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19.07.2017  Ralf Thielebein

​Ein Lernort für Nachhaltigkeit

Wenn Kita-Fachkräfte Bildungsarbeit zu zukunftsrelevanten Themen wie Wasser, Energie, Abfallvermeidung oder Konsum gestalten, beginnen sie in der Regel auch über die eigene Einrichtung, das eigene Handeln und die Vorbildfunktion der Kita als Lernort für eine nachhaltige Entwicklung nachzudenken. Ideen für ein umweltbewusstes Verhalten und eine verantwortliche Bewirtschaftung der Kita von Ralf Thielebein. Wir übernehmen den Beitrag aus Welt des Kindes 4/2017 mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Das Welt-des-Kindes-Heft 4/2017 hat den Schwerpunkt "Nachhaltig handeln".


Der Wert der Dinge

Begeben sich beispielsweise Kinder gemeinsam mit ihren pädagogischen Fachkräften auf die Spur des
Abfalls, um herauszubekommen, was eigentlich mit all den Dingen geschieht, die wir im Laufe eines
Tages wegschmeißen, so erfahren sie, dass viele der von uns nicht mehr benötigten Materialien
durchaus noch gebraucht und wiederverwendet werden können. Das gilt für Papier ebenso wie für
Kunststoffe oder Metall. Mit dieser neuen Erkenntnis zählt die Einführung eines
Getrenntsammelsystems für Abfälle in der Regel zu den ersten Maßnahmen, die in der Kita umgesetzt
werden. Im Zuge der weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema entwickeln die Kinder ein gutes
Gespür für den Wert der vielen Dinge, die wir im Alltag als Müll entsorgen. Und so folgt dem
Sammelsystem für Abfälle dann schnell auch beispielsweise eine Sammelbox für Papiere, die noch
einmal bemalt oder zum Basteln benutzt werden können, oder ein regelmäßiger Tauschmarkt für
Spielzeug. Weitere solcher Maßnahmen sind die Einrichtung einer Reparaturwerkstatt, in der zum
Beispiel gemeinsam mit einem (Groß-)Elternteil kaputte Dinge repariert werden, ein Flohmarkt für
Kleidung oder auch ein Komposthaufen für Bioabfälle.

All diese Maßnahmen wirken – soweit sie auch nach dem Abfallprojekt aufrechterhalten werden – als
dauerhafte Bildungsanlässe weiter. Möglicherweise folgt dem Abfallprojekt dann ein Projekt zum
Thema »Ernährung«, weil die Kinder festgestellt haben, dass das Einkaufen auf dem Markt viel
abfallärmer ist als der Einkauf im Supermarkt, und die Frage auftauchte, woher eigentlich die ganzen
Lebensmittel kommen. So entsteht vielleicht ein neuer Bildungsanlass in Form eines eigenen kleinen
Gartens oder eines Hochbeets, das gemeinsam mit den Kindern bewirtschaftet wird. Schritt für Schritt
entwickelt sich die Kita so zu einem Lernort für eine nachhaltige Entwicklung, in der die
Lernumgebung bereits zahlreiche Anlässe für die Auseinandersetzung mit zukunftsrelevanten
Fragestellungen und die Einübung nachhaltigen und verantwortlichen Handelns gibt.


Impulse für umweltbewusstes Einkaufen

In der Regel beginnt mit der Gestaltung einer entsprechenden Bildungsarbeit auch das Nachdenken
über die eigene Handlungsweise und auch darüber, wie die Kita eigentlich selbst in Bezug auf ein
nachhaltiges Wirtschaften aufgestellt ist. Bei einem Müllprojekt etwa liegt es nahe, neben den
Abfällen in den Gruppenräumen auch den Abfall, der in anderen Bereichen der Kita anfällt, in den
Blick zu nehmen. In der Konsequenz könnte beispielsweise die Entscheidung getroffen werden, im
Bürobereich und auch für Mal- und Bastelpapiere ausschließlich 100-Prozent- Recyclingpapier zu
nutzen. Moderne Recyclingpapiere lassen sich von herkömmlichen Papieren fast nur noch anhand des
Umweltzeichens »Blauer Engel« unterscheiden, das auf den geringeren Ressourcen- verbrauch und die
umweltverträglichere Herstellungsweise hinweist. Und was für Büro-, Bastel- und Malpapiere gilt,
sollte selbstverständlich auch für Toilettenpapier, Küchenrollen, Taschentücher und Papierhandtücher
gelten.

Beim Nachdenken über die in der Kita anfallenden Abfallmengen landet man zwangsläufig auch beim
Thema Verpackungsmüll. Er macht inzwischen einen erheblichen Anteil des Haushaltsmülls aus und
lässt sich auch mit großer Anstrengung nicht ganz vermeiden. Dennoch bietet sich auch hier eine
Vielzahl von Alternativen. So reduziert die Einführung von Brotdosen und die Einbeziehung und
Aufklärung von Eltern den unnötigen Verbrauch von Alu- und Klarsichtfolien für mitgebrachte
Snacks. Und mit einem Blick dafür lässt sich auch bereits beim Einkauf die Menge des
Verpackungsabfalls reduzieren. Obst und Gemüse kann weitgehend unverpackt eingekauft werden,und für viele der handelsüblichen Reinigungs- und Waschmittel, die natürlich auch ökologisch
abbaubar sein sollten, werden heute in der Regel Nachfüllpackungen angeboten.

Große Potenziale bei der Verpflegung

Beim Thema Ernährung besteht in vielen Kitas Nachholbedarf, wenn es um eine ökologische
Ausrichtung geht. Das beginnt bereits beim Speisenangebot. Denn hält man sich vor Augen, dass für
den Anbau von Futtermitteln und die Viehwirtschaft rund 80 Prozent der weltweiten Agrarflächen
benötigt werden und dass der Anbau von Soja für die Futtermittelindustrie maßgeblich für die
Abholzung der Regenwälder verantwortlich ist, so gilt es, den Fleischkonsum auch in der Kita zu
überdenken und zu reduzieren. Einmal Fleisch in der Woche ist ausreichend, wenn ansonsten eine
ausgewogene Kost mit hohem Anteil an Gemüse, Hülsenfrüchten und Obst angeboten wird. Auch
sollte man wissen, woher das Fleisch kommt. Angesichts der artfremden und zum Teil tierquälenden
Massentierhaltung ist auch aus ethischen Gründen dem Bezug von Fleisch aus bekannten regionalen
Höfen unbedingt Vorzugzugeben, falls möglich in Bio-Qualität. Auch Fisch sollte nicht häufiger als
einmal in der Woche auf den Speiseplan kommen. Hier ist darauf zu achten, welche Fischarten
überhaupt noch für den Verzehr empfohlen werden können. Denn viele der handelsüblichen Arten sind
inzwischen bereits überfischt und damit in ihrer Regenerationsfähigkeit gefährdet. 1

Und was für Fleisch im Hinblick auf Bio-Qualität gilt, sollte auch beim Einkauf von Gemüse und Ost
berücksichtigt werden. Aber aufgepasst: Nicht alles, was bio ist, ist damit automatisch gut. Denn die
Bio- Mango, die mit dem Flugzeug eingeflogen wird, ist deshalb nicht automatisch auch ökologisch.
Saisonalität und Regionalität sind Kriterien, die beim Einkauf unbedingt berücksichtigt werden sollten.
Eine Kita, die bei ihrem Speisenangebot für die Kinder auf überwiegend saisonale Produkte aus der
Region zurückgreift und dies bei der pädagogischen Arbeit mit den Kindern thematisiert, unterstützt
sie dabei, sich wertvolles Wissen und Zusammenhänge zu Herkunft, Aussehen und Erntezeiten von
Nahrungsmitteln anzueignen. Natürlich sollte bei Produkten, die aus Übersee bezogen werden, wie
etwa Kaffee, Kakao oder Orangensaft, auch auf das Fair-Trade-Siegel geachtet werden, um eine faire
Bezahlung der Bauern zu unterstützen.


Dem Energieverbrauch auf der Spur

Mit einer Berücksichtigung von ökologischen Kriterien bei der Beschaffung von Verbrauchsgütern
und bei der Verpflegung in der Einrichtung leisten Kitas auch einen wertvollen Beitrag zur
Reduzierung von CO2- Emissionen und damit auch zum Klimaschutz. Denn neben der
Wärmeerzeugung und dem Energieverbrauch elektrischer Geräte sind es vor allem die Bereiche
Ernährung und Konsumgüter, die im Gesamt- energieverbrauch einer Kita zu Buche schlagen.
Natürlich gilt es für eine Kindertageseinrichtung, die zu einem Lernort nachhaltiger Entwicklung
werden will, auch ihren Energieverbrauch für Wärmeerzeugung, Beleuchtung und die Nutzung
elektrischer Geräte in Küche, Bad und Büro unter die Lupe zu nehmen. Hierfür empfiehlt es sich,
das oft kostenlose (oder geförderte und damit kostengünstige) Angebot kommunaler und regionaler
Energieberater in Anspruch zu nehmen. Diese unterziehen das Gebäude und dessen
Wärmedämmung ebenso einem Energiecheck wie die Heizungsanlage und die verschiedenen
Energieverbraucher. Sie geben wertvolle Tipps für Energiesparmaßnahmen und eine energetische
Sanierung.

Eine ganze Reihe lohnender Energiesparmaßnahmen lassen sich allerdings auch selbst in die Hand
nehmen. Es lohnt sich beispielsweise zu prüfen, ob die Heizungsanlage in den nutzungsfreien Zeiten
und in der Nacht automatisch herunterfährt oder ob sie etwa auch noch am Wochenende dafür sorgt,
das Gebäude schön warm zu halten − und das, obwohl sich niemand darin aufhält. Eine solche
Überprüfung kann durch den Hausmeister oder den zuständigen Techniker erfolgen. Auch ein
kritischer Blick auf die Beleuchtung und die elektrischen Geräte in der Kita ist oft lohnenswert.
Glühbirnen und alte Leuchtstofflampen sollten ebenso gegen moderne energiesparende Leuchtmittel
ausgetauscht werden wie veraltete Kühl- und Gefrierschränke gegen Geräte, bei denen eine
Kennzeichnung wie A+++ auf eine energieeffiziente Betriebsart hinweist.Aber nicht nur durch die Neuanschaffung oder den Austausch alter Geräte kann der Energieverbrauch
gesenkt werden. Ein Modellprojekt, an dem rund 50 Hamburger Kindertageseinrichtungen teilnahmen,
hat gezeigt, dass auch über ein energiebewusstes Verhalten nennenswerte Einsparungen möglich sind.
Im Durchschnitt waren es rund 800 Euro pro Jahr und Kita, die durch konsequentes Abschalten der
Beleuchtung und energiebewusstes Heizen und Lüften erzielt wurden. Dass solche Einsparungen
tatsächlich möglich sind, wird nachvollziehbar, wenn man sich vor Augen hält, dass bereits eine
Senkung der Raumtemperatur um durchschnittlich ein Grad Celsius eine Energieeinsparung von sechs
Prozent bewirken kann

Gemeinsam mehr erreichen

Die Entwicklung einer Kita zu einem Lernort für umweltbewusstes und verantwortliches Handeln ist
ein Prozess, der in der Regel seine Zeit braucht. Auf dem Weg dorthin erscheinen äußere
Rahmenbedingungen und die vielfältigen Anforderungen, die an Kitas herangetragen werden, oft wie
Stolpersteine oder gar wie unüberwindbare Hürden. Da hilft es, wenn man nicht alleine steht, sondern
mit Gleichgesinnten an einem Strang ziehen kann. Empfehlenswert ist es deshalb, den Austausch mit
anderen Einrichtungen zu suchen und sich gegenseitig zu unterstützen. So wie 17
Kindertageseinrichtungen aus einem Landkreis in Schleswig-Holstein: Die Kita-Leitungen taten sich
zusammen und entwickelten gemeinsam Ideen für eine nachhaltige Bewirtschaftung ihrer
Einrichtungen. Mit Unterstützung der S. O. F.-Umweltstiftung erarbeiteten sie ein Papier, das für die
Bereiche »Gestaltungs- und Büromaterialien«, »Hauswirtschaft«, »Küche und Ernährung«, »Energie«
und »Gebäude und Einrichtung« Standards für eine nachhaltige Beschaffung definiert, die in Zukunft
in allen beteiligten Kitas gelten sollen. Das Besondere daran: Aus dem Erfahrungsschatz der
Leitungskräfte wurde die Liste ergänzt durch Bezugsquellen für ökologische und regionale Produkte
und bei einigen Lieferanten mit gebündelter Kraft darauf hingewirkt, dass diese ihre Angebote
überdachten und den neuen Wünschen anpassten. 2

Das Beispiel zeigt auch, wie Kitas, die sich auf den Weg hin zu einem Lernort nachhaltiger
Entwicklung machen, in ihr Umfeld wirken. Von ihnen gehen Impulse zur Auseinandersetzung mit
zukunftsrelevanten Themen aus, sei es durch das Einbeziehen von Eltern in die pädagogische Arbeit,
die Zusammenarbeit mit regionalen Einrichtungen und Organisationen oder über eine umweltbewusste
und verantwortungsvolle Bewirtschaftung und Beschaffung. Damit leisten Kindertageseinrichtungen
auch einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zu einer zukunftsfähigen Entwicklung unserer
Gesellschaft.

Ralf Thielebein
Geschäftsführer der S. O. F. Save Our Future – Umweltstiftung, Mitglied im Fachforum Frühkindliche
Bildung im Rahmen des Weltaktionsprogramms Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Anmerkungen
1 Der Fischratgeber von Greenpeace zum Beispiel bietet eine Übersicht, welche Fischarten beziehungsweise Bestände eher empfehlenswert sind. Er ist kostenlos erhältlich unter www.greenpeace.de/fischratgeber
2 Einrichtungen, die diesem Beispiel folgen wollen, können von der S. O. F. − Umweltstiftung eine entsprechende Checkliste bekommen
(E-Mail an: anna.thielebein@save-our-future.de).

Quelle: Welt des Kindes 4/2017, Seite 14-17

Foto: fotolia Picture-Factory

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