitensport Fußball auch Boulder- und Schwimmkurse für Frauen oder Bewegungslandschaften für Kinder an. Eine andere Projektgruppe sei im Osnabrücker Flüchtlingshaus mit Spiel- und Vorleseangeboten für Kinder und deren Eltern aktiv. Ein Querschnittthema bilde in den Angeboten immer die Förderung der deutschen Sprache als „Schlüssel zur Integration“.


Universitätspräsident Prof. Dr. Wolfgang Lücke stellte in seiner Begrüßung insbesondere auch die Bedeutung der frühkindlichen Forschung an der Universität Osnabrück und die Kooperation mit dem nifbe heraus. Beispielhaft seien hier die Kongresse „Bewegte Kindheit“, die jeweils mehr als 3.000 pädagogische Fachkräfte angezogen hätten. Viel Potenzial habe das im Rahmen der Umstrukturierung des nifbe 2016 neu gegründete und interdisziplinär ausgerichtete Forschungszentrum der Universität für frühkindliche Bildung, in dem auch die akademische Nachwuchsförderung einen besonderen Stellenwert einnehme. Das nifbe sei dabei weiterhin für den landesweiten Praxis-Transfer von Forschungsergebnissen und die Vernetzung zuständig. Abschließend würdigte Lücke Prof. Dr. Renate Zimmer als „Wegbereiterin der frühkindlichen (Bewegungs-) Forschung in Deutschland und darüber hinaus“.
 

"Musterbeispiel an Empathie und Menschlichkeit"

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius unterstrich, wie wichtig es sei „Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung das Ankommen in einer komplett anderen Umgebung zu erleichtern“. Viele hätten schreckliche Erfahrungen vor und während ihrer Flucht gemacht und seinen schwer belastet oder traumatisiert. Daher komme es darauf an, sie schnellstmöglich zu integrieren und ihnen „ein Stück ihrer verlorenen Kindheit oder Jugend zurückzugeben“.

Auch angesichts zunehmend kritischer werdender Töne unterstrich er im Rückblick auf die Bewältigung der sogenannten „Füchtlingskrise“: „Wir sollten auf dieses unglaubliche bürgerschaftliche Engagement und dieses Musterbeispiel an Empathie und Menschlichkeit stolz sein“. Noch heute würden mehr Menschen den geflüchteten Menschen helfen als die AFD wählen.

Zur Integration seien die deutsche Sprache und das „Vermitteln von unseren Werten, Regeln und Gesetzen“ von entscheidender Bedeutung. Eine „vorbildhafte Rolle“ könnten dabei Sport, Spiel und Bewegung einnehmen. Dies habe er selber schon in den 1960er Jahren als kleiner Junge im Osnabrücker Stadtteil Schinkel erfahren, in den viele türkische, spanische und italienische Gastarbeiter gekommen seien und deren Kinder sich gemeinsam mit den deutschen auf dem Fußballplatz zum „völkerverbindenden Bolzen“ trafen.
 

"Im Spiel zur Sprache kommen"

Hieran anknüpfend führte Prof. Dr. Renate Zimmer in ihrem Eröffnungsvortrag „die Potenziale von Bewegung, Spiel und Sport für die soziokulturelle Integration von Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung“ aus. Mit diesen Ansätzen könnten Sprach- und Kulturgrenzen überwunden werden und die Kinder und Jugendlichen aus der erzwungenen Passivität in den Erstaufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünften entfliehen. Die im nifbe entwickelten Konzepte zur bewegten Sprachförderung böten hier die Möglichkeit, „in einer positiv und aktiv gestalteten Situation die deutsche Sprache quasi nebenbei zu lernen“.

„Im Spiel zur Sprache kommen“ sei auch das Ziel von niedrigschwelligen Spiel- und Vorleseangeboten für Kinder und deren Eltern in der Osnabrücker Erstaufnahmeeinrichtung. Hier würden mit Sing- und Fingerspielen oder Bilderbüchern erste positive Erfahrungen mit der deutschen Sprache vermittelt und Sicherheit und Orientierung geboten. „Aber zuallererst dürfen Kinder hier einfach wieder Kinder sein“ unterstrich Zimmer.

„Mit unseren Angeboten“, so Zimmer, „wollen wir in erster Linie die Hilflosigkeit und ‚doppelte Sprachlosigkeit‘ der Kinder und Jugendlichen mit Fluchterfahrungen überwinden und ihnen Selbstwirksamkeitserfahrungen ermöglichen“. Es komme darauf an, die „vielfältigen Potenziale und Ressourcen zu erkennen und zu nutzen“. Beispielhaft konnten die TagungsteilnehmerInnen dieses an einem Kurzfilm über Amro Alhaida nachvollziehen, der auf dem Landweg aus Syrien geflohen war und für den es nach seiner Ankunft im Osnabrücker Flüchtlingshaus lange Zeit „keinen Grund gab aufzustehen, keinen Grund gab rauszugehen“. Dann nahm er an einem SMOF-Sportangebot teil und lernte dabei auch schnell die deutsche Sprache. Heute leitet er eine Ballsportgruppe des SMOF und macht seinen Übungsleiterschein, „um in Bewegungs- und Sportangeboten anderen Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrungen das zurückzugeben, was ich bekommen habe.“
 

Sicherheit bieten, Ressourcen aufbauen

Unter dem Titel „Hilfe, mein Haus brennt“, stellte Prof. Dr. Amara Eckert im zweiten Hauptvortrag psychomotorische Interventionen in der Arbeit mit schwer belasteten oder traumatisierten Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung vor. Ein Trauma beschrieb sie als „emotionale Antwort eines Menschen auf ein extrem negatives Erlebnis“ und als „dauerhafte Erschütterung des Selbst- und Weltverständnis“. Klassische Bewältigungsformen seien das „Wiedererleben“ in Flashbacks, Albträumen und Reinszenierungen, das „Vermeiden“ und eine „erhöhte Erregung“. Ein Trauma habe sich wie eine physiologische Verletzung tief in den Körper eingebrannt und daher seien psychomotorische Zugänge über den Körper und die Sinne besonders erfolgversprechend. Grundsätzlich komme es in der Traumaarbeit darauf an, „die Kinder durch die Herstellung von Sicherheit und den Aufbau von Ressourcen zu stabilisieren und sie wieder in Kontakt mit dem eigenen inneren Kern zu bringen“.

Wie Eckert weiter ausführte, mache Traumapädagogik im Grunde das aus, was jede gute Pädagogik ausmache: Ein sicherer Ort, Bindung und Beziehung, Selbstwirksamkeitserfahrungen und Ressourcenaufbau. Psychomotorische Interventionen ermöglichten dabei einen „vitalen körperlichen Ausdruck“, „symbolische Inszenierungen“ wie das kreative Bauen und Zerstören von (Papp-) Häusern und „Selbstermächtigung“. Wichtig sei hier die „spiegelnde und haltende Beziehung“ der pädagogischen Fachkraft. Grundsätzlich sei „nichts anderes so geeignet traumatische Erlebnisse zu verarbeiten wie das begleitete Spiel“, unterstrich sie.

Eindringlich ging Eckert auch auf den notwendigen Selbstschutz und die Selbstfürsorge der Helfenden ein. Statt cool gelte es hier „wachsam und sensibel für sich selbst zu sein“, sich Pausen zu gönnen und Sport und Bewegung auch für sich alleine als Ausgleich zu nutzen.

In elf verschiedenen Workshops konnten die TagungsteilnehmerInnen am Nachmittag konkrete Sport-, Spiel und Bewegungs-Ansätze für die Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen kennen lernen und häufig ganz hautnah erfahren – von Traumasensibler Pädagogik und Psychomotorik über faires Kämpfen, Tanz und Theater oder Spiele ohne Grenzen bis zur bewegten Sprachförderung und handlungsorientierten Vorleseangeboten.

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