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Inklusion/Diversity
28.07.2017  Karsten Herrmann

Gelebte Vielfalt von Anfang an

In der Magdeburger KiTa „Weltkinderhaus“ ist der Name Programm: 102 Kinder aus 17 Nationen tollen, toben, spielen, lachen und lernen hier zusammen. Gelebt wird mit den 1,5 - 6jährigen nach dem Offenen Konzept und im Fokus steht die Partizipation aller Kinder. Die große kulturelle und soziale Vielfalt wird hier, so KiTa-Leiterin Silke Bauer, „als Chance und Gewinn gesehen. Von Anfang an erfahren unsere Kinder, dass es verschiedene Familienformen, Sprachen, Hautfarben und Religionen gibt und setzen sich damit auseinander.“
Und diese Wertschätzung und bewusste Förderung der Vielfalt springt dem Besucher beim Betreten der alten Villa in der Magdeburger Neustadt auch sofort ins Auge. Schon im Treppenhaus sind mehrsprachige Begrüßungen und Hinweisschilder angebracht, auf den zwei KiTa-Etagen sind die Räume in mehreren Sprachen beschriftet und bunte, von den Eltern gestaltete Fahnen schmücken die Wände. Auch Puppen und Spielfiguren mit verschiedenen Hautfarben und mehrsprachige Bilderbücher sind in den Räumen zu sehen. Ein Fotospeiseplan mit Piktogrammen zeigt Kindern und Eltern, was es in der Woche zu essen gibt und in welchen Gerichten zum Beispiel kein Schweinfleisch enthalten ist.

„Für viele Kinder hier ist ihre Sprache das einzige, was sie aus der Heimat mitgebracht haben und so möchten wir ihnen auch in der KiTa ein Stück Heimat und das Gefühl von Sicherheit bieten“ sagt Silke Bauer. „Wir versuchen daher auch alle Eltern mit Nachnamen anzusprechen, auch wenn die Aussprache manchmal nicht ganz so einfach ist. Dann fragen wir bei den Eltern auch zwei oder drei Mal nach und die freuen sich, dass wir es mit der richtigen Aussprache wirklich ernst meinen und fühlen sich von uns wertgeschätzt“ erzählt sie weiter. Zum stetigen Üben haben die MitarbeiterInnen die Nachnamen der Familien auch an der Garderobe der Kinder angebracht.
 

Zusammenarbeit mit Eltern steht im Fokus

Die Zusammenarbeit mit Eltern nimmt im Weltkinderhaus eine zentrale Stellung ein und, so Silke Bauer, „eine offene und positive Grundhaltung ist die Basis unserer Erziehungspartnerschaft“. Auf jeder Etage gibt es eine gemütliche Elternsitzgruppe mit einer Fotowand, einem Monitor mit bewegten und bewegenden Bildern aus dem KiTa-Alltag sowie den Portfolios der Kinder. Hier können sich die Eltern jederzeit über die aktuelle Entwicklung sowie die Interessen und Erlebnisse ihrer Kinder informieren. Regelmäßig werden mit den Eltern auf dieser Grundlage auch Entwicklungsgespräche durchgeführt. Schon die Eingewöhnungsphase, die auf der Grundlage des Berliner Modells in jeweils individueller Gestaltung stattfindet, sieht Silke Bauer als „Chance, nicht nur zwischen Erzieherin und Kind, sondern auch zwischen Erzieherin und Eltern eine vertrauensvolle Bindung und Beziehung aufzubauen“.

Ohne zusätzliche Förderung hat sich das Weltkinderhaus auch auf den Weg zu einem Familienzentrum gemacht. So werden nicht nur einmal die Woche ein Elterncafé und ein Babytreff angeboten, sondern es gibt in der KiTa auch Angebote des Jobcenters oder eine Erziehungsberatung. Auch über die Gestaltung einer Erziehungs- und Bildungspartnerschaft mit Eltern hinaus legt Silke Bauer großen Wert auf die sozialräumliche Vernetzung und so arbeitet das Weltkinderhaus mit vielen externen Kooperationspartnern wie dem Netzwerk Frühe Hilfen, dem Gesundheitsamt, der Stadtbibliothek oder auch der Hochschule Magdeburg-Stendal zusammen.
 

Ressourcenorientierte Offene Arbeit

Vor fünf Jahren hat die KiTa-Leiterin, die berufsbegleitend an der Hochschule Magdeburg-Stendal ihren Bachelor in Kindheitspädagogik gemacht hat, das Konzept der KiTa auf die offene Arbeit umgestellt. „Das war für das Team, die Eltern und insbesondere auch für die Kinder, die schon länger in der KiTa waren, eine große Herausforderung“ räumt sie ein. Heute sind aber alle überzeugt von dem Konzept, das durch die Partizipation von Kindern und Eltern, eine vorurteilsbewusste Bildung und kultursensitive Pädagogik bestimmt ist. Gut 50 Kinder haben auf jeder Etage die Auswahl an verschiedenen Angeboten wie dem Atelier, dem Bau- oder Experimentierraum, einem Theater, der Kinderküche oder einer Hörstation. Natürlich können sie aber auch drinnen oder im Außenbereich frei spielen oder es sich mit einem Bilderbuch auf der Couch gemütlich machen.

Ein „Muggelstein“-System wird für vielfältige Entscheidungen im Kita- Leben genutzt. So wählen Kinder mit aus, welche Bücher oder Spiele im Regal zur Verfügung gestellt werden sollen oder auch mal aussortiert werden und mit den Muggelsteinen signalisieren die Kleinen ob und wo sie mittags schlafen möchten. Einige der Kleinsten entscheiden auch, von wem sie gewindelt werden möchten und unterstützen dies durch selbständiges Holen der neuen oder Öffnen der benutzen Windeln. Nicht zuletzt können die Kleinen auch ihre Bezugserzieherin selber bestimmen.

„Kinder, die Möglichkeiten haben auszuwählen, haben es einfacher“ sagt Silke Bauer auch im Hinblick auf Kinder mit Migrationshintergrund oder Fluchterfahrung. Das offene Konzept ermögliche es allen Kindern „in hohem Maße ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen und auszuleben“. So könne man besser an den Stärken und aktuellen Bedarfen der Kinder ansetzen. Die Fähigkeit zu entschieden und das demokratische Aushandeln haben dabei nach ihren Erfahrungen auch nichts mit dem kulturellen Hintergrund der Kinder, sondern eher etwas mit dem Bildungsstand in der Familie zu tun. Bei Familien mit Fluchthintergrund stellt Silke Bauer „oft einen hohen Bildungsanspruch“ fest und „die Eltern tun alles, um ihre Kinder entsprechend zu unterstützen“.
 

Partizipation als Grundprinzip

Jedes Jahr im Juni oder Juli wird im Weltkinderhaus auf beiden Etagen auch ein Kinderrat gewählt, der regelmäßig tagt und mitentscheidet. Hierbei geht es nicht nur um die Planung von Festen und Feiern - z.B. welche Spiele vorbereitet werden oder wie das Frühstücksbüfett gestaltet werden soll - sondern auch um die Auswahl von neuen Fahrzeugen. Der Kinderrat wird auch bei der Festlegung von Regeln mit einbezogen. So entstand eine Parkstation auf der Freifläche, damit keine Fahrzeuge mehr einfach irgendwo abgelegt werden. Auch der Basketballkorb auf dem Freigelände ist über einen Vorschlag des Kinderrats entstanden. Dieser hat mitentschieden, an welcher Stelle dieser angebracht wird.

Wöchentlich tagt darüber hinaus eine Kinderversammlung, in der alle Angelegenheiten des KiTa-Alltags wie zum Beispiel Regeln oder Absprachen, Projektideen oder Konflikte gemeinsam besprochen werden. Nicht zuletzt gibt es im Weltkinderhaus auch eine Beschwerdestelle für Kinder, die von der Kinderschutzfachkraft der KiTa besetzt ist. „Hin und wieder versuche ich den Kindern gezielt Anlass zu geben, sich zu beschweren und dieses Instrument zu nutzen“ erzählt Silke Bauer schmunzelnd.
 

Den schlechten Rahmenbedingungen trotzen

Silke Bauer ist eine nicht nur pädagogisch, sondern auch berufspolitisch hoch engagierte KiTa-Leiterin, die sich mit den Rahmenbedingungen in ihrem Land nicht abfinden mag. So steht sie auch mal bei der Sprechstunde der zuständigen Ministerin oder beim Oberbürgermeister auf der Matte und schildert ihnen die teils prekären Arbeitsbedingungen. Als Leiterin einer Kita mit über 100 Kindern und 15 MitarbeiterInnen hat sie selber beispielsweise nur eine Freistellung von 17 Stunden. Tag für Tag macht sie so den Spagat zwischen der Aufgabenfülle als KiTa-Leiterin, „die von Hausmeistertätigkeiten und der ‚Frau für alles‘ bis zur systematischen Qualitätsentwicklung in der KiTa reichen“ und der direkten pädagogischen Arbeit mit den Kindern. Zwar unterstützen Träger und Jugendamt die Arbeit der KiTa durchaus engagiert, aber es gibt für sie keine ausgewiesene Fachberatung. „Und manchmal“, so Silke Bauer, „fehlt mir schon jemand, der die vorangebrachte Qualitätsentwicklung weiter anregt, unterstützt und begleitet.“

Die verbesserungswürdigen Rahmenbedingungen machen Silke Bauer und ihr Team einerseits durch ihr hohes Engagement wett, andererseits versuchen sie aber immer wieder auch zusätzliche Stiftungsgelder oder Projekt-Ressourcen einzuwerben. So nimmt das Weltkinderhaus am Bundesprogramm „Sprach-Kita“ und am Programm „WillkommensKITAs“ teil. „WillkommensKITAs“ ist ein Landesmodellprojekt der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung in Sachsen-Anhalt, das vom Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration gefördert wird. Als Willkommens-KiTa bekommen Silke Bauer und ihr Team Qualifizierungen rund um das Thema Kinder und Familien mit Fluchterfahrung sowie generell zum Umgang mit kultureller Vielfalt angeboten. Zusätzlich werden sie bei der Arbeit an diesem Themenfeld intensiv durch einen Coach begleitet. „Doch die wichtigste Ressource sind die Teams der Einrichtungen selbst. Im Netzwerk mit landesweit 26 Willkommens-KiTas tauschen sie auf regelmäßigen Treffen ihre Erfahrungen und guten Ansätze aus und können voneinander lernen. Das ist für alle ein großer Gewinn“, sagt Projektleiterin Sarah Tröbner von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung.
 

Willkommenskultur und alttagsintegrierte sprachliche Bildung

Da im Weltkinderhaus, das in einem sogenannten „Quartier mit besonderem Handlungsbedarf“ liegt, schon vor 2015 viele Kinder mit Migrationshintergrund waren, fiel dem Team der Umgang mit geflüchteten Kindern und deren Familien nicht allzu schwer. „Was wir hier insbesondere brauchen ist Zeit, Zuneigung und Geduld“ sagt Silke Bauer. Die erste Verständigung mit Eltern und Kindern laufe häufig nur über Mimik und Gestik, denn es sei nicht immer leicht, professionelle Dolmetscher für die Erst- und Aufnahmegespräche mit den Kindern zu bekommen. Bei den Kindern versuchen die Pädagogischen Fachkräfte gezielt Tandems aus einem Kind mit Fluchterfahrung und einem anderen Kind mit gleicher Muttersprache zu bilden, das aber schon gut Deutsch spricht.

Während die Peer-Interaktionen gut funktionierten und schnell neue Freundschaften geschlossen würden, bliebe bei vielen Kindern das Thema Schlafen und Essen in der KiTa schwierig: „Weil alles so anders ist, so anders riecht und so anders schmeckt als in der Heimat“ vermutet Silke Bauer. Auch Eltern täten sich schwer, über ihrer Fluchterfahrungen zu sprechen, „so dass wir häufig nichts genaueres darüber wissen.“ Und so dauere es „häufig bis zu einem Jahr, bis Kinder und Eltern mit Fluchterfahrung ganz angekommen sind und wir uns auch gut verständigen können.“

Die alltagsintegrierte sprachliche Bildung und die Wertschätzung der Familiensprachen bilden im Weltkinderhaus einen herausgehobenen Schwerpunkt der pädagogischen Arbeit. „Tag für Tag ergeben sich im Alltag ungezählte Anlässe für die Sprachbildung, die wir konsequent und kreativ zu nutzen versuchen“ erläutert Silke Bauer. Gerne genutzt werden dabei eine Vielzahl von mehrsprachigen Fingerspielen, Reimen und Bilderbüchern. Das dialogische Bilderbuchlesen sei dabei „eine besondere Form der Begegnung und Nähe“. Zum Geburtstag eines Kindes wird ein Vers oder ein Reim in der Familiensprache des Kindes vorgetragen und einmal wöchentlich lesen Mitarbeiterinnen deutsch-russisch oder die Sprachfachkraft und eine Ehrenamtlerin deutsch-arabisch oder mit einem Geschwisterkind deutsch-türkisch vor. Gleich zu Beginn bekommen Eltern auch einen Elternbrief zur Sprachentwicklung in ihrer Muttersprache und in Deutsch, in denen auch die Bedeutung der Familiensprache unterstrichen wird. „Je besser ein Kind seine Muttersprache spricht, je größer und differenzierter sein Wortschatz ist, umso leichter und genauer lernt es auch die Zweitsprache Deutsch“ ist Silke Bauer überzeugt.

Im Weltkinderhaus zeigt sich so, wie der Umgang mit Vielfalt als Querschnittsthema auf ganz verschiedenen Ebenen und Themenfeldern im Alltag verankert werden kann. „Ganz entscheidend ist für uns dabei die Partizipation der Kinder und Eltern, eine dialogisch-vorurteilsbewusste Haltung und Interaktion sowie eine kultursensible Pädagogik, bei der wir auch immer wieder versuchen die verschiedenen Erziehungs- und Sozialisationsvorstellungen abzugleichen“ fasst Silke Bauer den Kern des KiTa-Konzeptes zusammen.

Foto: Weltkinderhaus Magdeburg

 

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