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08.09.2017  Hanna Hardeland

Die Lernentwicklung selbst in die Hand nehmen

Professionell geführte Lernentwicklungsgespräche tragen dazu bei, dass Lernende, Eltern und Lehrperson in einem partnerschaftlichen Dialog auf Augenhöhe konkrete Veränderungsschritte für das Kind vereinbaren. Dieser Artikel zeigt auf, wie Lernentwicklungsgespräche gelingen und wie Sie damit einen nachhaltig positi-ven Effekt erzielen.
Wer Lernende bestmöglich fördern und fordern möchte, sollte die individuelle Lernentwicklung der Schüler/-innen verschärft in den Blick nehmen. Schließlich ist jedes Kind anders und auf seine Weise einzigartig. Doch im Schulalltag fehlen häufig die zeitlichen, personellen und räumlichen Ressourcen, um sich einzelnen Schülerinnen und Schülern gezielt zuzuwenden. Das institutionell verankerte Lernentwicklungsgespräch (LEG) ermöglicht, dass Lehrpersonen und Eltern mit jedem Kind ein individuelles Entwicklungsgespräch führen – unabhängig vom Leistungsstand sowie dem Lern-, Arbeits- und Sozialverhalten des Kindes. In einigen Bundesländern, etwa Hamburg oder Bayern, ersetzt oder ergänzt das LEG das Halbjahreszeugnis.
 

Das LEG ist ein partnerschaft­liches Gespräch auf Augenhöhe

 Im LEG tauschen sich Lehrperson, Schüler/-in und Eltern konstruktiv sowie wertschätzend über die Lernentwicklung des Kindes aus – und zwar als »gleichberechtigte Partner/innen« (Hardeland 2017, 10) auf Augenhöhe (Abb. 1).

Die Schüler/-innen beteiligen sich aktiv am LEG. Im Idealfall haben die Kinder sogar den größten Redeanteil, schließlich sind sie die Hauptakteure ihres Lernens. Wird mit dem Kind und nicht für oder über das Kind gesprochen, dann wird es als Experte für sich selbst und das eigene Handeln anerkannt. Dies ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Lernende selbst Verantwortung für ihren Lernprozess übernehmen. Im LEG agiert die Lehrperson als Lernbegleitung: Sie strukturiert den Ablauf des LEG, stellt inspirierende Fragen und nutzt anregende, schüleraktivierende Methoden, um die Kinder im LEG zur Mitarbeit zu motivieren. Kindgerechte Methoden und Durchführungshinweise für das LEG finden Sie in dem Buch »Lernentwicklungsgespräche in der Grundschule. Ein Praxisleitfaden« (siehe Literatur).
 

Ganzheitlichkeit statt Fächer­orientierung – ­Lernentwicklung statt Lernstand

 
Im LEG werden neben der Fachkompetenz in einzelnen Schulfächern die Personal-, Sozial- und Methodenkompetenz des Kindes betrachtet. Dabei werden beispielsweise folgende Fragen beantwortet:
  • Wie selbstsicher zeigt oder erlebt sich das Kind?
  • Wie empfindet die Schülerin / der Schüler die Zusammenarbeit mit anderen Kindern?
  • Wie geht das Kind bei bestimmten Arbeitsaufträgen im Unterricht vor?
Während die klassische Notengebung den fachlichen Lernstand zu ­einem ­bestimmten Zeitpunkt widerspiegelt, rückt das LEG eher die Veränderungen, d. h. den Entwicklungsprozess, in den Mittelpunkt. Hier wird verstärkt darauf eingegangen, wie die Schülerin ihre bzw. der Schüler seine individuelle Lernentwicklung vorantreiben kann. Es wird stärker in die Zukunft als in die Vergangenheit geblickt. Insofern unterscheidet sich das LEG von einem Lernstandsgespräch. Einige wesentliche Unterschiede werden nachfolgend tabellarisch gegenübergestellt.
 

Vereinbarungen treffen – über den Ablauf und die Inhalte eines LEG

 
Das LEG findet klassischerweise in verschiedenen Phasen statt (Abb. 2): Nachdem der aktuelle Lernstand ermittelt und das künftige Entwicklungsziel festgelegt worden ist, erarbeitet das Kind – mit Unterstützung von Lehrperson und Eltern – konkrete Maßnahmen/Schritte, um das festgelegte LEG-Ziel zu erreichen.


Angenommen, das Kind strebt ein anderes Ziel als Sie oder die Eltern an, so gilt es, das Ziel der/des Lernenden zu respektieren. Wer ein partnerschaftliches Gespräch auf Augenhöhe führen möchte, sollte Verantwortung an das Kind abgeben (können) und ergebnisoffen handeln. Ansonsten besteht die Gefahr, dass Lernende sogenannte »Scheinziele« formulieren – dies sind Ziele, die sie selbst nicht erstrebenswert finden –, um den Erwartungen der Erwachsenen, der »sozialen Erwünschtheit« zu entsprechen. Die Ergebnisse des LEG werden am Ende des LEG per Foto oder in Form einer Kurznotiz dokumentiert. Diese Dokumentation erfüllt keinen Selbstzweck, sondern dient dem Kind als (Erinnerungs-)Hilfe. Vergeuden Sie nicht wertvolle Gesprächszeit im LEG, um irgendwelche bürokratischen Formblätter auszufüllen! Im Wesentlichen sollte die Zeit dafür genutzt werden, um die Neugier und Veränderungs- sowie Entwicklungsbereitschaft der/des Lernenden zu wecken. Schließlich hält das Kind im Idealfall seinen eigenen Lernentwicklungsplan in der Hand. Wenn Sie die Ergebnisse dokumentieren möchten, dann nutzen Sie schön gestaltete, kindgerechte wie auch anschauliche Vorlagen oder ansprechendes Papier. Alternativ erleichtern Sie sich die Dokumentation, indem Sie die sichtbaren LEG-Ergebnisse fotografieren – etwa dann, wenn Sie mit dem Entwicklungsseil oder der Skalierungsfrage im Raum gearbeitet haben (siehe Hardeland 2017).


 

Fünf Tipps für ein erfolgreiches LEG

 
1. Halten Sie sich zurück. Wer mehr über die Selbsteinschätzung und Sichtweisen des Kindes erfahren will, muss sich selbst zurücknehmen. Wenn Sie den Großteil des Gespräches selbst führen, wird Ihnen das Kind den Vorrang geben.
2. Nehmen Sie das Kind als Gesprächspartner ernst und begegnen Sie ihm mit Wertschätzung. Viel zu häufig konzentrieren sich Lehrpersonen mehr auf das Ausfüllen ihres Formblattes als auf das Kind selbst. Kinder spüren jedoch genau, ob Erwachsene ein aufrichtiges Interesse an ihrer Person und Meinung haben. Widmen Sie sich dem Kind, dann wird es sich beim LEG auch verstärkt einbringen.
3. Ermutigen Sie das Kind, anstatt es zu entmutigen. »Ein ermutigtes Kind spürt, dass Sie an seine Fähigkeiten glauben, und zwar unabhängig von den bisherigen (Lern-)Ergebnissen des Kindes« (Hardeland 2017, 30).
4. Blicken Sie auf das Gelungene anstatt auf die Defizite. Viel zu häufig werden Gespräche dafür genutzt, um Probleme zu wälzen und auf Defizite zu fokussieren. Stärken Sie Ihre Schüler/-innen, indem Sie beispielsweise deren Schätze, Ressourcen und positiven (Lern-)Momente ans Tages­licht befördern und würdigen.
5. Wecken Sie das Interesse der Lernenden für das LEG. Nutzen Sie fantasievolle, produktive Methoden und Fragen, um die Lernenden zur Mitarbeit zu aktivieren.
 

Verbindlichkeit herstellen – damit nicht alles verpufft

 
Wie gelingt es, dass die Lernenden die im LEG getroffenen Vereinbarungen in die Tat umsetzen und diese nicht wie gute Vorsätze verpuffen? Die bloße Zielvereinbarung oder der Austausch über bestimmte Maßnahmen reichen meist nicht aus, damit Lernende sich nachhaltig an die vereinbarten Schritte erinnern und diese schließlich auch in die Tat umsetzen. Als Lehrperson sollten Sie Ihre Schüler/-innen auch über das LEG hinaus an die vereinbarten Ziele und Maßnahmen erinnern, damit die besprochenen Inhalte nicht so schnell in Vergessenheit geraten. Nutzen Sie die kommenden Wochen nach dem LEG, um dessen Inhalte für alle Kinder transparent in den Klassenraum zu holen, etwa durch ein Wandplakat. Ermöglichen Sie, dass sich die Lernenden über den jeweils aktuellen Stand ihrer Zielerreichung austauschen. Wer sich regelmäßig an sein Vorhaben erinnert und sich auch erster kleiner Erfolge bewusst wird, bleibt motiviert. Dabei stellt sich nicht nur die Frage, was die Schülerin/der Schüler anders machen sollte – sondern vielmehr, was Schüler/-innen und Lehrer/-innen gemeinsam tun können, um den Transfer der LEG-Vereinbarungen in den Schulalltag zu sichern. Wie schaffen Sie dies?
So holen Sie die LEG-Vereinbarungen ins Klassenzimmer:
 
1. Suchen Sie freie Zeitfenster in Gruppenarbeitsphasen, um kurze »Neben­beigespräche am Rande des Unterrichts« (Hardeland 2017, 113) zu ­führen.
2. Nutzen Sie die Klassenlehrerstunde oder den Morgenkreis, um Gespräche über die LEG-Vereinbarungen und deren Umsetzung anzuregen. Zwar liegt es an den Lernenden selbst, die vereinbarten Maßnahmen in die Tat umzusetzen, dennoch können Sie diese hier als Katalysator unterstützen.
3. Blicken Sie im Anschluss an das LEG verstärkt auf die positiven Veränderungen des einzelnen Kindes und bestärken Sie es positiv durch Lob und Anerkennung – auch im Falle nur kleiner Erfolge.
4. Visualisieren Sie die Ergebnisse der LEG für alle Kinder sichtbar in der Klasse. Erstellen Sie gemeinsam mit den Kindern ein Wandplakat, auf dem die LEG-Vereinbarungen und die Fortschritte dokumentiert werden (Abb. 5). Die bloße Visualisierung reicht in der Regel nicht aus. Fordern Sie die Lernenden dazu auf, ihre persönlichen Fortschritte zu dokumentieren. Insofern hat es sich bewährt, abnehmbare einzelne Elemente auf das Wandplakat zu kleben.

Hürden meistern – Stolpersteine im LEG überwinden

 
Nicht jedes LEG verläuft reibungslos. Setzen Sie sich schon im Vorfeld mit möglichen Stolpersteinen auseinander:
 
1. Wie reagieren Sie, wenn Kinder im LEG passiv sind?
Auch wenn Sie sich als Lehrperson noch so sehr bemühen, um ein Kind zur Mitarbeit zu motivieren, so bleiben einige Kinder eher passiv oder antworten einsilbig (»Keine Ahnung!«). Hier lauert eine große Gefahr: Als Lehrperson ist man dann mitunter dazu geneigt, mit mehr Fragen und verstärktem Aktionismus das Kind vermeintlich aus der Reserve zu locken. Stattdessen könnten Sie die Passivität des Kindes akzeptieren und wohlwollend ansprechen: »Sicherlich ist das für dich hier eine ungewohnte Situation. Was kann ich tun, damit du mehr erzählst und dich stärker einbringst?«
 
2. Was tun, wenn die Eltern »schwierig« sind?
Vorweg sei kurz darauf eingegangen, dass die Wertung, Eltern seien »schwierig«, subjektiv ist. Schließlich unterliegt das Adjektiv »schwierig« Ihrer persönlichen Einschätzung. Es könnte sich lohnen, dass Sie sich einmal mit Ihrem eigenen Bewertungssystem und potenziellen Vorurteilen auseinandersetzen. Gleichwohl ist es für Lehrpersonen herausfordernd, unterschiedlichsten Eltern und Kindern (möglichst gleichermaßen) gerecht zu werden. Entscheidend ist, dass Sie die Eltern als Experten ihrer Familien anerkennen.
 
3. Wie gehen Sie mit Erwartungsdruck um?
Häufig schildern Lehrpersonen einen (von ihnen gefühlten) Ergebnis- oder Erwartungsdruck bei Eltern-Kind-­Gesprächen. In der Regel haben Eltern und Lehrer(innen) den Drang, möglichst gut umsetzbare Lösungen aus dem Gespräch hervorzubringen. Versuchen Sie dennoch, eher prozessorientiert an das LEG heranzugehen: Der Weg ist das Ziel! Wenn Sie zu stark vorpreschen, spüren die Kinder Ihren Erwartungsdruck und formulieren meist erwünschte »Scheinziele«, um den Erwartungen von Eltern oder Lehrenden gerecht zu werden. Vertrauen Sie darauf, dass jedes LEG einen wertvollen Beitrag zur Lernentwicklung des Kindes leistet, unabhängig von den konkreten Ergebnissen. 
 

 
Hanna Hardeland:
Lernentwicklungsgespräche in der Grundschule.
Ein Praxisleitfaden. 
Mit diesem Praxisleitfaden bleiben keine Fragen zur Umsetzung von Lernentwicklungsgesprächen bzw. Lehrer-Eltern-Schüler-Gesprächen offen. Neben einer Einführung in das Thema gibt die Autorin Beispiele und Tipps für die Vorbereitung und liefert einen praxisorientierten Gesprächsleitfaden zu den einzelnen Phasen, mit dem Grundschullehrer/innen die Gespräche erfolgreich moderieren können. 11 schüleraktivierende Methoden und Hılfestellungen zu den häufigsten Stolperfallen runden das Buch ab.
 
 
Hanna Hardeland 
war Lehrerin in Hamburg. Sie leitet als Coach, Lerncoach und Lernberatungsexpertin ihr eigenes Institut. Autorin mehrerer Fachbücher und zahlreicher pädagogischer Materialien.
Deutschlandweit führt Hanna Hardeland Lehrerfortbildungen zu verschiedenen Themen durch.
 
Den Beitrag haben wir mit freundlicher Genehmigung der Grundschule aktuell (Heft 139, 17-20), der Zeitschrift des Grundschulverbandes entnommen.
Link zum Verband:
http://grundschulverband.de/
Foto: Bildausschnitt Cover
Hanna Hardeland: Lernentwicklungsgespräche in der Grundschule.
Ein Praxisleitfaden. 
 

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