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Sprachliche Bildg./Mehrsprachigkeit
17.11.2015  Interview mit Rosemary Tracy

Reden, reden, reden!

Damit Kinder Sprache lernen, brauchen sie vor allem Erwachsene, die viel mit ihnen sprechen. Auf was Eltern und Pädagogen dabei achten sollten, erklärt Sprachwissenschaftlerin Rosemarie Tracy.
Was sind die neuesten Erkenntnisse in der Sprachwissenschaft, wie Kinder am besten Sprachen lernen?
Professor Rosemarie Tracy: Die wesentlichsten Erkenntnisse der Spracherwerbsforschung gelten nach wie vor: Kinder brauchen möglichst gute Sprachvorbilder um sich herum, die viel und gerne mit ihnen kommunizieren. Wenn diese Bedingungen stimmen, bedarf es keiner zusätzlichen Förderbemühungen.
 
Welche Arten des Spracherwerbs kann man unterscheiden?
Es gibt den Erstspracherwerb. Dabei reagiert das Kind von Geburt an auf Ansprache durch seine Bezugspersonen. Sogar in den letzten Monaten vor der Geburt kann es schon rhythmische Merkmale der Sprache seiner Mutter wahrnehmen und im Gedächtnis speichern. Vom doppelten Erstspracherwerb spricht man, wenn Kinder von Anfang an regelmäßig von mehreren Sprachen umgeben sind, beispielsweise, wenn die Eltern ihr Kind in unterschiedlichen Sprachen ansprechen. Auch eine außerhalb der Familie und zeitversetzt hinzukommende Sprache, etwa im Kindergartenalter, kann sehr gut erworben werden. In diesem Fall ist es wichtig, dass pädagogische Fachkräfte wissen, worauf es ankommt und dass sie Zeit für die Kommunikation mitden Kindern haben. Für alle genannten Fälle gilt: Kinder werden beim Sprechenlernen unterstützt, wenn sie Sprache hören. Also so gut wie überall und immer!
 
Was gilt es zu beachten, wenn es sich nicht um den Erwerb der Erst- oder Muttersprache handelt sondern um eine Zweitsprache?
Für viele Kinder mit Deutsch als Zweitsprache sind die Fachkräfte in Kitas und Krippen die ersten Gesprächspartner, die auf Deutsch mit ihnen kommunizieren. Fachkräfte sollten wissen, dass man mit den Kindern von Anfang an ganz normal und komplex sprechen kann. Auch wenn sie zunächst nur wenig verstehen, so können sie doch oft anhand des nichtsprachlichen Kontextes und ihres Wissens über Sprache und Kommunikation erraten, worum es ungefähr geht.
 
Inwieweit sollte die Herkunftssprache Berücksichtigung finden?
Der Erstsprachenkompetenz der Kinder sollte man vor allen Dingen anerkennend begegnen, auch weil sie kein Störfaktor für das Erlernen der neuen Sprache ist. Man kann Kinder auch immer wieder fragen, wie man das eine oder andere in ihren Erstsprachen sagen würde und damit die eigene Bereitschaft zu lernen unter Beweis stellen. Es ist völlig normal, dass Menschen, die nach dem Erwerb ihrer Erstsprachen neue Sprachen lernen, manche Muster der Erstsprachen sowie die Aussprache auf die Zweitsprache übertragen. Diese sogenannte Interferenz verhindert weiteres Lernen nicht.

Wie können Pädagogen etwa Kinder von Flüchtlingsfamilien, die schnell Deutsch lernen sollen, am besten unterstützen?
Es kommt auf das Alter und das Vorwissen an, beispielsweise ob ein Kind schon im Herkunftsland beschult wurde und eventuell schon lesen und schreiben kann. Von Bedeutung ist auch, ob die Kinder durch die Flucht so sehr traumatisiert wurden, dass sie in ihren Erstsprachen erst einmal verstummen. Die wichtigste Unterstützung besteht darin, ihnen zu signalisieren, dass man sich für sie interessiert und für sie da ist. Besonders bei kleinen Kindern kann man darauf bauen, dass sie sich bei intensivem Sprachangebot die Grundstrukturen des Deutschen recht zügig aneignen werden. Kinder lernen leichter eine Sprache als Erwachsene.
 
Warum?
Schon gegen Ende des ersten Lebensjahres verlieren wir die Fähigkeit, bestimmte lautliche Feinheiten zu unterscheiden, wenn sie in unserer Umgebungssprache keine Rolle spielen. Deshalb fällt es einem Erwachsenen schwer, nochmal bei null anzufangen und seine Wahrnehmung und Artikulationsorgane wie Mund, Lippen und Zunge umzutrainieren. Erwachsene haben bereits ein funktionierendes System, das beim Sprechen und Verstehen in einer neuen Sprache in den Startlöchern steht und das wir erst einmal deaktivieren müssen.
 
Aber trotzdem können wir unser Leben lang eine neue Sprache lernen…

Ja, daher sollte man den Vorteil der Kinder nicht überbetonen. Es gibt auch Erwachsene, die sich neue Sprachen sehr gut aneignen können, manchmal einschließlich der Aussprache. Ältere Lerner können durch Üben vieles erreichen, was sich Kindern intuitiv erschließt. Den Wortschatz einer Sprache kann man als Erwachsener beispielsweise hervorragend lernen, auch wenn man an der Aussprache als Nichtmuttersprachler erkennbar bleibt.

Zurück zum kindlichen Spracherwerb. Es gibt unzählige Konzepte der Sprachförderung. Welche halten Sie für geeignet?
Es gibt wahrscheinlich so viele Konzepte, wie es Kitas und andere Einrichtungen gibt, in denen man sich um die sprachliche Förderung von Kindern bemüht. Oft wird grob zwischen alltagsintegrierten, auch ganzheitlich genannten, und additiven, also ergänzenden Ansätzen unterschieden. Aus meiner Sicht ist diese Unterscheidung nicht unproblematisch. Denn auch in einer alltagsintegrierten Fördersituation muss die Fachkraft gezielt auf Äußerungen des Kindes eingehen und erkennen, welche Information ein Kind zusätzlich zum bisher Gelernten noch benötigt. Letztendlich geht es darum, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Kinder genau die sprachliche Erfahrung machen können, die sie für den Spracherwerb brauchen.
 

Wie sehen gute Rahmenbedingungen aus?
Kinder müssen zu Wort kommen können. Daher sollte immer wieder in möglichst kleinen Gruppen interagiert werden, damit auch schüchterne Kinder Gelegenheit erhalten, sich zu äußern. Sinnvoll ist außerdem alles, was pädagogische Fachkräfte dazu befähigt, so zu kommunizieren, dass Kinder Schlüsse daraus ziehen können. Wenn Erzieherinnen ihr eigenes sprachliches Verhalten in den Kitas mit Ton oder Video aufnehmen, sind sie oft überrascht: Was? Ich rede so wenig, so einfach, so laut? Erfolgreiche Konzepte benötigen aber mehr als die Förderkompetenz einzelner Fachkräfte.
 
Und zwar?
Sie brauchen ein starkes Team, das an einem Strang zieht und sich gemeinsam aufgrund der spezifischen Bedingungen, wie Art der Lerner, Gruppengröße, Anzahl der Kinder mit Förderbedarf, Personaldecke, Qualifikation von Fachkräften, räumliche Bedingungen, Stadtteilaktivitäten, bestehende Kontakte und Aktivitäten mit den Eltern, für ein Vorgehen entscheidet. Wichtig ist natürlich auch, dass die Leitung das Konzept voll mitträgt und die Umsetzung mit Autorität und Nachdruck unterstützt.

Auf was kommt es bei der Zusammenarbeit mit den Eltern an?
Wichtig ist, wie bei allen Interaktionen, zunächst einmal ein höflicher, respektvoller Umgang und ein Angebot, das für die Eltern interessant ist. Wir haben im Rahmen unseres Projekts „Sprache macht stark!“ – ein Sprachförderkonzept für Zwei- bis Vierjährige aus Familien mit Migrationshintergrund – sehr gute Erfahrungen mit der Zusammenarbeit von Kitas und Eltern gemacht. Es gab wöchentliche Eltern-Kind- Gruppen, die von Erzieherinnen geleitet wurden. Bei diesen Zusammentreffen wurde gemeinsam mit den Kindern gespielt, die Eltern wurden ermutigt, ähnliche Spiele auch in ihren Herkunftssprachen durchzuführen.
 
Nicht jedes Kind entwickelt seine Sprache gleich schnell. Wann sollten Pädagogen und Eltern eingreifen?
Bei einsprachig aufwachsenden Kindern mit Muttersprache Deutsch: Wenn sie in ihrer Entwicklung sehr stark hinter den anderen Kindern mit Deutsch als Erstsprache zurückbleiben, also beispielsweise im Alter von drei Jahren noch keine einfachen Sätze bilden. Dann ist es sinnvoll, einen Logopäden hinzuzuziehen. Oder auch wenn Eltern berichten, dass Kinder sehr spät mit dem Produzieren von Wörtern angefangen haben. Das kann ein Anzeichen dafür sein, dass ein Kind eine Spracherwerbsstörung hat. Etwa sechs bis acht Prozent aller Kinder sind davon betroffen und bedürfen einer Therapie.
 
Und bei Kindern mit Deutsch als Zweitsprache?
Bei Kindern mit Deutsch als Zweitsprache kommt es darauf an, wie lange sie schon mit dem Deutschen Kontakt hatten. Sinnvoll wäre es, diagnostische Verfahren einzusetzen, welche die Kontaktzeit mit dem Deutschen berücksichtigen. Fachkräfte können selbst beispielsweise das von meiner Kollegin Professor Petra Schulz und mir entwickelte Testinstrument „LiSe-DaZ“ in der Kita einsetzen. Es liefert ihnen Hinweise auf den Entwicklungsstand in relevanten Kernbereichen der deutschen Grammatik samt Fördervorschlägen.



Im Interview
Rosemarie Tracy ist Professorin für Anglistische Linguistik an der Universität Mannheim und forscht im Bereich des monolingualen und bilingualen Erstspracherwerbs sowie zum Zweitspracherwerb.



Mehr zur Sprachstandserhebung LiSe-DaZ, entwickelt im Programm „Sag‘ mal was“ der Baden-Württemberg Stiftung, gibt es HIER.



Quelle: Didacta Magazin
 

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