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21.07.2017  Andreas Glas

Dokumentation der Gewalt: Der Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen

Der Abschlussbericht über den Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen legt ein nahezu perfektes System der Furcht offen. Dort, wo die Kleinsten ins Internat gingen, war es am grausamsten. Auch Georg Ratzinger hat demnach nicht nur ein paar Ohrfeigen verteilt
Regensburg – Ulrich Weber brauchte beide Hände, um den Abschlussbericht in die Kameras zu halten. Mehr als 400 Seiten lang ist der Bericht, ein dicker Packen, der die Dimensionen der Gewalt und des Missbrauchs bei den Regensburger Domspatzen gut sichtbar macht. Weber, vom Bistum mit der Klärung des Skandals beauftragt, sprach am Dienstag etwa 20 Minuten vor der Presse. Aber um diesen Wahnsinn zu erfassen, braucht es mehr Zeit. „Die Lektüre wird für viele Menschen nicht einfach sein“, heißt es in der fünften Zeile. Wer bis zum Ende durchhält, stellt fest: Diese Warnung ist brutal untertrieben.

Zwischen 1945 und 1992 haben also 500  Buben körperliche Gewalt erfahren, 67 wurden Opfer sexueller Gewalt, es gibt 49  Beschuldigte. Ziel des Berichts sei es, „die Opfer sprechen zu lassen“, so steht es in der Einführung. Dutzende Opfer schildern ihre Erlebnisse im „Lager“, im „Zuchthaus“, in der „Hölle“. So nennen frühere Domspatzen die Vorschulen in Etterzhausen und Pielenhofen, die Zentren der Hölle, man kann das sagen. Dort, wo die Kleinsten ins Internat gingen, war es am grausamsten. Im Bericht bekommen Männer, die damals Buben waren, eine Stimme, teils nach Jahrzehnten des Schweigens. Das ist beeindruckend und wichtig. Man muss die Lektüre aber aushalten können.

Das Martyrium in Etterzhausen begann frühmorgens im Waschraum: „Direktor M. stand an dem Hebel mit dem er das Wasser ‚steuerte‘. Je nach Belieben machte er es eiskalt oder extrem heiß. Er schrie und prügelte, wenn Kinder aus dem Wasserstrahl gingen.“ Danach hieß es Antreten zur Hygienekontrolle. „Der Letzte, der in die Reihe trat (...), bekam seine Packung Ohrfeigen ab als morgendlichen Muntermacher“.

Nach der Messe ging es zum Frühstück, dann in die Schule, dann zum Mittagessen. Beim Essen herrschte Sprechverbot. Präfekten und Heimleiter seien auf einem Podest gesessen „und notierten jeden, der sich mit seinen Mitschülern sprechen traute“. Abends „wurde von einer Liste vorgelesen, wer geschwätzt und hervorzutreten hatte. Man musste sich (...) niederknien und bekam mit dem ‚spanischen Rohr‘ ein paar Schläge“, so ein Schüler aus den Fünfzigern. Manchmal setzte es die Strafe im Speisesaal: Nach einer Ohrfeige, erzählt ein Schüler, habe der Direktor ihm das Essen weggenommen, dann „musste ich, während die anderen aßen, mit den Tränen kämpfend“ aus einem Buch „zur Unterhaltung der anderen vorlesen“. Ein anderer sagt: „Mittendrin wurde immer einer aufgerufen und musste kurz den Inhalt des Vorgelesenen wiedergeben. Konnte er das nicht, musste er sich (...) an die Wand stellen (...) und durfte nicht weiteressen.“

Wer nicht aß, „bekam die kochend heiße Suppe über die Hände gegossen“. Wer sich erfolglos dazu zwang, um nicht bestraft zu werden, sei manchmal genötigt worden, das Erbrochene zu essen. „Der Direktor zwang ihm das Erbrochene wieder und wieder in den Kropf, fütterte ihn gewaltsam“, erzählt ein Schüler aus den Sechzigerjahren über seinen Tischnachbarn.

Der Bericht beschreibt geradezu Stasi-Methoden: Hygienekontrolle, Schrankkontrolle, Briefkontrolle, Bettenkontrolle. Ständig herrschte die Angst, etwas falsch zu machen – Fehler bedeuteten oft Prügel und Erniedrigung. Die Auswahl der Opfer sei „vielfach willkürlich“ gewesen, die Strafen unverhältnismäßig. Selbst nachts herrschte Angst, weil Direktor und Präfekt über die Flure geschlichen seien, „stets auf der Lauer, einen Übeltäter zu finden“. Im Bericht erzählt ein früherer Schüler, dass er nachts „stundenlang barfuß und nur in Unterhose bekleidet im dunklen Waschsaal stehen musste – weil ich nach dem Lichtlöschen pinkeln gehen musste, was nicht erlaubt war. Andere wurden bestraft, weil sie ins Bett machten, da sie sich aufgrund von Bestrafung (...) nicht trauten die Toilette zu besuchen – wie paradox. Regeln, so gemacht, dass sie in jedem Fall eine Bestrafung zur Folge hatten.“

Selbst als „der Nikolaus kam, wurden wir erst einmal verprügelt und dann bekamen wir Plätzchen und Nüsse“. Ein Opfer aus den Sechzigern erzählt, wie ihn der Krampus „in einen alten Kartoffelsack gesteckt“ und „hineingeworfen“ habe in „ein Zimmer ohne Licht. Nach wenigen Minuten sprach mich ein Junge, der das Schicksal mit mir teilte, in der Dunkelheit (...) an. (...) Mein Mitschüler urinierte in die Hose. Wir hatten panische Angst, da wir nicht wussten, was auf uns zukommt. Nach einer Stunde wurden wir aus der Dunkelheit befreit.“
  All dies sind nur Ausschnitte aus Etterzhausen und Pielenhofen – und längst nicht die schlimmsten, es gab auch schweren sexuellen Missbrauch, den die Opfer im Bericht teils detailliert schildern. Auch im Internat des Domspatzen-Gymnasiums gab es Gewalt, auch dort herrschte ein Klima der Angst. „Während die körperliche Gewalt weniger dominant war, wurde jedoch von einzelnen Beschuldigten teilweise massive sexuelle Gewalt ausgeübt“, schreibt Weber. Ein Schüler aus den Achtzigern erzählt in einer – noch relativ wenig expliziten – Passage über den Missbrauch: „Geendet hat (...) alles damit, dass ich mich in der Dusche sitzen sehe, nachdem in seinem Zimmer Dinge geschehen sind (...). Ich beobachte rot gefärbtes Wasser, das im Sieb im Boden verschwindet. Ich erinnere mich, dass ich aufstehen will, aber nicht kann.“

Der Bericht liefert auch ein deutliches Bild der Beschuldigten, darunter Georg Ratzinger, Papstbruder und 30 Jahre lang Chorleiter, der laut Bericht Teil des Gewaltsystems war und den Wahnsinn hätte stoppen können. Er tat es aber nicht. Mehrere Opfer etwa erzählen, dass Ratzinger Stühle nach den Buben geworfen habe, unter anderem ist von „blutenden Platzwunden“ die Rede. Er habe „in vielen Fällen“ Gewalt angewendet, schreibt Weber über Ratzinger, der stets nur von „Ohrfeigen“ gesprochen und beteuert hatte, sich zumindest seit 1980 strikt an das gesetzliche Züchtigungsverbot gehalten habe. Weber dagegen stellt im Bericht fest, dass Ratzinger auch nach 1980 „körperliche Gewalt zumindest in Einzelfällen“ angewendet habe. Ratzingers Nachfolger, Domkapellmeister Roland Büchner, erhebt in einem Interview mit der Zeit nun ebenfalls schwere Vorwürfe. „Es herrschte ein System der Angst“, sagte er über die Zeit Ratzingers als Chorleiter. Dieser sei „impulsiv, ja fanatisch“ gewesen, „wenn er seine Vorstellungen von musikalischer Qualität durchsetzte“. Manche Schüler hätten ihn als Vorbild gesehen, „andere fürchteten ihn als Schläger“.

Neben individuellen Motiven der Lehrer und Priester, die beschuldigt werden, nennt der Bericht ein Hauptmotiv: Das nahezu perfekte System der Furcht, Gewalt und Unterdrückung war darauf angelegt, den Einzelnen „zu brechen“, um den Chor als Gesamtheit „durch maximale Disziplin“ auf Linie zu bringen. Alles wurde dem Erfolg des Chors untergeordnet – auch die körperliche und seelische Gesundheit der Buben. Damit ist auch die These widerlegt, die der frühere Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller lange vertreten hat: Dass es Einzeltäter waren und die Kirche dafür nicht pauschal verantwortlich gemacht werden dürfe.

Was Weber im Bericht noch betont: Längst nicht jeder Domspatz ist Opfer geworden oder fühlt sich so. Der Hauptgrund dürfte einerseits in der Persönlichkeit jedes einzelnen Schüler liegen und andererseits darin, dass die Zustände sich spätestens in den Achtzigern besserten, dass Gewalt und Missbrauch nicht in allen Einrichtungen zu jeder Zeit präsent waren. Webers Bericht wird also auch denen gerecht, die sich zu Unrecht in einer Opferrolle wähnen. Allen anderen, so Weber, könnte der Bericht dabei helfen, endlich den „Stempel des ‚Nestbeschmutzers’ einer traditionsreichen Einrichtung loszuwerden“. Der Bericht ist auf der Homepage des Bistums Regensburg einsehbar.

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).

Foto: Shutterstock
 
 


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