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Kita
03.07.2017  Lars Burghardt und Florian Cristobal Klenk

Alles nur Klischee?

Bilderbücher vermitteln Kindern Werte und Normen, auch über die ­Geschlechter. ­Eine aktuelle Studie zeigt, wie gendersensibel Bilder­bücher wirklich sind und ­warum es sinnvoll sein kann, mit stereotypen ­Bilderbüchern zu arbeiten. Von Lars Burghardt und Florian Cristobal Klenk
Dass Frauen aufgrund ihrer Biologie nicht Informatik studieren können oder Männer ungeeignet für erzieherische Tätigkeiten sind, gilt mittlerweile als Klischee. Heute wissen wir, dass sich das, was wir unter Geschlecht verstehen, nicht allein durch die Biologie bestimmt, sondern entscheidend damit zu tun hat, welche Vorstellungen die Gesellschaft über die Geschlechter vermittelt. Stereotype über die Geschlechter erlernen wir von klein an und sie halten sich hartnäckig in unseren Köpfen.
 

Geschlechtliche Zuschreibung beginnt häufig schon vor der Geburt

Geschlechtliche Zuschreibungsprozesse beginnen häufig schon vor der Geburt. Etwa wenn Mütter berichten, dass die erste Schwangerschaft so schwer gewesen sei, weil ihr Sohn bereits im Mutterleib Fußball gespielt habe, wohingegen die zweite Schwangerschaft mit ihrer Tochter viel angenehmer und ruhiger verlaufen sei. Solche Anekdoten verdeutlichen, wie schnell Menschen dazu neigen, wahrgenommene Differenzen über die Kategorie Geschlecht zu erklären. Dass die gefühlte Aktivität der Kinder vielleicht gar kein Genderthema ist, sondern zum Beispiel auf die noch fehlenden Erfahrungen bei der ersten und die gewonnene Gelassenheit während der zweiten Schwangerschaft zurückzuführen ist, kann hier rasch übersehen werden. Kinder hören und sehen von Beginn an, was einen Jungen, was ein Mädchen in unserer Gesellschaft kennzeichnet – welche Kleidung, welche Berufe, welche Verhaltensweisen. Daher ist es wenig überraschend, wenn Pädagoginnen und Pädagogen genau jene geschlechtsspezifischen Aktivitätsmuster bei den Kindern (wieder)entdecken, die wir ihnen gleichzeitig durch unser Verhalten oder durch Medien, wie Bilderbücher nahegelegt haben.
 

Bilderbücher als zentrales Vermittlungsmedium

Egal ob in der Kita oder Zuhause, Bilderbücher gelten nach wie vor als ein zentrales Vermittlungsmedium, an denen sich Kinder auf unterschiedliche Weise bilden. Bilderbücher unterstützen Heranwachsende dabei, zu erlernen, welche Werte und Normen in unserer Gesellschaft von Bedeutung sind. Die in den Büchern anzutreffenden Figuren, ihre Lebensentwürfe und Verhaltensweisen können dadurch sowohl zur Erweiterung als auch zur Einschränkung des Identifikationsrepertoires von Kindern beitragen. Bilderbüchern kommt damit nicht zuletzt wortwörtlich eine Art „Vor-Bild-Funktion“ zu. Sie vermitteln nämlich sowohl bewusst als auch unterschwellig, welche Lebensweisen als „normal“ angesehen werden, welches Verhalten als geschlechts(un)typisch gilt und auch, wer wen wie lieben darf.

In Anbetracht der real existierenden Vielfalt an geschlechtlichen und sexuellen Lebensweisen und der Pluralität an Familienformen stellt sich die Frage, ob sich diese Vielfalt auch in aktuell genutzten Bilderbüchern widerspiegelt, oder ob diese nicht vor allem veraltete Geschlechterbilder in himmelblau und rosarot bedienen. Um dies herauszufinden, analysierten wir in unserer Studie „Geschlechterdarstellungen in Bilderbüchern – eine empirische Analyse“ 6117 Abbildungen von Figuren in 133 aktuell in Kitas eingesetzten Bilderbüchern. Zur Gewinnung der Stichprobe wurden 33 Kitas aus dem Großraum Bamberg angefragt, ob diese ihre aktuell in der Kitagruppe genutzten Bücher zur Verfügung stellen. Die Kitas wussten nicht, welche Fragestellung der Studie zugrunde lag, damit keine Vorauswahl zum Thema Gender getroffen werden konnte. Es wurden nur Bücher analysiert, in denen Menschen vorkommen, keine Bücher, die von Tieren, Fabelwesen oder Ähnlichem handeln.

Von den 6117 analysierten Figuren konnten 53 Prozent als weiblich identifiziert werden, 47 Prozent als männlich. Auch bei der Analyse der handlungsleitenden Figuren zeigt sich, dass entgegen älterer Studien, in 44 Prozent der untersuchten Bücher eine weibliche Figur durch die Geschichte führt. In älteren Studien zeigte sich mit 58 Prozent eine klare Dominanz männlicher Figuren. Interessant ist, dass das Geschlecht des jeweiligen Autors deutlich häufiger in Bilderbüchern vertreten ist und auch die Hauptfigur häufiger dem Geschlecht der Autorin oder des Autors entsprach. So werden in Büchern von männlichen Autoren mehr als doppelt so viele Männer abgebildet wie Frauen.
 

Geschlechterstereotype in Bilderbüchern

Die Darstellung von weiblichen Figuren folgt optisch klaren Stereotypen, so dominieren bei der Farbgebung der Kleidung Rottöne. Ebenso zeigen sich Stereotype im Verhalten und bei der Beschreibung von Gefühlen. Dem Geschlechterklischee entsprechend, werden Frauen und Mädchen als eher ängstlich und emotional dargestellt. Man sieht sie zudem achtmal häufiger im Haushalt als im Beruf und öfter in Beziehung mit anderen Figuren.

Männliche Figuren entsprechen optisch ebenfalls klaren Genderrollen, sie tragen fast immer kurzes Haar und kleiden sich in Blau- oder Grüntönen. Interessant ist das Ergebnis, dass Männer und Jungen in etwa genauso häufig mutig und ängstlich dargestellt werden. Es zeigen sich somit erste Brüche mit stereotypen Männerbildern, die besagen, dass diese keine oder nur wenig Emotionen zeigen dürfen. Trotz dieser positiven Feststellung werden Männer selten bei fürsorglichen und haushaltsnahen Tätigkeiten abgebildet. Dieser Bereich wird nach wie vor primär weiblichen Figuren zugeschrieben.

Vergleicht man die Geschlechtsmerkmale zwischen den abgebildeten Männern und Frauen, so werden Frauen im Vergleich zu Männern häufiger ängstlich und emotional dargestellt. Gerade im Vergleich der beiden Geschlechter bleiben die traditionellen Rollenmuster von Frauen als Hausfrau und Mutter und Männern als Ernährer bestehen. Selbst, wenn Männer im Haushalt abgebildet werden, gehen sie dort nur in den seltensten Fällen Haushaltstätigkeiten nach.

Von über 6 000 identifizierten Personen zeigte sich keine Person, die nicht eindeutig als männlich oder weiblich klassifiziert werden konnte. Auffällig ist zudem, dass nur heterosexuelle Beziehungen abgebildet wurden und keine anderen Familienformen als die von Vater, Mutter und Kind. Regenbogenfamilien, Patchworkfamilien, selbst Alleinerziehende, kamen in den 133 Büchern nicht vor.

Von den 133 analysierten Büchern wurde jeweils das geschlechtsuntypischste und das geschlechts­typischste Bilderbuch genauer analysiert. An dieser Stelle folgt ein kurzer Einblick in das „Positivbeispiel“. Das Buch „Der Gute-Nacht-Kuss, der danebenging“ von David Melling besticht durch eine untypische Darstellung von männlichen Figuren. Es handelt davon, dass ein König seinem Sohn einen Gute-Nacht-Kuss zuwirft, dieser aber am Sohn vorbeifliegt, sodass ein „scheinbar“ mutiger Ritter geschickt wird, um den Kuss zurückzubringen. Der Ritter erweist sich im Verlauf der Erzählung jedoch eher als tollpatschig und ängstlich, denn als mutig und stark. Ähnlich verhält es sich mit dem König, der zu Beginn als sehr beschäftigt dargestellt wird, sich am Ende jedoch ebenso für familiäre Belange interessiert und in der Darstellung weiche und androgyne Züge aufweist, die mit stereotypen Körperbildern brechen.
 

Welche Bedeutung haben die Ergebnisse für die Praxis?

Dass kaum Bücher in Kitas gefunden wurden, die nicht typischen Geschlechtszuschreibungen entsprechen, heißt nicht, dass diese Bücher schlecht sind. Auch ein Buch, das dadurch hervorsticht, dass scheinbar typische Rollenmuster dargestellt werden, kann von genderkompetentem Personal dazu genutzt werden, um Geschlechterrollen zu reflektieren.

Diese Fragen können genutzt werden, um sich mit dem Thema Geschlecht auseinanderzusetzen:
  • Welche Entwicklungsschritte und Verhaltensweisen der Kinder halte ich für „normal“ beziehungsweise geschlechts(un)typisch?
  • Reagiere ich unterschiedlich auf bestimmtes Verhalten, je nach ­Geschlecht des Kindes (zum Beispiel beim Spielen)?
  • Gibt es Momente, in denen ich denke, dass das nicht die richtige Verhaltensweise für einen Jungen oder ein Mädchen ist? Warum ist das so?
  • Gibt es vielfältige Lebensweisen und Familienformen in unserer Kita?
  • Welche Familienformen und Lebensweisen kommen (nicht) in der Kita beziehungsweise im Material vor?
  • Woher kommen meine eigenen Vorstellungen von Geschlecht und wann projiziere ich diese gegebenenfalls auf die Kinder in der Gruppe?
Selbstreflexion ist beim Thema Geschlecht von zentraler Bedeutung, um die eigenen (unbewussten) Vorstellungen davon, was scheinbar typisch männlich oder typisch weiblich ist, aufzudecken. Sie sollten nicht zum Hindernis für die pädagogische Arbeit werden. Dabei gilt es auch, den institutionellen Erziehungsraum der Kita kritisch zu betrachten. Das bedeutet, die Raumgestaltung und das pädagogische Angebot der Einrichtung, ebenso wie die vorhandenen Bücher in den Blick zu nehmen, um gegebenenfalls neue Angebotsstrukturen zu entwickeln und Material anzubieten, in dem sich die Vielfalt an Lebensweisen widerspiegelt, die es in unserer Gesellschaft gibt.

Wichtig ist es, zu verstehen, dass es nicht darum geht, eine Auswahl an „korrekten“ Büchern zu beschaffen, sondern eine Vielzahl von Büchern anbieten zu können, in denen sich jedes Kind wiederfinden kann, in denen aber auch Lebensentwürfe und Verhaltensweisen aufgezeigt ­werden, die über die in der Kita existierenden hinausweisen.

Quelle: www.bildungsklick.de
Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
Meine Kita – Das didacta Magazin für den Elementarbereich, Ausgabe 2/2017, S. 18-21, www.meinekitaclub.de.

Foto: fotolia/lunaundmo


 

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