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Qualitätsmanagement
03.07.2017  Ira Schaible

Diagnosesoftware in Grundschulen: Sinnvoll?

Dritt- und Viertklässler füllen am Computer einen Lückentext über Fabeln aus. Dabei werden Grammatik und Textverständnis überprüft. Anschließend beantworten sie Fragen zum Ankreuzen über Inhalt und Aussage des Textes. Zehn bis zwölf Minuten dauert das. Je acht solcher Tests in Deutsch und Mathe sind pro Schuljahr vorgesehen, wie Ulrich Mayer vom Softwareentwickler hfp in Kelkheim sagt.
Das Programm „Quop“ wird vom neuen Schuljahr an nach und nach in Hessen eingeführt – vor allem an Grundschulen. Damit geht die schwarz-grüne Landesregierung weiter als andere Bundesländer, wo die Software nur vereinzelt eingesetzt wird. Die Teilnahme ist in Hessen freiwillig – und sie ist umstritten.

Jeder Test im Laufe eines Schuljahrs sei gleich schwer, erläutert Mayer das Prinzip. So zeigten sich die Lernfortschritte jedes Schülers, aber auch, ob er stagniere oder gar Rückschritte mache. Noten gibt es nicht.
Mit den Ergebnissen der Lernverlaufsdiagnose-Software lasse sich jeder Einzelne genau fördern, sagt der Vater von „quop“, der Psychologe Elmar Souvignier von der Universität Münster. Dies sei notwendig, weil die Klassen sehr heterogen und die Lernverläufe der Schüler unterschiedlich seien. So zeigten die Ergebnisse eben auch, wenn ein Schüler ein anderes Angebot zum Lernen brauche, weil er keine Fortschritte mache. Viele Lehrer nutzten die Erkenntnisse gerne als Grundlage für Elterngespräche.

Pädagogische Forscher halten „quop“ für sinnvoll

Der geschäftsführende Direktor des Deutschen Instituts für internationale Pädagogische Forschung (DIPF), Marcus Hasselhorn, hält „quop“ auch für ein „nutzbringendes Instrument“. Es gehe darum, „Schülern und Lehrkräften eine Rückmeldung zu geben, wo sie im Lernprozess stehen, und was die nächsten Schritte sind, die einen produktiven individuellen Lernverlauf ermöglichen“.

Lehrer und Eltern sind aber skeptisch. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hält die „permanente Vermessung der Kinder rein nach Leistung“ für keinen guten Weg. Gerade Grundschulkinder müssten vor allem wachsen sowie soziale und emotionale Kompetenzen entwickeln, mahnt die GEW-Landes-Vizevorsitzende, Karola Stötzel. Sie sieht die Gefahr, dass sich der Unterricht zu sehr auf die Test-Fragen konzentriert, obwohl diese nicht benotet würden.

Hasselhorn wendet ein: „Diagnostik ist in den Köpfen der Schulverantwortlichen als Bewertung und Benotung verankert. Und von der Behördenseite wird es oft als Monitoring unseres Bildungssystems verstanden“, stellt der Direktor des Leibniz-Instituts DIPF fest: „Beides ist bei der Lerndiagnostik genau nicht der Fall.“

Landesschulsprecher Fabian Pflume ist auch von „quop“ überzeugt. „Das ist ein Weg, wie die Digitalisierung unser Leben verbessern kann“, sagt der 18-Jährige.

Der Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Stefan Wesselmann, mahnt: „Für den Grundschulbereich wird hier anfangs sicher nicht nur der Lesefortschritt gemessen, sondern auch die Fähigkeit, einen Computer sicher zu bedienen.“ Diese sei jedoch gerade bei Grundschulkindern sehr unterschiedlich. Beide Gewerkschaften sind sich mit dem Landeselternbeirat und der Landesschülervertretung einig, dass vielen Schulen die notwendige technische Ausstattung fehlt.

Zeit für individuelle Förderung der Schüler muss vorhanden sein

Sie sehen zudem ein weiteres Manko: „Diagnose ist wichtig, aber darf nicht alleine stehen bleiben“, sagt Wesselmann. Schule müsse auch Zeit für die individuelle Förderung bekommen. Dieses Problem löse „quop“ nicht. „Es macht den Lernverlauf für die Lehrkräfte, die Lernenden und die Eltern sichtbar. Das ist gut, aber kein Wundermittel.“

Das sieht der Vorsitzende des Landeselternbeirats, Reiner Pilz, ähnlich: Die automatisierte Auswertung setze Förderkapazitäten voraus, die die Defizite der Schüler auffangen. „Daran mangelt es“, stellt Pilz fest und ver-weist auf Brandbriefe von Grundschulen an das Ministerium, in denen eine desaströse Lage an den Schulen beklagt wird. „Im Endergebnis ist das mehr Aktionismus, als es bringt.“

Stötzel von der GEW sieht in den normierten Tests sogar einen Eingriff in die Unterrichtsfreiheit der Lehrer. „Quop“ solle die Lehrer entlasten, werte aber stattdessen ihren Beruf ab.

Die GEW bemängelt auch, dass das Angebot von einem privaten Unternehmen komme. Das sieht auch Hasselhorn kritisch. Es gebe aber keine Alternative. „Wenn erste positive Berichte von „quop“ bekannt werden, könnte ich mir gut vorstellen, dass Bund und Kultusministerkonferenz gemeinsam darauf hin wirken, dass solche Systeme auch frei von kommerziellen Interessen betrieben werden.“ Landesschulsprecher Pflume sagt:
„Solange es kein eigenes Angebot vom Land gibt, wäre es unverantwortlich, das den Schülern zu verwehren.“

Die Leiterin der Emely-Salzig-Schule in Geisenheim, Anke Thies-Ruß, ist von „quop“ überzeugt. Sie hat die Software zusammen mit 79 anderen Schulen beim Pilotprojekt im Schuljahr 2014/15 erprobt und ihre Schule für das neue Schuljahr angemeldet. Allerdings machen noch nicht alle Lehrer mit.

Eine andere Pilotschule, die Carlo-Mierendorff-Schule in Wiesbaden, hat sich anders entschieden. Auf ihrer Homepage heißt es, trotz positiver Ergebnisse habe der zeitliche Aufwand „in keinem Verhältnis zum Nutzen“ gestanden. Die Skepsis zeigen auch die bisherigen Anmeldezahlen: Von den rund 1100 Grundschulen im Land nehmen im neuen Schuljahr erst knapp 90 teil.


Internet:
- Uni Münster über die Entwicklung von quop http://dpaq.de/U5sPw hfp
- Informationssysteme GmbH über quop http://dpaq.de/1el5e
- Quop in Hessen http://dpaq.de/O2Dvt
- Bericht einer Wiesbadener Schule über die Erfahrungen mit quop http://dpaq.de/6zapR
- Homepage des Sofwareentwicklerrs hfp Informationssysteme http://dpaq.de/fdSxF
- Landeselternbeirat http://dpaq.de/3D8w5
- Homepage von quop-Entwickler Prof. Souvignier http://dpaq.de/uEAD0
- Homepage Emely-Salzig-Schule http://dpaq.de/yXWty

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Foto: fotolia/jovannig

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