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Perspektiven
13.02.2018  Annedore Prengel im Interview

Die vernachlässigte Dimension: Ethik in der Frühpädagogik

Angesichts der Komplexität der Gesellschaft gibt es für viele ihrer Bereiche ethische Prinzipien, z.B. in der Medizin, Nicht jedoch für die Pädagogik. Diesem Mangel wollen die Reckahner Reflexionen abhelfen. Professorin Dr. Annedore Prengel erklärt im folgenden Interview die Beweggründe und Bedeutung dieses Vorhabens speziell für die Frühpädagogik
Wie steht es um den Zusammenhang von Ethik und Pädagogik?

Annedore Prengel: Die philosophische Disziplin der „Angewandten Ethik“ hat mehr als 10 Bereichsethiken hervorgebracht, so u.a. Medizinethik, Wirtschaftsethik, Sportethik, Medienethik, Tierethik und so weiter. Aber nach einer „Pädagogikethik“ sucht man in einschlägigen Publikationen und Handbüchern meist vergebens. Ausnahmen bilden wenige, in der Regel ältere wissenschaftliche Schriften zum Zusammenhang von Ethik und Pädagogik, die kaum bekannt und gesellschaftlich nicht einflussreich sind.

Demgegenüber finden sich international Statements zum Berufsethos auch von pädagogischen Fachgesellschaften, z.B. der gewerkschaftlichen Bildungsinternationale oder der amerikanischen National Education Association. Allerdings wird die Qualität der pädagogischen Beziehung meist nur ganz kurz gestreift. Eine Ausnahme bildet der Dachverband Schweizerischer Lehrerinnen und Lehrer, der in der Standesregel Nr. 9 seines Berufsleitbilds ausführlich auf die Beziehungsebene eingeht ( http://www.lch.ch/fileadmin/files/documents/Verlag_LCH/LCH-Berufsleitbild_Standesregeln.pdf  ).
 
Wieso beziehen sich die  Überlegungen zur pädagogischen Ethik auf Reckahn?

Annedore Prengel:Das in der Nähe der Stadt Brandenburg/Havel gelegene Dorf Reckahn, das zur Großgemeinde Kloster Lehnin gehört, ist bildungshistorisch bedeutsam. Hier wurde durch Christiane Louise und Friedrich Eberhard von Rochow die erste philanthropische Musterschule gegründet. Im Jahr 1773 wurde die Schule für alle Kinder des Dorfes eröffnet. Im Geiste der Aufklärung wurden Kinder als vernunftbegabte Wesen angesprochen. In den Schriften Friederich Eberhard von Rochows sind die Prinzipien dieser menschenfreundlichen, toleranten, standes- und religiosübergreifenden  Pädagogik erläutert, in historischen Hospitations- und Besuchsberichten ist dokumentiert, dass die alltägliche Praxis an den aufgeklärten Maximen orientiert war. Zahlreiche Besucherinnen und Besucher aus Berlin und von weit her besuchten den schon im 18. Jahrhundert wegen seiner Agrar-, Sozial- und Bildungsreformen berühmten Ort.
Im Sinne der Theorie des kulturellen Gedächtnisses nach Aleida und Jan Assmann geht es hier um einen auch für unsere Gegenwart und Zukunft bedeutenden kulturellen Gedächtnisort. Die Initiative der „Reckahner Reflexionen“ hat sich hier angesiedelt und knüpft so an wichtige historische Traditionslinien an.  
 
Wie kam es, dass Sie sich im Bereich der pädagogischen Ethik besonders engagierten?

Annedore Prengel: Während der langen Jahre meiner Tätigkeit an vier Universitäten habe ich sehr viel Einblick in unterschiedlichste Bildungsinstitutionen nehmen können. Dabei habe ich zunehmend den Eindruck gewonnen, dass problematisches pädagogisches Handeln vorkommt, wahrgenommen wird und selten sogar untersucht wird, dass es aber gleichzeitig weitgehend ignoriert und verschwiegen wird. Kaum jemand aus Teams oder Einrichtungsleitungen findet Wege, Lehrpersonen oder ErzieherInnen anzusprechen, wenn sichtbar wird, dass Sie Kinder verbal verletzen.
 
Auf welche Bildungsstufen beziehen sich die Reckahner Reflexionen?

Annedore Prengel: Die Reckahner Reflexionen wenden sich explizit an alle Bildungsstufen und –bereiche, von der Elementarstufe über die Primarstufe bis hin zu beiden Sekundarstufen  sowie an die außerschulische Pädagogik und implizit auch an die Erwachsenenbildung. Sie thematisieren Wertschätzung für die Lernenden und damit haben sie etwas zu sagen, das für alle im gesamten System lebenslangen Lernens bedeutsam ist.
 
Liest man Modulbücher aus frühpädagogischen Ausbildungsinstitutionen  (Fach- oder Hochschule) so finden sich durchaus in den verschiedenen Kompetenzbeschreibungen moralische Forderungen an die auszubildenden SchülerInnen und  Studierenden. Halten Sie es trotzdem für erforderlich, eine eigene pädagogische Ethik zu formulieren? Warum?

Annedore Prengel: Die Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen beziehen sich bisher auf die Verbesserung der Beziehungen von erwachsenen Berufstätigen zu den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen. Die Reckahner Reflexionen regen dazu an, zu prüfen, ob die Modulhandbücher diese Handlungsebene der Erzieher-Kind-Interaktionen ausreichend beachten. Darüber hinaus fordern die Reckahner Reflexionen, dass Pädagoginnen und Pädagogen auch auf die Ebene der Beziehungen in den Peergruppen achten, zu Selbstachtung und Anerkennung der Anderen anleiten und Verletzungen innerhalb der Peergruppen nicht ignorieren. Der Arbeitskreis Menschenrechtsbildung im Rochow-Museum und Akademie in Reckahn ist dabei, auch Leitlinien für die Hand von Kindern und Jugendlichen zu entwickeln. Darin soll es um zweierlei gehen, sowohl um die Ansprüche der jungen Menschen an ihre Erziehenden als auch um die moralischen Entwicklungsaufgaben beim Aufwachsen. Beide Perspektiven sollen aufeinander bezogen werden, so dass die bisher getrennt verhandelten Diskurse der Kinderrechte auf der einen und der Moralerziehung auf der anderen Seite miteinander verknüpft werden.
 
Ein Grund für seelische Übergriffe auf Kinder ist die selbst erlebte Missachtung und Demütigung in der eigenen Kindheit. Glauben Sie, dass Appelle wie die Reckahner Reflexionen die Fachkräfte unterstützen können, ihre eigenen seelischen Verletzungen im Umgang mit den Kindern zu überwinden?

Annedore Prengel: Die Reckahner Reflexionen formulieren Leitlinien, die kinderrechtliche Ansprüche enthalten. Sie leisten es immerhin Regeln für das Handeln der Erziehenden zur Diskussion zu stellen und damit bewusst zu machen, dass anerkennende Handlungsweisen förderlich, begründet und geboten sind und dass verletzende Handlungsweisen schädlich und unzulässig sind. Wir gehen davon aus, dass das Fehlen einer pädagogischen Kunstfehlerlehre dazu beiträgt, dass vielen zu Verletzungen neigenden pädagogischen Fachkräften der Schaden, den sie anrichten, nicht bekannt ist. Eine Anleitung zur Auseinandersetzung mit eigenen seelischen Verletzungen geben die Reckahner Reflexionen selbst nicht. Aber sie regen zu Teamarbeit und Supervision an und ermutigen zu professioneller Selbsterfahrung mit Unterstützung von erfahrenen und ausgebildeten Supervisorinnen, Coaches oder Gruppenleitern, zum Beispiel aus dem Bereich der Themenzentrierten Interaktion (TZI) oder ähnlichen Verfahren.
 
Ein weiterer Grund für die fehlende Feinfühligkeit von Fachkräften ist häufig die schlechte Personalsituation oder auch fehlende Kompetenz der Leitung. Ändern die Reckahner Reflexionen an dieser problematischen Situation vieler Fachkräfte in der Kita etwas?

Annedore Prengel: Im Text der Reckahner Reflexionen werden Forderungen auf der bildungspolitischen Handlungsebene aufgestellt. Zugleich beruhen sie auf dem empirischen Befund, dass selbst unter  schwierigen Bedingungen viele Fachkräfte und Lehrkräfte sehr anerkennend handeln, während andere selbst ohne jede Not häufig verletzend handeln. Daraus folgt, die Personalsituation ist nicht die entscheidende und schon gar nicht die alleinige Ursache für Fehlverhalten auf der Beziehungsebene. Man muß nicht warten, bis eine Personalausstattung gut ist, um Kinder einigermaßen höflich und fair ansprechen zu können.

Über die Webseite der Reckahner Reflexionen ( http://paedagogische-beziehungen.eu/ ) können kostenlos oder gegen eine Spende Materialien bestellt werden (eine ausführliche Broschüre, ein prägnantes Plakat, ein informativer Flyer oder ein Miniflyer für die Hand-, Hosen- oder Westentasche). Die Verteilung der Materialien wird von der Robert Bosch Stiftung gefördert. Im Rochow-Museum können Fortbildungen veranstaltet werden ( http://www.rochow-museum.de/serviceq.html ).

Vielen Dank für das Interview!

Die Fragen stellte Hilde von Balluseck

Annedore Prengel, Erziehungswissenschaftlerin, Professorin i.R. der Universität Potsdam und Seniorprofessorin der Universität Frankfurt/Main. Schwerpunkte: Pädagogik der Vielfalt, Inklusion, Heterogenitätstheorien, Kinderrechte in pädagogischen Beziehungen sowie kulturelles Gedächtnis.

Fotos:Karla Fritze bzw. Shutterstock

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