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Digitale Bildung
07.11.2017  Tina Sprung

Cybermobbing - Wie können Kinder sich wehren?

Lena* ist 12 Jahre alt. Sie wurde Opfer von Cybermobbing. Die Lehrkräfte und Schulleitung konnten und wollten nichts tun. Ein Schüler bat Cybermobbing-Expertin Dr. Catarina Katzer um Hilfe. didacta DIGITAL berichtet.
„Es ist ja nicht so, dass ich mich nicht gerne mit euch unterhalte – aber nicht über Cybermobbing.“ Die junge Schulleiterin einer Realschule lehnt sich über den Tisch im Rektorzimmer, blickt zu den Schülern Lukas und seiner Freundin Lena*, die ihr gegenüber sitzen. Die Rektorin kennt die Morddrohungen gegen Lena, die Fragen in Whatsapp-Chats wie „Mit welchem Messer sollen wir sie abstechen?“. Darüber reden will sie mit den beiden nicht.
 
Die Schule, die Lena und Lukas besuchen, wirbt auf ihrer Internetseite für ein respektvolles und friedliches Miteinander – dafür setze sich das Kollegium ein. Für Lena und Lukas haben sie sich nicht eingesetzt. Die Zwölfjährigen wurden vor einem halben Jahr Opfer von Cybermobbing – von digitalen Anfeindungen, Drohungen und Ausgrenzung.
 
Dass das kein Einzelfall ist, zeigt die Studie „Cyberlife II“ des Bündnisses gegen Cybermobbing. Im Zeitraum von Oktober 2016 bis Februar 2017 wurden über 3000 Eltern, Lehrkräfte und Schüler befragt. 13 Prozent der befragten Schüler sagten, bereits im Internet gemobbt worden zu sein. Das sind 1,4 Millionen Schüler. Besonders besorgniserregend ist, dass jeder fünfte Betroffene mit dem Gedanken spielt, sich das Leben zu nehmen. Das entspricht fast 280 000 Schülern. 13,4 Prozent geben an, selbst schon im Internet Schüler gemobbt zu haben. Das tun sie, weil es ihnen Spaß macht, sie denken, dass andere es verdient haben. Oder weil es cool ist.
 
Warum Lena zur Zielscheibe von Hass und Beleidigungen wurde, weiß sie nicht genau. Sie hat sich mit zwei Mädchen angefreundet, die neu an der Schule waren. Dann begannen die Beschimpfungen. „Sie haben alle Mitschüler aus der Klasse gegen Lena aufgehetzt“, erinnert sich Lukas. Es gab Whatsapp-Gruppen, in denen sie sich austauschten, wie sie Lena umbringen können, oder auch tägliche Schikanen wie heimliche Fotos im Sportunterricht.
 
Die Eltern von Lena waren verzweifelt und wendeten sich an die Klassenleitung. Diese verwies sie weiter an den Schulsozialarbeiter. „Der hat damals mit der Klasse gesprochen, sogar ein Polizist kam und hat zusammen mit dem Sozialarbeiter Einzelgespräche geführt“, erzählt Lukas, Lenas Klassenkamerad. Er selbst war nicht dabei. Der 12-Jährige hatte eine Blinddarm-Operation und lag im Krankenhaus. „Lena war die Einzige, die mich besucht hat. Sie war sehr verletzt und psychisch total angeschlagen.“ Wieder in der Schule versuchte Lukas, die Wogen zu glätten. Das schaffte er auch am Anfang. Schüler, die zuerst hetzten, entschuldigten sich bei Lena. Doch die gesamte Mobbingspirale konnte er nicht durchbrechen. Er war plötzlich mittendrin. „Ich wurde auf einmal von den beiden Mädchen beleidigt und bekam auch Morddrohungen.“
BLOß NICHT WEGSEHEN
Christina Schuster ist Mathematiklehrerin an einem Gymnasium in Niederbayern. Auch an ihrer Schule gab es Cybermobbing-Fälle, hauptsächlich schickten sich Schüler Bilder weiter, die sie heimlich von Mitschülern machten. „Das ist vielleicht drei Jahre her“, erinnert sich die 28-Jährige. Die Schulleitung rief die Polizei, bezog alle Eltern und Lehrkräfte mit ein und versuchte, das Mobbing zu unterbinden – was auch gelang. „Seitdem machen wir in den 7. Klassen sogenannte pädagogische Tage über Cybermobbing. Beispielsweise versuchen wir mit Rollenspielen zu vermitteln, was in gemobbten und ausgegrenzten Schülern vorgeht.“ Auch ein Polizist kommt in die Schule, der über die Folgen von Cybermobbing spricht wie Schadensersatz oder strafrechtliche Verfolgung.
 
Da Lehrkräfte oft nicht merken, wer gemobbt wird, wenn sie wenige Stunden in einer Klasse sind, ist es umso wichtiger, bei Gruppenarbeiten darauf zu achten und mit allen Lehrkräften einer Klasse zu sprechen. „Bei uns an der Schule funktioniert das gut. Ich denke, wenn eine Schulgemeinschaft zusam­menhält, kann man Mobbingfälle unterbinden.“
 
Auch Lukas ließ sich nicht einschüchtern. Er wehrte sich gegen die bösartigen Anfeindungen seiner Klassenkameraden. „Wir machten Screenshots und zeigten sie Lehrkräften, Schulleitung und der Polizei.“ Die Polizei konnte nichts unternehmen – bei Straftaten unter 14 Jahren könne sie nicht tätig werden. Die Kinder sind in dem Alter lediglich deliktfähig. Die Schule fühlte sich nicht zuständig. Der Sozialberater konnte nicht mehr helfen. „Die Schulleiterin suchte den Fehler bei den Eltern von Lena. Denen sei es nicht um das Wohl ihres Kindes gegangen, sondern nur um die Bestrafung der Mobber“, erzählt Lukas ver­ärgert. Und es wurde noch schlimmer: „Und die Eltern der Mädchen, die uns mobbten, drohten uns.“
 
Die Schulleitung hatte resigniert, auch die Lehrer. Niemand unternahm noch etwas. Also wurde Lukas tätig. Er wendete sich an Catarina Katzer, eine der führenden Cyberpsychologinnen und gründete eine eigene Hotline für Opfer von Cybermobbing. Lena kann er nicht mehr helfen. Sie hat eine Entscheidung getroffen – sie wechselt die Schule.
*Name geändert
 
 
ANLAUFSTELLEN UND STUDIEN
Institut für Cyberpsychologie und Medienethik www.cyberbullying-germany.de
Bündnis gegen Cybermobbing www.buendnis-gegencybermobbing.de
klicksafe.de: die EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz www.klicksafe.de
JUUUPORT: Online-Peerberatungsprojekt www.juuuport.de
Medienhelden: das Programm gegen Cybermobbing www.medienhelden.info
Save Me Online: Nationale Infoline, Netzwerk und Anlaufstelle zu Gewalt www.save-me-online.de
Nummer gegen Kummer: kostenloses Beratungsangebot www.nummergegenkummer.de
 
Quelle: didacta DIGITAL – Aktuelles rund ums Lehren & Lernen mit neuen Technologien, Ausgabe 2/2017, S. 5-7, www.didacta-digital.de

Foto: Shutterstock
 

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