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Pädagogische Praxis
27.02.2014  Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis

Auf den Spuren Maria Montessoris

Bei der konzeptionellen Weiterentwicklung von Kindertagesstätten nimmt die Montessori-Pädagogik heute einen immer wichtigeren Stellenwert ein. Denn Maria Montessori begründete eine großartige Pädagogik. Doch entspricht ihr Konzept noch dem Verständnis kindlicher Entwicklung und Bildung im 21. Jahrhundert? Wassilios E. Fthenakis über die Notwendigkeit einer Meta-Montessori-Konzeption.

Grundlagen der Montessori Pädagogik

Nicht selten wird ihr Ansatz reduziert auf die Arbeit mit behinderten Kindern oder die Realisierung ihrer Pädagogik in Integrationseinrichtungen. Dabei ist der zentrale Punkt der Montessori-Pädagogik die Grundhaltung und -einstellung dem Kind gegenüber. Wohl kaum ein Pädagoge vor oder nach Montessori hat so großes Gewicht auf die Beobachtung und die Signale der Kinder gelegt. Sie wollte die von ihr immer wieder bewunderte Kraft und die Macht des Kindes nicht eindämmen, sondern dessen Eigenkräfte zur vollen Entfaltung bringen. Die Erwachsenen hätten somit vom Kind zu lernen.
 

„Neue Lehrer“ geben Lernanreize
Damit diese Entwicklungsschritte positiv verlaufen können, fordert Montessori die „vorbereitete Umgebung“ und die „neue Lehrerin“, verkörpert durch Erzieherinnen und Eltern. Die „vorbereitete Umgebung“ ist nach Montessori eine Umwelt, die Lernanreize setzt. Hier schafft die „neue Lehrerin“ Lernvoraussetzungen für die Kinder und löst sich von jeder vorgefassten Meinung bezüglich deren Entwicklungsniveaus. Nach Montessori gehört die Umgebung den Kindern. Erzieherinnen geben ihnen nur auf deren Wunsch hin Hilfestellung. In Freiheit könne das Kind seine Interessen besser entwickeln, es sei motiviert und konzentriert.
 

Kinder sollen selbst handeln
Erziehung zu Selbstständigkeit und schöpferisches Lernen vollziehen sich, nach Montessori, nur durch eigenes Tun. Aktivität müsse sich aus dem Kind selbst entwickeln. Das Kind solle lernen, unabhängig zu handeln, seine eigenen Aufgaben zu wählen, in seinem eigenen Rhythmus zu arbeiten und eine Handlung so lange und so oft zu wiederholen, wie es dies wolle. Der Fortschritt des Abstraktionsprozesses könne nicht im „Gleichschritt der Kindergruppe“ erfolgen, sondern sei immer an die vom jeweiligen Kind erreichte Entwicklungsphase gebunden. In der Umgebung vollziehe sich das Lernen des Kindes nach einem inneren Bauplan. Montessori spricht hier von „sensiblen Perioden“, die in der Entwicklung auftreten und deren zeitliche Dauer beschränkt sei.


Sensible Perioden
  • 0–3 Jahre: Besondere Aufnahmefähigkeit für alle Umwelteinflüsse und Sinneserfahrungen
     
  • 1,5–3 Jahre: Dominanz der Sprachentwicklung
     
  • 1,5–4 Jahre: Entwicklung der Muskeln und ihrer Koordination. Besonders ausgeprägter Bewegungsdrang des Kindes, da sein Interesse an Gegenständen wächst und es sich auf diese zubewegt.
     
  • 2–4 Jahre: Verfeinerung der kindlichen Bewegungen, Entwicklung eines ersten Verständnisses für Raum und Zeit, Beschäftigung mit Wahrheit und Wirklichkeit
     
  • 2,5–4 Jahre: Verfeinerung der Wahrnehmung durch zunehmende Sinneserfahrungen
     
  • 3–6 Jahre: Das Kind wählt sich den Erwachsenen zum Vorbild und zeigt besondere Empfänglichkeit für den Einfluss von Vorbildern.
     
  • 3,5–4 Jahre: Interesse am Zeichnen und erste selbst entwickelte Schriftzeichen
     
  • 4,5–5,5 Jahre: Frühstufe des Lesens


Zur Verwirklichung ihrer Erziehungsziele in Abstimmung mit den entwicklungspsychologischen Voraussetzungen der Kinder sollten nach Montessori folgende methodische Prinzipien beachtet werden:

  • Ganzheitliches Lernen:
    Die Orientierung an Ganzheiten (Strukturen) und Zusammenhängen folgt dem methodischen Hauptansatz Montessoris.
     
  • Mehrdimensionales Lernen:
    Das Lernen soll durch Vergegenwärtigung/Darstellung der Sachverhalte auf verschiedenen objektiven und subjektiven Ebenen erfolgen.
     
  • Bildhaftes Lernen:
    Hiermit sind Hilfen angesprochen, welche die Vorstellung der Kinder stimulieren, das heißt zur „Übersetzung“ eines Sachverhalts in bildhafte, symbolische Darstellungsformen beitragen.
     
  • Lernen durch Beobachten und Experimentieren:
    Montessori fordert mit Nachdruck den direkten Kontakt der Kinder mit der Natur. Über das dadurch erreichte Wissen und Verstehen könne sich eine emotionale Beziehung zur Natur aufbauen.
     
  • Prinzip Verantwortung:
    Basis hierfür sind das zunehmende Wissen und die Intensivierung der emotionalen Beziehung zur Natur. Die von Montessori geforderte Verantwortlichkeit für die ganze Schöpfung müsse durch die Übernahme von Zuständigkeiten langsam aufgebaut werden.

 

Sinnesmaterialien
Montessoris Grundprinzipien finden sich in ihren „Sinnesmaterialien“ sowie in ihrer Didaktik wieder, der „Drei-Stufen-Lektion“. Das Sinnesmaterial besteht aus einem System von Gegenständen, die nach bestimmten physikalischen Eigenschaften der Körper, wie Farbe, Form, Klang, Gewicht oder Temperatur geordnet sind. Durch die Materialien soll das Kind eindeutige Abstraktionen bestimmter Sinneseindrücke erwerben, da nur je ein Sinn beteiligt ist. Zudem lerne es nicht durch mündliche Vermittlung des Erziehers, sondern durch individuelle Erfahrungen beim Hantieren mit dem Material. Das gebe dem Kind die Möglichkeit der Fehlerkontrolle, ohne dass der Eingriff des Erziehers notwendig ist. Im Unterschied zu den sogenannten didaktischen Materialien wird beim Sinnesmaterial die Aktivität nicht auf ein bestimmtes Ziel gerichtet. Es stellt für das Kind vielmehr einen Schlüssel für seine Umgebung dar, indem es befähigt wird, seine natürlichen Eindrücke in einer nahezu wissenschaftlichen Weise klar zu ordnen.

Alle Lernprinzipien Montessoris sind zeitlos und haben bis heute nichts an ihrer Bedeutung verloren.


Drei Stufen der Sinnesschulung
Die Schulung der Sinne verläuft stets parallel mit der Spracherziehung, im Rahmen der „Drei-Stufen-Lektion“: Auf der ersten Stufe lernt das Kind am Modell des Erziehers. Auf der zweiten Stufe soll das Kind die Eigenschaften selbst erkennen. Auf der dritten Stufe erfolgt die Namensgebung der Eigenschaften. Ähnliche Ziele sind mit Montessoris „Übungen“ zu einer Fülle an lebenspraktischen Tätigkeiten wie Zuknöpfen, Eingießen einer Flüssigkeit oder Vorbereitung einer Mahlzeit verbunden. Sie werden vom Kind zweckfrei geübt, um Sicherheit zu erlangen und von der Hilfestellung Erwachsener unabhängig zu werden sowie die Motorik zu fördern.

 

Kritische Anmerkungen

Alle Lernprinzipien Montessoris sind zeitlos und haben bis heute nichts an ihrer Bedeutung verloren. Der häufig geäußerte Vorwurf, dass die Materialien rein technisch funktionieren würden, jede kreative Entwicklung behinderten und rein kognitiv ausgerichtet wären, wird durch den Alltag in einem Montessori-Kinderhaus widerlegt. So haben alle angebotenen Materialien einen Bezug zum Lebensalltag. Die Selbsttätigkeit, zu der die Kinder gelangen, lässt sie eigenständig, kreativ und einfallsreich Probleme bewältigen und Fragestellungen lösen. Das erworbene Wissen und Können wird im Alltag umgesetzt. Eine Theorie und Praxis der Montessori-Pädagogik, die sich etwa auf die reine Anwendung des didaktischen Materials beschränkt, bedeutet eine von Montessori nicht gewollte Verengung und eine grundlegende Verkennung ihrer Erziehungsabsichten. Um Montessoris Pädagogik wahrhaftig zu verstehen, ist es notwendig, die „kosmische“ Dimension ihres Konzepts zu berücksichtigen, die Basis ihres Gesamtwerkes.

Unter kosmischer Erziehung versteht Maria Montessori die Einführung des Kindes in die Entwicklung des Universums, der Erde und der Gesellschaften sowie die Anleitung zum Kennen- und Verstehen-lernen derselben. In der Kita entspricht diesem Bereich das Lernfeld „Umwelt- und Sachbegegnung“. Zur Begründung der kosmischen Erziehung entwickelte die Pädagogin die „Kosmische Theorie“. Neben der Berücksichtigung der „kosmischen Erziehung“ für das Verständnis des Erziehungsansatzes von Montessori ist es dringend geboten, sich mit den philosophischen Grundlagen (Welt- und Menschenbild) und den die Lernbereiche übergreifenden Arbeitsprinzipien ihres Werkes konstruktiv kritisch auseinanderzusetzen und beides mit neuen Entwicklungen und Erkenntnissen in Verbindung zu bringen.

Das Verhältnis Kind und Gesellschaft sowie Kind und Familie kann in der von Montessori vertretenen Art und Weise nicht auf das 21. Jahrhundert transformiert werden.

Die Meta-Montessori-Konzeption

Maria Montessori gebührt allerhöchster Respekt für ihr Werk, für die innovativen Einsichten, die sie zu ihrer Zeit in die Diskussion eingeführt hat. Ich bin jedoch mehr als überzeugt, wenn Maria Montessori gegenwärtig ihre Konzeption entwerfen würde, würde sie selbst manche Positionen nicht (mehr) aufrechterhalten. Die kritischen Stimmen sind bis heute laut, es wurden bislang aber keine Perspektiven aufgezeigt, wie eine „Meta-Montessori-Konzeption“ aussehen könnte. Wenn ich dies hier, in aller Kürze, tue, bin ich mir dessen bewusst, dass dadurch mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet werden. Das ist aber auch meine Absicht: eine erste Sensibilisierung in diese Richtung einzuleiten. Dabei beschränke ich meine Anmerkungen vorerst auf wenige Punkte:
 

Verständnis kindlicher Bildung und Entwicklung erneuern
Was gegenwärtig nicht mehr aufrechterhalten werden kann, ist das Verständnis von kindlicher Entwicklung und kindlicher Bildung, das Montessori vertritt. Die konstruktivistische, eine auf selbstentfaltungstheoretischer Position begründete Ansicht über kindliche Entwicklung und kindliches Lernen, muss zugunsten einer sozialkonstruktivistisch begründeten und auf interaktionstheoretischen Positionen aufbauenden Konzeption aufgegeben werden. Dies ist der Kardinalpunkt meiner Kritik an Montessori mit dem Eingeständnis, dass ich mit dem Erkenntnisgewinn einer hundertjährigen Forschungstradition operiere, der Montessori nicht zur Verfügung stand. Hier die Konzeption weiterzuentwickeln und auf eine neue theoretische Grundlage zu stellen, ist die größte damit verbundene Herausforderung.
 

Ko-Konstruktion anstatt Selbstbildungsprozess
Eng damit zusammen hängt auch das Verständnis von Bildung und die Organisation von Bildungsprozessen. So wird ein anderer pädagogisch-didaktischer Ansatz impliziert: Anstelle des Selbstbildungsansatzes wird der Ansatz der Ko-Konstruktion eingeführt – Bildung als sozialer Prozess, der gemeinsam mit anderen gestaltet wird. Dabei übernimmt das Kind die aktive Rolle, wie auch bei Maria Montessori, aber das Kind wird dabei nicht alleine gelassen. Der Ansatz der Ko-Konstruktion schreibt auch allen anderen Akteuren eine aktive Rolle zu und erweist sich dabei als der erste didaktisch-pädagogische Ansatz, der keine passiven Partner bei der Organisation kindlicher Bildungsprozesse vorsieht.
 

Interaktion sichert Bildungsqualität
Die Fokussierung auf und die Betonung von Interaktionen stellt einen weiteren Aspekt der Modernisierung des Montessori-Konzeptes dar. Dies ist deshalb unverzichtbar, weil die gesamte Forschung belegt, dass die Interaktionsqualität die wichtigste Grundlage zur Sicherung von hoher Bildungsqualität ist. Wie Interaktionen nicht nur erfahrungsgeleitet, sondern auch fachlich begründet gestaltet werden, bietet eine spannende Perspektive einer Meta-Montessori-Konzeption an.


Kinder sozial und kulturell einbetten
Das Verhältnis Kind und Gesellschaft sowie Kind und Familie kann in der von Montessori vertretenen Art und Weise auf das 21. Jahrhundert nicht transformiert werden. Es bedarf einer grundlegenden Neuorientierung und Neubestimmung. Ein neu orientiertes Verständnis muss das Kind sozial und kulturell einbetten, eine bildungs-ortorientierte Position vertreten, neue Konzepte der Kooperation der unterschiedlichen Bildungsorte einführen und in deren Zusammenwirken Chancen zur Optimierung kindlicher Entwicklung erkennen.
 

Kindzentrierung überdenken
Vielleicht erweist sich, neben der theo-retischen Positionierung, die radikale Kindzentrierung von Montessori als der innovativste Aspekt ihres Konzeptes zur Zeit seiner Entstehung. Aus heutiger Sicht ist es einer der Schwachpunkte dieser Konzeption. Kindzentrierte Konzepte sind seit geraumer Zeit in die Kritik geraten. Kindern letztendlich primär die Verantwortung für ihre Bildung zu überantworten, muss fachlich und ethisch hinterfragt werden. Zugleich gilt es, über die Rolle und die Verantwortung weiterer Ko-Konstrukteure kindlicher Entwicklung und Bildung zu reflektieren.
 

Erzieher-Kind-Verhältnis überdenken
Vor diesem Hintergrund ist es erforderlich, das Erzieher-Kind-Verhältnis von Montessori zu hinterfragen. Ihrem Ansatz nach begleitet und unterstützt die Fachkraft kindliche Bildungsprozesse. Sie stellt eine anregende, bereichernde Lernumgebung bereit und beobachtet und dokumentiert kindliche Bildungsfortschritte. Diese Position findet sich im ganzen 20. Jahrhundert. Doch dieses Verständnis kann aufgrund neuer Erkenntnisse und veränderter theoretischer Positionen nicht mehr aufrechterhalten werden. Vielmehr wird eine neue Qualität in diese Beziehung eingeführt, die Kinder und Fachkräfte aktiv und ko-konstruktiv bei der Gestaltung von Bildungsprozessen einbindet.

Es bedarf eines neuen Erzieher – Kind-Verhältnisses, das Kinder und Fachkräfte aktiv und ko-konstruktiv bei der Gestaltung von Bildungsprozessen einbindet.

Gesellschaftlichen Wandel einbeziehen
Kinder wachsen heute in einer Gesellschaft auf, die nicht mehr dem Bild der Moderne, wie bei Montessori, sondern dem Bild einer „post-modernen“ Gesellschaft entspricht. Und dieses ist geprägt von mehr Diskontinuität und Offenheit, von Verlusten und Brüchen, von zeitlichen und räumlichen Besonderheiten. Kinder müssen heute lernen, mit solchen offenen, nicht vorhersehbaren Situationen umzugehen. Das verlangt eine andere Qualität von Bildung als zur Zeit Montessoris. Dies ist eine weitere Herausforderung für eine Meta-Montessori-Konzeption: die Weltsicht, auf der das Bildungskonzept aufbaut, auf die Weltsicht des 21. Jahrhunderts zu transferieren.
 

Neuer Umgang mit Diversität
Dies wiederum führt zu einer weiteren Reform des Montessori-Konzeptes hinsichtlich des Verständnisses und des Umgangs mit Diversität. Bei Montessori beschränkt sich dieser jedoch auf das Kind als Individuum und berücksichtigt nicht Diversität auf allen Ebenen. Hier liegt die dringende Notwendigkeit einer Weiterentwicklung des Montessori-Konzeptes vor.

Was also Not tut, ist eine Modernisierung des Montessori-Ansatzes. Wir benötigen eine „Meta-Montessori-Konzeption“, die sich all diesen und weiteren Herausforderungen stellt und dabei niemals den hohen Respekt vor dem großartigen Werk von Maria Montessori aus den Augen verliert. Dies ist eine Botschaft an das Fach, aber auch an jene, die im Namen von Maria Montessori und unter Nutzung ihrer Ideen Bildungsinstitutionen unterhalten und Kinder bilden. Die Verantwortung für eine Modernisierung muss nunmehr konsequent wahrgenommen werden, wenn wir Kinder auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorbereiten möchten. Ein Diskurs dieser Art kann und darf nicht mehr auf sich warten lassen.


Estveröffentlichung unter dem Titel "Auf Spurensuche", in Meine Kita 2/2013, S.16-19, www.meinekitaclub.de

Foto: BlueOrange Studio/Shutterstock.com
 

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