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04.08.2017  Hilde von Balluseck

Der Stand der Frühpädagogik in China

Es ist gewagt, allgemeine Aussagen zur Frühpädagogik für ein Land zu machen, das durch weitaus größere Gegensätze ausgezeichnet ist als Deutschland: 1,37 Milliarden Menschen in 22 Provinzen (Taiwan nicht mitgerechnet), leben unter höchst unterschiedlichen Bedingungen. Von daher sind einige Informationen zur Frühen Bildung nur ein Anhaltspunkt, aber immerhin: Wir erfahren etwas über die Bestrebungen und den Stand der Frühpädagogik in China.
Xiaofei Qui und Edward C. Melhuish, die an den Universitäten in London bzw. Oxford lehren und forschen, haben viele Daten zusammengetragen, die uns einen Einblick in die Entwicklung der Frühpädagogik in China ermöglichen.

Geschichte

Der erste Kindergarten in China wurde 1903 in der Provinz Hubei eröffnet. Sowohl das Personal wie auch die Konzeption waren japanisch (1). .In den nächsten Jahren entstanden Theorien zum Kindergarten, die sowohl durch westliche Ideen (Dewey, Fröbel, Montessori) beeinflusst waren (2), wie durch chinesische Auffassungen von Erziehung. Schon 1932 gab das Ministerium für Bildung (education) "Kindergarten Curriculum Standards" heraus, die 1936 überarbeitet wurden.

Als 1949 die Volksrepublik China gegründet wurde, orientierte sich das Erziehungsministerium in China an der Sowjetunion. Die "Kindergarten Povisional Guidelines" von 1952 betonten die lehrerzentrierte Pädagogik und hielten die Fachkräfte an, bewusst und planvoll mit den Kindern zu arbeiten. In den folgenden Jahren entwickelte sich die Frühpädagogik in China, wurde allerdings durch die sogenannte Kulturrevolution (1966-1976) wie die gesamte Bildung des Landes attackiert und teilweise zerstört. 

Politische Entscheidungen seit 1980

Nach der Kulturrevolution begann das Land sich zu öffnen, die Wirtschaft prosperierte. 1989 wurden neue Kindergarten-Regulierungen erlassen. Nun sollte die Vorschulerziehung wieder auf die Schule vorbereiten.  Die Leitlinien für Erziehung im Kindergarten gaben Anregungen für die Arbeit der Fachkräfte im Kindergarten. 2010 wurde festgelegt, dass bis 2020 ein Jahr Vorschulerziehung verbindlich sein sollte, angestrebt werden aber zwei, und in besonders entwickelten Gegenden drei Jahre. 2010 wurden auch alle Provinzen verpflichtet, einen Dreijahresplan für die Förderung frühkindlicher Bildung aufzulegen. .

Inhalte der frühkindlichen Bildung

Die Leitlinien für Erziehung im Kindergarten erkannten die Rolle des Spiels für die kindliche Entwicklung an und rieten Fachkräften Spiel, Sport und andere Aktivitäten in den Alltag zu integrieren. In den späten 90ern fanden die Forderung nach Eigenaktivität und die Reggio-Pädagogik Eingang in die Curricula der Kindergärten. Es wurden fünf Bilungsbereiche definiert: Gesundheit, Wissen, Sprache, Ästhetische Bildung und Soziale Kompetenzen (3). Dafür wurden auch Hinweise für die praktische Umsetzung gegeben. Kinder sollten anerkannt und respektiert, die frühe Bildung als eine Zusammenarbeit zwischen Fachkräften, Eltern und Gemeinschaften angesehen werden. Es war, so die Autoren, nicht einfach für die Fachkräfte, die bisher lehrerzentriert gearbeitet hatten, die neuen Ideen zu übernehmen. Und vermutlich gibt es immer noch eine große Kluft zwischen den ausformulierten ideen und der Praxis. Aber, so kann man hinzufügen, das trifft auch in vielen Kindergärten in Deutschland immer noch zu. Daher die Qualitätsoffensive.

Die Fachkräfte

Die Kindergartenregulierungen legten schon fest, dass Fachkräfte in Kindergärten die Qualifikation einer Lehrkraft haben sollen, zusätzliche Anforderungen wurden an die Leitung gestellt. 1996 wurden professionelle Standards und Anforderungn an Kindergarten-Lehrkräfte in China formuliert. Mit Programmen für ErzieherInnen wurden Fachkräfte auch in weniger entwickelten Regionen weiter gebildet.
Seit 1990 ist die Qualifikation der Fachkräfte angestiegen. Der Anteil der Leitungen und anderen Fachkräfte mit akademischer Qualifikation steigt. Während 2001 noch weniger als ein Drittel der Fachkräfte eine Drei- oder Vierjahres-Ausbildung am College oder der Universität nachweisen konnten, waren es 2013 69,4 %. Wie sich die höhere Qualifikation in der Praxis auswirkt, ist jedoch nicht erforscht.

Personalschlüssel und Qualität

In offiziellen Dokumenten wird eine Gruppe von 20-35 Kindern von zwei Fachkräften und einer Hilfskraft betreut.  Das ist in unseren Augen kein guter Personalschlüssel, er wird jedoch häufig noch unterschritten, da es auch größere Gruppen gibt. Dies trifft insbesondere auf Kindergärten in ländlichen Gebieten zu, da es an Kindergärten und Personal mangelt. Auch städtische Kindergärten haben größere Gruppen, weil die Nachfrage das Angebot an Plätzen übersteigt. Wenn, wie dies häufig der Fall ist, Fachkräfte Teilzeit arbeiten, ist der Personalschlüssel noch schlechter.

Es ist zu befürchten, dass die Qualität der frühkindlichen Bildung im Kindergarten mit der Expansion dieser Einrichtung nicht Schritt gehalten hat. 2012 hat die chinesische Regierung ein Dokument herausgegeben, das Fachkräften und Eltern ein Verständnis von kindlicher Entwicklung vermitteln soll. Dafür wurden auch Entwicklungsziele für die Altersstufen von 3-4, 4-5 und 5-6 Jahren formuliert. Auch in China raten Experten, die individuellen Unterschiede in der Entwicklung zu berücksichtigen, Inwieweit dies in der Praxis geschieht, ist nicht erforscht.

Trägerschaft und Qualität

Die Ein-Kind-Poltik Chinas hatte einen Rückgang öffentlicher Vorschulprogramme und eine bedeutende Steigerung der privaten Programme zur Folge. 2001 waren 40 % aller Kindergärten in China als private Einrichtungen registriert, im Jahr 2013 betrug der Anteil 67 %. Es gibt keine Studien zum Vergleich öffentlicher und privater Kindergärten. Problematisch erscheint allerdings, dass viele private Kindergärten gewinnorientiert arbeiten. Das kann bedeuten: Geringere Ausgaben für hochqualifiziertes Personal oder auch Kosten, die weniger begüterte Eltern nicht tragen können. Dies gilt allerdings auch für öffentliche Kindergärten, wenn die Kommune die Gelder nicht entsprechend verteilt. Die soziale Ungleichheit unter den Kindern wird damit verstärkt. Die Regierung und die chinesische Öffentlichkeit sehen das Problem und eine Erhöhung der öffentlichen Unterstützung für gute Kindergärten ist beabsichtigt.

Herausforderungen

Die Autoren benennen mehrere Herausforderungen für die künftige Entwicklung:
  • Die Unterschiede in der Quantität und Qualität von Kindergärten in städtischen und ländlichen Regionen müssten reduziert werden,
  • Die frühe Bildung in China muss die Balance zwischen westlichen Einflüssen und chinesischer Kultur austarieren. Zur Zeit wird dieser Konflikt in den Regionen und Städten individuell gelöst. Einige Städte übernehmen die westlichen Vorstellungen, andrere entwickeln eigene Programme.
  • Eine hohe Qualifikation der Fachkkräfte ist angestrebt, aber nicht schnell zu realisieren.
  • Die frühe Bildung von Unter-Dreijährigen sollte ausgebaut werden. Dies geschieht teilweise in einigen Städten  durch gemeinsame Weiterbildungen von Fachkräften und Eltern. Angestrebt wird in Einrichtungen auch für diese Altersgruppe eine hohe Qualifikaton der BetreuerInnen - die Realität ist davon allerdings noch weit entfernt. Es braucht dazu auch ein Curriculum, in dem die Inhalte und Ziele für die Kleinsten formuliert werden. Auch in diesem Bereich gibt es den Konflikt zwischen westlicher und auf chinesischen Werten beruhender Pädagogik.

Fazit

Sowohl die chinesische Regierung wie auch die Öffentlichkeit haben die Bedeutung der frühkindlichen Bildung und Erziehung erkannt und entsprechende Maßnahmen ergriffen. Es wird aber bei steigender Nachfrage nach Kindergärten und einer U-3-Betreuung noch Zeit brauchen, bis die großen Unterschiede zwischen Stadt und Land ausgeglichen, ausreichend Kindergartenplätze geschaffen und die Qualifikation des Personals gesichert ist.


Alle Angaben in diesem Beitrag sind dem Artikel von Xiaofei Qu und Edward C. Melhuish entnommen: Early childhood educaton and care in China: history, current trends and challenges. In: Early Years. An International Research Journal, Vol 37, Number 3, September 2017, pp. 268-284

Anmerkungen
(1) Einer der Mängel des hier erwähnten Artikels ist, dass die Gründe für den japanischen Einfluss nicht erwähnt werden. Dieser beruhte nämlich auf einem Krieg zwischen Japan und China, den Japan zunächst gewann.
(2) Auch hier erfahren wir leider nicht, auf welchem Wege und durch welche Personen die westlichen Ideen zur frühkindlichen Bildung nach China kamen.
(3) Im englischsprachigen Artikel heißen die Bereiche: Health, Science, Language, Arts and Social Studies. Meine Übersetzung orientiert sich daran, was im Kindergarten möglich ist und was vermutlich gemeint ist. So kann der Kindergarten nicht Wissenschaft und Studien durchführen oder vermitteln.

Foto: Shutterstock

 

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