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Perspektiven
24.07.2017  Hilde von Balluseck

Demokratie und Transparenz bei Google - Fehlanzeige

Unsere Demokratie hakt an vielen Stellen, das wollen wir nicht leugnen. Aber im Großen und Ganzen funktioniert sie. Nicht jedoch im Netz. Dort werden Demokratie und Transparenz durch Intermediäre wie Google teilweise außer Kraft gesetzt.

Erziehung zur Demokratie als Ziel der Frühpädagogik

Die Pädagogik in Kita und Schule verfolgt das Ziel, eine demokratisch denkende und handelnde Persönlichkeit in Kindern und später Erwachsenen zu stärken. Um demokratische Entscheidungsprozesse in Kita und Grundschule ringen daher Fachkräfte, Eltern und politische Akteure.  Was mit einer demokratischen Persönlichkeit gemeint ist, hat Thomas Krüger auf den Begriff gebracht:
„Gemeint ist dabei ein Mensch mit sozialen, politischen und emotionalen Kompetenzen, der die Sachlage aus seiner Perspektive beurteilen kann, seine Meinung zum Ausdruck bringen kann, am Gemeinwohl orientiert ist und sich für sein Gemeinwesen engagiert. Es geht um einen Menschen, der zukunftsorientiert handelt und sich durch seine Beteiligung am kulturellen, sozialen und politischen Geschehen seines nahen und weiteren Umfelds selbst verwirklicht.“ (Krüger 2017:35)
 
Die  Frühpädagogik verfolgt diese Ideale,  indem sie in Kita und Schule zunächst Eltern bei der Erziehung und Bildung unterstützt und mit professionellen Fachkräften die Bildung von Kindern auf allen Gebieten voranbringt. Voraussetzung dafür ist die Transparenz der Entscheidungsprozesse, damit sie von den Betroffenen nachvollzogen, kritisiert und ggf. modifiziert werden können.
Unsere Demokratie hakt an vielen Stellen, das wollen wir nicht leugnen. Aber im Großen und Ganzen funktioniert sie. Nicht jedoch im Netz. Dort werden Demokratie und Transparenz durch Intermediäre teilweise außer Kraft gesetzt.

Was sind Intermediäre?

„Der Begriff ‚Intermediäre‘ fasst bei uns in der deutschen Terminologie die Anbieter von Suchmaschinen, sozialen Netzwerken und virtuellen Plattformen zusammen. Diese Anbieter eint, dass sie Inhalte auffindbar machen, sie verlinken und in den personalisierten Nachrichtenstrom einbinden (Brautmeier 2017).“
Die wichtigsten Intermediäre sind Google, Facebook,  YouTube, WhatsApp, Twitter.  Ich befasse mich im Folgenden ausschließlich mit Google, die am meisten besuchte Suchmaschine. Zwei Aspekte interessieren mich dabei besonders: Die Suchmaschine und Google Analytics.

Suchmaschine Google

Wir alle nutzen die Möglichkeit, über Google zu bestimmten Begriffen Artikel, Hinweise, Bücher, Kommentare zu finden.  Meistens bleiben wir an den ersten Begriffen, ansonsten aber an den ersten Seiten „hängen“. Die Systematik, nach der die Materialien mit Links aufgelistet sind, ist uns allen unbekannt. Es ist nicht das Alphabet, nicht das Erscheinungsdatum,  aber wir orientieren uns daran. Dabei ist zu beachten:
„Die fürs Trefferranking ausgewerteten Eigenschaften der Inhalte haben mit dem Sinngehalt wenig oder nur mittelbar zu tun“ (a.a.O.)  Die Listung entscheidet aber darüber, wie viele Klicks eine Seite erhält.

Google Analytics

Google Analytics gibt Auskunft über die Häufigkeit von Aufrufen einer Seite und über die Anzahl der Besucher.  Diese Angaben sind für Seiten, die auf Werbung angewiesen sind, elementar wichtig. Denn die Nutzerzahlen bestimmen das Interesse der Firmen an Werbung auf einem Portal.  Sie kommen unter anderem durch die Listung bei der Suchanfrage zustande.

Was Algorithmen sind und was nicht

Sowohl die Suchergebnisse wie auch die Nutzerzahlen von google analytics beruhen auf Algorithmen. Das sind  programmierte Rechenverfahren, die aus vielen, genau definierten Einzelschritten bestehen, um ein bestimmtes Einzelergebnis zu erzielen. Wir brauchen diese Algorithmen , um „unsere datenreiche Umgebung zu ordnen“ (Lischka/Müller-Eiselt 2017:8). Das hört sich erstmal so an, als seien die Ergebnisse objektiv. Das ist jedoch keineswegs der Fall. Dazu Autoren der Bertelsmann Stiftung:
„Oft werden die durch Algorithmen generierten Entscheidungen und Vorhersagen als neutral oder unabhängig angesehen. Doch tatsächlich sind Prozesse algorithmischer Entscheidungsfindung (=ADM= algorithmic decision making, H.v.B.) an vielen Punkten von Menschen beeinflusst: Menschen setzten die Ziele, entwerfen und implementieren die Prozesse, Menschen interpretieren die  Ergebnise und bestimmen entweder im Einzelfall über die Konsequenzen oder im Allgemeinen über die Bandbreite möglicher Konsequenzen“ (a.a.O.: 11).
 ADM-Prozesse, die unsere Wahrnehmung und Bewertung der Wirklichkeit formen, sind also nicht objektiv. Ihnen liegen Entscheidungen zugrunde, die von Menschen, mit deren Bewertungsrastern, aufgrund ihres Wissensvorrates getroffen worden sind.

Die Entscheidungen, die Google trifft, sind geheim und werden auch auf Anfrage nicht öffentlich gemacht. Das ist problematisch, denn:  
"Ob ein ADM-Prozess ein adäquates Konzept von Fairness verwendet, wird häufig nicht überprüft. Wenn Logik und Natur eines Algorithmus geheim gehalten werden, ist dies sogar unmöglich. Ohne Überprüfung durch unabhängige Dritte kann keine informierte Debatte über Chancen  und Risiken eines spezifischen ADM-Prozesses geführt werden" (Müller-Eiselt/Lischka 2017).

Damit entfernt sich jedoch der Anbieter unbekannter Algorithmen von den Grundlagen unserer demokratischen Ordnung: "Überprüfbarkeit und Nachvollziehbarkeit algorithmischer Entscheidungen sind eine unverzichtbare Erkenntnisgrundlage für einen lösungsorientierten gesellschaftlichen Diskurs mit dem Ziel, dass ADM-Prozesse für mehr Teilhabe gestaltet werden und maschinelle Entscheidungen den Menschen dienen" (Lischka/Klingel 2017: 36).

So darf es nicht bleiben

Dass die Macht eines Konzerns wie Google ohne Einflussnahme der Bevölkerung  von niemandem kontrolliert wird, ist nicht nur ein Ärgernis für den Nutzer und die Nutzerin.  Sie hat auch Auswirkungen auf ihr Selbstverständnis und Erfahrungen mit fehlender Demokratie.  Kinder, Jugendliche, Erwachsene nehmen klaglos hin, dass ihr Suchverhalten und ihre Erkenntnismöglichkeiten im Internet durch intransparente ADM-Prozesse gesteuert werden. Sie unterwerfen sich einem kognitiven Auswahlregime, auf das sie keinerlei Einfluss haben.
Das ist unser aller unwürdig. Und gefährdet den Willen, demokratische Prozesse mit zu gestalten.
Demokratie heißt nicht nur, ein Wahlrecht zu haben und auszuüben. In der  Demokratie geht es erstens „um Teilhabe an demokratischen Prozessen – und damit um politische Gleichberechtigung – und zweitens um Teilhabe an Errungenschaften eines sozialen Gemeinwesens“ (Lischka/Müller-Eiselt 2017: 9). Diese Teilhabe ist durch ADM-Prozesse gefährdet. Und unsere Kinder und Jugendlichen  - und auch wir Erwachsenen - dürfen dies nicht ungefragt hinnehmen.
Es ist von daher überaus begrüßenswert, dass Justizminister Maas ein „Transparenzgebot für Algorithmen,  also Erklärungen der Anbieter oder Betreiber über ihre Personalisierungsmechanismen, in die Debatte eingebracht hat, damit Nutzer selbst entscheiden können, welche Filter sie akzeptieren und welche nicht‘“  (Beuth 2017).

Ein sehr informatives Interview zum Thema habe ich nach Abschluss dieses Artikels noch gefunden. Lesen Sie selbst: https://netzpolitik.org/2017/interview-mit-frank-pasquale-wie-facebook-und-google-die-digitale-oeffentlichkeit-dominieren/
 
 
Quellen:
Beuth, Patrick (2017): Maas schlägt digitales Antidiskriminierungsgesetz  vor. In Zeit Online, http://www.zeit.de/digital/internet/2017-07/heiko-maas-algorithmen-regulierung-antidiskriminierungsgesetz

Brautmeier, Jürgen (2017): Intermediäre. In: Blog der Republik – Anstalt für andere Meinungen.  http://www.blog-der-republik.de/intermediaere/

Krüger, Thomas (2017): Demokratieförderung von Anfang an - Aufgabe für die gesamte Gesellschaft. In: Deutsches Kinderhilfswerk e.V. (Hrsg.): Kinderreport Deutschland 2017, S. 35-50

Lischka, Konrad/Klingel, Anita (2017): Wenn Maschinen Menschen bewerten. Internationale Fallbeispiele für Prozesse algorithmischer Entscheidungsfindung. Arbeitspapier. Herausgegeben von der Bertelsmann Stiftung. Gütersloh. http://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/ADM_Fallstudien.pdf

 Lischka, Konrad/Stöcker, Christian (2017): Digitale Öffentlichkeit. Wie algorithmische Prozesse den gesellschaftlichen  Diskurs beeinflussen. Arbeitspapier, herausgegeben von der Bertelsmann Stiftung.  Gütersloh. https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Digitale_Oeffentlichkeit_final.pdf

Müller-Eiselt, Ralph/Lischka, Konrad: Vorwort zu Lischka/Klingel 2017. http://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/ADM_Fallstudien.pdf

Wikipedia: Algorithmus. https://de.wikipedia.org/wiki/Algorithmus

Foto: eugenesergeev/Fotolia
 
 

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