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Perspektiven
03.09.2017  Ute Dittmann im Interview

Tagespflegekräfte und ErzieherInnen in einem Boot - geht das?

Fachkräfte in der Kita und Tagespflegepersonen haben höchst unterschiedliche Bedingungen für ihre frühpädagogische Arbeit. Wie kann es dann gehen, dass beide Berufsgruppen gemeinsame Weiterbildungen machen und was muss die Weiterbildnerin beachten? Ute Dittmann klärt diese Fragen im Interview.

Grundlagen gemeinsamer Weiterbildung

Frühe Bildung Online:  Sie bieten Seminare für Eltern, Tagespflegepersonen und ErzieherInnen in der Kita an.  Ist die unterschiedliche formale Qualifikation nicht hinderlich für eine gemeinsame Veranstaltung?

Ute Dittmann: In meinen Kursen frage ich zu Beginn, mit welcher Motivation und welchen Erwartungen die Begleiter der Kinder zu uns in die Seminare kommen. Ich stelle immer wieder fest, daß wir alle ein Ziel vor Augen haben. Wir wünschen uns Informationen, die es den Kindern ermöglichen, die Welt zu entdecken und sich in ihr zurecht zu finden. In diesem Sinne vereint uns das mindestens für die Zeit des Seminars und die schulische Qualifikation steht dann nicht im Vordergrund.

Frühe Bildung Online: Wie gelingt es Ihnen, die hierarchischen Strukturen, die durch unterschiedliche Qualifikationen geschaffen werden, zu durchbrechen, so dass ein gemeinsames Lernen möglich wird?

Ute Dittmann: Die gemeinsame Akzeptanz ist nach der Vorstellungsrunde fast immer gegeben. Im Gegenteil, ich bemerke oft, wie das Interesse an den verschieden Einrichtungen, sei es Familie, Tagespflegestelle, Schule oder Kita, geweckt wird und zum Teil auch Vorurteile schnell verfliegen. Wir haben alle mit ähnlichen Freuden, Problemen und Verantwortungen zu tun.

Die Bedeutung des Spiels

Frühe Bildung Online: Welche Erfahrungen aus Ihrer Praxis können Sie für eine gemeinsame Weiterbildung nutzen?

Ute Dittmann: Für mich steht an erster Stelle immer wieder das  Spiel, entweder mit anderen Kindern und auch die intensive Beschäftigung eines Kindes mit einem Gegenstand, einem Ereignis oder einer Idee.
Ich bemerke in meiner tägliche Arbeit in der Kita, das die Kinder am liebsten lernen, wenn es sie interessiert, sie gierig nach Neuem sind. Aber auch, wenn andere Kinder sich für etwas interessieren. Das geht bereits bei den jüngsten Kindern los, die über die Neugierde dazu angeregt sind, in Bewegung zu kommen. Ein Kleinstkind schaut der Bezugsperson entgegen, später reckt es die Arme und Beine zu ihr.  Hat ein Gegenstand seine Aufmerksamkeit erlangt, beginnt das Kleinkind, sich diesem zu nähern. Zunächst zum Beispiel in der Bauchlage durch das Aufrichten des Oberkörpers, dann das Drehen zu dem Ziel der Begierde, später durch das Hinzubewegen, krabbelnd, laufend....

Auch das gemeinsame Spiel von Erzieherin  und Kind ist sehr wichtig. Ich erinnere mich daran, daß mich ein einjähriges Kind gefüttert hat und dabei einen Riesenspaß hatte. Allein die Koordination der kleine Hände mit dem Löffel und dann zu meinem Mund. Die Lütte hat immer wieder laut gejuchzt, wenn ich den Mund aufmachte und den imaginären Brei aß.

Oder das gemeinsame Bauen, egal, ob es Bausteine, Magnetblöcke, Toilettenrollen oder Steine sind. Das Konstruieren ist für die Kinder immer wieder Thema.

Und das Spiel mit den Elementen. Wasser mögen fast alle Kinder, auf den Wind und die tanzenden Blätter reagiert jedesKind, oder auch Sandburgen und Kanäle bauen. Wer mag kein flackerndes Kerzenlicht? Die Beherrschbarkeit des Feuers, wenn ich eine Kerze wieder auspuste, die wohlige Wärme des Lagerfeuers.
Sich einfach dazu setzen und die Welt mit den Augen der Kinder entdecken.

Kurt Lutz sagt: Der Spaß, den man mit Kindern haben kann, ist der Größte.

Spiel bzw. spielen umfasst sämtliche Bildungsbereiche . Das nochmals für die Skeptiker zur Beruhigung.
 

Musik und Märchen

Frühe Bildung online: Welche weiteren Erfahrungselemente können Sie in die Weiterbildung einbringen?

Ute Dittmann: Musik ist mein zweites Standbein in meinem Alltag und in meinen  Kursen. Oft gibt es eine Situation, in der ich das Erlebte in einfache Melodien verpacke und mit den Kindern das Gesehene oder Erlebte vertone. Es hat immer einen Spaßcharakter und wir können gemeinsam lachen. Die gemeinsamen Lieder, Schoßspiele, Fingerspiele geben viel Gemeinsamkeit und Geborgenheit. Die Kinder verlangen immer wieder nach Wiederholungen. Auch darüber bekommen sie  vieles, was ihnen Freude macht und woran sie wachsen.
Wir können uns mit den Kindern, wenn es die Situation erlaubt, romantischer Musik nähern. Fast jeder hört während der Kita oder Schulzeit, Sergej Prokofiews „Peter und der Wolf“. Im Karneval, aber auch über das Jahr, können wir Camille Saint-Sains „Karneval der Tiere“ erspielen oder wenn es um das Thema Wasser geht, Bedřich Smetanas „Die Moldau“, bei der wir viel erleben können.

Oder wir kommen zu den Märchen, die Kinder beschäftigen und die sie wachsen lassen. Bruno Bettelheims Theorie, Kinder brauchen Märchen, hat mich vor dreißig Jahren darin bestärkt, wieder mehr Märchen zu lesen und nach zu spielen.

Kreativität und handwerkliche Kompetenz

Mein drittes Standbein ist die Kreativität. Ich durfte als Kind schon sehr kreativ sein. Meine Großmutter lehrte mich das Nähen mit der Hand und mit der Nähmaschine, meine Mutter sang und bastelte gern und oft mit uns und freute sich mit uns, wenn wir aus einem Schuhkarton eine Puppenstube bauten etc. Mein Vater war handwerklich sehr begabt und ließ uns Teil haben, wenn er in der Wohnung bauliche Veränderungen durchführte.

Heute gebe ich Kreativkurse mit den Themen, Karten gestalten, Bücher binden und Geschenke verpacken. Auch hier können Eltern und alle Fachkräfte mit unterschiedlicher Qualifikation profitieren.
 
Frühe Bildung Online: Was sollten Eltern und Fachkräfte über das Spiel wissen, wenn sie mit den Kleinsten zu tun haben?

Ute Dittmann: Jacques-Yves Cousteau sagt: Spielen ist eine Tätigkeit, die man gar nicht ernst genug nehmen kann. Das Spiel ist für die Kinder eine selbstbestimmte Tätigkeit, in der sie ihre Lebenswirklichkeit konstruieren und rekonstruieren. Die Kinder begreifen Ihre Umwelt im wahrsten Sinn des Wortes. Sie wollen alles berühren, zunächst mit dem Mund, dann mit den Händen, den Füßen über die Haut. Somit geht vieles auch unter die Haut und sie sammeln wichtige Erfahrungen.

Ich wünschte mir, daß die Kinder viel mehr Zeit hätten zum Spielen. Das heißt, ich möchte erreichen, dass den Kindern Raum und Zeit für diese so wichtige Beschäftigung im Alltag eingeräumt wird. Ich wünsche mir, dass die BetreuerInnen für die Kinder ansprechbar sind, wenn es im Spiel für die Kinder nötig ist. Oder das gemeinsame Bauen, egal, ob es Bausteine, Magnetblöcke, Toilettenrollen oder Steine sind. Das Konstruieren ist für die Kinder immer wieder Thema.

Und ich wünsche mir die Gelassenheit der BegleiterInnen, das Spiel wirklich als schwere Arbeit anzusehen und die Kinder dabei und damit lernen zu lassen.
 
Frühe Bildung Online: Wie bringen Sie methodisch die Bedeutung des Spiels ins Seminar ein?

Ute Dittmann: Emanuel Lasker, Mathematiker, sagt: gerade um wertvolle Arbeit zu tun, muß man spielen. Das heißt basteln, versuchen, experimentieren.
 
Zunächst sollten wir uns erinnern, womit wir selber gern gespielt haben. Was uns Spaß machte, wer uns beim Spiel begleitet hat. War das hilfreich, oder hat uns die Person gestört? Spiele ich heute noch gerne? Womit spiele ich heute, wenn ich Probleme lösen möchte oder Situationen bewältigen muß?  Male ich dabei, habe ich Gedankenspiele, spiele ich Situationen mit Freunden durch? Genieße ich ein Schachspiel mit meinem Onkel, zocken wir eine Runde Skat zu dritt, singen wir gemeinsam und verkleiden uns dabei, wie im Theater oder in der Oper?

Ich möchte gern noch einen berühmten Menschen zitieren, der mir auch bewusst macht, was uns das Spiel gibt.
"Beim Spiel kann man einen Menschen in einer Stunde besser kennen lernen, als im Gespräch in einem Jahr." (Platon).

Wenn ich  die Kinder gut beim Spielen beobachtet habe, , kann ich in den Entwicklungsgesprächen mit den Elternvauf alle Fragen zu den Entwicklungsbereichen beantworten. Ich weiß dann, was die Kinder wunderbar beherrschen und wo sie eventuell Förderungsbedarf haben.

Diese Erfahrungen vermittle ich den Seminarteilnehmerinnen.

Frühe Bildung Online: Vielen Dank für das Interview!

Die Fragen stellte Hilde von Balluseck

Die Autorin
Ute Dittmann ist Kinderpflegerin, Erzieherin, PEKiPLeiterin,  Elterntrainerin, und arbeitet im Hauptberuf als Erzieherin in der Kita am Lassenpark in Berlin-Schöneberg.. Seit kurzem bietet sie Kurse am Tempelhofer Forum und in der Bildungsstätte Bilderkraft in Berlin-Mitte an.

Foto: drubig/Fotolia und privat
 
 

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