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Ariadnes Blog
29.03.2017  Ariadne Morgenrot

Kinderarmut - Ursachen und Gegenstrategien

In seinem jährlich erscheinenden Kinderreport befasst sich das Kinderhilfswerk auch mit der Frage, welches die Ursachen für die Kinderarmut sind.
Kinderarmut in Deutschland ist schon lange ein Thema und das Kinderhilfswerk stellte im Kinderreport mit Recht die Frage (S. 23 ff.),  warum das Problem nicht gelöst wird. Es wurden folgende Antworten vorgegeben:

"Es gibt Kinderarmut in Deutschland, weil
  • viele Einkommen in Deutschland einfach zu gering sind
  • von Armut betroffene Kinder weniger Chancen auf einen guten Bildungsabschluss haben und sich Armut dadurch fortsetzt
  •  Alleinerziehende zu wenig unterstützt werden, z.B. finanziell oder durch Kinderbetreuung
  • sich die Politik diesem Problem nur unzureichend widmet
  • der Familienzusammenhalt in Deutschland zu gering ist
  • die wirtschaftliche Lage Deutschlands mehr Unterstützung nicht gestattet
In den Antwortvorgaben wird darauf verzichtet, die tatsächlichen Ursachen zu benennen. Warum sind denn manche Einkommen zu gering? Warum wird zugelassen, dass arme Kinder weniger Bildungschancen haben? Warum sind Alleinerziehende öfter arm? Warum widmet sich die Politik dem Problem nicht ausreichend?

Die Antworten kennen wir, sie werden im neuen Armuts- und Reichtumsbericht nochmal belegt.

1. Es gibt Kinderarmut in Deutschland, weil die Leistungen der Kindererziehung in der Familie gesellschaftlich zu wenig honoriert werden. Die familienpolitischen Programme sind Pflästerchen, die aber nicht verhindern, dass Familien gegenüber Haushalten ohne Kinder immer noch diskriminiert sind. Katastrophal ist dies vor allem für Menschen mit geringem Verdienst und für diejenigen, die allein die finanzielle Verantwortung für ihre Kinder tragen, die Alleinerziehenden. Dass Kinderarmut die Folge ist, wissen wir seit langem. Der Sozialrichter Jürgen Borchert prangert  diese Zustände schon seit langem an und nennt auch Ross und Reiter.
 
2. Zur fehlenden Anerkennung der Leistung von Familien kommt eine  wachsende steuerpolitisch bedingte Ungleichheit, die Menschen mit geringem Arbeitseinkommen besonders trifft. Sie entsteht dadurch, dass Einkommen von erwerbstätigen Menschen stärker besteuert werden als Einkommen durch Vermögen. Das ist ein unglaublicher Skandal. „Derzeit haben wir eine Kapitalertragssteuer von 25 Prozent – beim Einkommen geht es auf bis zu 45 Prozent hoch. Menschen, die Einkommen durch Kapital erzielen, werden also besser gestellt als die, die arbeiten gehen“ (Fratzscher 2016). Der ererbte Reichtum ohne entsprechende Besteuerung ist ein weiteres Beispiel für Ungerechtigkeit, indem er die sozialen Unterschiede zwischen den Besitzenden und den armen Schluckern, die nur auf ihre Arbeit angewiesen sind (dazu gehören allerdings nicht die Manager) verstärkt und damit Bildungsgerechtigkeit behindert. Diese Ungerechtigkeiten werden auch im neuen Armuts- und Reichtumsbericht belegt.
 
Der Mindestlohn hat daran nur wenig geändert, denn  bei einem 40-Stunden-Job von 178x8,50 €=1479 € brutto kann man selbst als Alleinstehender kaum gut leben. Und eine Vermögensbildung steht dann wohl in den Sternen.  

Ein weiteres Problem der Antwortvorgaben ist die Beschränkung auf die Kinder, die als Deutsche in Deutschland leben. Die Armut von Flüchtlingskindern wird nicht angesprochen. Schon gar nicht die Armut von Kindern in den "Armenhäusern" der EU: Bulgarien und Rumänien. Wie gehen wir damit um, dass - praktisch neben unserer Haustür - im europäischen Staatenverbund Millionen von Kindern bitterarm sind und kaum Zugang zur Bildung haben?

Auf diese Probleme geht das Kinderhilfswerk in den Antwortvorgaben nicht ein. Damit ist eine Chance vertan, sich ernsthaft mit diesem Problem auseinanderzusetzen.

Nachtrag am 15.4.2017: Der Armuts- und Reichtumsbericht enthält alle diese Informationen. Es bleibt abzuwarten, was die Regierung zu tun bereit und in der Lage ist, gegen diese Ungerechtigkeiten anzugehen.

Foto: Hans-Jürgen Zeller

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