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Kindliche Entwicklung
07.04.2017  Hilde von Balluseck, Katharina Buskohl, Christiane Hartmann

Krätze in der Kita - und der Kinderarzt hat keine Ahnung

Krätze gehört zu den meldepflichtigen Krankheiten nach § 34 Infektionsschutzgesetz. Ob dieser Meldepflicht immer Genüge getan wird, ist die Frage. Was Sie im Folgenden lesen, ist eine wahre Geschichte. Darin wird deutlich: Medizinische Inkompetenz und Schlamperei des Gesundheitssystems. Und die ErzieherInnen müssen es richten.

Der Verdacht


Am Montag sagte die Erzieherin Kathrin zu Leos Oma, die ihn abholte: „Leo sollte bitte einem Arzt vorgestellt werden, er hat so rote Flecken am Bein, das müsste abgeklärt werden.“

Am Montag Abend besah sich Leos Mama Katharina, die selbst einen medizinischen Beruf erlernt hat, ihren zweijährgen Jungen und dachte sofort, das sieht aus wie Krätze.

Der Kinderarzt weiß nichts - ab ins Krankenhaus


Am nächsten Morgen waren sie und Oma mit Leo beim Kinderarzt, der Krätze für ausgeschlossen hielt. Wenn man dem nachgehen wolle, müsse man zum Hautarzt, dort sei es aber schwer, einen Termin zu bekommen. Und so war es auch - einen baldigen Termin gab es nicht.

Daraufhin rief Katharina die Amtsärztin im Berliner Bezirk Neukölln an, in dem Leos Kita ihren Sitz hat. Diese verwies auf das Krankenhaus Neukölln, Kinderrettungsstelle. Die Kinderrettungsstelle schickte die Mutter mit Kind zur dermatologischen Ambulanz, die nach Ansehen der Haut den Verdacht bestätigte. Die Fachärztin für Hautkrankheiten erzählte, sie habe noch nie in ihrem Berufsleben so viele Krätzefälle gesehen wie im armen Berlin-Neukölln. Jetzt müssen Leo und seine Bezugspersonen sich mit einer Salbe eincremen. Alle Wäsche muss bei mindestens 60 Grad Celsius gewaschen werden. Das, was man nicht mit mindestens dieser Temperatur waschen kann, muss für mehrere Tage in einem Sack verschlossen werden. Am Tag drauf ist Leo schon nicht mehr ansteckend und wieder kitafähig!

Die Rolle der ErzieherInnen

Katharina hat die Kita unverzüglich informiert, die Erzieherin hat daraufhin die Eltern über die erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen aufgeklärt. Nicht alle Eltern in der Kita folgen den Aufforderungen der Erzieherinnen, ihr   Kind beim Arzt vorzustellen. Die Kita darf aber jetzt nur  Kinder in der Kita aufnehmen, die beim Arzt vorgestellt wurden. Auch in der Kita muss jetzt viel Wäsche gewaschen werden. Gefährlich ist der Ping-pong-Effekt, bei dem sich die Kinder immer wieder gegenseitig anstecken.

Katharina sprach mit anderen Eltern in der Kita. Einige Eltern zeigten ihr Stellen an sich selbst, bzw. an ihren Kindern, die auf Krätze hindeuteten. Aber ein weiterer Kinderarzt hatte einem der Kinder schon eine Gesundschreibung ausgestellt, da er sich nicht vorstellen könne, dass es Krätze sei, und er daher eher von einem Ausschlag ausginge. Die ErzieherInnen nahmen das Kind trotzdem nicht an und sagten der Mutter, ein anderer Arzt müsse aufgesucht werden.

Eine Mutter gibt dem Gesundheitssystem einen Schub

Viele Kinderärzte scheinen nicht mehr vertraut mit dem Bild der Krätze zu sein. Sie sollten über den Ausbruch in Neukölln und über das charakteristische Exanthem informiert werden. Die Kitas sind riesige Krätzmilben-Verteilstellen, da die Kinder sich dort Krätze holen und  ihre Eltern und Geschwister infizieren. So kann es aufgrund des engen Kontaktes der Kinder zu endlosen Reinfektionen. kommen.

Die Kitas brauchen klare Informationen, wie mit dem Ausbruch umzugehen sei. Sie sind in keinster Weise erfahren mit Krätze. Es ist Katharina, die nun fordert, dass der Bezirk Neukölln endlich aktiv wird. Sie betont: Die entsprechenden Informationen müssen auch auf Türkisch und Arabisch verteilt werden, da die Kita von Leo einen Anteil von über 90 % der Kinder mit nichtdeutscher  Muttersprache betreut.



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