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Erziehungspartnerschaft
25.10.2015  Xenia Roth

Starke Partner

Die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft zwischen Eltern und Fachkräften hat ein Hauptziel: gemeinsam an einem Strang zu ziehen – zum Wohle des Kindes. Das gelingt am besten in einer Beziehung auf Augenhöhe. Dabei geht es nicht immer darum mehr zu tun – sondern es anders zu machen.

Die Familien stärker in den Blickpunkt nehmen – das ist eine Aufforderung,
die Kita-Teams oft zu hören bekommen, wenn es um Qualitätsentwicklung geht.
‚Wir tun doch sowieso schon so viel!‘, ist oft die erste frustrierte Reaktion.
Dabei geht es gar nicht darum, mehr zu tun, sondern darum, es anders zu machen. Qualitätsentwicklung kann bedeuten: Einen Perspektivwechsel wagen, um die Ecke denken und eine Sichtweise entwickeln, in der die Bildung und Betreuung eines Kindes ohne dessen Familie gar nicht denkbar ist.

(Ute Günther, Kita-Leitung)
 

Kinder sind intuitive Wahrnehmungskünstler. Wie Seismografen spüren sie, ob die Stimmung in ihrer Umgebung stimmt. Sie haben ein ausgeprägtes Gespür für die Bezie­hungen der Erwachsenen, denn diese sind elementar und existentiell für sie – ob in der Familie oder in der Kita. Immerhin hängt das (Über-)Leben des Kindes von den Erwachsenen ab. Kooperieren die Erwachsenen gut miteinander, so wirkt sich das positiv aus: Kinder können frei und neugierig der Welt begegnen.

Kinder, die eine Kindertageseinrichtung besuchen, bewegen sich in zwei Lebensfeldern: in der Familie und in der Einrichtung. Jedes Umfeld hat dabei seine ganz eigene Charakteristik: Menschen und Beziehungen, Regeln und Gewohnheiten, Sinneseindrücke wie Bilder, Geräusche und Gerüche und vieles mehr. Kinder transportieren Erlebtes von der einen Welt in die andere, mischen beides und setzen daraus ihr eigenes Weltbild zusammen.

Zwei Lebenswelten, eine Verantwortung

Jedes System erzieht die Kinder auf unterschiedliche Weise: der private Bereich mit sehr persönlichen Beziehungen, mit Zuwendung und Versorgung, die öffentliche Institution, die durch Vertrag und Konzeption geregelt ist, mit professionellen Fachkräften und größeren Kindergruppen. Die Familie ist dabei die pädagogisch nachhaltiger wirksame Institution. Die Zusammenarbeit der pädagogischen Fachkräfte mit den Eltern stellt die Verbindung der beiden Lebenswelten dar. Ein Verständnis von einer geteilten und gemeinsamen Verantwortung kann die kindliche Förderung erheblich verbessern. Eltern und pädagogische Fachkräfte sind Begleiter der kindlichen Entwicklung. Sie bringen ihre jeweilige Perspektive in diese Begleitung ein, sodass Kinder sich gemeinsam mit den Erwachsenen mit ihrer Umwelt auseinandersetzen, ihre Erfahrungen machen. Sie eignen sie sich also nicht allein, sondern „ko-konstruktiv“ an.

Eine pädagogische Fachkraft muss sich bewusst machen, dass sie es nicht nur mit dem Kind, sondern mit dem ganzen Familiensystem zu tun hat. Dies ist umso bedeutsamer, je jünger das Kind ist. Eine Zusammenarbeit mit Eltern lohnt sich, gerade im Hinblick auf faire Bildungschancen für alle Kinder. Bildung und Erziehung eines Kindes ohne oder gegen seine Familie ist nicht machbar. Daher muss es heißen: Nicht über die Eltern reden – sondern mit ihnen.

Eltern Kompetenz zutrauen

Eltern sind die Experten für ihr Kind. Ihr Expertenwissen ist oftmals überraschend fachkundig, vielfach getragen durch ein intuitives Wahrnehmen des eigenen Kindes und seiner Entwicklungen. Sie verfügen über eine Schatzkiste an mit dem Kind geteilten Alltagserfahrungen – mal freude- und lustvoll, mal sorge- und leidvoll. Diese wertvollen Erfahrungen und Kompetenzen bringen Eltern in die Zusammenarbeit mit ein.

Pädagogische Fachkräfte bieten Expertenwissen für kindliche Entwicklung im Allgemeinen, für die Bandbreite der verschiedenen Entwicklungswege und für mögliche Stolpersteine. Dabei bringen sie sich sowohl mit ihrem konkreten Fachwissen und ihrer Praxiserfahrung als auch als Mensch mit ihrer individuellen Persönlichkeit ein.

In der Zusammenarbeit mit Eltern ist eine Beziehung erstrebenswert, in der die Eltern gemeinsam mit den pädagogischen Fachkräften auf das Kind bezogen handeln. Der Begriff der Bildungs- und Erziehungspartnerschaft bringt diese Begegnung der Beteiligten auf Augenhöhe zum Ausdruck. Dies erfordert von den pädago­gischen Fachkräften Wissen und Erfahrung, Ausdauer, Ideenreichtum und  Zuversicht, um sich immer wieder neu auf die Beziehung einzulassen, diese anzubieten und die Verantwortung für deren Gestaltung zu übernehmen. Die Zusammenarbeit mit Eltern ist also kein Selbstläufer. Sie erfordert reflektiertes Handeln. Die fachliche Reflexion berührt dabei stets die Auseinandersetzung der Fachkraft mit sich selbst als Person.

Andere Kulturen, andere Erziehungskulturen

So bringt etwa die Zusammensetzung der Kindergruppen und der Elternschaft unterschiedliche Kulturen in die Kita: verschiedenste ethnische Kulturen, aber auch sehr unterschiedliche soziale Kulturen, oft abhängig vom Bildungshintergrund der Familien. In der Kita erleben Erzieherinnen und Erzieher, dass Eltern, Familien und die sie umgebende Gemeinschaft ganz unterschiedlich denken und handeln. Ein Beispiel: Die Forschungen von Professor Heidi Keller von der Universität Osnabrück zeigen nachdrücklich auf, dass Kinder aus Familien mit eher niedrigem Bildungsstand oftmals früh daran gewöhnt sind, von unterschiedlichsten Personen der erweiterten Familie wie Geschwister, Onkel und Tanten, Cousin und Cousine betreut zu werden. Daher sind ihre Eltern irritiert, wenn sie eine lange Eingewöhnung  vorsehen sollen, denn ihre Kinder sind doch bereits daran gewöhnt, dass sie immer wieder mit unterschiedlichen Menschen zusammenkommen. Auch haben diese Eltern oft hohen Respekt vor der Tätigkeit der Fachkräfte. Sie gehen davon aus, dass diese als qualifizierte Personen, sich erst recht auf fremde Kinder einstellen können. Eine Eingewöhnung ist für sie daher vielfach nicht nachvollziehbar. Menschen leben in verschiedenen „Welten“ – und das manchmal Tür an Tür.

Hinter den elterlichen Erziehungstheorien und Erziehungsstrategien stehen die unterschiedlichsten Wertemodelle. Auch die pädagogischen Fachkräfte können unterschiedliche Erziehungskulturen verinnerlicht haben. Da kann es schnell zu (Vor-)Urteilen kommen, was richtig oder falsch, gut oder schlecht für das Kind ist.

Eigene Vorurteile erkennen und gegensteuern

Hier ist die Selbstreflexion der Fachkräfte besonders gefordert, denn es ist menschlich, „ganz automatisch“ zu kategorisieren, zu bewerten und zu beurteilen: Meint dieser Mensch es gut mit mir und dem, was mir wichtig ist?
Gehört er zu meiner Gruppe, zu meinem „Stamm“? Fühle ich mich sicher?

Vorurteile sind – sieht man sich ihren entwicklungsgeschichtlichen Ursprung an – eine Art Sicherungsprüfsystem für den Menschen. Sie sind eine zunächst automatisch und unbewusst ablaufende Reaktion auf Unbekanntes oder Fremdes. Durch die Vorurteile wird die eigene Lebenswelt mit den vertrauten Werten vom Neuen oder Fremden abgegrenzt und „bewahrt“.

Im pädagogischen Alltag ist es wichtig, Vorurteile zu vermeiden, weil sie Beziehungsgestaltung schwierig, wenn nicht gar unmöglich macht. Wenn Vorurteile jedoch ein Sicherungsprüfsystem des Menschen sind und wie selbstverständlich gefällt werden, dann kann man sie nicht einfach abstellen. Daher ist ein reflektierter Umgang mit Vorurteilen gefragt. Eine vorurteilsbewusste Haltung erweitert die professionellen Handlungsmöglichkeiten. Sie hilft, Ausgrenzung und Diskriminierung zu verhindern oder zumindest zu reduzieren. Es liegt auf der Hand, dass dies in der Zusammenarbeit mit Eltern von großer Bedeutung ist. Statt Kritik und Ablehnung geht es darum, mit Neugier oder einfach Interesse den anderen und seinen Blick auf die Welt zu erahnen, kennenzulernen, zu verstehen.

Kitas werden mit einem solchen Verständnis zu Orten für Familien, zu Orten der Bildung von Kindern und Eltern. Die Investition in die Beziehungsarbeit mit Familien ist eine Anstrengung, die sich lohnt und zwar in dem Sinne, dass sie nicht einseitig Kräfte kostet und „entkräftet“, sondern „kräftigt“: Kinder und Eltern, Fachkräfte und Teams.

Quelle: Meine Kita



 

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