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Rahmenbedingungen
18.12.2017  Antonia Hofmann

Probleme an NRW-Grundschulen

Dilan Neumann hat drei Kärtchen an die Tafel geklebt. Ein rotes und ein blaues Schulheft, Bleistift, Spitzer und Radiergummi sind darauf gemalt – so wüssten die Kinder, was sie als nächstes für den Unterricht bräuchten, erklärt die Lehrerin, die an der Maria Kunigunda Grundschule im Essener Stadtteil Karnap unterrichtet. Denn Bilder verstehen die meisten Kinder: Über die Hälfte der Schüler hier hat Migrationshintergrund, mindestens ein Drittel kommt aus sozial schwachen Familien.
Mehr als jedes fünfte Kind ist ein Flüchtlingskind. Der unterschiedliche Hintergrund der Schüler stellt die Lehrer vor Herausforderungen. Teilweise säßen bis zu 28 Kinder in den Klassen – zu viel, findet der Schulrektor, Udo Moter. Neben Lehrern fehlten psychologische Fachkräfte, Klassenassistenten und ausreichend Räume, um auf alle Bedürfnisse eingehen zu können. Zuletzt sei auch noch die Sprachförderlehrerin an eine andere Schule abgeordert worden. Seit knapp zwei Jahren appelliert Moter mit den anderen Schulleitern im Essener Norden an die Politik. „Man möchte ja gerne schnell erklären und helfen“ – aber Übersetzen etwa koste Zeit, berichtet Neumann aus dem Arbeitsalltag in Essen. Aufgaben müsse sie differenzierter stellen. Nach dem Unterricht geht die Arbeit weiter. Anträge müssten ausgefüllt werden, damit Kinder mit Förderbedarf die nötige Unterstützung erhielten. Das Bild des Lehrers, der vor der Klasse stehe und unterrichte – „das ist nicht mehr so, wie es früher mal war“. Sie und ihre Kollegen stünden jetzt vor zahlreichen neuen und vielfältigeren Aufgaben.

Grundschullehrer müssen zu viele Aufgaben bewältigen

In ganz Nordrhein-Westfalen klagen Grundschulen über Probleme, wenn auch mit regionalen Unterschieden. Lehrermangel, Unterrichtsausfall, zu große Klassen und immer mehr Schüler mit Förderbedarf – die Lehrer stünden vor Aufgaben, „die schlicht kaum noch leistbar sind“, sagt der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung in NRW (VBE), Stefan Behlau. „Der Schuh drückt überall.“ Im Oktober startete der VBE eine Online-Petition für bessere Rahmenbedingungen an Grundschulen, die inzwischen knapp 15 000 Unterschriften zählt. Grundschulen in NRW seien seit Jahren unterfinanziert, heißt es darin. „Wir fordern die Landesregierung auf, kurzfristig einen umfassenden Maßnahmenkatalog vorzulegen.“ Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hatte im Oktober – nach dem schlechten Abschneiden der NRW-Grundschüler in Mathe und Deutsch bei einer IQB-Studie – eine Reform des Unterrichts angekündigt. Der „Masterplan Grundschule“ werde nach und nach erarbeitet, erklärte ein Ministeriumssprecher auf Anfrage. Nach wie vor würden Grundschullehrer schlechter bezahlt als die Kollegen am Gymnasium, bemängelt der VBE – obwohl an der Grundschule mit 28 Stunden die höchste Unterrichtsverpflichtung herrsche. Die Differenz betrage zwischen 500 und 600 Euro pro Monat, sagt Behlau.

Zu viel zu tun – zu schlecht bezahlt:

Zu wenige Bewerber Schon die Studenten achteten sehr genau darauf, „was am Ende dabei rumkommt.“ Die Folge: „Es kommen nicht genügend Absolventen“, sagt Behlau. Auch die Studienbeschränkungen seien zu hoch – in Köln beispielsweise liege der NC bei 1,3. „Es kommen keine Bewerber“, berichtet Schulrektor Moter von den letzten Einstellungsrunden an seiner Essener Grundschule. „Oder es kommen ein paar lustlose Bewerber, die 50 andere Stellenangebote haben und unser Angebot ablehnen.“  Längst stellen Grundschulen deshalb sogenannte Seiteneinsteiger ein – also Fachkräfte ohne pädagogische Ausbildung. Diese könnten jedoch nicht eingesetzt werden wie ausgebildete Grundschullehrer, findet Moter. „Was wir jetzt brauchen, sind vor allem mehr originär ausgebildete Lehrkräfte an den Schulen“, fordert auch Behlau. „An sich ist das ein Beruf, der sehr erfüllend ist“, findet Grundschullehrerin Neumann. Ihre Kollegen seien sehr motiviert – ebenso die Schüler. „Die Kollegen nehmen die Herausforderung an, kämpfen mit den Kindern für die Kinder und die Ausbildung der Kinder.“

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Foto: Woodapple/Fotolia



 

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