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Pädagogische Praxis
08.09.2017  Ines Röhrborn und  Ricarda Hübner

Dialogische Lern­entwicklungsgespräche

Seit 2014 sind Lernentwicklungsgespräche an den Grundschulen in Sachsen-Anhalt verbindlich. Begleitend zur Dokumentationsform Portfolio sind dies halbjährlich zu führende Gespräche im Beisein der Kinder. Sie zeigen, was das Kind bereits kann, und helfen herauszufinden und einvernehmlich festzuschreiben, was das Kind für das weitere Lernen braucht, damit es nicht hinter seinen eigenen Begabungen und Talenten zurück-bleibt. Anders als bei traditionellen, eher einseitig geführten Elterngesprächen werden Kinder und Eltern als gleichberechtigte Experten für das Lernen angesehen.
Durch ihre Beteiligung am Dialog über Lernen und über weitere individuelle Ziele leisten Lernentwicklungsgespräche einen Beitrag zur inklusiven Bildung und zum Bildungserfolg. Mit Blick auf die Gespräche wird empfohlen, dass sich alle Gesprächspartner mit Hilfe eines Lernentwicklungsbogens vorbereiten und über Stärken und nächste Aufgaben reflektieren. Als verbindlicher Bestandteil pädagogischer Diagnostik sind die gemeinsam erstellten Zielvereinbarungen im Kompetenzportfolio schriftlich zu dokumentieren.
Alisha (Name geändert) lernt im ersten Schulbesuchsjahr der Schul­eingangsphase. Für das im Mai anstehende zweite Lernentwicklungsgespräch bringt sie einen ausgefüllten Lernentwicklungsbogen (siehe Abb. auf S. 23) mit. Auch ihre Mutter und die Lehrerin haben ein Formular mit analogen Fragestellungen zur schulischen Lernentwicklung ausgefüllt. Anders als bei herkömmlichen Elterngesprächen nimmt Alisha am Lernentwicklungsgespräch im Gruppenraum ganz selbstverständlich teil. Der Gesprächsablauf ist ihr bekannt. Zielstrebig nimmt sie den beim Gespräch gewohnten Platz ein und weist ihrer Mutter selbstbewusst einen Nachbarplatz zu. Zu Gesprächsbeginn stellt Alisha anhand ihrer Aufzeichnungen mit gelegentlichen Lesehilfen schlagwortartig persönliche Interessen, Stärken, Erreichtes, Fortschritte, Schwierigkeiten und Wünsche dar. Manchmal unterstützt die Lehrerin. Anhand gezielter Nachfragen und sprachlicher Impulse gelangt Alisha so zu differenzierteren Aussagen. Sie erläutert ihre Sicht im Gespräch genauer, ergänzt spontan neue Einfälle, zeigt stolz ein aus ihrer Ablage herbeigeholtes Heft und präsentiert freudig im Raum ausgestellte eigene Arbeiten oder Gruppenergebnisse. Im weiteren wechselseitigen Gesprächsverlauf stellt Alishas Mutter die elterliche Sicht zu den vorgegebenen Fragen der Lernentwicklung dar. Die Lehrerin nimmt Bezug auf die genannten Sachverhalte, bestätigt, präzisiert oder erweitert diese anhand exemplarischer Schülerarbeiten und weiterer Dokumentationen im Kompetenzportfolio. Sie notiert zwischenzeitlich neue Erkenntnisse oder Schlussfolgerungen im teilvorbereiteten Protokoll und lenkt den Blick der am Gespräch Teilnehmenden auf anzustrebende Ziele sowie Maßnahmen. Auf Fehler (»etwas noch nicht zu wissen«) wird ein konstruktiver Blick gerichtet, dies ist meist neu für die Eltern. Im Einvernehmen aller werden konkrete Festlegungen zu Zielen, Aufgaben, Verantwortlichkeiten und zum Zeitfenster im Protokoll schriftlich vermerkt. Nach abschließender Klärung offener Fragen unterschreibt Alisha neben ihrer Mutter und der Lehrerin das gemeinsame Protokoll. Die mitgebrachten Fragebögen werden zusammen mit dem Protokoll einvernehmlich im Kompetenzportfolio abgeheftet.
 

Die Gesprächsvorbereitung

 
Das kindliche Nachdenken über das eigene Lernen, die erreichten sowie die nächsten Lernschritte, ist ein hochgradig selbstreflexiver und analytischer Prozess. Die in den Lernentwicklungsbögen bereitgestellten Indikatoren sollen zur Entwicklung von Sprache und Reflexionsfähigkeit beitragen. Das vorgegebene Frageraster sichert, dass Selbstevaluationsprozesse neben Fremdevaluationen gleichberechtigt in das Gespräch einfließen. Nicht selten bleiben bei der Erledigung dieser »Hausaufgabe«, trotz gründlicher Vorbesprechung im Unterricht, inhaltliche Fragen vom Kind zunächst schriftlich unbeantwortet. Vor allem in den ersten Schuljahren kann manches nicht adäquat fachbezogen beantwortet werden. Das in der Anfangszeit zeitintensive Ausfüllen des Fragebogens ist zudem ein je nach Lern- und Leistungsentwicklung anspruchsvoller Leseauftrag und schwierig zu bewältigender Schreibanlass. Dies bewältigen die Kinder unter Koordinierung individueller sprachlicher Anforderungen wie Schreibbewegungsabläufe, Rechtschreibung oder Formulierung von Stichpunkten in sehr unterschiedlicher Qualität. Für diese komplexe Anforderung kann eine elterliche Unterstützung hilfreich sein, dies könnte gegebenenfalls im Vorfeld zum Elternabend thematisiert werden.
Die zunächst oberflächlich erscheinenden knappen kindlichen Ausführungen zeigen den hohen Anspruch der Aufgabe, offenbaren aber auch das ernsthafte Bemühen der Kinder.
                                                          
Meist überraschen die kurzen Aussagen der Kinder, weil sie dennoch erstaunlich zutreffend und lohnenswert sind. Die gezielte Berücksichtigung dieser schriftlichen Antworten verdeutlicht dem Kind und den Eltern die wertschätzende Anerkennung der Sichtweisen aller am Lernprozess Beteiligten. Wesentlich dabei ist, dass die Hilfe der Eltern nicht zu weit geht, denn die kindlichen Ausführungen sollten nicht die Erwachsenenperspektive widerspiegeln. Es geht um die Reflexion des Kindes, sei diese auch noch so knapp. Die Eltern bereiten sich separat vor, sei es mit dem ähnlich aufgebauten Fragebogen oder kreativ mit Hilfe ihrer Handynotizen.
Die ersten Erfahrungen zeigen, dass Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache diesen Fragebogen als Angebot erstaunlich früh annehmen.
Die analog aufgebauten Lernentwicklungsbögen für alle am Gespräch Beteiligten helfen der Lehrkraft, auch bei mündlicher Darbietung der vorgegebenen Fragestellungen, das Gespräch in gleicher Weise zu strukturieren. Die Struktur der Gespräche ermöglicht einen verbindlichen inhaltlichen und zeitlichen Rahmen. Individuelle Anpassungen der Lernentwicklungsbögen ermöglichen platz- und zeitsparende Dokumentationsformen. Zum Beispiel können Lehrkräfte besondere Akzente durch Ampelfarben setzen.
 

Das gemeinsame Gesprächsforum

 
Im gemeinsamen Gesprächsforum entwickeln die Beteiligten durch den Vergleich von Aussagen oder gezielten Nachfragen differenzierte Urteile im Hinblick auf fachbezogene und persönlichkeitsbezogene Aspekte. Das Gespräch schafft Transparenz über die pädagogische Arbeit und zeigt Wertschätzung der Partner als Experten. Es fördert bildungssprachliche Kompetenzen und erweitert das Vokabular der Kinder. Die Vorgabe eines Rahmens mit festen Indikatoren und Strukturen trägt zur Etablierung einer Gesprächskultur bei.
Das Gesprächsforum ist ein anspruchsvoller Sprechanlass, den Kinder unterschiedlich bewältigen. Empfehlenswert ist deshalb, dass das Kind das Gespräch mit einem Bild oder einem Lernprodukt, auf das es im Moment besonders stolz ist, eröffnet. In dieser Lern- und Übungssituation können sprachliche oder andere Impulse dem Kind Unterstützung bieten, die eigene Lernentwicklung präzise zu markieren.
Insgesamt ist zu berücksichtigen, dass dieses Gespräch auf der Grundlage einer schriftlichen Vorbereitung für das Kind ein komplexer kommunikativer Handlungsakt ist. Der Übergang vom Ablesen über das Umformulieren der Stichpunkte in Sätze zum freien Sprechen bedarf neben einer Anleitung ständiger weiterführender Übung. In der Anfangszeit ist es hilfreich, die Fragen durch einen Erwachsenen zu stellen und Kinder ohne ausreichende Lese- und Schreibkenntnisse erinnernd antworten zu lassen. Auch Wortkärtchen oder Piktogramme können hilfreich sein. Die Kinder lernen zunehmend, sich an den schriftlichen Vorbereitungen zu orientieren, aber auch davon abweichende spontane Sichtweisen einzubeziehen. Dies sind wertvolle Kompetenzen aus dem und für den Unterricht.
Diese kleinen Gesprächsrunden geben auch die Gelegenheit, persönliche Wünsche sowie Dinge aus dem Schulalltag anzusprechen.
In Abhängigkeit von der kindlichen Konzentration sollte für das maximal halbstündige Gespräch eine angemessene Tageszeit gewählt werden.
Im Gespräch werden Kinder, Lehrkraft und Eltern gleichermaßen als Experten für das Lernen anerkannt. Ihre Angaben sind relevant und gestalten das Gespräch mit. Eltern bringen sich im Gesprächsforum vielfach umfangreich ein und geben der Lehrkraft wichtige Hinweise. Sie erfahren dadurch Anerkennung sowie Wertschätzung.
Die Lehrkraft geht mit einem stärkenorientiertem Blick auf die Aussagen ein und lenkt das Gespräch hin zu gemeinsamen Vereinbarungen. Lernentwicklung wird anhand konkreter Produkte und durch Reflexion darüber sichtbar. Mit Kindern auf Augenhöhe im gemeinsamen Dialog über ihre Stärken und Reserven zu reflektieren und diese bei der Steuerung des Lernprozesses einzubeziehen, wird von allen Beteiligten als Gewinn wahrgenommen.
Im Gespräch mit Familien nichtdeutscher Herkunftssprache sind neben inhaltlichen Schwerpunktsetzungen auch die angemessenen sprachlichen Voraussetzungen zu berücksichtigen. Bei Hinzunahme eines Dolmetschers (Schweigepflichtentbindung) ist ausreichend Zeit zum Übersetzen einzuplanen, das Gespräch kann dadurch etwas länger ausfallen. Das Kind, das im Regelfall die deutsche Sprache etwas schneller beherrscht, kann diese Funktion auch gut ausfüllen.
Im Lernentwicklungsgespräch geht es nur um Aussagen zum Lernen, das Kind steht im Mittelpunkt. Darüber hinausgehende Gesprächsinhalte, beispielsweise Abstimmungen mit Therapien oder Schwerpunkten der Schulsozialarbeit sollten in gesonderten Gesprächen Berücksichtigung finden.
 

Das gemeinsame Protokoll

 
Das gemeinsame Protokoll schafft Verbindlichkeit und Verantwortung. Es erkennt alle Beteiligten als Akteure des Lernprozesses an. Das Protokoll hat den Charakter eines verpflichtenden, schriftlichen Vertrags und trägt so zur aktiven, verantwortlichen Steuerung des individuellen Lernprozesses sowie zur Steigerung des Selbstwirksamkeitsempfindens bei. Es konkretisiert die Mitverantwortung aller am Lernprozess Beteiligten. Gemeinsam wird festgelegt, wie positive Entwicklungen fortgeführt, aber auch durch welche pädagogischen oder außerschulischen Maßnahmen Schwierigkeiten überwunden werden können. Es werden Vereinbarungen getroffen, die alle Beteiligten gemeinsam tragen und verantworten. Im Hinblick auf die Festschreibung des nächsten Lernschritts sind nachvollziehbare pädagogische Formulierungshilfen durch die Lehrkraft hilfreich. Anzustrebende Ziele sollten an der Könnensperspektive orientiert und in überschaubarer Anzahl festgeschrieben werden. Sie können inhaltlich wiederholend, vertiefend oder weiterführend sein. Dadurch werden Leistungsanforderungen für alle transparent. Formell ist das Protokoll an die Bedarfslagen anpassbar und in der äußeren Form variabel.
Das vorgegebene inhaltliche Raster gibt den Gesprächen einen strukturierten Rahmen und sichert, dass die gemeinsamen Festlegungen in den Unterricht münden und so Teil einer inklusiven Didaktik werden.
Darüber hinaus kann der Fokus auch auf die Festlegung von Verhaltenszielen oder lernzielfernen Vereinbarungen gerichtet werden. Das Protokoll ermöglicht beim Folgegespräch einen schnellen Rückblick auf die getroffenen Vereinbarungen. Es ist bedeutsam, dass die Folgegespräche an die zuvor geführten Gespräche anknüpfen und aufgreifen, was als Ziel formuliert wurde: »Von dem, was wir uns vorgenommen hatten, haben wir Folgendes erreicht …«

              
              
Den Beitrag haben wir mit freundlicher Genehmigung der Grundschule aktuell (Heft 139, 21-24) der Zeitschrift des Grundschulverbandes entnommen.
Link zum Verband:
http://grundschulverband.de/
und zur Zeitschrift.
Foto: shutterstock_33609869o
 

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