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Pädagogische Praxis
29.10.2017  Kathrin Hohmann

Zwischen Anspannung und Erholung: Schlafen im Kindergarten

Schlaf ist sowohl für Eltern wie auch in der Kindertagesstätte ein komplexes Thema. Ausreichender Schlaf ist für alle Menschen lebensnotwendig und von ihm hängt auch unsere Befindlichkeit, unsere Gesundheit und unsere Konzentration ab.
„Schlaf ist weit mehr als ein Ausschalten des Bewusstseins. Er ist eine Lebensnotwenigkeit: Im Schlaf regenerieren wir unsere geistigen und körperlichen Kräfte (…), wir verarbeiten Eindrücke des Tages und stärken sogar unsere Immunabwehr. Bei Kindern scheint der Schlaf einen deutlichen Einfluss auf ihr Lernverhalten zu haben“ (Largo 2010, S. 187).

Kommen Kinder in die Kinderkrippe oder den Kindergarten, so verfügen sie zumeist über unterschiedliche Schlafgewohnheiten und Schlafbedürfnisse. Bereits im Säuglingsalter kann zwischen den Langschläfern und Kurzschläfern unterschieden werden. Während einige Säuglinge 20 Stunden am Tag schlafen, genügen anderen bereits 14 Stunden. Ähnlich auch im Erwachsenenalter, einige Menschen kommen mit 4 Stunden in der Nacht zurecht und andere benötigen für einen guten Tag circa 8 Stunden Schlaf. Jedes Kind ist anders.

Das Schlafbedürfnis von Kleinkindern

Besonders in den ersten Lebensjahren stehen die Bedürfnisse der Kleinsten im Vordergrund. Wir achten und reagieren so gut und schnell es geht auf Anzeichen von Hunger, Durst, Nähe und Müdigkeit. Kinder, besonders sehr kleine Kinder, sind auf uns angewiesen und benötigen bei der Erfüllung ihrer Bedürfnisse unsere Unterstützung.
Ein ausreichender Schlaf trägt maßgeblich zum Wohlbefinden der Kinder bei. Die allgemeine Schlafdauer ist hierbei eine bestimmte Größe. Kinder, die am Tag viel schlafen, schlafen somit in der Nacht weniger oder umgekehrt. Dies lässt sich aber nicht von Tag zu Tag anpassen, sondern gilt für einen Zeitraum von ein bis zwei Wochen. Eine Umstellung der biologischen Uhr benötigt somit Zeit und Geduld. Zuvor sollte das Schlafbedürfnis genau beobachtet und notiert werden (vgl. Largo 2010, S. 215 f.).
Als Ausgangslage sollten immer die emotionalen, sozialen, vitalen und kognitiven Bedürfnisse der Kinder im Fokus stehen und bestmöglich erfüllt sein (vgl. Kollmann 2013, S. 35).

Ruhephasen und Mittagschlaf im Kindergarten

Im Kindergarten treten Kinder mit vielen anderen Menschen in Kontakt und durchleben in der Regel einen anspruchsvollen Tag in der Gruppe. Abhängig von den   Rahmenbedingungen fallen die Gruppen unterschiedlich groß aus und je nach Kindergarten sind die Räume unterschiedlich von der Architektur und Ausstattung. Einige Kindergärten haben kleine Nestgruppen mit einem sehr guten Personalschlüssel, in anderen Einrichtungen sind bereits kleine Kinder in altersgemischten Gruppen untergebracht. Jedes dieser Kinder geht mit den Situationen unterschiedlich um und jedes Kind benötigt  Phasen der Ruhe.
Heutzutage ist bekannt, dass nicht alle Kinder bis zu einem bestimmten Alter Mittagschlaf benötigen. Kurzschläfer möchten schon mit circa zwei Jahren auf den Mittagsschlaf verzichten, während die Hälfte aller Kinder mit 3 Jahren noch Mittagschlaf halten können (vgl. Kramer 2015, S. 6).
Aber auch die Kurzschläfer benötigen nach einer Zeit der Anspannung eine Entspannung. Das kindliche Gehirn muss neue Eindrücke verarbeiten können, und um es vor Überreizung und Überforderung zu schützen, benötigen Kinder Schlaf- oder Entspannungsphasen (vgl. Kollmann 2013, S. 48 f.). Sie brauchen somit in den Räumen Rückzugsmöglichkeiten, Höhlen oder Matratzen zum Ausruhen. Auch eine Phase der Bilderbuchbetrachtung kann hilfreich sein. „Wird diesem Bedürfnis nicht nachgegeben, kann es zu aggressivem Verhalten kommen; die Kinder schreien, werfen mit Gegenständen um sich, kommen nicht mehr zur Ruhe“ (ebd., S. 49).
Erhalten Kinder die Möglichkeit, selbst Ruhepausen zu bestimmen, finden sie meist auch das Gleichgewicht zwischen Ruhe und Bewegung (vgl. ebd., S. 50).

Mittagsschlaf im Kindergarten – Zwang oder Verbot?!

In einigen Kindergärten wird noch sehr starr an den Schlafzeiten festgehalten und es besteht eine Schlafpflicht. Fragt man dort genauer nach, so sind die Personalsituation  und beispielsweise Pausenregelungen der Grund für dieses Vorgehen. Dies kann sich auf das Schlafverhalten und auf die Beziehung zwischen Kindern und Fachkräften negativ auswirken. Auch wenn Ruhephasen notwendig sind, so sollte es nie Zwang sein und bei Kindern unangenehme Gefühle auslösen. Kinder sollen erfahren, dass das Ausruhen etwas Schönes ist, kein Zwang, sondern eine Möglichkeit, geschützt neue Kraft zu tanken (vgl. Mierau 2016, S. 80).
In anderen Einrichtungen wird der Mittagsschlaf bei Erreichung eines bestimmten Alters (z.B.  dem Wechsel in die nächstgrößere Gruppe) gestrichen. Das Alter gibt dem Kind nun vor, es sei groß und brauche keinen Schlaf mehr. Dies ist wiederum   durch Platz- oder Personalmangel begründet. Diverse Studien belegen hingegen, dass das Schlafbedürfnis auch bei vielen älteren Kindern noch vorhanden ist.
 

Was geschieht, wenn Kinder nicht ausreichend schlafen?

Haben Kinder nicht ausreichend geschlafen, so sinkt ihre Konzentration, sie zeigen ein verkürztes Explorationsverhalten. Ihre Emotionen sind Schwankungen ausgesetzt und sie neigen eher zu  Frustrationen oder gar Aggressivität. Auch der Schlaf zur Mittagszeit bietet den Kindern die Möglichkeit der Verarbeitung, Verankerung oder Löschung von Informationen und gibt ihnen die Kapazitäten, ausgeruht neue Aufgaben zu bewältigen (Kramer 2015, S. 9).
Auftrag eines jeden Kindergartens ist es, den Kindern jeden Alters entsprechend ihrer Bedürfnisse Ruhephasen zu ermöglichen. „Die Förderung in Tageseinrichtungen soll insbesondere darauf gerichtet sein, (…) das Kind dabei zu unterstützen, ein Bewusstsein vom eigenen Körper und dessen Bedürfnissen zu erwerben.“ (KitaFÖG §1 Absatz 3, Punkt 5). Diese grundlegenden Anforderungen sind somit auch gesetzlich verankert.

Elternwünsche in Bezug auf den Mittagsschlaf in der Kita

Eltern tragen gelegentlich den Wunsch an die Kita heran, den Mittagsschlaf zu kürzen oder zu streichen,  weil aus ihrer Sicht n Mittagsschlaf dem Kind die Möglichkeit nimmt, nachts gut zu schlagen. Tatsache ist:  Kinder kommen spät zur Ruhe und am Morgen nur sehr schwer aus dem Bett, wenn sie mittags zu lange geschlafen haben. Für einige PädagogInnen trifft dies auf Unverständnis, da sie die Kinder am Tag müde und ausgelaugt wahrnehmen, die sich nicht mehr auf die Umwelt konzentrieren können.

An dieser Stelle ist es ratsam mit den Eltern ins Gespräch zu gehen und ein gemeinsames Schlafprotokoll über mindestens zwei Wochen zu Hause und in der Kita zu erstellen. In einem erneuten Gespräch kann dann der Schlafbedarf ermittelt und nach einer gemeinsamen Lösung im Sinne der Bedürfnisse des Kindes geschaut werden.

Für das Kind und die Familie ist es zum einen wichtig, dass das Kind am Abend in den Schlaf findet ohne dass das Zubettgehen für die Familie zu einem täglichen Kraftakt, verbunden mit Enttäuschung wird. Zum anderen sollte das Kind im Kindergarten wach genug sein, um am Alltag teilnehmen und alle Reize verarbeiten zu können. In Übergangsphasen kann dies Geduld und Konsequenzen sowohl bei den Eltern wie auch bei den PädagogInnen erfordern. Wichtig ist es dabei an einem Strang zu ziehen und miteinander zu arbeiten.
Auch eine Kürzung des Mittagsschlafes kann eine mögliche Entspannung liefern. Grundsätzlich wird vom Wecken der Kinder abgeraten, insbesondere Kleinstkinder sollten ihrem Schlafbedürfnis ausgedehnt nachgehen. Sollte es aber nötig sein ein Kind zu wecken, so ist es ratsam dies zwischen zwei Schlafzyklen vorzunehmen. Es gibt im Halbschlafstadium Momente, in denen Kinder nur leicht schlafen und das Gehirn das Wecken nicht als dieses abspeichert.

„Sanfte Weckanstöße durch natürliche „Wecker“ wie Licht (Fensterläden öffnen), Geräusche (Tür zum Schlafraum öffnen, nicht mehr flüstern) und leichte Berührungen des Körpers könnten schon ausreichen, das Kind in dieser Phase zu wecken, ohne es aus einer wichtigen Schlafphase zu reißen“ (Kramer 2015, S. 10). Ist ein Kind nur schwer zu wecken, so ist es besser 10-15 Min. bis zum nächsten Versuch zu warten.

Schlafraum oder Rückzugsecken

Nicht alle Einrichtungen verfügen über großzügige Räume mit separaten Schlafräumen. Förderlich für einen angenehmen Schlaf ist ein schön hergerichteter Raum, in dem die Kinder in entspannter Atmosphäre zur Ruhe kommen können. Es ist ratsam die Kinder in kleine Gruppe einzuteilen, um das Warten bis zur Schlafenszeit zu reduzieren. Es könnten je nach Kinderanzahl mehrere Schlafzeiten eingerichtet werden, während einige Kinder schon ins Bett gehen, könnten andere noch in Ruhe eine Geschichte lesen (vgl. ebd., S. 17). Hat eine Kindergruppe hingegen nur einen Raum, können ebenso Rückzugsbereiche geschaffen werden. Die wachen Kinder dürfen leise, durch die PädagogIn begleitet spielen, während andere puzzeln oder malen und die müden Kinder sich in einer abgetrennten Ecke in Ruhe hinlegen. Wichtig ist, dass die PädagogIn dies anleitet und den Kindern entsprechend ihrer Bedürfnisse Raum und Materialien anbietet.
Die Kindergärten haben den wichtigen Auftrag eine Balance von Anspannung und Entspannung zu ermöglichen und die Kinder in dieser wichtigen Aufgabe zu begleiten und zu unterstützen. PädagogInnen müssen hier häufig kreative Wege finden, um dieser Aufgabe unter den  vorhandenen Rahmenbedingungen und Individualitäten von Kindern und Familien gerecht werden zu können.

Literatur
KitaFÖG (2017): Gesetz zur Förderung von Kindern in Tageseinrichtungen und Kindertagespflege
(Kindertagesförderungsgesetz - KitaFöG) vom 23. Juni 2005, online unter: http://gesetze.berlin.de/jportal/;jsessionid=5CCE79E3D12FDA17CD47A2B150535455.jp13?quelle=jlink&query=KitaRefG+BE&psml=bsbeprod.psml&max=true&aiz=true#jlr-KitaRefGBEV3P1, abgerufen am 23.08.2017
Kollmann, Dr. I. (2013): Hauen, beißen, sich vertragen. Umgang mit aggressivem
Verhalten 0-bis 3-Jähriger in der Kita. Berlin (1. Auflage)
Kramer, M. (2015): Schlafen in der Kinderkrippe – Pädagogische Herausforderungen einer Alltagssituation, online unter: https://www.kita-fachtexte.de/uploads/media/KiTaFT_Kramer_SchlafeninderKrippe_2015-1.pdf, abgerufen am 23.08.2017
Largo, R. (2010): Babyjahre. Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren. München
Mierau, S. (2016): Geborgen wachsen. Wie Kinder glücklich groß werden. München

Die Autorin
Kathrin Hohmann, 1983 geboren, hat Erziehung und Bildung im Kindesalter (BA) und Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Familie (MA) studiert. In Berlin gründete sie einen Verein und baute bilinguale Kindertagesstätten auf. Sie arbeitet im In- und Ausland als Kindergartenleiterin, Kindheitspädagogin und leitet Workshops für Eltern und Fachkräfte. Kathrin Hohmann bloggt auf ihrem Blog www.kindheiterleben.de. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Valencia/Spanien.

Kontakt: hohmann-kathrin@web.de 

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