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Ariadnes Blog
23.08.2017  Ariadne Morgenrot

Das Credo der formalen Bildung: Eine Täuschung

Allgemein wird im Mainstream der Beschwörungen von Bildung als dem Hilfsmittel gegen charakterliche Schwäche und kognitive Blödheit davon ausgegangen, dass formale Bildung die Person zum Besseren verändert und zur Entwicklung von Klugheit beiträgt. Deswegen müssen wir die Schule, ein Studium oder eine Ausbildung absolvieren und immer wieder uns durch gute Noten hervortun, wenn wir einen guten Job und - vielleicht darüber hinaus - gesellschaftliches Ansehen erreichen wollen.
Nun ja, das Ansehen hat der oder die ohnehin, wenn das entsprechende Vermögen im Hintergrund und bekannt ist. Trotzdem: Es müssen Leistungen innerhalb des Bildungssystems erbracht werden, damit man dann auch einen entsprechenden Posten erringen kann.

Aber die Dominanz der formalen Bildung bei der Beurteilung von Menschen ist ein Trugschluss. Im Berufsleben stellen wir immer wieder fest, dass gerade Männer oder Frauen in Führungspositionen extrem dumm auf ihre Mitarbeiter und auf die anstehenden Herausforderungen reagieren. Und dies trotz bester Bildung, toller Uni-Abschlüsse usw.

Harald Welzer hat im Juli-Heft von National Geographic einen Kommentar dazu veröffentlicht , der für sich spricht. Als er auf einer Sitzung mit lauter hochgebildeten Politikern und Unternehmern war, musste er feststellen, dass die Gespräche ziemlich an den eigentlichen Problemen vorbeigingen. Die Situation ging ihm so auf die Nerven, dass er die Sitzung verließ. In seinem Kommentar weist er darauf hin, dass z.B. der Berliner Flughafen auch von formal gebildeten Akademikern an die Wand gefahren wurde, wo er bis heute auf Vollendung wartet.

Nun ist Harald Welzer selbst Professor und kann sich zu den Gebildeten zählen. Dieses Glück hat nicht jede/r. Wenn ein Handwerker, eine Erzieherin oder Grundschullehrerin in solche Kreise gerät, kann er oder sie erstmal nicht glauben, dass "die da oben" Murks erzählen. Eher denkt man, man selbst sei etwas unterbelichtet. Das ist sehr schade, denn dadurch unterbleibt Protest, wo er vielleicht noch etwas Positives bewirken könnte. Auf der anderen Seite: In Arbeitsverhältnissen kann sich kein Student, keine Angestellte, kein Beamter leisten, den Vorgesetzten ein negatives Feedback zu geben. So bleibt alles, wie es ist und Inkompetente Menschen  bestimmen weiter - nicht immer, aber zu oft.

Man kann darüber streiten, ob es schlimmer ist, wenn Menschen dämlich sind oder wenn sie charakterliche Defizite haben. Und selbst die Frage, welcher von beiden Typen den größeren Schaden anrichtet, kann man diskutieren.

Der Wert der formalen Bildung wird aber nochmal in Frage gestellt, wenn wir erfahren, dass zwei der schlimmsten Diktatoren unserer Zeit, Kim Jong-un (Nordkorea) und Baschir al-Assad (Syrien), die ihr Volk knechten, Schulen bzw. Hochschulen in Europa besuchten, wo die europäischen Werte angeblich vermittelt werden. Das hat nicht verhindert, dass sie in ihrem eigenen Land brutal gegen die Freiheit der Bevölkerung vorgehen.

Aber machen wir uns nichts vor: Der Nationalsozialismus mit all seinen Schrecken wurde von einer großen Schicht des gebildeten Bürgertums, inklusive "Geistesgrößen" wie der Philosoph Martin Heidegger,  mit getragen. Von daher müssen wir die genannten Herrscher nicht als so etwas Besonderes ansehen.

Die Versprechungen, die der Ruf nach mehr und besserer Bildung macht, sind leider auf Sand gebaut. Weder sorgt formale Bildung für moralische Integrität, noch können wir davon ausgehen, dass formal gebildete Menschen immer gescheit sind. Da hilft nur eines: Bilde dich selbst auf allen Wegen, das heißt: nicht nur in Schule und Ausbildung,  und prüfe, was die Großkopfeten von sich geben. Die Entwicklung von Kritikfähigkeit ist gerade heute bei der Überflutung durch wahre und falsche Informationen erste BürgerInnenpflicht. Und diese Entwicklung muss in der Kita anfangen: mit echter Partizipation  und Mitbestimmung.der Kinder.

Quellen:
Welzer wundert sich. In: National Geographic Juli 2017

Wenn freie Bildung machtlos gegenüber Diktaturen ist. SZ vom 20.8.2017. http://www.sueddeutsche.de/politik/gesellschaft-wenn-freie-bildung-machtlos-gegenueber-diktaturen-ist-1.3633743

Foto: gilithuka/Fotolia
 

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