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Kindliche Entwicklung
19.07.2017  Fragen von Prof. Dr. Jörg Maywald an Dr. Karin Grossmann

„An Angst kann man sich nicht gewöhnen, aber man kann abstumpfen, was zu Hilflosigkeit und Aggression führt“

Um Ängste der Kinder dreht sich das Heft frühe Kindheit - die ersten sechs Jahre 03/17. Schließlich gehören Angststörungen zu den häufigsten psychischen Störungen im Kindesalter. Ängste der Kinder sollten ernst genommen und nicht heruntergespielt werden. Im folgenden Interview stellt Prof. Dr. Jörg Maywald Fragen an Dr. Karin Grossmann, Senior Scientist, assoziiert an die Universität Regensburg. Wir übernehmen das Interview mit freundlicher Genehmigung der Redaktion von Frühe Kindheit.

Maywald: Die Angst, eine vertraute Person zu verlieren, gehört zur seelischen Grundausstattung von Kindern. Worin besteht der biologische Sinn der Trennungsangst?



Grossmann: Ein Kind wird schwach und hilflos geboren. Es ist darauf angewiesen, dass eine starke, weise und fürsorgliche Person es schützt, nährt, allmählich in die Kultur einführt und seine Selbständigkeit unterstützt. Um dieses zu gewährleisten, entstanden in der Menschheitsgeschichte Verhaltensweisen und Dispositionen bei Müttern und Kindern, die dem schwachen, unfertigen Kind das Überleben sicherte. Die Disposition von Vätern ist komplexer und evolutionsbiologisch uneinheitlicher.
Die allermeisten Mütter hatten und haben die starke Neigung, ihr Neugeborenes zu schützen, es zu versorgen und es am Leben zu halten. Es gab und gibt Ausnahmen, aber diese waren so selten, dass die Menschheit überlebt hat.
Bei der Geburt „kennt“ der Säugling bereits seine Mutter: mit dem Reifen seines Gleichgewichtssinnes im Mutterleib lernt der Fötus die Bewegungsrhythmen der Mutter kennen. Mit dem Reifen des Gehörs wird die Stimme der Mutter vertraut, mit dem Reifen des Geschmackssinns der besondere Geschmack ihres Fruchtwassers und damit auch ihrer Haut. Nach der Geburt sind dem Säugling also schon viele Eigenschaften der Mutter vertraut. Diese besonderen Sinneseindrücke vermitteln ihm an ihrem Körper oder in ihrer Nähe das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, wie im schützenden Mutterleib. So entsteht seine Bindung an sie.
Wenn der junge Säugling länger keine seiner vertrauten Sinneswahrnehmungen empfängt – wenn er allein ist – muss er aus Unwissenheit fürchten, verlassen worden zu sein. Für den schutzlosen Säugling bedeutet dies den Tod, und er empfindet Angst. Es gab vereinzelt Volksgruppen oder Lebensbedingungen für Mütter, in denen man es für notwendig erachtete, einen Säugling auszusetzen, und damit dem Tod. Oft sollte auf diese Weise das Überleben der ganzen Gruppe oder der Mutter für die bereits geborenen Kinder gesichert werden. Heute ist eher eine extreme Hilflosiskeit oder Pathologie der Mutter oder des Vaters der Grund für Kindesmord. Die Disposition des kleinen Kindes, Angst vor einer Trennung vom schützenden, fürsorgenden Elternteil zu haben, ist für es überlebenswichtig und ihm angeboren. Es unternimmt dann alle Anstrengungen, die ihm zur Verfügung stehen – rufen, suchen, klagen, weinen – um die Bindungsperson zurück zu holen.


Maywald: Welche Möglichkeiten stehen jungen Kindern zur Verfügung, ihre Angst vor Trennung zu mildern, und inwiefern benötigen sie dabei die Hilfe von Erwachsenen?


Grossmann: Die Angst vor Trennung nimmt von der hauptsächlich fürsorglichen Person, der primären Bindungsperson, nimmt ab, wenn das Kind immer wieder erlebt, dass eine andere Person auf seine Rufe hin kommt und ebenfalls fürsorglich ist. Dieses Prinzip der Mit-Betreuerin wird in allen Kulturen meist durch weibliche Verwandte verwirklicht.
Zweitens nimmt die Trennungsangst mit der Entwicklung des Verständnisses für regelmäßige Abläufe, später für Zeitspannen, ab. Regelmäßige Abfolgen von Aktionen, zum Beispiel auf Wach-Werden folgt Wickeln, auf eine zärtliche Stimme folgt Streicheln und ein Küsschen auf den Bauch, auf Schuhe anziehen folgt ein Weg nach draußen und so weiter. Diese regelmäßigen Abfolgen lassen im kleinen Kind Erwartungen wachsen, was als Nächstes mit ihm geschieht, und ob es davor Angst haben muss, zum Beispiel weil die Mutter den Mantel anzieht, nicht aber dem Kind. Die nahe Zukunft wird vorhersagbar noch bevor es im zweiten Jahr die ersten Zeitbegriffe wie „erst – dann, später, nachher, morgen“ lernt.
Wenn eine Trennung von der Mutter regelmäßig mit der Ankunft einer anderen Person oder einer Fahrt zu einem anderen Ort verbunden ist, und das folgende Ereignis vom Kind bisher als erfreulich empfunden wurde, wird es die Trennung gut bewältigen. Ob das Kind allerdings das nächste Ereignis mit Freude oder Angst erwartet, hängt davon ab, ob ihm die andere Person oder der Ort schon so vertraut sind, dass es sich dort sicher und wohl fühlt. Die Intensität von Trennungsleid hängt allerdings auch vom momentanen Befinden des Kindes ab, wenn es durch Krankheit, Müdigkeit, Hunger, oder jüngst erlebte Belastungen psychisch geschwächt ist. Ein Vertraut-Werden mit einer neuen Person, die für das Kind auch in Abwesenheit der Elternperson sorgen soll, gelingt am besten in einer guten Grundstimmung des Kindes. Es braucht den Beistand einer Elternperson so lange, bis sich das Kind gut von der neuen Person trösten und versorgen lässt, das heißt bis es sich dort wohl fühlt.


Maywald: Ist es sinnvoll, Trennungen so weit wie möglich zu vermeiden, oder gehört zu einem gesunden Aufwachsen auch, mit Trennungen und den hiermit verbundenen Ängsten zurechtzukommen?


Grossmann: Unvorhergesehene Trennungen machen einem Kind Angst. An Angst kann man sich nicht gewöhnen, aber man kann abstumpfen, was zu Hilflosigkeit und Aggression führt. Im zweiten Lebensjahr führen begleitete, behutsame Trennungen beim Kind zu der Vorhersage und Zuversicht, dass es auch diese neue Trennung meistern kann. Ein gutes Beispiel sind die Schnupper-Besuche im Kindergarten vor dem eigentlichen Beginn mit Trennung. Ein Kindergartenkind ist meist bereit, einer Erzieherin zu folgen und mit anderen Kindern zu spielen. Zudem erlaubt ein gut strukturierter Ablauf eines Kindergartentages dem Kind die Vorhersage, nach welcher Phase des Ablaufs, zum Beispiel nach dem Mittagschlaf, es abgeholt wird.
Einem Kind unter drei Jahren nützen Schnupper-Besuche der Krippe kaum, denn es kann sich die Zukunft nicht vorstellen. Wenn es aber genug Zeit für das Kind und seine künftige Erzieherin gibt, dass sie sich gut kennen lernen und mögen und das kleine Kind bei ihr Trost findet, dann bleibt es gern bei ihr, auch wenn schließlich die Mutter geht.
In unserer Kultur gehört es zum gesunden Aufwachsen, den Umgang mit Trennungen zu lernen. Dies Lernen gelingt am besten, wenn Trennungen sanft vermittelt werden. Ein Kind sollte die Erfahrung machen, dass es zwar für eine Weile von der Mutter verlassen wird, was ihm vielleicht Angst macht, es aber auch Freude machen kann, mit einer anderer Person zusammen zu sein. Es sollte auch weitere Personen erleben, die anregend, vertraut, aber auch fürsorglich und schützend sind. In anderen Kulturen sind eher Verwandte Mitbetreuer für ein kleines Kind, die das Kind schon lange kennt. Eine zweite Bindungsperson, die helfend verfügbar ist, ist der beste Schutz gegen überwältigendes Trennungsleid.


Maywald: Nicht immer sind Trennungsängste leicht zu erkennen, weil sie versteckt oder überspielt werden können. Auf welche kindlichen Feinzeichen sollte besonders geachtet werden?


Grossmann: Kleine Kinder lernen schnell an den Reaktionen ihrer bevorzugten Erwachsenen, egal ob Eltern oder die geliebte Erzieherin, ob sie Trennungsangst zeigen dürfen oder nicht. Wird das Kind dabei ignoriert oder gar aggressiv zurechtgewiesen, verbirgt es lieber seine Angst, um nicht ganz verlassen zu werden. Sein Gesicht wird ausdrucksloser, oft hängen die Mundwinkel, und die Augen werden schmaler und glanzloser. Es zeigt wenig oder kein Interesse am Spielen oder an anderen Kindern. Einige versuchen, eine stille Ecke für sich allein zu finden oder verstecken sich gar. Sie sind dann sehr ruhig, anspruchslos und eventuell für die Erzieherin nicht zu sehen.
Kindergartenkinder können in eine hyperaktive, ungezielte Spielphase verfallen, in der sie weder kooperieren wollen, noch auf andere achten. Da Angst sehr oft mit Ärger verbunden ist, können Trennungsängste zu Wutausbrüchen oder Aggressionen gegen eine Erzieherin oder andere Kinder führen. Obwohl das eigentliche Ziel der Aggression der Kampf um die Bindungsperson ist, um sie zurück zu bekommen, richtet sich die Wut oft gegen „Unschuldige“. Angst lässt auch die Frustrationstoleranz sinken, so dass auch kleine, sonst unbedeutende Missgeschicke zu unangemessen großen Ausbrüchen führen können.


Maywald: Manche Kinder zeigen unangemessene, überstarke Trennungsangst. Welche Ursachen sind hier zu vermuten, und wie kann diesen Kindern geholfen werden?


Grossmann: Internationale Bindungsforschung konnte zeigen, wie Unzuverlässigkeit in der Reaktionsbereitschaft der primären Bindungsperson beim Kind zu großen Ängsten führt. Wenn sich ein Kind unwohl oder bedroht fühlt und seine Bindungsperson oft vergeblich um Hilfe ruft, bekommt es Angst. Es kann nicht vorhersagen, ob es eine Antwort bekommt, ob es überhaupt gehört wird. Es muss damit rechnen, bei Gefahr allein und schutzlos zu sein. Ein solches Kind versucht, durch übertrieben dramatische Angstäußerungen doch noch eine Antwort und damit Rückversicherung zu bekommen, bei Gefahr nicht schutzlos zu bleiben.
Der bemutternden Person kann erläutert werden, warum das Kind berechtigter Weise Angst hat. Als Gegenmittel sollte sie auf jeden Fall dem Rufen ihres Kindes antworten, auch wenn sie ihm nicht gleich helfen kann. Schon ab vier Monaten führen die ankommenden Schritte oder die Antwort der Mutter „Ich komme gleich“ dazu, dass sich der Säugling für eine kurze Weile beruhigt. Dann muss sie aber auch kommen, damit im Kind das Vertrauen auf ihre Zuverlässigkeit als Schutzgebende wächst. Das lindert seine Angst. Die Antwort sagt ihm deutlich, „Ich höre dich, bin gleich bei dir, und du bist nicht verlassen und schutzlos“.


Maywald: Väter berichten manchmal, dass ihr Kind sich nach der Mutter sehnt, obwohl das Kind den Vater gut kennt und sicher an ihn gebunden ist. Wie ist dieses Phänomen zu erklären?


Grossmann: In vielen Familien besteht notwendiger Weise eine gewisse Rollenteilung: einer muss größtenteils außer Haus arbeiten, um die Familie zu ernähren, und der andere kümmert sich um die Kinder. In diesen Familien erlebt das kleine Kind tagsüber sowohl Episoden des Zufrieden-Seins aber auch viele des Unbehagens, sei es Hunger, Müdigkeit, Kälte oder Frustration beim Spielen. Dann muss ein Elternteil helfen, aber nur der anwesende Elternteil kann dies prompt. Die Entspannung nach einer Aufregung assoziiert das Kind dann mit der Person, die immer wieder für es da ist, mit ihrer besänftigenden Stimme, dem Wohlgefühl in ihrem Arm und ihren effektiven Beruhigungen. Ein Kind mag eine sichere Bindung zum Vater haben, es freut sich wenn er kommt und spielt gern mit ihm, aber wenn er zu selten anwesend ist, kann das kleine Kind nicht häufig genug erleben, dass er auch gut trösten und beruhigen kann. Dann wird es sich bei starkem Unwohlsein nach der Mutter sehnen, von der es weiß, dass sie gut beruhigen kann.
Es gibt auch gestresste, gehetzte Mütter, die erleben, wie sich ihr Kind nach der liebevollen Tagesmutter oder Kinderfrau sehnt. Das Kind empfindet dann Trennungsleid von der Kinderfrau, weil es viel häufiger von ihr beruhigt wurde, als von der Mutter. Früher – vielleicht auch heute noch – kam es in privilegierten Gesellschaftsschichten vor, dass die Eltern der Kinderfrau die Aufgabe der Kindererziehung überantworteten. Sie wurde, wenn sie lange genug beim Kind bleiben konnte, zur Hauptbindungsperson für das Kind. Der „Vater“ der Bindungstheorie, John Bowlby, empfand als Kind den Trennungsschmerz von seiner Kinderfrau so intensiv, dass er sich zeitlebens mit den Phänomenen Bindung, Trennung und Trauer auseinander setzte.


Maywald: Der massive Ausbau der frühen Tagesbetreuung in den vergangenen zehn Jahren wurde mit dem Hinweis auf eine mögliche Überforderung der Kinder insbesondere von Vertretern der Bindungsforschung kritisch gesehen. Haben sich die Befürchtungen bestätigt oder kann Entwarnung gegeben werden?


Grossmann: Die Bindungsforscher sehen die frühe Tagesbetreuung nach wie vor kritisch, weil die Bedürfnisse der kleinen Kinder nicht hinreichend Beachtung finden. Die Notwendigkeit oder Wünsche beider Eltern, einen großen Teil des Tages außerhalb des Hauses zu sein, wurden berücksichtigt, ohne für die kleinen Kinder eine Tagesbetreuung zu schaffen, die für ihre Entwicklungsbedürfnisse angemessen ist. In der Zeit des ersten Sprechenlernens, des Aufbaus des Selbstwertgefühls und der eigenen Tüchtigkeit, des Erwerbs von Selbstbeherrschung, und der beginnenden Kontrolle der eigenen Sauberkeit braucht das kleine Kind individuelle Aufmerksamkeit. Es braucht prompte, individuell passende Antworten von einer vertrauten Person für seine Sprachentwicklung, für seine Kooperations- und Einwilligungsbereitschaft und für sein Gefühl, liebens- und schützenswert zu sein. Um individuell auf jedes Kind eingehen zu können, ganz besonders in für das Kind kritischen Situationen, müssen die Erzieherinnen nur sehr wenige Kleinkinder in ihrer Verantwortung haben, gut beobachten können, ihr Kind gut kennen und gern haben, und mit den Kolleginnen gut kooperieren.
In unserer Langzeituntersuchung registrierten wir bei Hausbesuchen auf Tonbändern, wie viele Äußerungen die sechs und zehn Monate alten Säuglinge äußerten. Es waren im Durchschnitt etwa 160 bis 260 pro 45 Minuten. Einige Mütter reagierten auf die meisten, als ob ihr Säugling sie etwas fragte, sich beklagte oder etwas erzählte. Wenn die meisten Äußerungen der Mutter Antworten waren, und sie relativ wenige unbeantwortet ließ, zeigte sich später eine sichere Bindung des Kindes an seine Mutter. Ein noch wenig beobachtetes Kriterium für eine gute Qualität einer Tagesbetreuung wäre die Häufigkeit, mit der das einzelne Kind eine Antwort auf seine Mitteilungen erhält. Dies ist besonders wichtig für die Sprachentwicklung.
Aus der Sicht eines kleinen Kindes können die anderen wie eine Horde Wilder empfunden werden, die um alles konkurrieren. Ohne den zuverlässigen Schutz einer der geliebten Erzieherinnen kann sich das kleine Kind nicht gegen den Verdrängungswettkampf der anderen wehren, besonders wenn diese etwas größer oder stärker sind. Echte Kooperation zu zweit ist möglich in diesem Alter, aber meist nur mit Unterstützung der Erzieherin. Jeder Frust oder Eifersucht, jede Rempelei oder Aggression brauchen zunächst die Beruhigung der Erzieherin und eine Erklärung der Ursachen, bevor das Kind seine Gefühle selbständig beherrschen lernt.
Die Interessen kleiner Kinder werden leicht übersehen, wenn die eigenen Interessen der Erwachsenen denen entgegen laufen. Nur wenige Forschungsgruppen befassen sich mit dem seelischen Wohlbefinden der kleinen Kinder. Sie geben keine Entwarnung sondern bedauern nur das vermehrte Wegschauen. Die bundesweite Studie zur Tagesbetreuung (NUBBEK) ergab, dass nur drei Prozent der Krippengruppen eine gute bis ausgezeichnete Qualität aufwiesen und nur zehn Prozent der Kindergartengruppen.


Maywald: In jüngster Zeit werden Stimmen lauter, die im Falle einer Trennung beziehungsweise Scheidung der Eltern ein so genanntes Wechselmodell – also die in etwa zeitlich gleiche Aufteilung der Betreuung zwischen beiden Elternteilen – als Regelfall fordern. Wie beurteilen Sie diesen Vorschlag?


Grossmann: Eine solche Pauschalregelung widerspricht der Würde des Kindes. Es ist kein Möbelstück, das man ohne Bedenken versetzen kann. Viele würden nicht einmal ihr Auto ihrem Ex-Partner zeitweilig zur Verfügung stellen.
Ein Kind kann man nicht fragen, es würde sich niemals gegen einen Elternteil entscheiden aus Angst, ganz von ihm verlassen zu werden. Aber man kann seinen Entwicklungsstand, sein Zeitverständnis und seine Gefühlsbindungen berücksichtigen. Je kleiner das Kind, umso mehr braucht es Vorhersagbarkeit des Geschehens um es herum. Ab dem Krabbelalter findet es sich in der Wohnung zurecht, kann sein Bett und seine Spielsachen finden und erkennt, woher die Geräusche in der Wohnung kommen, die ihm anzeigen, wo sich seine schützende Bindungsperson befindet. Es dauert lange, bis es sich in einer neuen Wohnung zurecht findet. Für viele Kinder wäre das Nestmodell günstiger. Eltern muten ihrem Kind etwas zu, was sie für sich selbst ablehnen.
Es kann lange nicht begreifen, warum es zu Trennungen kommt, warum seine Bindungspersonen so viele negative Gefühle zeigen und nicht mehr zusammenleben. Trennungen schmerzen besonders, wenn die Eltern bei der Übergabe deutlichen Unmut oder Ärger zeigen. Ein Kind bezieht den elterlichen Ärger auf sein eigenes mögliches Fehlverhalten. Eine liebevolle Übergabe zum Beispiel mit Verweilen und netten Gesprächen, wie wenn es zur Großmutter geht, würde das Trennungsleid mildern. Viele Eltern verlangen vom Kind Selbstbeherrschung, die sie selbst nicht meistern. Damit sind sie ein schlechtes Vorbild.
Für Kinder ist die Unvorhersagbarkeit der nächsten Situation extrem belastend, aber sie zeigen es nicht, um keinen ihrer geliebten Elternteile zu verärgern. Ihre Angst vor einem endgültigen Verlust eines Elternteils lässt sie brav und folgsam jede Regel der Erwachsenen annehmen ohne ihren Ärger darüber zu zeigen. Nur ein unabhängiger, entwicklungspsychologisch geschulter Begleiter könnte dem Kind helfen, eine für es individuell tragbare Lösung zu finden. Die 60 Jahre alte Bindungsforschung kann gute Hilfestellung geben.


Maywald: Es fällt auf, dass Kinder in westlichen Gesellschaften üblicherweise intensive Bindungsbeziehungen zu wenigen Personen aufbauen, deren Ausfall dann mit schwerwiegenden Konsequenzen verbunden sein kann. Dies scheint in anderen Gesellschaften weniger der Fall zu sein, wo ein erweiterter Familienbegriff dazu führt, dass bedeutsame emotionale Bindungen zu einer größeren Zahl von Menschen bestehen. Welche Vor-und Nachteile haben diese unterschiedlichen Lebensmodelle?


Grossmann: Der Vorteil einer großen, erweiterten Familie erscheint für Außenstehende besonders für ein Kind besonders sichtbar. Es bekommt Schutz und Fürsorge von vielen, hat Geschwister und viele Cousins und Cousinen zum Spielen, ist praktisch nie allein und hat viele verschiedene Vorbilder für seine kulturelle und soziale Entwicklung. Ein Kind lernt aber auch schnell, dass es eine Rangordnung auch unter Kindern gibt, je nach Ansehen seiner Eltern und ihrer Stärke. Ein Kind muss dem älteren Geschwister, besonders wenn es ein Bruder ist, gehorchen, und muss, besonders wenn es ein Mädchen ist, schon früh auf jüngere Geschwister aufpassen. Durch diese Rangordnungen und Pflichten, die meist mit strengen Rollenvorschriften und -grenzen für Männer und Frauen einhergehen, kann es in seiner individuellen Entwicklung auch gehemmt werden. Zum Vorankommen des älteren Bruders muss zum Beispiel manchmal eher ein jüngeres Geschwister auf den Schulbesuch verzichten. Der Ältere muss dann allerdings später für die Jüngeren sorgen.
Für die Eltern bedeutet eine große Familie sowohl Entlastung bei der Kindererziehung, Hilfe bei Unglück und viel Gemeinsamkeit bei der Arbeit, beim Hausbau und beim Feiern. Sie bringt aber auch eine strenge, oft unbarmherzige soziale Kontrolle mit sich. Jeder weiß, was der andere tut, wohin er oder sie geht, und ob dieses Verhalten erwünscht ist. Diese öffentliche Kontrolle führt leicht zu Heimlichkeiten und zu getrennten Welten von Frauen und Männern. Basierend auf der körperlichen Stärke und der Waffenbeherrschung der Männer sind ihre Wertvorstellungen in den allermeisten Kulturen dominanter als die der Frauen. Auch unter modernen Erwachsenen gelten oft noch die Regeln der geschwisterlichen Rangordnung.


Maywald: Wenn Sie einmal die letzten dreißig Jahre Revue passieren lassen, ist dann eine größere Sensibilität gegenüber der kindlichen Angst vor Trennung festzustellen oder gibt es möglicherweise sogar neue Gefährdungen?


Grossmann: Zum Glück sind die Zeiten von Babyhotels und Massenkrippen vorbei. Eine sanfte Eingewöhnung ist in den meisten Krippen Standard. Mit Freude sehe ich junge Frauen und Männer in der Politik in Elternzeit gehen. Ebenso erfreulich ist es, dass mehr Eltern ihr Recht auf reduzierte Arbeitsstunden einfordern, so lange ihre Kinder klein sind, und die Wirtschaft nachgbeben muss.
Eine Gefährdung sehe ich einerseits in der allgemeinen Akzeptanz, sogar fast schon einer Pflicht zur außerhäuslichen Betreuung, verbunden mit einer Vorwurfshaltung gegenüber Müttern, die in ihrer Beruftätigkeit pausieren wollen. Dieser soziale Druck auf junge Familien macht oft blind für die wirklichen, täglichen, häufig belastenden Erfahrungen der kleinen Kinder in größeren Gruppen. Schon in dieser Altersgruppe zeigt sich, wie stark sich die finanziellen Ressourcen der Eltern auf die Qualität der Tagesbetreuung auswirken.
Ein neues Terrain hat sich aufgetan. Immer häufiger sehe ich schon kleine Kinder mit den Smartphones oder einem Tablet ihrer Eltern in der Hand. Sie können einfache Programme bedienen und freuen sich sichtlich über die schnellen Reaktionen der Mini-Computer. Welche Folgen die zunehmende Beschäftigung mit digitalen Medien auf die Beziehung zwischen Menschen und ihre soziale Verantwortung hat, kann ich nicht abschätzen. Eine neurobiologische Untersuchung zeigte zum Beispiel, dass ein Telefonat nach einer Prüfung das Kind mehr beruhigte als eine SMS. Die direkte Kommunikation hat wohl besondere Qualitäten, die jetzt von der Neurobiologie untersucht werden.

Quelle: frühe Kindheit 03/17, Seite 50-54

Foto: Shutterstock Ollyy

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