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Grundschule
20.11.2017  Nicola Holzapfel

Die Qual am Nachmittag: Hausaufgaben

Sie ruinieren den Familienabend, sie sind selten sinnvoll, und die Unterstützung der Eltern schadet mitunter mehr, als sie nützt. Warum schafft man die Hausaufgaben an den Schulen nicht einfach ab?
Ach ja, die Hausaufgaben. Spätestens in der zweiten Klasse hat sich bei jedem Kind anfängliche Euphorie in lauten Protest verwandelt, Eltern fragen sich mit Entsetzen, wie sie es nur schaffen sollen, den Nachwuchs Jahre lang tagein, tagaus zu den nachmittäglichen Pflichtübungen anzutreiben. Und vor allem fragen sich Mütter und Väter oft, warum sie und ihre Kinder sich das überhaupt antun müssen.   Zu Recht, wie Bildungsforscher zumindest für Deutschland bestätigen. Natürlich könnten Hausaufgaben theoretisch eine Chance zum Vertiefen von Gelerntem bieten. Bildungsforscher sehen in Hausaufgaben an sich eine Lernchance. Ulrich Trautwein von der Universität Tübingen fasst den Wissensstand zunächst positiv zusammen: „Wenn Lehrerinnen und Lehrer regelmäßig qualitativ hochwertige Hausaufgaben geben, zeigt sich ein Zusammenhang mit einer positiven Leistungsentwicklung in ihrer Klasse.“ Auch innerhalb einer Klasse hätten in der Regel jene, die ihre Hausaufgaben gründlich bearbeiteten, langfristig bessere Leistungen. Das Problem dabei: So, wie viele deutsche Schulen die Aufgaben für den Nachmittag stellen, bearbeiten und betreuen, gäbe es dafür wohl die Note mangelhaft.

Um die Effekte guter und schlechter Hausaufgaben vergleichen zu können, haben Forscher um Trautwein zum Beispiel Französischlehrerinnen und -lehrer um ihre Aufgaben gebeten. Die Wissenschaftler haben diese dann bewertet, etwa danach, ob sie anregungsreich waren oder über die Übungen im Schulbuch hinausgingen. Parallel wurden die Lerneffekte in der Klasse untersucht. „Die besseren Hausaufgaben gingen tatsächlich mit besseren Leistungen bei den Schülern einher.“ In einer anderen Studie sollten die Schüler selbst die Hausaufgaben beurteilen. „Auch da zeigte sich ein Zusammenhang: Bei dem Lehrer, bei dem sie die Aufgaben als gut beurteilen, wurde im Durchschnitt tatsächlich mehr gelernt.“

Hausaufgaben sollten nicht als Pflichtübung behandelt werden, sondern Lehrer sollten ihre Schüler im Anschluss fragen, wie sie mit Problemen umgegangen sind, sagt Eckhard Klieme, Direktor des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) in Frankfurt. Und dann sollten sie gemeinsam mit den Schülern Lösungswege vergleichen. Eine bundesweite Studie darüber, wie viele Lehrkräfte Hausaufgaben derart sinnvoll in ihren Unterricht integrieren, gibt es nicht. Eckhard Klieme vermutet jedoch, dass so ein Vorgehen „eher die Ausnahme“ ist.

Hausaufgaben als didaktisches Mittel sind seiner Ansicht nach durchaus sinnvoll. Richtig konzipiert, würden sie die Möglichkeit zu selbständigen Lernaktivitäten außerhalb des Klassenzimmers eröffnen. Zwar seien auch das Einüben und Wiederholen wichtig. Doch ließe sich so vor allem der Unterricht mit der echten Welt verknüpfen, sagt Klieme, wenn Kinder anderen Quellen nachgehen, dafür vielleicht bestimmte Orte wie etwa eine Bibliothek oder ein Museum aufsuchen. Das Problem: Auch Aufgaben dieser Art scheinen nicht sehr verbreitet zu sein. Wer bei Eltern nachfragt, hört viel Kritik an „sinnfreien Hausaufgaben“ und „stumpfsinnigem Pauken“, etwa wenn Schüler der fünften Klasse eines Gymnasiums in Erdkunde den Abstand zwischen den Planeten auf den Kilometer genau auswendig lernen müssen.

Bildungsforscher Trautwein sieht aber nicht nur die einzelne Lehrkraft in der Pflicht: „Hausaufgaben sind eine Frage des pädagogischen Programms an Schulen, die sehr klar definieren müssen, welche Ziele sie damit verfolgen. Dafür bedarf es einer gemeinsamen Strategie und Absprachen“, sagt er. Schule, Lehrer, Schüler und Eltern müssten sich darüber einig sein, was mit Hausaufgaben erreicht werden soll: Will man die Leistung der Schüler verbessern? Ihnen die Möglichkeit geben, Defizite aufzuholen? Ihre Motivation stärken? Oder die Selbstregulation und andere Kompetenzen fördern? Soweit die Theorie. Tatsächlich sei der Umgang mit Hausaufgaben an deutschen Schulen meist „überraschend unprofessionell“.

Gerade die Rolle der Eltern müsste klar kommuniziert werden: Sollen sie die Hausaufgaben nur kontrollieren oder ist mehr Unterstützung erwünscht? Eltern klagen, dass Hausaufgaben oft den Alltag der Familie bestimmen. Je nach Alter und Schulform des Kindes, verlangt ihnen das einiges ab. Sie brauchen Fremdsprachenkenntnisse fürs Vokabellernen oder müssen die Wahrscheinlichkeitsrechnung erklären können. Dabei geraten viele schon bei den Grundrechenarten mit ihrem Kind in Streit, weil diese heute anders vermittelt werden als zur Schulzeit der Eltern.

„Wir haben eine Situation, in der Eltern teilweise als Hilfslehrer rekrutiert werden. Manche rekrutieren sich aber auch freiwillig selbst“, sagt Trautwein. Andere wiederum haben aber keine Zeit oder kein Interesse, manchen von ihnen fehlt der entsprechende Bildungshintergrund oder die Sprachkenntnis, um ihre Kinder zu unterstützen. Hausaufgaben könnten daher ungleiche Bildungschancen weiter zementieren. „Richtig gute Daten, die das belegen, gibt es nicht“, sagt Ulrich Trautwein. Das liege zum einen daran, dass die Unterstützung der Eltern sehr unterschiedlich ist. „Auch Hochgebildete können die Motivation ihres Kindes kaputtmachen, wenn ihnen pädagogisches Geschick fehlt.“

Um die Effekte der elterlichen Hausaufgabenhilfe zu untersuchen, hat Trautwein mit Kollegen aus der Schweiz 1700 Schüler ein Schuljahr lang begleitet. Sie haben das Engagement der Eltern bei den Hausaufgaben und die Leistungsentwicklung der Schüler gemessen. Demnach führt der Einsatz der Eltern gar nicht unbedingt zu besseren Schulergebnissen. Offenbar kommt es darauf an, wie die Eltern helfen. Am besten lief es bei jenen Schülern, deren Eltern sich wenig einmischten, die aber bei Bedarf zur Verfügung standen. Zu viel Kontrolle wirkte sich eher gegenteilig aus. Ginge es nach Trautwein, sollte dafür gesorgt werden, dass die Kinder ihre Hausaufgaben allein schaffen. Auch, um Streitigkeiten und negative Emotionen in den Familien zu reduzieren. Auch Eckhard Klieme meint, dass gerade das freie Bearbeiten von Aufgaben eine Herausforderung für die Schüler sei. Eine Herausforderung, sich selbst zu organisieren. Doch dieses eigenverantwortliche Arbeiten müsse man mit ihnen üben.

Allerdings bringt es nicht unbedingt Vorteile, sich besonders lang mit den Hausaufgaben zu beschäftigen. „Das sind oft die ohnehin fleißigen Schüler“, sagt Trautwein. Oder jene mit einem schlechten Bearbeitungsstil. Die säßen dann zwar an ihren Aufgaben, nutzten aber die falschen Lerntechniken oder schweiften in Gedanken immer wieder ab. Diese Kinder seien „doppelt bestraft“, weil sie trotz all der Zeit, die sie in ihre Hausaufgaben investierten, ihre Leistungen kaum verbesserten.

Die Ganztagsschulen könnten eine Lösung für diese verfahrene Situation sein. Vor allem für Familien mit berufstätigen Vätern und Müttern oder für Alleinerziehende sind Hausaufgaben eine Last, die oftmals die kurze gemeinsame Zeit am Abend bestimmt. 60 Prozent der Schulen in Deutschland bieten inzwischen eine Ganztagsbetreuung an. Viele Eltern wundern sich, dass dennoch abends zu Hause noch etwas zu tun bleibt. „Hausaufgaben sind eine der großen Baustellen der Ganztagsschulen“, sagt Eckhard Klieme. Die allermeisten dieser Schulen sind „offen“, das heißt, die Teilnahme am Nachmittagsprogramm ist freiwillig. Bundesweit nutzen das dem nationalen Bildungsbericht zufolge 38 Prozent der Schüler, in Bayern 15 Prozent. Daher gibt es an diesen Schulen weiterhin Hausaufgaben, für deren Bearbeitung die meisten Schulen nachmittags eine Aufsicht anbieten.

Doch die fachliche Betreuung scheint das Problem zu sein: „Hier werden teilweise Personen eingesetzt, die nicht wissen, was in den Klassen gerade bearbeitet wird und schnell überfordert sind, wenn sie eine Lernhilfe geben sollen.“ Dabei geht es auch anders: Ein Team um Eckhard Klieme begleitet gerade in einem Modellprojekt in Hessen mehrere Ganztagsschulen. Einige davon bilden ältere Schüler als Lernbegleiter für die Hausaufgabenbetreuung aus. Und auch an den wenigen gebundenen Ganztagsschulen, an denen der Nachmittagsunterricht fest zum Programm gehört, gebe es innovative Modelle wie zusätzliche Lernzeiten statt Hausaufgaben. Studien dazu, welche Effekte das für den Lernerfolg hat, gibt es jedoch noch nicht.

Was also tun, solange Hausaufgaben schlecht gestellt und bearbeitet werden? Wäre es da nicht besser, sie zu streichen? Das Einüben von Wissen und längerfristige Arbeiten an einem Gegenstand seien wichtig, sagt Klieme. Man könnte versuchen, das in den Unterricht zu integrieren, aber „dazu braucht man mehr Zeit, und deutsche Schulen haben diese Zeit nicht“.   Immerhin ist ein positiver Effekt der Hausaufgaben unbestritten: Sie machen gewissenhafter. Das wurde im Rahmen einer Studie herausgefunden, bei der 2800 Schüler von Haupt- und Realschulen über einen Zeitraum von drei Jahren begleitet wurden. Müssen Eltern also doch hinterher sein, dass ihr Kind die Hausaufgaben macht? Wenig ratsam sei es, sein Kind bei Problemen mit den Hausaufgaben anzublaffen, warum es die Aufgabe denn nicht verstehe, sagt Trautwein. Beim Kind komme dann an, dass es nicht gut genug sei. Und das wird die Schüler dazu bringen, Hausaufgaben umso mehr abzulehnen. Schulen sollten Kinder eher darin trainieren, die Hausaufgaben „in so kurzer Zeit wie möglich ordentlich zu bearbeiten und bei Bedarf Unterstützung bei den Lehrern einfordern. Und Eltern sollten sich selbst darin üben, das Thema mit einer gewissen Gelassenheit zu sehen, sagt Trautwein. Denn die Zukunft eines Kindes hänge nicht von einer einzelnen Hausaufgabe ab.

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).

Foto: Natalia Vintsik/Fotolia

 

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